Archiv für die Kategorie 'Literatur'

Jan 25 2011

Erinnerungen: Darf ich fantasievoll fabulieren oder müssen alle Episoden wahr sein?

Autor: . Abgelegt unter Literatur,Sonstiges

Nicht nur bei Nachkommen prominenter Eltern oder bei Personen der Zeitgeschichte können Passagen von Familienepisoden Skrupel  auslösen. Subjektive Betrachtungen machen angreifbar. Selbst  wenn man nur das Gute und Vergnügliche aufschreiben will, kommen in dem Text Personen vor,  über die man vielleicht gelästert oder gelacht hat und über die man geteilter Meinung sein kann. Wie das formulieren, ohne dass sich jemand auf den Schlips getreten fühlt? Diese und ähnlich Klippen zu umschiffen, zeichnet sympathische Memoiren aus.

Etliches kann man sicher freiweg erzählen, ohne lange abwägen zu müssen. Aber einen Lebenslauf ohne heikle Punkte und Unklarheiten gibt es nicht. Was tun, wenn ich mich evtl. falsch erinnern sollte oder mich missverständlich ausdrücke? Menschen, die ihre Lebensgeschichte aufschreiben wollen, haben oft knifflige Entscheidungen zu treffen.

Immer wieder tauchen neue Zweifel und Unsicherheiten auf. Soll ich so genau wie möglich meine Erinnerungen schildern? Wie mit Unschärfen umgehen, mit nicht gesicherten Informationen, mit Antipathien, ehemaligen Widersachern? Ab welchem Punkt sollte ich mich bei einem Rechtsanwalt rückversichern, ob meine Äußerungen über diesen oder jenen Weggefährten unschädlich sind?

All diese Fragen stehen vielleicht wie ein Berg vor dem Autor bzw. hindern ihn, einen Anfang zu finden. Angesichts solcher Fragen ist guter Rat nicht teuer. Es ist empfehlenswert, trotzdem mit dem erinnernden Schreiben zu beginnen und parallel dazu einen Fragenkatalog zu führen. Es wäre eine Ausnahme, wenn die erste Fassung eines Textes auch die letzte wäre. Man darf davon ausgehen, dass bei so einem Werk viel „gefeilt“ wird, bis der eigene Geist damit zufrieden ist. Also ist genug Zeit, Zweifel, Unwägbarkeiten und Fragen zu erörtern und zu klären.

Bevor man externe Experten einschaltet, kann man sich selbst fragen, ob denn alles wahr sein muss, was man überliefern will. Kann da nicht auch stehen: Onkel Erwin zeugte mit Tante Erna drei Kinder. Die weiteren sieben Kinder, von denen immer wieder die Rede war, können im Bereich der Legende angesiedelt sein, denn Onkel Erwin entzog sich unserer Familie. 1951 ging er nach Australien und sorgte dafür, dass hier einige Informationen über sein angeblich großartiges Leben dort in Umlauf kamen. Überprüfen konnten wir diese freilich nicht. Ich gebe also hier ungesicherte Gerüchte wieder, wenn ich von … erzähle.

Das wäre eine Möglichkeit, solide zu bleiben, ohne etwas Interessantes hinterm Berg halten zu müssen. Man kann aber auch bewusst in den Bereich der Fiktion gehen und schreiben: Dass Onkel Erwin in Australien eine glänzende Karriere machte, sollten wir glauben, denn das stand auf jenen knappen Postkarten, die zu Weihnachten kamen. Mangels realistischer Informationen habe ich mir schon früh eine Geschichte über Onkel Erwin zurechtgelegt. Mit der Wahrheit hat diese freilich nichts zu tun. Aber ich finde sie trotzdem erzählenswert: Y … Y … Z …-

Nachdem man die eigene Fiktion zum Besten gegeben hat, kennzeichnet man das Ende dieser Passage mit einem Schrägstrich >> / Ende meiner Lieblingsgeschichte über Onkel Erwin, die zu 99 Prozent ein Produkt meiner Fantasie ist. Einer Fantasie, die sich seit mehr als 35 Jahren ausmalt, wie es in diesem Zweig unserer Familie in Australien wohl zugehen mag.

