Apr 23 2022

Selbstgespräch > wehren oder nicht?

Autor: . Abgelegt unter Allgemein/Politik

Ich komm aus dem Schlamassel nicht raus.

Worum geht es?

Ich werde angegriffen – zu Unrecht.

Dann wehre dich doch.

Das gibt zu viel Blutvergießen.

Dann wehre Dich nicht.

Dann denkt der Aggressor, er kann noch mehr Siege einfahren.

-*-

Du wehrst dich also nicht für dich allein.

Nein, meine Nachbarn sollen am Leben bleiben.

Bleiben sie am Leben, wenn du dich ergibst?

Wenn einer blindlings aufs Siegen aus ist, verschont er niemand.

Also stehen die Nachbarn vor der gleichen Frage.

Ja – Gegenwehr oder kapitulieren.

-*-

Wann würde der Aggressor aufhören?

Das weiß niemand.

Würde sein Tod das Blutvergießen beenden?

Niemand weiß, wie viele seiner Sorte nachwachsen.

Du meinst Stellvertreter, die seine Angriffe fortführen.

Ja. Es steckt ein bestimmtes Weltbild dahinter.

-*-

Bedeutet das Ohnmacht?

Solange ich kämpfe, schiebt das diese Frage auf.

Aber kämpfen bedeutet Blutvergießen.

Oder andere Methoden, die den Aggressor schwächen.

Werden dann nicht auch Unschuldige darunter leiden?

Davon müssen wir fatalerweise ausgehen.

-*-

Viele Fragen – und immer noch keine Lösung in Sicht.

Die Verwüstung schreitet fort.

Bekriegte und Verbündete sind erschüttert, wütend, ratlos.

-*-

NUR: Wie ändert man ein Weltbild???

Kommentare deaktiviert für Selbstgespräch > wehren oder nicht?

Feb 23 2022

In fremde Blickwinkel schlüpfen

Autor: . Abgelegt unter Literatur

Mein Leben als Parkuhr. Eine Aufgabe im Schorndorfer Kurs “kreativ schreiben”, um ungewöhnliche Blickwinkel auszuprobieren. Erstaunliche Vielfalt kam dabei zutage! Die Reihe “Mein Leben als …” wird fortgesetzt. Die originellsten Texte werden in einem Kalender für 2023 präsentiert. Hier eine Kostprobe, die bereits durch mehrere Feedbacks verfeinert wurde:

Olala – heute ist hier wieder was los! Mit gefällt das, wenn um mich Bewegung ist. Ich selbst stehe starr und funktioniere immer gleich. Deshalb halte ich Ausschau nach Interessantem und liebe Abwechslung.

Gegenüber ist eine Spielothek. Manchmal zeigt sich dort ein Türsteher von massiver Statur. Nur selten weist er Besucher zurück. Sogar die auffälligsten Leute beobachtet er ungerührt. Wie neulich das Pärchen, das lautstark stritt, als es etwas derangiert aus der Tür kam. Ein Wort gab das andere. Und als SIE mit ihren roten Fingernägeln das Gesicht ihres Begleiters zu bearbeiten begann, pfefferte der ihr plötzlich ein Bündel Banknoten vor die Sneaker. Mit dem lief sie eilends davon. Der Mann sprühte sich etwas in den Rachen ging wieder rein.

Letzte Woche hatte ich Pech. Nicht nur, dass es regnete und deshalb keine der netten Politessen vorbeikam. Nein, mir fiel etwas auf den Kopf. Eine zähe Masse verklebte großzügig mein Oberteil. Während ich darüber rätselte, hörte eine Stimme von oben: „Saublöd, das war der Teig für den Hefezopf! Wenn Oma wütend ist, wirft sie wohl alles aus dem Fenster, was griffbereit steht.“ An die Qualen der Reinigung will ich mich lieber nicht erinnern.

Meine liebste Episode passierte letzten Sommer: Braut-Entführung. Nebenan ist ein Lokal. Da sollte die Neuvermählte wohl versteckt werden. Ihre Entführer freuten sich auf den Sekt, der bei solchen Anlässen üppig fließt. Doch die Braut musste mal kurz ein Steinchen aus ihrer linken Sandale entfernen. Dazu stützte sie sich auf mich. Und als sie den Männern wieder folgte, „vergaß“ sie eine Blume aus ihrem Haarkranz auf meinem Haupte – als dezenten Hinweis für ihren Bräutigam. Ich habe mich über diesen Schmuck sehr gefreut.

