Sep. 02 2015

Film: Eine Lanze für Hochsensible

Autor: . Abgelegt unter Alltag

Interview >> In ihrem Dokumentarfilm „High Skills“ lenkt Mona Suzann Pfeil, Künstlerin und Businessberaterin, das Augenmerk auf die Stärken Hochsensibler. Sie ist fest davon überzeugt, dass von deren Entfaltung die Unternehmen profitieren. Mit ihrer Vision eines Highly Sensitive Business will sie Verantwortliche in der Wirtschaft dafür gewinnen, sich mit einem neuen Leitbild neue Chancen zu erschließen. Fragen und Antworten zu einem weithin verkanntem Persönlichkeits- und Qualifikationsmerkmal:

Renate Schauer: Warum brechen Sie für Hochsensible eine Lanze?
Mona Suzann Pfeil (Pfeil): Sie leben unter uns mit teilweise unentdeckten Potenzialen! Hochsensibilität ist ein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal wie das Temperament oder die Körpergröße. Niemand kann beschließen: Ich will hochsensibel sein oder – umgekehrt – ich will meine Sensibilität reduzieren. Da sich ein hochsensibler Mensch von Anderen unterscheidet, muss er mit seiner Prägung zurechtkommen. Auch die Menschen in seinem Umfeld merken, dass er anders ist.
Steht ihm das Anderssein im Weg oder eröffnet es Chancen?
Pfeil: Wie bei jedem Menschen ist es wichtig, dass ein hochsensibler am richtigen Platz wirken kann. Das beginnt schon in der Kindheit. Je früher die Hochsensibilität und die daraus resultierenden Stärken erkannt werden, desto eher und besser kann das Kind gefördert werden. (…)
Gibt es Frustrationen?
Pfeil: Ja, wie in jedem Leben. Doch wenn sie vor allem mit dem Anderssein zu tun haben, drängt das ziemlich in die Defensive. Das führt dazu, dass die Stärken der Hochsensibilität nicht nutzbar werden. Die oder der Betroffene versteckt die sensible Seite, kann sie nicht zum Vorteil für Arbeit und Wirken entwickeln.
Wie erkennt man Hochsensibilität?
Pfeil: Hochsensibilität hat verschiedene Ausprägungen. Alle Hochsensible eint jedoch, dass sie viel intensiver auf die Reize ihrer Umwelt reagieren. Sie haben sehr feine Antennen und registrieren schon kleinste Impulse. Ihr Hirn arbeitet oft wie eine Turbomaschine im Dauerbetrieb. Beim einen führt das zu großer Empathie, den anderen befähigt dies zum Spezialistentum auf einem bestimmten Gebiet. In meinem Film erzählen Hochsensible und Hochbegabte, wie sie mit ihren Talenten zu dem wurden, was sie heute sind. (…)
Feine Antennen machen empfindsam ...

Pfeil: Das stimmt! Es nährt das Vorurteil, Hochsensible seien überempfindlich, rasch überstrapaziert, nicht belastbar. Abfällig heißt es vielleicht: „Die hören das Gras wachsen“, aber sie sind es dann eben auch, die früher als Andere Fehlentwicklungen wittern und Störungen benennen können.
Sie sind die geborenen Seismografen?
Pfeil: Das ist eine der Stärken von Hochsensiblen. Oft zeichnen sie sich als Vor- und Querdenker aus, machen als Forscher und Entwickler Karriere oder überzeugen als Berater mit Weitblick. Somit fallen sie auf in unserer Gesellschaft. Ihre Lebensläufe weichen ab von denen der meisten Menschen, das verunsichert Nicht-Hochsensible oft. (…)
Welche Vorteile hat Hochsensibilität für die Gesellschaft und die Wirtschaft?
Pfeil: Mit ihren Fähigkeiten können Hochsensible die Wirtschaft zukunftssicherer machen. Ein Unternehmen sollte sich solche Talente leisten wollen und sie halten.
Nennen Sie ein Beispiel aus Ihrer Praxis als Business-Trainerin und Beraterin!
Pfeil: Klären wir zuerst: was heißt zukunftssicher? Darunter versteht jeder etwas anderes. Für mich hat es viel mit nachhaltiger Rentabilität zu tun: an den Bedürfnissen des Marktes orientiert bleiben und sich keine Sünden gegen Personen oder Umwelt erlauben. Nicht in Verruf geraten und infolgedessen Pleite gehen – weil Kunden ausbleiben oder sich abwenden oder weil gute Mitarbeiter abwandern. Auch Nicht-Hochsensiblen ist es heute wichtig, sich mit Arbeitgeber oder Geschäftspartner identifizieren zu können. Kleinigkeiten können heute ganz schnell einen Shit Storm im Internet auslösen. Die Wirkung nach außen ist wichtiger denn je, Qualität und ein guter Ruf machen attraktiv. Das Ansehen eines Unternehmens wird nach Bewertungen im Internet beurteilt, Bewerber suchen sich ihre zukünftigen Arbeitgeber danach aus. Hochsensible Mitarbeiter beispielsweise als Leitbild-Entwickler und Unternehmensethik-Controller oder als Community Manager eingesetzt, können eine Unternehmenskultur der Achtsamkeit und des Respekts sowie eine nachhaltige Social Media Arbeit hervorbringen – beste Voraussetzungen für Zukunftssicherheit.
Wozu möchten Sie Betroffene ermutigen?
Pfeil: Im Film kommen Menschen zu Wort, die sich Bedingungen geschaffen oder erkämpft haben, die ihnen zuträglich waren. Da ist die Frau, die im Großraumbüro viel zu viel Energie aufwenden musste, um den Geräuschpegel weg zu filtern. Sie konnte ihre Arbeitsqualität und ihr Arbeitsquantum steigern, nachdem sie einen ruhigeren Platz eingefordert hatte. Oder die ehemalige Mini-Joberin, die heute Geschäftsführerin ist.
Könnten das Vorbilder sein?
Pfeil: Jeder sollte sich nach seinen Ambitionen und Bedürfnissen fragen. Viele Hochsensible haben mehr als nur ein oder zwei Begabungen und können sich oft zwischen diesen nicht entscheiden. Sie sollten alle ihre Facetten ernst nehmen und nach dem geeigneten Job und Arbeitsumfeld Ausschau halten, wo möglichst viele ihrer Talente zur Geltung kommen können. Genau darin sind erfolgreiche Hochsensible vorbildlich: Aktiv beeinflussen sie die Rahmenbedingungen für ihre Arbeit und ihr Wirken. Eine Orchidee gedeiht mit anderer Pflege als Efeu oder ein Rosenstrauch.