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Jan 20 2011

Auf der Spur der Lebensmelodie

Autor: . Abgelegt unter Literatur

Anknüpfend an „Der Trommler“ vom 12. Januar 2011 sind noch weitere Einstiegsvarianten in Memoiren vorstellbar. Der Trommler stand am Anfang einer Assoziationskette, die über Grass in Zeiten führte, in denen niemand an Flatrate oder Handy dachte. Er hätte aber auch Erinnerungen an Begegnungen mit Rhythmen und Musik auslösen können.

Bleiben wir bei der Musik und verdichten auf dieser Linie mögliche Mosaiksteine des Gestern:

Gab es Hausmusik im Elternhaus, wurde gerne gesungen, hörte man gezielt Radio – zum Beispiel „Musik zur Kaffeestunde“ oder „Vom Telefon zum Mikrofon“? War die „Hitparade“ mit Dieter Thomas Heck im Fernsehen ein Zankapfel oder toleriert?

Welche Rolle spielten Musikinstrumente praktisch im eigenen Leben? Gehörte man einem Orchester oder einem Musikverein an? Mussten die eigenen Kinder ein Instrument lernen, weil einem selbst dies verwehrt geblieben ist?

Von der Trommel zum Schlagzeug ist es nicht weit: Welcher Schlagzeuger gab in der Jugend bevorzugt den Ton an? Welche Pop-Gruppe imponierte einem besonders? Sind Episoden aus der Tanzstunden-Zeit erinnerlich? Dienten Disko-Besuche der Entgrenzung? In welcher Kleidung und mit welcher Frisur zeigte man, dass man „in“ ist? Wie fühlte es sich beim Brautwalzer an oder hat man den gemieden?

Abgesehen davon verknüpft eine Szene im Film „Die Blechtrommel“ Musik mit Politik. Oskar Matzerath sitzt unter einer Tribüne und bringt die Marschmusik einer NS-Veranstaltung mit seiner Trommel aus dem Takt. So kann es auch im eigenen Musik-Erleben Anklänge an den Zeitgeist geben. Es gab wehmütige Lieder, die Heimatvertriebene gerne hörten und sangen. Es gab in den 50er/60er Jahren Gesangvereinsfeste mit Festumzug, wo schmissige Marschmusik zum guten Ton gehörte. Im Bayerischen Rundfunk durften einzelne Titel – zumindest zeitweilig – nicht gesendet werden, weil sie angeblich zu „anzüglich“ waren.

Übrigens spricht man ja auch von der “Lebensmelodie”. Bei einigen Menschen überwiegen die helleren Töne, bei anderen die Moll-Färbung. Das muss nicht in allen Phasen gleich sein. Genau dies kann zum Aufhänger für Erzählungen werden: Wann dominierten Flötentöne, Tommeln oder Chor, wann war Polka oder Beat angesagt und wann wechselte das Lebensgefühl zu Jazz, Hardrock oder Opern …

Manchmal schlägt das Schicksal überraschende Kapriolen. Bei den Recherchen zu diesem Thema erfuhr ich bei „wikipedia“, dass Dieter Thomas Heck als Sechsjähriger in Hamburg nach einem Bombenangriff drei Tage lang verschüttet war und aufgrund dieses Traumas anschließend stotterte. Eine Gesangsausbildung half ihm darüber hinweg und „führte auch zu seiner Fähigkeit als Schnellsprecher“. (http://de.wikipedia.org/wiki/Dieter_Thomas_Heck)

In jedem Lebenslauf gibt es Wendungen, die aufhorchen lassen, Mut machen, Orientierung bieten. Deshalb: Jedes Schicksal ist einmalig und es wert, festgehalten zu werden.

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Jan 17 2011

Der 9. Oktober 1999 … hinterlässt einen bleibenden Eindruck

Autor: . Abgelegt unter Literatur

Es ist selten, dass ich ein Buch ein zweites Mal lese. Bei „Ein wilder Tag“ von Bonnie Jo Campbell war mir dies eine Herzensangelegenheit. Nicht nur aus schreibtechnischen Gesichtspunkten, denn am Aufbau dieses Romans lässt sich vor allem der Perspektivwechsel studieren. Anziehend ist die erdverbundene Atmosphäre, die die Ereignisse an diesem 9.10.1999 trägt. Rasch wird vermittelt, dass dieser Tag für eine Reihe von Personen unvergesslich bleiben und Veränderungen nach sich ziehen wird.