Ups, ein Einwurf. Jetzt muss ich ticken. Demnächst erzähle ich weiter.

Kommentare deaktiviert für In fremde Blickwinkel schlüpfen

Feb 01 2022

Scheitern? Nur vorübergehend!

Autor: . Abgelegt unter Literatur

Kursnummer: R20125

Info: Da wähnt man sich mit allen Wassern gewaschen, und dann: das Vorhaben geht baden oder das Ergebnis kann man bestenfalls als „verwässert“ bezeichnen. Erfolge werden gerne erzählt, Niederlagen lieber versteckt, verschleiert, schöngeredet. Gar manch berühmter Lebenslauf wurde aber erst durch Brüche oder Rückschläge zu dem, was man am Ende als „geglückt“ bezeichnete. Gemäß dem Spruch „Ich bin nicht gescheitert – ich habe 10.000 Wege entdeckt, die nicht funktioniert haben“ (Thomas Alva Edison) weist ein Straucheln oft den Weg in neue Fahrwasser. Diesem Phänomen wollen wir Geschichten widmen (Recherchen inbegriffen). Wenn Begegnungen zu vermeiden sind, sehen wir uns über Zoom zu Online-Übungsstunden. Bei Bedarf können weitere Termine angehängt werden.

Individuelle Terminangaben: 

1. Termin: Mittwoch, 09.03.22, 18.30-21.00 Uhr, Raum 13
2. Termin: Mittwoch, 30.03.22, 18.30-21.00 Uhr, Raum 13
3. Termin: Mittwoch, 27.04.22, 18.30-21.00 Uhr, Raum 13
4. Termin: Mittwoch, 18.05.22, 18.30-21.00 Uhr, Raum 13

Mitzubringen: Papier und Stift; Gebühr 52,50 €

Kommentare deaktiviert für Scheitern? Nur vorübergehend!

Nov 28 2021

Fronten dürfen nicht verhärten!

Autor: . Abgelegt unter Allgemein/Politik,Alltag

Manchmal verdichten sich Anforderungen an die Leistungsfähigkeit, und zusätzlich wird das Leben von einer schwarzen Wolke überschattet. Urplötzlich öffnet sich in der Wolke ein Schlitz, die Nachricht von Tod eines lieben Bekannten fällt nieder, löscht kurzzeitig das Denkvermögen aus, die Glieder fühlen sich wie gelähmt an, der Schock kann die Tränen nicht bremsen. Corona? Nein, das war nur „das Zünglein an der Waage“, erfahre ich.

Jeden Tag hören wir von der Pandemie, Vorsichtsmaßnahmen sind allgegenwärtig. Begegnet mir ein Krankenwagen mit Blaulicht, wünsche ich dem Patienten/der Patientin, dass im Krankenhaus niemand ist, von dem eine Ansteckungsgefahr ausgeht, und vor allem, dass ein Bett frei ist. Wer einen Unfall oder einen Herzinfarkt erleidet, kann über „das Zünglein an der Waage“ in ein noch schlimmeres Schicksal geraten oder gar sterben.

Wutentbrannt wird über „Impfpflicht ja/nein“ gestritten – leider mit zunehmend verhärteten Fronten. Genau letzteres sollten wir uns nicht leisten. Hierzu sind Psycholog:innen und andere Wissenschaftler:innen gefragt, damit wir trotz schwerwiegender Meinungsverschiedenheiten mit weitreichenden Konsequenzen ein friedliches Land bleiben.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen einen besinnlichen Advent!

Kommentare deaktiviert für Fronten dürfen nicht verhärten!

Aug 28 2021

Die Welt – immer noch nicht passend für Frauen

Autor: . Abgelegt unter Allgemein/Politik

Kaum hatte ich meinen Beitrag „Klo. Wo?“ gepostet, fiel mir „Das Patriarchat der Dinge: Warum die Welt Frauen nicht passt“ von Rebekka Endler in die Hände. Der öffentliche Raum ist – so belegt sie – an den Bedürfnissen von Männern ausgerichtet. Auf die Klo-Frage stieß ich bei der Lektüre gleich als erstes Beispiel.

