Archiv für das Tag 'Geschlechtererziehung'

Jun 21 2015

Unbemerkt bremst das Korsett: Denkmuster der Selbstverständlichkeit entreißen

Autor: . Abgelegt unter Allgemein/Politik,Kultur

„Frauen dürfen heute alles – und kommen dennoch nicht voran. Was ist da bloß los, haben wir uns gefragt und uns intensiv mit dem Phänomen befasst.“ >> Dr. Bärbel Kerber ist als Journalistin auf vielen Themenfeldern unterwegs. Im Dezember 2006 gründete sie das Internet-Magazin misstilly.de, wo ihr die Politikwissenschaftlerin Gabriela Häfner redaktionell zur Seite steht. Nun haben die beiden Frauen jene unauffälligen „MiterzieherInnen“ untersucht, die auf das Verhalten von Jungen und Mädchen Einfluss nehmen. Herausgekommen ist das Buch „Das innere Korsett: Wie Frauen dazu erzogen werden, sich ausbremsen zu lassen.“ Ein Auszug daraus ist hier http://url9.de/WAv zu finden. Ich fragte Bärbel Kerber nach Hintergründen und Ausblicken:

Was hat Sie bei Ihren Recherchen am meisten überrascht?

Obwohl ich mit dem Thema schon relativ lange unterwegs bin, hat mich eine Langzeit-Studie alarmiert, die zutage brachte, dass Mädchen im Teenager-Alter plötzlich ihr Selbstbewusstsein verlieren. Es hat mich völlig überrascht, weil ja das Bild von den sogenannten Alphamädchen stark in den Vordergrund getreten ist, gepaart mit den Berichten darüber, dass die Mädchen in der Schule mit ihren guten Noten die Jungs abhängen. Da stieg ich mit Gabriela Häfner, meiner Co-Autorin, in die Recherche ein. Je mehr Material wir in die Hände bekamen, desto erstaunter waren wir. Zuvor dachten wir, wir wären schon weiter.

Was steckt dahinter?

Das Rollenbild der Frau ist heute immer noch sehr traditionell: Du sollst schön und hilfsbereit sein, dich nicht so in den Vordergrund drängen, deinen Platz der zweiten Reihe suchen.

Das umfangreiche Quellenstudium ist beeindruckend. Auf den Seiten 181 bis 217 ist in dem Buch aufgelistet, woraus Ihr Euch gespeist, was Euch inspiriert hat.

Wir hätten sogar noch sehr viel mehr Quellen anzapfen können. Aber irgendwann mussten wir uns beschränken. Es war uns wichtig, untermauern zu können, was wir beobachtet und herausgefunden haben. Wir haben uns nichts ausgedacht.

Es liest sich sehr interessant …

Das freut uns! Wir wollten keine wissenschaftliche Abhandlung schreiben, sondern aufrufen: Leute, guckt genau hin. Es ist noch so viel zu tun. Man muss immer wieder darauf hinweisen, wo es mit dem Rollenverständnis im Argen liegt.

Das ist aber schon länger bekannt. Warum also noch mal ein Buch?

Die Gefahr besteht, dass Debatten über Frauenquote oder Kita-Plätze blenden. Natürlich sind solche Forderungen bzw. Errungenschaften wichtig. Doch die Annahme, dass man Strukturen ändert und damit die Gleichberechtigung durchbricht, hat sich nicht bewahrheitet.

Also zurück zur individuellen Ebene?

Nicht anstelle der Struktur-Verbesserungen! Aber solange Frauen sich selbst nicht als intelligent wahrnehmen, sozusagen ihr Licht unter den Scheffel stellen, wird es keine Erfolgsgeschichte. Beredtes Beispiel sind die T-Shirts, mit denen Schülerinnen bekunden: „In Mathe bin ich Deko“.

Wir berühren Klischees!

Leider. Das ist nicht zu vermeiden. Weil es eben nicht abwegig ist, dass selbst eine emanzipierte toughe Frau dennoch auf einer unterschwelligen Ebene voller althergebrachter Denkweisen ist, die ja von außen immer wieder bestätigt oder gar verstärkt werden – etwa durch die Erwartungen des Umfelds, durch die Medien oder die Werbung. Frauen, die undifferenziert als die lieben, netten Wesen gesehen, ja darauf reduziert werden. Wenn sie mal laut werden, spricht man von „Zicken“; werden Männer laut, gelten sie als durchsetzungsfähig.