Diese Verheißung ist jedoch ein kleines Licht in der Ferne. Wenig spektakulär, wie auch der Ton, in dem uns über die Dorfbewohner am östlichen Rand des Kalamazoo County allerlei erzählt wird. Hauptperson ist ein zwölfjähriger Junge, der sein Asthma mittels Inhalator zähmt, sich aber unbedingt abhärten und dem Farmer George Harland imponieren will. Dieser hat erst vor sechs Wochen die viel jüngere Rachel geheiratet, in deren Adern indianisches Blut fließt und die von ihrer Mutter auf einem Hausboot ohne Komfort aber mit eindrücklichem Unterricht im Erlegen und Weiterverarbeiten von Tieren groß gezogen wurde.

Im Mittelpunkt steht eine Scheune, die viel erzählen könnte. Ihr stattliches Alter bestätigt ihre solide Bauweise. Selbst ein Tornado hatte sie nicht wegreißen können. Doch schnell verdichtet sich zur unglaublichen Gewissheit, dass sie an jenem schicksalhaften Oktobertag fällig ist. Unfassbar, aber sie brennt wirklich ab. Eine zunächst sorgsam gehütete Zigarettenglut ist schuld daran, dass das Stroh Feuer fängt. Wird der Verursacher überleben? Falls ja, wie wird man ihm begegnen?

Im Original heißt der Roman „Q Road“ und ist 2003 erschienen. In Deutschland kam die gebundene Ausgabe 2004 bei Droemer heraus, das Taschenbuch bei Knaur 2008 (392 Seiten, 7,95 €, ISBN 978-3-426-62927-7). Von der preisgekrönten Autorin ist für 2011 ein weiterer Roman angekündigt.

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Jan 12 2011

Der Trommler

Autor: . Abgelegt unter Alltag,Kultur,Literatur

Es war am Silvesterabend. Ich spazierte in St. Petersburg, Florida, an der Promenade. Viele Künstler-Gruppen waren versammelt. Es gab Musik, Gaukler ließen sich bestaunen, Menschen versuchten sich in einem Hecken-Labyrinth zurechtzufinden. Natürlich gab es auch Essbares an verschiedenen Buden. Die Stimmung war gut, man freute sich auf das Feuerwerk, das neue Jahr und dass man es gemeinsam in einer heiteren Atmosphäre begrüßen würde.

Da plötzlich ein Tommelwirbel. Aha, bestimmt was Afrikanisches! Tja, man hat immer Vorurteile. Das wurde mir angesichts des Trommlers bewusst, nachdem ich mir einen Platz erkämpft hatte, von dem aus ich ihn sehen konnte. Es war ein Mann mittleren Alters. Ein Weißer. Er saß vor drei bis vier umgestülpten Plastik-Eimern. Die Stöcke, mit denen er auf die Eimer trommelte, konnte ich nicht klar identifizieren. Vielleicht waren es haushaltsübliche Rührlöffel, die er verkehrt herum benützte. Aber die Fertigkeit, mit der er trommelte, wird mir lange im Gedächtnis bleiben.

In diesem Augenblick tauchen Oskar Mazerath, Günter Grass und Volker Schlöndorff vor meinem geistigen Auge auf. Und ich bin für eine Weile in Europa, erinnere mich an den Genuss des Films und denke: Mit so einem Trommler müssten meine Memoiren anfangen. Wachrütteln war der Ansporn, in den Journalismus zu gehen, Grass-Lektüre eine frühe Leidenschaft von mir und damit verbunden wiederum eine frühe ferne Liebe, die damals noch wahnsinnig hohe Telefongebühren verursachte. (An Flatrate war nicht mal im Traum zu denken, die Berechnung von Telefonaten erfolgte je nach Entfernung, Dauer und Tageszeit!)

Was würde ich zu meiner persönlichen Trommler-Sequenz erheben? Würde ich anschließend damit fortfahren, über mein erstes Telefon zu berichten und wie meine Kindheit ohne dieses Kommunikationsmittel ausgesehen hat?