Es wird geschildert, wie eine niederländische Studentin 2015 fürs „Wildpinkeln“ Strafe zahlen sollte und sich dagegen wehrte. Als sie dem Drang ihrer vollen Blase in einer geschützten Ecke nachgab, wurde sie von der Polizei beobachtet und war ca. 1,5 km vom nächstgelegenen Sitzklo entfernt. Es hieß damals, Frauen sei im Zweifelsfall zuzumuten, ein Urinal aufzusuchen, wobei die niederländischen Modelle allerdings die Sicht auf das Hinterteil freigeben, wenn eine Frau in die Hocke geht. Ein Urinal wäre näher gewesen, aber die Scham vermutlich nicht geringer.

Frauen – so ist in diesem Kapitel weiter ausgeführt – hatten sich früher nicht über weite Strecken im öffentlichen Raum aufzuhalten und wurden deshalb beim Bau von „Bedürfnisanstalten“ kaum  berücksichtigt. Männer seien öfter beim „wilden“ Urinieren erwischt worden. Somit war die Notwendigkeit, sichtschützende Rundelle für sie aufzustellen, offenbar.

Männer werden auch heute noch am Waldrand und sonstigen Plätzen gesichtet, wenn sie ihr kleines Geschäft nicht bis zur nächsten Toilette aufheben können. Wenn Frau darüber witzeln oder schimpfen, wird ihnen gerne vorgehalten, sie seien nur neidisch, weil sie sich nicht so bequem erleichtern können. Man könnte darüber mit einem Achselzucken hinweggehen, wenn das Netz von öffentlichen Toiletten dichter wäre. Außerdem gibt es ja noch einen gravierenden Unterschied zwischen Männlein und Weiblein in dieser Angelegenheit: Häufig müssen Frauen dafür bezahlen, ein „stilles Örtchen“ nutzen zu dürfen, während Männern das nebenan gratis gewährt wird.

Wenn der Mann das Maß aller Dinge ist (das formuliert auch der Dumont Verlag zu diesem Buch), kann das ganz schön gefährlich werden. Man denke nur an „Diagnoseverfahren und medizinische Geräte bis hin zu Dosierung von Medikamenten. Aber auch Die Dummys für Crashtests haben den männlichen Körper zum Vorbild – und damit das ganze Auto samt Airbags und Sicherheitsgurten.“

In diesem Zusammenhang ist auch der SPIEGEL-Bestseller „Unsichtbare Frauen“ von Caroline Criado-Perez interessant. Sie legt (Klappentext) „die geschlechtsspezifischen Unterschiede bei der Erhebung wissenschaftlicher Daten offen. Die so entstandene Wissenslücke liegt der kontinuierlichen und systemischen Diskriminierung von Frauen zugrunde und erzeugt eine unsichtbare Verzerrung, die sich stark auf das Leben von Frauen auswirkt. Beispiele aus Politik, Technologie, Arbeitswelt, Stadtplanung und medizinischer Forschung zeigen, wie Verzerrungen bei der Datenerhebung Frauen ausschließen.“ (btb) Ein spannendes Buch, flüssig und alltagsnah geschrieben.

Die gewaltige Ignoranz diesem Themenkomplex gegenüber bekommt schon Jahrzehnte Gegenwind. Der schwillt inzwischen vernehmlich an und fegt sie hoffentlich schleunigst auf Nimmerwiedersehen hinweg!

Rebekka Endler. Das Patriarchat der Dinge: Warum die Welt Frauen nicht passt. 336 Seiten, 2021, DuMont Buchverlag, 22 €

Caroline Criado-Perez. Unsichtbare Frauen: Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert, 496 Seiten, 2020, btb Verlag, 15 €

Kommentare deaktiviert für Die Welt – immer noch nicht passend für Frauen

Aug 01 2021

Klo? Wo?

Autor: . Abgelegt unter Alltag

Zwei Jahrzehnte sind vergangen, seit ich das erste Mal in unserer Kreisstadt bei einer Beerdigung das „Örtchen“ aufsuchen musste. Ich war froh, dass es eins gab, auch wenn dessen Outfit noch von „vorvorgestern“ war. Die Tür aus Holz war sogar unten „angefressen“, so dass ein kühles Lüftchen hereinwehte. Doch man konnte mit einem Riegel abschließen, die Spülung funktionierte, und Händewaschen war auch möglich.