Versuchen viele, ihre Hochsensibilität zu verstecken?
Pfeil: Wenn Fähigkeiten keine Wertschätzung erfahren, wirkt das wie eine Zurückweisung. Es behindert die Entwicklung eines gesunden Selbstwertgefühls. Und begabte Menschen zweifeln sowieso leicht an sich selbst, stellen ihre Denk- und Lösungsansätze in Frage.
Selbstkritisch mit hohem Anspruch an sich selbst?
Pfeil: Wer hochsensibel oder besonders begabt ist, hat nicht automatisch ein leichteres Leben. Hochsensibilität und Hochbegabung bedeutet auch nicht, auf allen Gebieten schlau zu sein. Nicht selten haben diese Menschen mehrere Talente und sind fest überzeugt, nichts wirklich gut zu können. Hinzu kommt, dass unsere Gesellschaft leider nicht nur auf das Gängige und Durchschnittliche „geeicht“ ist, sondern sie pflegt auch ein defizitäres Denken. Das heißt, die Aufmerksamkeit ruht mehr auf den Schwächen als auf den Stärken. Der Hirnforscher Dr. Manfred Spitzer bringt das im Film auf den Punkt und nennt es eine „gigantische Demotivationskampagne“, die Menschen ständig mit ihren Schwächen zu triezen. Ein selbstkritischer Mensch muss also viel Energie aufwenden, um sich mit seinen Besonderheiten ins rechte Licht zu stellen.
Wer kann die Hürden abbauen?
Pfeil: Jeder. Vorurteile gehören auf den Prüfstand. Zum Beispiel ist das Etikett „ÜBER-Empfindlichkeit“ falsch. Es zeugt von einer Art Abwehr-Pathologisierung, die auf Vergleichen mit imaginären Normwerten beruht. Viel sinnvoller ist es, die besonders hohe Wahrnehmungs-Begabung als das zu sehen, was sie ist: ein äußerst positives Qualifikationsmerkmal, dessen Nutzen man nicht mehr missen möchte, hat man ihn erst erkannt. (…)

Leicht gekürzte Fassung des Interviews.

Das vollständige Interview ist hier nachzulesen: http://www.monasuzannpfeil.de/files/7214/2800/7832/Interview-Pfeil-Benefit-Hochsensibilitaet.pdf
Direkt zu Mona Suzann Pfeil > www.MonaSuzannPfeil.de

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Aug. 09 2015

Wider den akademischen Dünkel!