Ich hatte versprochen, in loser Folge zu thematisieren, wie man seine Lebenserinnerungen anpackt, wodurch man Zugang sucht und schafft mittels Ereignissen, die sowohl persönlich prägend waren, jedoch meist auch im Zeitgeist eingebettet noch ein wenig farbiger erzählt werden können. Dies war nun die 2. Annäherung an das Thema. Weitere demnächst.

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Nov 11 2010

Wie beginne ich (m)eine Biografie? (Teil I)

Autor: . Abgelegt unter Alltag,Literatur

In meiner Eigenschaft als Schreibcoach/Ghostwriterin werde ich immer wieder gefragt: „Ich will meine Lebenserinnerungen aufschreiben. Womit beginne ich?“

Da die Menschen sich von Überraschendem am leichtesten fesseln lassen, antworte ich meist: „Möglichst nicht mit der Kindheit.“ Schließlich ist eine Binse, dass ein Menschenleben mit Geburt und Kindheit beginnt.

Eine generelle Empfehlung gebe ich nicht. Sie würde auch von Tag zu Tag unterschiedlich ausfallen. Heute zum Beispiel spukt mir Robert Enke im Kopf herum. Gestern zeigten Fernsehkameras Menschen, die seiner gedachten. Vor einem Jahr ging dieser junge Fußballtorwart in den Tod, weil er seine Depressionen nicht mehr aushalten konnte.

In meiner Kindheit spielten Selbsttötungen eine gewichtige Rolle. Zwar zählte unser Dorf damals nicht mehr als schätzungsweise 500 Einwohner, aber davon wussten mehrere keinen anderen Ausweg als den „Freitod“ (das ist kein gutes Wort, „Selbstmord“ ebenso wenig). Ich kann mich noch an Suchtrupps erinnern, die eilig zusammengestellt wurden und die Wälder durchkämmten. An das Raunen der Erwachsenen, wie schrecklich der Augenblick gewesen sein muss, als man den Vermissten fand. Andere hatten sich zu Hause umgebracht.

Jedes Mal lag über dem gesamten Dorf plötzlich eine ganz andere Stimmung. Einmal versuchte ich als Nochnichtschulkind einen vernünftigen (altklugen) Kommentar dazu abzugeben. Prompt wurde ich von einer Nachbarin derb gerügt, das ich doch noch nichts vom Leben wüsste und lieber still sein sollte.

Das Mitgefühl mit den Verzweifelten und ihren Angehörigen ging mir als Steppke tief unter die Haut. Ich würde gerne recherchieren, wie viele Selbstmorde sich damals wirklich ereigneten und was über die Gründe bekannt ist oder gemunkelt wurde. Doch jener Standesbeamte, der sich erinnern könnte, ist vor einigen Jahren mit 91 friedlich eingeschlafen. Eine Gemeindeverwaltung gibt es nicht mehr.

Ja, warum nicht mit solchen Recherchen beginnen? Wenn es sich später herausstellen sollte, dass sie nicht an den Anfang der Biografie passen, sind sie eben für ein anderes Kapitel schon vorab dokumentiert. Wichtig ist, einen Faden aufzunehmen! Die nächsten Fäden zeigen sich dann womöglich von selbst. Hauptsache anfangen, den großen Berg der Erinnerungen in kleine Hügel abzutragen!

In loser Folge werde ich hier zum Thema „Biografie – womit beginnen?“ Impulse geben. Selbstverständlich freue ich mich über Zuschriften/Kommentare, die Tipps, Anregungen oder auch Fragen beisteuern. Für meinen nächsten Online-Kurs „Kreativ schreiben“ habe ich eine Aufgabe fürs biografische Schreiben vorgesehen. (Start: 12.1.2010)

Übrigens: Susanne Nielsen geht klassisch vor und beginnt mit den Wurzeln. Da sie damit auch ein Stück Zeitgeschichte verknüpft, verspricht ihre Spurensuche spannend zu werden. Der Auftakt ist nachzulesen unter http://bit.ly/9WSYus

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Aug 03 2010

Wie wurde der “Kosovo-Krieg” von den Medien legitimiert?