Bald wurden mir Friedhöfe zur Zuflucht, wenn ich auf Landstraßen unterwegs war. Sie sind nicht wie Autobahnen fürs Pippi-Machen gerüstet. Es ist nicht jederfraus Sache, mal eben kurz in den Wald hinter Bäume zu verschwinden. Der Mangel an Hygiene-Einrichtungen war lange Zeit auch in Supermärkten zu beklagen. Ich begann, in Städten vorbildlich eingerichtete „Bedürfnis-Anstalten“ (ein altes schönes Wort!) zu fotografieren. Da ein sog. dringendes Bedürfnis nicht nur Schwangere beim Stadtbummel überkommt, wurde mancherorts „die nette Toilette“ in Gaststätten eingeführt, wo die öffentlichen Toiletten rar sind. Wie kann es überhaupt geschehen, dass sie städtebaulich vergessen werden? Wer sich während des Lockdowns nach den nett-toilettierten Gaststätten umsah, stand oft vor verschlossener Tür.

Ohne Namen zu nennen will ich den ärgerlichen Fall erwähnen, dass ich in einer Gemeinde Pech hatte, als ich das WC auf dem Friedhof benutzen wollte. Da ich dort öfter Gräber besuchte, habe ich auch beim nächsten Mal wieder auf die Klinke gedrückt – abermals vergeblich. Es war auch kein Schild mit „Derzeit wird hier renoviert“ oder so angebracht. War hier mal ein Junkie erwischt worden? Fehlte Personal für Pflege und Wartung? Wie steht es hier mit den Rahmenbedingungen für die im Grundgesetz garantierte Würde?

Es passt ins Zeitgeschehen, dass alles, was wir hinter/unter uns lassen (unliebsame Hinterlassenschaften eben) nicht entsprechend berücksichtigt wird. Von Atommüll bis hin zu … Aufzählungen sind an dieser Stelle nicht nötig. Berichtet werden soll jedoch, dass der Stadtteil mit der „angeknabberten“ Klotür vor einigen Wochen mit der Eröffnung einer nagelneuen, modernen Friedhofstoilette glänzen durfte. Bravo! Nach mehr als 20 Jahren eine wahrhaft sagenhafte Leistung! 

Kommentare deaktiviert für Klo? Wo?

Jul 12 2021

Von oben schauen

Autor: . Abgelegt unter Allgemein/Politik

Mir einen Blick aus dem Weltall auf die Erde gönnen – warum will ich das nicht? Weil die Erde auch ohne diesen Blick auskommt, und ich von da oben nur nach den Regenwäldern Ausschau halten würde, die wir uns abzuholzen anmaßen. Ja, das Wort „Anmaßung“ hat im Zusammenhang mit diesem Abenteuer den richtigen Klang.

„Machet Euch die Erde untertan“ – dieser Aufforderung ist der Mensch über Gebühr nachgekommen. Und wenn wir schon von „Deals“ geleitet sind, müsste für Unternehmen wie private Weltraum-Vergnügen der doppelte Preis erhoben werden, damit davon die Hälfte für die Rettung bedrohter Arten abgezweigt werden kann.

Aber das letzte Wort wird in dieser Angelegenheit sowieso noch nicht gesprochen sein. Beobachten wir also weiter, wie wir uns mit dem Klima plagen, mit Veränderungen schwertun und meist immer an jenen sparen, die sich schlecht wehren können.

Sommerfrische
Zupf dir ein Wölkchen aus dem Wolkenweiß,
Das durch den sonnigen Himmel schreitet.
Und schmücke den Hut, der dich begleitet,
Mit einem grünen Reis.
 
Verstecke dich faul in der Fülle der Gräser.
Weil`s wohltut, weil`s frommt.
Und bist du ein Mundharmonikabläser
Und hast eine bei dir, dann spiel, was dir kommt.
 
Und laß deine Melodien lenken
Von dem freigegebenen Wolkengezupf.
Vergiss dich. Es soll dein Denken
Nicht weiter reichen als ein Grashüpferhupf

Joachim Ringelnatz (geb. 1883 in Wurzen als Hans Gustav Bötticher; † 1934 in Berlin)
Kurt Tucholsky, 1907 – 1935    

Über den Dächern
Über den Dächern
schwebt Rauch
und ein sanftes Gebimmel
klingt von den Türmen der Stadt.
Meine Sehnsucht fliegt in den Himmel.
Wie es durch das Fenster zieht … !
 