Autor: . Abgelegt unter Allgemein/Politik

„Sie können stolz sein auf das, was Sie geschafft haben. Aber Sie können nicht mit allen darüber reden. Denn die, die das Gleiche auf geradem Weg erreicht haben, würden Ihre Leistung nie einschätzen, geschweige denn würdigen können …“ Es war Mitte der 80er Jahre, als mich eine Professorin in Berlin für das Thema sensibilisierte, das Holger Zschäpitz heute in der „Welt am Sonntag“ unter der Überschrift „Elite kann man kaum lernen“ im Interview mit Soziologieprofessor Michael Hartmann erörtert > http://url9.de/WHq
Das Thema hat Konjunktur, seit Marco Maurer 2013 in der ZEIT eine Titelgeschichte darüber schrieb. „Ich Arbeiterkind“ bekannte er – und dröselte inzwischen die Misere unserer Bildungsungerechtigkeit in seinem Buch „DU BLEIBST WAS DU BIST“ auf (Droemer 2015). Es schildert die Hindernisse von jenen, die über die Ebene ihrer Eltern hinauswachsen wollen. Früher sprach man vom „Stallgeruch“, der einem anhafte, egal, in welche Positionen und zu welchen Weihen man zu gelangen versuchte oder gar gelangt war.
Aber schon das Wort „Stallgeruch“ klingt nicht gerade nach Akademikerhaushalt. Wird man in so einen hineingeboren, ist es eher die Ausnahme, sich für einen Handwerksberuf zu entscheiden. Aber warum ist bei uns das Handwerk nicht so hoch angesehen wie Berufe, für die ein Studium unabdingbar ist? In der Schweiz ist es „völlig in Ordnung“, wenn Kinder von Professoren einer Lehre den Vorzug vorm Gymnasium geben. In Deutschland grassiert akademischer Dünkel.
Dieser hat auch in den Medien immer mehr Raum gegriffen. Die entsprechende Weltsicht ist dann eben wieder nur mit Ihresgleichen kompatibel und deckt andere Perspektiven nur mangelhaft (gelegentlich „von oben herab“) ab. Ein wichtiger Hinweis vielleicht für jene, die um die Zukunft des Journalismus fürchten, von dem Marco Maurer schreibt, dass man sich ihn leisten können muss. Damit trifft er den Nagel auf den Kopf, denn die Verdienstmöglichkeiten sind in diesem Beruf höchst unterschiedlich verteilt, und das Mithaltenkönnen hängt wiederum von der „Polsterung“ durch die Herkunftsfamilie ab.
Doch wir leisten uns nicht zuletzt auch in der Medizin Akademiker, die auf Leute eingehen müssen, von deren Hintergrund und Bezugssystemen sie null Ahnung haben. Wie soll da Verständigung oder Heilung gelingen? Stormlinienförmiges Karrieredenken schmälert die Wahrnehmungs- und Kommunikationspraxis! Wer sich aufs Vorwärtskommen konzentriert, kann mit seinen Antennen nicht in anderen Mileus unterwegs sein und so seinen Horizont verbreitern. Horizonterweiterung – nur zielgerichtet, alles andere wäre “Zeitverschwendung”.
Auf seiner Homepage stellt Marco Maurer Prominente vor, die es trotz „bildungsfernem Hintergrund“ an die Spitze geschafft haben > http://www.marcomaurer.de/an-die-spitze-gekampft/ Unter anderem Außenminister Frank-Walter Steinmeier, Bahn-Chef Rüdiger Grube, Psychologie-Professorin Elsbeth Stern. Übereinstimmend das Credo, dass es schwer war. Dies liegt nicht an individuellen Gegebenheiten, sondern gesellschaftlichen Strukturen, wie Maurer in seinem Buch anschaulich belegt. Es zeigt auch Ansätze auf, die Besseres ermöglichen. Gewünscht hätte ich mir noch ein Glossar, das diese Ansätze oder Quellen darüber konzentriert auflistet.

Marco Maurer. Du bleibst was du bist. Warum bei uns immer noch die soziale Herkunft entscheidet. 381 Seiten, Droemer, 2015,18 €. http://www.dubleibstwasdubist.de/ Hier gibt der Autor über das Buch in einem Video Auskunft.

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Aug. 06 2015

Intermezzo > Hitze, Nachbars Garten & Co.

Autor: . Abgelegt unter Alltag

35 ° C nach 21 Uhr im Arbeitszimmer – in Florida würde die Klimaanlage kühlen, in Deutschland gibt so etwas selten in Wohngebäuden. Vom Sommer hingestreckt zu werden, ist kostbar hierzulande. Man kann dies nicht zuverlässig erwarten. Es kommt auch kaum jemandem gelegen. Komisch! Erst lässt der Sommer auf sich warten, dann nimmt er einen missglückten Auftakt, weil nicht nur nachts Regen fällt – und dann erlaubt das Klima sich auch noch schwindelerregende Temperaturen.

Es ist jedes Jahr das Gleiche: kaum bremst die sogenannte Hitze die Vitalität (etwas) aus, setzt das große Bedauern ein. Dieses Funktionierenmüssen ist aber auch im Winter auffällig: Kann das Auto nur langsam und mit Risiko über glatte Straßen schleichen (man kommt ggf. zu spät!), wird das als unbillige Härte identifiziert. Taut es wochenlang nicht, ist dieses Schicksal mit Eiskratzen und Gehsteig/Straße streuen beklagenswert. Alles zehrt Energie, die man gerne anderweitig eingesetzt hätte. Gibt es dann endlich mildere Temperaturen, dann schimpft man über Matsch und Dreckspitzer …

Die Kirschen in Nachbarsgarten sind immer süßer als die eigenen. Schon Peter Alexander hat das besungen. Die Ziege, festgebunden an einem Pflock, zerrt am Strick, weil auf dem Grundstück nebenan das würzigere Gras wächst. Kommt jetzt der Einwand: „Alles Allgemeingut und nicht vieler Worte wert …“??