Autor: . Abgelegt unter Allgemein/Politik,Literatur

Kurt Gritsch hat eine „auf wissenschaftlichem Gebiet erstmals (…) umfassende und kritische Gesamtdarstellung des öffentlichen Diskurses über den ‚Kosovo-Krieg‘ in Deutschland“ veröffentlicht. Franz Siepe meint, das Buch sei „unbedingt zu empfehlen“: http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=14670

Seine Rezension hat mich hellhörig gemacht, denn auch ich erinnere mich, dass Skeptiker 1999 auf verlorenem Posten waren. Die Medien räumten ihnen wenig bis gar keinen Platz ein. Es wurde oft auf Ausschwitz verwiesen. Damit waren die Befürworter des Krieges automatisch überlegen. Ein Zitat entfacht die Neugierde besonders: „Es gibt einen Zusammenhang zwischen NATO-Propaganda und veröffentlichtem Bild der intellektuellen Diskussion. Letzteres stimmte mit Ausnahme der ‚taz‘ bei keiner Zeitung mit der tatsächlichen Meinungsverteilung unter den Intellektuellen überein, was auf eine gesteuerte Debatte schließen lässt.“

Gritsch blendet also nicht nur zurück und unterzieht die mediale Legitimation des „Kosovo-Kriegs“ einer skeptischen Revision, sondern das Buch führt – so Franz Siepe – „zugleich Klage gegen das Skandalon der Abhängigkeit der veröffentlichten Meinung vom Machtkalkül der Herrschenden“.

Kurt Gritsch: Inszenierung eines gerechten Krieges? Intellektuelle, Medien und der “Kosovo-Krieg” 1999. Georg Olms Verlag, Hildesheim 2010. 533 Seiten, 58 €, ISBN-13: 9783487143552

Vergleiche dazu auch > http://www.literaturhaus.at/buch/fachbuch/rez/GritschHandke/

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Nov 23 2009

Niggemeier erinnert an Werther-Effekt

Autor: . Abgelegt unter Allgemein/Politik,Alltag,Literatur

Das Ulmer Münster ist ein imposanter Bau. Leider verleitet der Turm Lebensmüde immer wieder zum tödlichen Sprung. Ob dies der Öffentlichkeit zu berichten sei, war in der Südwestpresse entschieden, bevor ich dort während meiner Ausbildung zur Redakteurin drei Ressorts der Mantelredaktion durchlief: NEIN, man wolle keine Nachahmer auf den Plan rufen.

Das Abwägen zwischen Informationspflicht und Verantwortung des Risikos, mit dem Verbreiten von bestimmten Nachrichten verbunden ist, war ein wichtiger Diskurs in meiner Ausbildung und auch bei vielen Gelegenheiten danach. An die daran geknüpften ethischen Fragen erinnert Kollege Stefan Niggemeier am 16.11.2009 in seinem Blog: http://www.stefan-niggemeier.de/blog/ueber-enke-und-werther/ Die Beschäftigung der Medien mit dem Selbstmord des Nationaltorwarts Enke gab Anlass zu diesen Ausführungen, die ich jeder und jedem empfehle.

Das Thema ist freilich nicht journalismusspezifisch, denn schon in der Schule nahmen wir Goethes Werther durch und erstaunt zur Kenntnis, dass sich damals nach der Lektüre viele junge Menschen umbrachten. Seither hat sich das Stichwort „Werther-Effekt“ eingebürgert.

Andererseits gibt es aber – dem Himmel sei Dank! – auch Phänomene, von denen man sagen kann, dass da jemand „mit gutem Beispiel vorangegangen“ ist: 1) Niggemeier selbst zählt zu den positiven Erscheinungen im Medienjournalismus, der sich zuverlässig-kritisch zu Wort meldet. Und obwohl er nicht unumstritten ist, verlieh ihm 2) der Südwestrundfunk (SWR) in Stuttgart am 18.11.2009 den Hans-Bausch-Media-Preis.

Bleibt nur noch, dem Qualitätsjournalismus unermüdlichen Aufwind zu wünschen und darüber hinaus zu appellieren, dass Querdenkern in dieser Medienlandschaft immer angemessen Platz an prominenter Stelle eingeräumt wird! “Mit gutem Beispiel vorangegangen” erfährt in diesem Blog in loser Folge Fortsetzungen und ist als Rubrik in den gedruckten und gesendeten Magazinen dieser Rupublik sicherlich ein so aufmerksamkeitsziehendes Element wie Leserbriefe oder Karikaturen!