Aber es gibt doch Gegenwehr!

Ja, ich finde es ganz toll, dass jüngst auch immer wieder Schauspielerinnen in Hollywood Rechte reklamieren. Sie wollen nicht länger hinnehmen, dass Frauen weniger verdienen als die Männer, dass viel weniger Spielfilme von Frauen gedreht werden, unter anderem weil die Fördermittel nicht in gleichem Maße an Filmemacherinnen verteilt werden usw.

Okay, die Prominenz wird zur Kenntnis genommen …

Unser Part in dem Buch ist es, auf die Denkmuster hinzuweisen, sie der Selbstverständlichkeit zu entkleiden. Denn die Zuweisung von Rollenmustern ist schlimmer geworden. Man denke nur an Spielwarengeschäfte. Die Angebote für Mädchen und Jungs sind strikt getrennt und meist auch farblich sehr deutlich gekennzeichnet. Für Jungen ist es tabu, sich in der Rosa-Abteilung umzusehen! In unserer Kinderzeit gab es viel mehr Spiele, die für beide Geschlechter geeignet waren.

Um die Zeichen kommt man nicht herum?

Nein, es trifft ja ein Alter, in dem man unbedingt dazu gehören will. Für Kinder ist es wichtig, sich daran zu orientieren, wie machen es denn die anderen. Es wäre beschämend, in der „falschen“ Gruppe zu landen. Der Rahmen, was möglich und was falsch ist, ist viel enger gezogen als früher. Die Stereotypen werden deutlicher präsentiert und damit fast diktiert.

Gibt es nicht genügend alternative Angebote?

Man orientiert sich an dem, was da ist, was als Normalität auf einen einströmt. Facettenreiche Vorbilder weiten natürlich den Horizont. Doch geprägt werden wir ja zuerst als Heranwachsende. Der Einfluss der eigenen Eltern – sollten die von den Stereotypen abweichen oder gar ein Gegengewicht verkörpern – nimmt aber mit zunehmendem Alter ab. Es gibt eine Menge „heimliche Erzieher“, die wir bewusst machen wollen.

Wie wirke ich denen entgegen?

Ich kann meine eigenen Schubladen und mein Verhalten kontrollieren. Also nicht das Typische fördern bei meinen Kindern. Beispielweise Mädchen nicht automatisch ins Ballett schicken, sondern eine breitere Gestaltung des Lebens aktiv präsentieren. Nicht das unsichtbare Korsett unterstützen, indem man unreflektiert Äußerlichkeiten fördert, was man schon mit unbedachten Komplimenten tut. Wer immer hört „Du bist aber hübsch“, lernt das Hübschsein wichtig zu nehmen …

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Kerber!

Foto: Autorinnen

Foto: Autorinnen

Kurzvita: Bärbel Kerber ist promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin und arbeitet als freie Journalistin und Buchautorin. Gemeinsam mit Gabriela Häfner betreibt sie das Frauenonlinemagazin Miss Tilly.de, das überholte Geschlechterklischees infrage stellt. Gabriela Häfner ist studierte Kultur- und Politikwissenschaftlerin und arbeitet als freie Journalistin und Übersetzerin. www.baerbel-kerber.de / http://www.misstilly.de

bärbel_cover

 

„Das innere Korsett – Wie Frauen dazu erzogen werden, sich ausbremsen zu lassen“, Bärbel Kerber und Gabriela Häfner, C.H.Beck-Verlag, 2015, 217 Seiten, ISBN 978-3-406-67529-4