Anscheinend nicht gut genug bedachtes Allgemeingut! Sonst würde man sich doch vor jedem Jammern fragen: Wäre jetzt das Gegenteil besser? Warum kann ich nicht genießen oder mich wenigstens anpassen? Habe ich verlernt, mich einzulassen? Muss ich alle Gegebenheiten unter Kontrolle haben und woran wachse ich dann? Ist das Wetter nur ein willkommenes Ersatzthema, weil ich grundsätzlich zum Hadern neige?

Ich lasse das mal so offen stehen. Das ist dem Thema angemessen.

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Juli 18 2015

Das innere Korsett – Wie Frauen dazu erzogen …

Autor: . Abgelegt unter Alltag,Literatur

Dem Interview zum „Inneren Korsett“ möchte ich – mit Erlaubnis des C. H. Beck Verlages – eine Textpassage nachschieben, die uns in dem Buch von Gabriela Häfner und Bärbel Kerber ins Gehirn entführt. Dort hat man mittels bildgebender Verfahren tatsächlich Unterscheide zwischen männlichen und weiblichen Verschaltungen festgestellt – und zwar ab ca. dem 13. Lebensjahr (Seite 83/84). Warum so spät?
„Mit jeder Erfahrung, die wir machen, verbinden sich (…) neue Schaltkreise in unserem Oberstübchen. Werden dieselben Erfahrungen wieder und wieder gemacht, ergeben sich daraus im Laufe der Zeit dauerhafte neuronale Verbindungen.“
Die Fachsprache nennt das „Neuroplastizität“. Unser Gehirn wandelt sich, im Rentenalter sieht es folglich anders aus als während der Schulzeit. Die beiden Autorinnen berufen sich u. a. auf die Neurobiologin Lise Eliot. Von deren Erkenntnissen lässt sich ableiten: „…dort, wo es anfangs noch lediglich kleine Unterschiede gibt, werden diese immer größer, und zwar dadurch, dass man Mädchen und Jungen andere Angebote zum Einüben von Fertigkeiten macht. Klischees sind also alles andere als nur ein harmloser oder unterhaltsamer Zeitvertreib, sondern machtvolle Bilder, die unser Verhalten lenken können, ohne dass wir dies wollen oder ihnen etwas entgegensetzen könnten.“ ZITAT ENDE
Wie also wegkommen von den Bildern? Das Werbefernsehen versuchen schon andere Engagierte zu beeinflussen – das ist eine langwierige Angelegenheit. Auch Rollenstereotype in Unterhaltungsfilmen werden immer wieder reklamiert. Im persönlichen Umfeld im Alltag bieten sich kleine Schritte an – zum Beispiel „rollenunspezifische“ Stärken zu entdecken und zu fördern.

Bibliografisches Angaben siehe am Ende des Interviews mit Bärbel Kerber vom 21.6.2015

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Juni 21 2015

Unbemerkt bremst das Korsett: Denkmuster der Selbstverständlichkeit entreißen

Autor: . Abgelegt unter Allgemein/Politik,Kultur

“Frauen dürfen heute alles – und kommen dennoch nicht voran. Was ist da bloß los, haben wir uns gefragt und uns intensiv mit dem Phänomen befasst.” >> Dr. Bärbel Kerber ist als Journalistin auf vielen Themenfeldern unterwegs. Im Dezember 2006 gründete sie das Internet-Magazin misstilly.de, wo ihr die Politikwissenschaftlerin Gabriela Häfner redaktionell zur Seite steht. Nun haben die beiden Frauen jene unauffälligen „MiterzieherInnen“ untersucht, die auf das Verhalten von Jungen und Mädchen Einfluss nehmen. Herausgekommen ist das Buch „Das innere Korsett: Wie Frauen dazu erzogen werden, sich ausbremsen zu lassen.“ Ein Auszug daraus ist hier http://url9.de/WAv zu finden. Ich fragte Bärbel Kerber nach Hintergründen und Ausblicken:

Was hat Sie bei Ihren Recherchen am meisten überrascht?

Obwohl ich mit dem Thema schon relativ lange unterwegs bin, hat mich eine Langzeit-Studie alarmiert, die zutage brachte, dass Mädchen im Teenager-Alter plötzlich ihr Selbstbewusstsein verlieren. Es hat mich völlig überrascht, weil ja das Bild von den sogenannten Alphamädchen stark in den Vordergrund getreten ist, gepaart mit den Berichten darüber, dass die Mädchen in der Schule mit ihren guten Noten die Jungs abhängen. Da stieg ich mit Gabriela Häfner, meiner Co-Autorin, in die Recherche ein. Je mehr Material wir in die Hände bekamen, desto erstaunter waren wir. Zuvor dachten wir, wir wären schon weiter.

Was steckt dahinter?