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Jun 09 2009

Hohles entlarven

Autor: . Abgelegt unter Allgemein/Politik,Literatur

Bölls Originalstimme. Die CD mit seinen Satiren ist etwas Besonders. Erinnerungen an eine Zeit steigen hoch, in der viel um den heißen Brei herum geredet wurde. Deshalb Satire. Sie nimmt das aufs Korn. Das beredte Schweigen. Die Abfälschungsmanöver.

“Eine gute Zeitung erkennt man daran, was sie weg lässt”, hörte ich in meiner Ausbildung. Das prägt meine Medienrezeption bis heute. Ich bin nicht mehr so streng wie früher. Aber wenn ich mir “Dr. Murkes gesammeltes Schweigen” vergegenwärtige, wünsche ich mir die Strenge von früher zurück. Hohles gehört als “Hohles” entlarvt.

Heinrich Böll saß in Mutlangen vorm Raketendepot. Die Fotos von der Promi-Blockade gingen um die Welt. Es war eindeutig: Hier steh ich, ich kann nicht anders. Solche Unbeirrbarkeit ist selten geworden. Das macht nachdenklich.

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Jun 05 2009

Sehnsucht nach Dr. Murkes Schweigen

Autor: . Abgelegt unter Literatur

Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart gehören für mich zusammen. So befasse ich mich für meine nächsten Buchvorstellungen jetzt wieder mit Heinrich Böll (1917 – 1985). Das Wörtchen „Gedöns“ brachte mir die Sehnsucht nach ihm bzw. nach seiner Satire “Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“. Was mich als „Spätzünderin“ ausweist, denn der Kanzler, der das „Gedöns“ gerne im Munde führte, ist längst von der Bildfläche so gut wie verschwunden. Böll aber wird bleiben.

Was bleiben meine FavoritInnen aus 2008?

„Dazwischen Lili“ von Andrea Gerster. Der Stil ist einfach gut! Die Kunst besteht hier darin, ein ernstes Thema (Pflegebedürftigkeit, Demenz) so zu verpacken, dass feine Ironie zwar das Lesevergnügen anheizt, jedoch in keinem Moment die Würde der ProtagonistInnen des Romans angetastet wird. – Nahezu konkurrenzlos ist das Buch den Magdalena Köster „Den letzten Abschied selbst gestalten. Alternative Bestattungsformen“. Es informiert unter anderem über das Bestattungsrecht, verschiedene Rituale und Trauerredner, über Friedwald, Ruheforst und Trauerpark bis hin zu ungewöhnlichen Bestattungsformen im Ausland. Die Autorin hat solide recherchiert und nennt auch weiter führende Adressen wie beispielsweise die von Aeternitas e. V., einer Verbraucherinitiative Bestattungskultur, die es bereits seit 1984 gibt. Hier wird ein Thema auf eine sehr gute Weise enttabuisiert, was zu Gesprächen anstiftet, die weit unter der Oberfläche schürfen.

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Mai 24 2009

Europäische Autorinnen

Autor: . Abgelegt unter Literatur

Bücher europäischer Autorinnen

“Das größte Glück ist, an sich selbst zu glauben.”

Das Zitat stammt von Selma Lagerlöf (1858 – 1940), die als erste Frau den Literatur-Nobelpreis bekam. Mein gleichnamiges Programm beschäftigt sich mit Schriftstellerinnen  aus verschiedenen europäischen Ländern bzw. deren Werken. Dabei ist es mir wichtig, unter anderem Vorkämpferinnen hervor zu heben (wie z. B. Adelheid Popp, trotz schlechter Ausgangsposition Mitbegründerin der ersten österreichischen Arbeiterinnen-Zeitung), “Gladiatorinnen” (wie z. B. die Journalistin Oriana Fallaci) und “Urgesteine” wie Doris Lessing zu würdigen. In dem Streifzug hat Unterhaltsames, Spannendes und Sperriges seinen Platz. Die bisher positive Resonanz ermutigt zur Weiterentwicklung des Programms auch über den Tag der Europawahl am 7. Juni hinaus!

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