Wozu arbeiten?
Wozu tätig sein?
Wozu in die Versammlungen gehn?
Ich habe nur meine beiden Hände.
Was steht am Ende –?
Das habe ich an Vater gesehen.
Wie es durch das Fenster zieht … !
 
Diese Dachkammer hat der alte Mann.
Dafür fünfundfünfzig Jahre
Arbeit, keinen Tag Urlaub,
Sorgen und graue Haare.
Meine Gedanken hängen am Horizont –
 
Wo ist unser Glück … ?
Und da kommen plötzlich alle meine Gedanken zurück.
Gleich springe ich auf die Beine
und werfe die Arme um den Leib,
weil mich friert …
Ich bin nicht mehr allein.
 
Wir sind stark, wenn wir zusammenhalten:
die Starken und Schwachen, die Jungen und Alten.
Wenn nur der Wille fest bleibt und unsere Partei.
Da bin ich dabei.
Noch einmal sehe ich über die Stadt
und die Dächer …
Schon mancher hat mit trocken Brot und armseligem Essen
in so einer zugigen Dachkammer gesessen.
Mancher, der nachher ein Reich erobert hat.

Aus: lerne lachen

Kommentare deaktiviert für Von oben schauen

Jul 08 2021

Wir schreiben uns das Leben bunt!

Autor: . Abgelegt unter Allgemein/Politik

Kommentare deaktiviert für Wir schreiben uns das Leben bunt!

Jun 09 2021

Wenn der Teppich schmollt statt fliegt

Autor: . Abgelegt unter Literatur

Ach du mein Teppich du. Fliegen sollst Du. Wie die Wörter. Überall surren sie umher, öffnen Fenster und Schränke. Neue Welten werden sichtbar. Ein Festival der Impulse, Fantasie & Kreativität! Und was machst Du statt dessen? Du streikst. Angeblich, weil ich Dich nicht geachtet habe. Wie kann ich jemanden achten, der sich mit Käfern abgibt und Läuse beherbergt. Du meinst, die würden längst das Weite gesucht haben, wenn wir öfter geflogen wären? Hätte, hätte, Fahrradkette. Alles Ausreden. Beleidigte Leberwurst!

Was war das eben? Du beklagst, dass ich Dir Deinen Partner weggenommen habe? Dass Du dem immer noch nachheulst. Nicht mal seine Farbe passte zu Dir. Und dann sein Zustand – zunehmend hochnäsig. Verwöhnt durch zu viele exotische Flugziele. Kam nicht mehr auf den Boden der Tatsachen. Rezitierte jeden Abend anstrengende Gedichte.

Waaas? Ich hätte ihn besser pflegen sollen? Ja womit denn? Gegen Shampoo war er allergisch, den Staubsauger hat er gehasst und fauchend vergrault. Mit Streicheleinheiten und gut zureden hatte ich es lange genug versucht. Selbst seine Fransen habe ich anfangs gekämmt. Ja, niedergekniet bin ich und habe mich um seine Schönheit und Fitness bemüht. Doch ich kriegte keine Verbindung zu ihm. Zuletzt waren wir beide frustriert. Jetzt ist er in guten Händen und hat ein luxuriöses Plätzchen mit Zuhörgarantie.

Und jetzt Du. Trittst Du womöglich in seine Fußstapfen? Der Apfel fällt nicht weit vom Birnbaum, sagt man. Ja, schüttle Dich nur. Zeige Wellenbewegungen wie bei einem Orgasmus. Du machst mir nix vor. Du bist nicht flugbereit. Du schmollst lieber und hältst es mit dem Kleinvieh, das Dich in der Wolle krault.

Ich soll Dich davon befreien? Oh Schreck, bin ich allmächtig? Oder soll ich womöglich Umweltgifte einsetzen? Da kommen mir die Kinder auf den Hals. Die wollen eine Zukunft haben, keine Pestizide auf den Äckern und anderswo. Die demonstrieren sogar gegen Fleischverzehr. Der Klimawandel ist denen zu Kopf gestiegen!