Das Rollenbild der Frau ist heute immer noch sehr traditionell: Du sollst schön und hilfsbereit sein, dich nicht so in den Vordergrund drängen, deinen Platz der zweiten Reihe suchen.

Das umfangreiche Quellenstudium ist beeindruckend. Auf den Seiten 181 bis 217 ist in dem Buch aufgelistet, woraus Ihr Euch gespeist, was Euch inspiriert hat.

Wir hätten sogar noch sehr viel mehr Quellen anzapfen können. Aber irgendwann mussten wir uns beschränken. Es war uns wichtig, untermauern zu können, was wir beobachtet und herausgefunden haben. Wir haben uns nichts ausgedacht.

Es liest sich sehr interessant …

Das freut uns! Wir wollten keine wissenschaftliche Abhandlung schreiben, sondern aufrufen: Leute, guckt genau hin. Es ist noch so viel zu tun. Man muss immer wieder darauf hinweisen, wo es mit dem Rollenverständnis im Argen liegt.

Das ist aber schon länger bekannt. Warum also noch mal ein Buch?

Die Gefahr besteht, dass Debatten über Frauenquote oder Kita-Plätze blenden. Natürlich sind solche Forderungen bzw. Errungenschaften wichtig. Doch die Annahme, dass man Strukturen ändert und damit die Gleichberechtigung durchbricht, hat sich nicht bewahrheitet.

Also zurück zur individuellen Ebene?

Nicht anstelle der Struktur-Verbesserungen! Aber solange Frauen sich selbst nicht als intelligent wahrnehmen, sozusagen ihr Licht unter den Scheffel stellen, wird es keine Erfolgsgeschichte. Beredtes Beispiel sind die T-Shirts, mit denen Schülerinnen bekunden: „In Mathe bin ich Deko“.

Wir berühren Klischees!

Leider. Das ist nicht zu vermeiden. Weil es eben nicht abwegig ist, dass selbst eine emanzipierte toughe Frau dennoch auf einer unterschwelligen Ebene voller althergebrachter Denkweisen ist, die ja von außen immer wieder bestätigt oder gar verstärkt werden – etwa durch die Erwartungen des Umfelds, durch die Medien oder die Werbung. Frauen, die undifferenziert als die lieben, netten Wesen gesehen, ja darauf reduziert werden. Wenn sie mal laut werden, spricht man von „Zicken“; werden Männer laut, gelten sie als durchsetzungsfähig.

Aber es gibt doch Gegenwehr!

Ja, ich finde es ganz toll, dass jüngst auch immer wieder Schauspielerinnen in Hollywood Rechte reklamieren. Sie wollen nicht länger hinnehmen, dass Frauen weniger verdienen als die Männer, dass viel weniger Spielfilme von Frauen gedreht werden, unter anderem weil die Fördermittel nicht in gleichem Maße an Filmemacherinnen verteilt werden usw.

Okay, die Prominenz wird zur Kenntnis genommen …

Unser Part in dem Buch ist es, auf die Denkmuster hinzuweisen, sie der Selbstverständlichkeit zu entkleiden. Denn die Zuweisung von Rollenmustern ist schlimmer geworden. Man denke nur an Spielwarengeschäfte. Die Angebote für Mädchen und Jungs sind strikt getrennt und meist auch farblich sehr deutlich gekennzeichnet. Für Jungen ist es tabu, sich in der Rosa-Abteilung umzusehen! In unserer Kinderzeit gab es viel mehr Spiele, die für beide Geschlechter geeignet waren.

Um die Zeichen kommt man nicht herum?

Nein, es trifft ja ein Alter, in dem man unbedingt dazu gehören will. Für Kinder ist es wichtig, sich daran zu orientieren, wie machen es denn die anderen. Es wäre beschämend, in der „falschen“ Gruppe zu landen. Der Rahmen, was möglich und was falsch ist, ist viel enger gezogen als früher. Die Stereotypen werden deutlicher präsentiert und damit fast diktiert.

Gibt es nicht genügend alternative Angebote?

Man orientiert sich an dem, was da ist, was als Normalität auf einen einströmt. Facettenreiche Vorbilder weiten natürlich den Horizont. Doch geprägt werden wir ja zuerst als Heranwachsende. Der Einfluss der eigenen Eltern – sollten die von den Stereotypen abweichen oder gar ein Gegengewicht verkörpern – nimmt aber mit zunehmendem Alter ab. Es gibt eine Menge „heimliche Erzieher“, die wir bewusst machen wollen.

Wie wirke ich denen entgegen?

Ich kann meine eigenen Schubladen und mein Verhalten kontrollieren. Also nicht das Typische fördern bei meinen Kindern. Beispielweise Mädchen nicht automatisch ins Ballett schicken, sondern eine breitere Gestaltung des Lebens aktiv präsentieren. Nicht das unsichtbare Korsett unterstützen, indem man unreflektiert Äußerlichkeiten fördert, was man schon mit unbedachten Komplimenten tut. Wer immer hört „Du bist aber hübsch“, lernt das Hübschsein wichtig zu nehmen …

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Kerber!