Keine Kommentare

Feb 10 2015

Kinderbücher immer einschlägiger: Zartes für Mädchen, Hartes für Jungs

Autor: . Abgelegt unter Alltag,Kultur,Literatur

Klischees im Kinderbuch: Börsenblatt-Spezial analysiert Zunahme von Stereotypen *+
PM.* Die Gleichberechtigung in Sachen Kinderbuch scheint auf dem Rückzug zu sein. “Seit mehreren Jahren beobachte ich, dass das Angebot der Verlage, aber auch die Nachfrage durch Kunden mehr und mehr den Geschlechtertypen entspricht”, bestätigt Susanne Lux von der Mainzer Buchhandlung Nimmerland im Gespräch mit dem Börsenblatt. In der aktuellen Spezial-Ausgabe zum Thema Kinder- und Jungendbuch betreibt die Redaktion Ursachenforschung. Lektorin Katja Massury aus dem Fischer Verlag bringt das Ergebnis mit einem Hinweis auf die Doppeladressierung von Kinderbüchern auf den Punkt: “Natürlich versucht man, mit der Aufmachung eine Kundschaft zu bedienen, die sich stark an Rollenbildern orientiert. In der Kinderliteratur kaufen ja nicht die Leser das Buch, sondern ihre Eltern, Tanten und Großeltern.”

Um die Entwicklung des Trends zu verstehen, hilft ein Blick zurück in die 1980er Jahre. Im Zuge der Emanzipation sorgten damals viele sensibilisierte Verlage und Autoren für mehr Gleichberechtigung im Kinderbuch. “Nachdem der Ruf nach starken Mädchengestalten laut wurde, wurden neue Charaktere wie Christian Bienieks “Karo Karotte” bewusst für Mädchen geschaffen”, erinnert sich Susanne Lux. Das hätte allerdings zur Folge gehabt, dass nach zehn Jahren die spannenden, aufregenden Hauptfiguren alle Mädchen waren. “Und das Erstaunen war groß, dass die Jungen das Lesen quasi einstellten, weil es nichts Interessantes für sie gab. “Wir brauchen Jungenliteratur!” war die Antwort, so die Buchhändlerin.

Heute stehen die Buchhändler mit ihren Kunden oftmals vor geteilten Kinderbuchregalen: Blau für die Jungs, rosa für die Mädchen. “Käufer fühlen sich oft auf der sicheren Seite, wenn sie in der Buchhandlung nach einem Lesetipp für einen Jungen fragen und dann ein Buch in die Hand gedrückt bekommen, das deutlich zuzuordnen ist” berichtet Katja Massury. Allerdings rege sich auch bei den Eltern mehr und mehr Widerstand gegen die typische Zuordnung nach Prinzessin oder Ritter, wie Lektorin Tatjana Kröll von Knesebeck zu bedenken gibt. Deshalb lege man laut Britta Kierdorf, Sprecherin von Ars Edition, Wert auf einen Programmmix mit neutralen Titeln und Büchern, die Rollenklischees bewusst brechen. Jenseits aller konzeptionellen Überlegungen sind aber vor allem die Verkaufszahlen ein entscheidendes Kriterium, an dem Verlage nicht vorbeikommen, erklärt Kathy Heyer, Programmleiterin für das Coppenrath Kinderbuch: “Die letzten Jahre haben gezeigt, dass im Abverkauf insbesondere in der Altersstufe bis elf Jahre vermeintlich stereotyp gestaltete Titel gewinnen.”

Mit einem Anteil von 17,4 Prozent am Gesamtumsatz bildete das Kinder- und Jungendbuch laut GfK Entertainment im vergangenen Jahr das zweitstärkste Segment des deutschen Buchhandels. (*PM ist die Abkürzung für Pressemitteilung. Diese kommt vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V. )

*+ Dieser Blog ist weiterhin journalistisch unabhängig und niemandem verpflichtet, kann gelegentlich jedoch interessanten Presse-Mitteilungen nicht widerstehen – zuletzt zum Beispiel am 27.9.2013 > Mezis-Ärzte gegen Korruption – Gesetzgebung wachsam beobachten! von >> Mezis. Die Abkürzung steht für „Mein Essen zahl ich selbst – Initiative unbestechlicher Ärztinnen und Ärzte“.

In naher Zukunft werden hier auch Experten zu Wort kommen – Interviews sind verabredet, Statements wie das von Jutta Bender, Psychologin und Trauerrednerin, bleiben vorerst die Ausnahme.

Keine Kommentare