Dir ist es auch zu warm und zu stickig? Wie bitte? Ist das Dein Argument, nochmal in luftige Höhen aufzusteigen? Schon wieder Wellenbewegungen. Ich versteh Dich nicht. Wir haben uns auseinandergelebt. Oh, Du hebst ab. Zwei Zentimeter, drei, vier, fünf … Ey, was soll das? Wenn ich jetzt aufspringe, wohin werden wir fliegen? Ahhh – Du siehst die Gruppe da vorne. Der willst Du hinterher? Also wenn es nicht zu lange dauert, komm ich mit, verzeihe Dir Deinen Streik. Aber es müssen nette Menschen sein, denen Du unsere Gesellschaft anbietest. Bis jetzt sehe ich nur eine mit Bubikopf, die emsig etwas notiert. Daneben fliegen zwei, die fangen Buchstaben ein. Dahinter noch vier, die jonglieren mit ganzen Worten. Meinst Du, die spielen „kreativ schreiben“? Komm, lass uns näher ranschweben …

*** “Wörter wie fliegende Teppiche” heißt mein aktueller Kurs an der VHS Schorndorf. Er gestaltet sich sehr abwechselungsreich und findet im Herbst seine Fortsetzung. https://www.vhs-schorndorf.de/ Sobald die Termine in “trockenen Tüchern” sind, stehen sie auch auf meiner homepage unter “Veranstaltungen”. Ein zweites Angebot ist das Experiment “Wir schreiben ein Buch”. Vorab-Informationen hierzu bitte anforden über info@memoreporting.com

Kommentare deaktiviert für Wenn der Teppich schmollt statt fliegt

Mai 20 2021

Auf der Höhe der Zeit

Autor: . Abgelegt unter Allgemein/Politik

Der “Tag des Fremdworts” (heute) erinnert daran, dass die Welt noch nie einfach und leicht durchschaubar schien und man sich zu jeder Zeit adäquat ausdrücken musste. adäquat = angebracht, angemessen, entsprechend, geeignet.
Der Tag erinnert mich aber auch daran, dass ich früher Menschen bewunderte, die gerne und viele Fremdworte verwendeten. Das verhieß einen gewissen Grad an Bildung, der als erstrebenswert galt.

Doch bald offenbarte sich hier ein zweischneidiges Schwert. Manche Menschen benutzten Fremdwörter, um unter sich zu bleiben, als eine Art Ausweis für ihre Zugehörigkeit zu einer Kaste. Kasten waren aber doch abgeschafft, oder?

Wenn ich als junge Volontärin einen Artikel geschrieben hatte und er klang kompliziert, durfte er nicht in die Technik zur Weiterverarbeitung (wir tippten die Manuskripte an manuellen Schreibmaschinen auf Papier), bevor ihn unsere Raumpflegerin abends gegengelesen hatte. Ihre Berufsbezeichnung hieß damals noch “Putzfrau”. Und erst wenn sie den Text verständlich fand, durfte ich ihn in den Satz geben. Dann war ich stolz darauf, die richtigen Worte gefunden zu haben. Korrekturen waren manchmal nötig und fielen dank ihres “Feedbacks” leicht. (Wer sagt eigentlich heute noch “Rückmeldung”?)

Unvermeidlich bin ich inzwischen auch in die “Kaste” gerutscht, in der munter Fremdwörter verwendet werden. Dennoch tut diese Prägung mit dem Stichwort “Putzfrau” weiterhin ihre Wirkung. Ich schlage öfter nach, wenn ich bei einem Fremdwort zögere (oder stolpere), weil ich entweder a) seine Bedeutung nur “so ungefähr” weiß und/oder b) es doch lieber so ausdrücken möchte, dass das Fremdwort überflüssig wird.

Oft genug kämpfe ich mit der Einsicht, dass es einer “Umstandskrämerei” gleicht, alles “übersetzen” zu wollen. Aber die kritische Selbsthinterfragung, wann etwas Imponiergehabe, unreflektierte Routine oder zu hohem Grad notwendig ist, schärft meine Auseinandersetzung mit der Sprache laufend. Eine Leidenschaft, mit der ich gerne andere Autor:innen anstecken möchte. Transparenz wird allseits reklamiert und ist ein Grundstein der Demokratie. Wie eine hoch angesehene Tugend, die als Leitmotiv verfolgt: “Auf der Höhe der Zeit und dennoch verständlich bleiben.”

Kommentare deaktiviert für Auf der Höhe der Zeit

Ältere Einträge »