Foto: Autorinnen

Foto: Autorinnen

Kurzvita: Bärbel Kerber ist promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin und arbeitet als freie Journalistin und Buchautorin. Gemeinsam mit Gabriela Häfner betreibt sie das Frauenonlinemagazin Miss Tilly.de, das überholte Geschlechterklischees infrage stellt. Gabriela Häfner ist studierte Kultur- und Politikwissenschaftlerin und arbeitet als freie Journalistin und Übersetzerin. www.baerbel-kerber.de / http://www.misstilly.de

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“Das innere Korsett – Wie Frauen dazu erzogen werden, sich ausbremsen zu lassen”, Bärbel Kerber und Gabriela Häfner, C.H.Beck-Verlag, 2015, 217 Seiten, ISBN 978-3-406-67529-4

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Juni 15 2015

STN+STZ-Fusion macht uns ärmer!

Autor: . Abgelegt unter Allgemein/Politik

Zwei Redaktionen gehen auf in einer. Wirklich große “Marktbeschicker”. Das passiert in Stuttgart. “Zukunftssicherung” muss als Argument dafür herhalten. Tja, wenn die Abo-Preise sich nur noch Gutverdienende leisten können und die Anzeigenpreise auch nicht nachgeben …

Hier kann man sich einem Protest anschließen:

http://www.kontextwochenzeitung.de/medien/219/wir-fordern-pressevielfalt-2943.html – “David kämpft für Goliath” heißt die Kampagne der Kontext:Wochenzeitung. Die Unterschriftenliste wächst!

Nicht vergessen: Medienvielfalt hilft Demokratie sichern!

Obermylau Spaz Mauer

Wie komme ich darauf, dieses Foto für dieses Thema als passend zu empfinden?

Bin gespannt auf Ideen dazu!

Interview mit Bärbel Kerber über”DAS INNERE KORSETT” Wie Frauen dazu erzogen werden, sich ausbremsen zu lassen” in Kürze!

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Mai 29 2015

Schuhe – ein ergiebiges Thema

Autor: . Abgelegt unter Kultur,Literatur

SAMSUNG CAMERA PICTURES SAMSUNG CAMERA PICTURESWer hätte gedacht, dass Schuhe die Phantasie so üppig sprudeln lassen! Die Teilnehmer der Schreibwerkstatt “Schreiben wollte ich schon immer” in Schorndorf freuen sich  zur Zeit über vielfältige Ideen. Es entstehen lustige, unterhaltsame sowie tiefergehende Geschichten mit der Option auf “mehr”. Als Kursleiterin bin ich neugierig, was sich hieraus noch alles entwickeln lässt.

Der Herbstkurs ist in Schorndorf für 28.10., 18.11. und 9.12.15, jeweils 18.15 – 20.30 Uhr eingeplant.

Nördlingen: Sprachgefühl und Textstärke kann man hier an zwei Samstagen trainieren/verbessern: 14.11. und 12.12.15. Die Themen kommen aus dem Alltag, aus der Biografie oder dürfen fiktiv sein – je nach Bedürfnis der Teilnehmenden.  “Schreiben heißt anfangen, dem eigenen Ton zu vertrauen, dabei zwar einige Regeln zu beherzigen, aber dennoch immer wieder Experimente zu wagen. ”

IM NETZ: Ein zwangloser online-Kurs mit viel Zeit zwischen Abgabe- und Feedback-Terminen ist im Aufbau. Interessenten können sich dazu noch melden. Möglicherweise muss ich ab 2016 dafür eine Gebühr erheben, aber vorerst kann ich meine Begleitung noch gratis anbieten.

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Apr. 24 2015

Feststecken – und dann zum Coach

Autor: . Abgelegt unter Alltag

Petra Leutbecher hilft Leuten, die feststecken. Wir fragten sie nach ihren Begegnungen und was ihre Arbeit reizvoll macht.
Frage: Was muss ich mitbringen, wenn ich mich an Sie wende?
Petra Leutbecher (PL): Mut zur Veränderung. Neugier auf das Danach, wenn die Hürden, die jetzt noch blockieren oder abschrecken, überwunden sind.
Sie coachen auch Schüler. Kommen die aus eigenem Antrieb oder werden die von den Eltern gebracht?
PL: Kinder sind von Natur aus wissbegierig. Wenn es mit dem Lernen nicht klappt, ist das eine Störung. Das empfinden sie sehr wohl. Ich nehme niemand ins Coaching, der nur fremdbestimmt anklopft, aber nicht wirklich selbst weiterkommen will. Das würde auch gar nicht funktionieren.
Was fragen Sie beispielsweise einen Schüler, den Mathe anödet?
PL: Ziele sind wichtig. Will er die Erfahrung machen, dass Mathe auch spannend sein kann? Was hält ihn davon ab, diese Erfahrung einzuleiten? Stimmt die Chemie zwischen ihm und dem Lehrer nicht? Oder haben ihn Misserfolge entmutigt?
Sie sind IPE-Kinder- und Jugendcoach. Wofür steht das IPE?
PL: Ich verwende die Methoden des Instituts für Potential-Entfaltung. Entwickelt hat sie Daniel Paasch, selbst Vater von vier Kindern. Mittels verschiedener Techniken wird versucht, die beiden Hirnhälften so zu beeinflussen, dass sich die Blockade löst und die Tür aufgeht für Neues.
Also nicht nur analysieren und motivieren mit Worten?
PL: Stimmt. Es müssen tiefere Schichten stimuliert und neu ausgerichtet werden.
Gilt das auch für Erwachsene?
PL: Ja.
Warum wollen sie gecoacht werden?
PL: Das ist sehr unterschiedlich: Burnout, Mobbing, Work-Life-Balance, Lebensumbrüche, Unzufriedenheit und Antriebslosigkeit, Eheprobleme …
Wie findet man den richtigen Coach?
PL: Ich rate grundsätzlich, sich mehrere Coaches anzusehen und dann nach dem Bauchgefühl die Wahl zu treffen.
Ist es nicht manchmal strapaziös, ständig mit frustrierten Menschen zu arbeiten? Was macht Ihre Arbeit reizvoll?
PL: Die Lernerfahrung. Als Coach muss man sich selber einschätzen lernen und seine Energie einteilen können. Daher ist es auch nicht möglich, den ganze Tag Coachings – sozusagen eines nach dem anderen – durchzuführen. Man muss lernen, eine professionelle Distanz im Gespräch zu wahren.
Welche Erfahrung sollte sich möglichst nicht wiederholen?
PL: Ich erlebe öfter, dass Kinder oder Jugendliche das Coaching gut annehmen, aber die Eltern eigentlich auch mal einige Stunden kommen sollten, es aber leider nur in den seltensten Fällen tun. Das finde ich manchmal frustrierend. Die Kinder sollen geändert werden oder sich ändern, aber die Eltern bleiben in der „alten“ Schiene.
Welche Begegnung hat Sie am meisten beeindruckt?
PL: Beeindruckende Begegnungen habe ich immer wieder. Gerade mit Jugendlichen, die schon mit 13, 14 oder 15 ausgeprägt reflektiert sind und die Dinge rasch auf den Punkt bringen können. Da macht Arbeit Spaß, und wir Erwachsenen können uns davon oft eine Scheibe abschneiden.
Was wäre für sie der „Stein des Weisen“?
PL: Wenn man auch im Coaching sofort wüsste, was „1-2-3“ hilft, denn manchmal braucht es ein wenig, um wirklich herauszufinden, wo die Uhrsache liegt und wie man diese lösen kann.
Danke für dieses Gespräch!
Wie angekündigt setzten wir die Reihe der Interviews in unregelmäßiger Folge fort.

N ä c h st e   T h e m e n :

>> Recht & Gesetz – auch Autoren müssen sich absichern

>> Wie funktioniert das innere Korsett, das Frauen bremst?

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März 30 2015

Flugzeug zerschellt – Seele als Mysterium

Autor: . Abgelegt unter Alltag

Da steuert einer ein Flugzeug gegen eine Felswand und nimmt zig Menschen mit in den Tod. Als erstes fragt man, ob es einen terroristischen Hintergrund gibt. Dann taucht man in die Vergangenheit des Mannes. Und siehe da, man findet psychische Auffälligkeiten bis hin zu Suizid-Absichten. Und wieder stehen wir vor einem Rätsel, weil in unserer perfektionistischen Welt die Seele ein Mysterium ist, die zwar DichterInnen besingen, die aber nicht krank sein darf.

Bei aller Erschütterung über die Flugzeugopfer hoffe ich, dass nicht hängen bleibt: psychisch labil, also gefährlich für die Allgemeinheit! Wie in diesem Blog immer wieder geschrieben, muss man psychisches Leiden immer noch verstecken. Trotz des großen Schreckens angesichts prominenter Selbsttötungen (wie z. B. der von Robert Enke 2009). Was tabuisiert wird, verunsichert, macht Angst. Den Depressiven wäre auch ein Beinbruch lieber. Sie würden mit weniger Misstrauen kämpfen müssen.
Machen wir also Schluss mit dem Unterschied zwischen körperlichem und psychischem Leiden. Vielleicht verhindert auch das Katastrophen.

Zu dem erschütternden Flugzeugunglück haben sich viele Menschen Gedanken gemacht. Darunter die Expertin für Hochsensibilität, Mona Suzann Pfeil. Hier der Link zu ihrem Blickwinkel:
http://monasuzann.blogspot.de/2015/03/mehr-offenheit-im-arbeitsleben-meine.html

Zum Umgang der Presse mit Katastrophen fand ich dieses Bekenntnis, das die Schwächen der Zunft sehr eindringlich darstellt: http://www.kontextwochenzeitung.de/gesellschaft/209/ich-bin-die-ratte-2810.html

N A C H T R A G :    Die “Stellungnahme zum Absturz von Flug 4U9525” der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) ließ nicht lange auf sich warten. Am 2. April warnte sie unter anderem: >>Die stigmatisierende Wirkung der Meinungsbildung über die möglichen Gefährdungen durch Menschen mit psychischen Erkrankungen wird in den letzten Tagen durch Stimmen aus der Politik noch verschärft. Führende Politiker fordern, die ärztliche Schweigepflicht für den Fall zu lockern, dass Patienten mit psychischen Erkrankungen in verantwortungsvollen Positionen sind.<< Die vollständige Erklärung ist hier zu finden:  >hier klicken<

Wichtig: Die Entwicklung dieses Themenfeldes weiter beobachten!

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März 08 2015

Honig im Kopf – Mama federt das ab

Autor: . Abgelegt unter Alltag

„Honig im Kopf“ macht seit 25.12.2014 in deutschen Kinos darauf aufmerksam, dass Menschen mit Alzheimer-Erkrankung viel Aufmerksamkeit und Zuwendung brauchen, anstatt lieblos abgeschoben und ruhig gestellt zu werden. (Für welchen Kranken trifft das nicht zu?) Wikipedia bezeichnet den Film als Tragikomödie, ich finde, er ist ein modernes Märchen.

Ich solle Taschentücher ins Kino mitnehmen, wurde ich im Vorfeld instruiert. Doch so anrührend vereinzelte Sequenzen auch sein mögen: Abwechslungsreichtum ist das Plus des Films, der langsames Erzählen gut mit flott inszenierten Ereignissen kombiniert. Insgesamt lebt der Film von originellen Übertreibungen zum Amüsement des Publikums. Schließlich hat ihn ja Till Schweiger produziert, der auch Regie führte, am Drehbuch mit schrieb und eine der Hauptrollen spielte. Die schauspielerischen Leistungen von Emma Schweiger (Tochter von Till; im Film spielt sie die Enkelin, die intuitiv und klug alles richtig macht) und Dieter Hallervorden (vollendet Anfang September 2015 sein 80. Lebensjahr) verdienen wirklich Applaus, denn sie überzeugen auf eindringliche Art, ohne dabei auch nur im Mindesten angestrengt zu wirken. Das ist schon viel für einen Unterhaltungsfilm, der so viele Leute anzieht.

Dennoch fiel bei der „Moral von der Geschicht“ viel Begeisterung von mir ab: Um die Herausforderung zu meistern, mit einem Alzheimer-Erkrankten unter einem Dach ohne größere Katastrophen (einmal Kuchenbacken und fast wäre das Haus in Brand geraten) über die Runden zu kommen, beschloss die Gattin, Mama und Schwiegertochter, ihren Job, an dem sie hängt, zu kündigen und sich um die Lieben daheim zu kümmern. Besonders schnuckelig ist der Umstand, dass sie sich angesichts dieser Weichenstellung mit ihrem Mann versöhnt (incl. tönend lustvoll vereinigt) und neun Monate später einem Sohn das Leben schenkt.

Ich will mich jetzt nicht darüber verbreiten, dass mit dem Wort „Liebe“ manchmal einfach zu dick aufgetragen wird in diesen fast 140 Minuten oder dass Sex-Anklänge in witziger Form zwar einerseits nett sind und entkrampfen können, die Nähe zum Klischee aber offenbar niemanden gekümmert hat. All das Ausgesparte, das zwischen Job-Entsagung der einst erfolgreichen Werbe-Fachfrau und dem Tod des Großvaters liegt, unterstreicht ja, dass es sich gewollt und augenzwinkernd lediglich um ein weich zeichnendes Märchen im weitläufigen Umfeld von neurodegenerativer Demenz handeln kann. Doch wenn es schon ein Märchen ist, dann hätte ich auch gerne den Sohn mit im Boot, der nämlich selbständig ist und souverän über sein Zeitbudget bestimmen kann – im Gegensatz zu seiner Frau, die per Arbeitsvertrag gebunden ist und kündigen muss, wenn sie ihre Zeit flexibler einteilen will.

Also wenn schon MÄRCHEN, dann bitte doch so, dass Mann und Frau sich die Backstage-Arbeit teilen. Mit der Konsequenz, dass Arbeitgeber das mittragen – in welcher Form auch immer, aber keinesfalls ein Anstellungsverhältnis aufgelöst werden muss.

Und wenn ich gelegentlich ein Märchen über die Alzheimer-Erkrankung erzähle, führe ich als Gegenpol zu diesem leidvollen Schicksal an, dass wir alle der zeitgenössischen Norm entsprechen müssen und wollen, uns entsprechend verhalten und kontrollieren, um in jeder Sekunde perfekt zu sein. Und dass diese Erkrankung, benannt nach ihrem Entdecker Alois Alzheimer, dieser vorordneten und angestrebten „Unfehlbarkeit“ ein Schnippchen schlägt, gegen das Betroffene und deren Umfeld machtlos sind. Als würde die Natur – wie immer – für einen Ausgleich sorgen.

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