Mrz 16 2019

Gelingt genial sein an kurzer Leine?

Autor: . Abgelegt unter Allgemein/Politik

Wieder einmal ist mir zu einem Wort die deutsche Übersetzung nicht eingefallen. Auf google translate kommt „schrecklich“. Ich bin zufrieden und lese weiter in dem Artikel, der von der Phantasie in der amerikanischen Filmindustrie handelt. Dann taucht das gleiche Wort wieder auf. Diesmal passt die Übersetzung „schrecklich“ ganz und gar nicht. „awsome“ hatte ich beim Translater eingetippt und dabei ein „e“ unterschlagen. Awesome = GENIAL und diese Eigenschaft passt besser.

Wie inspirierend, dass „schrecklich“ und „genial“ so eng beieinander liegen! Wenn jemand „schrecklich genial“ ist, bedeutet das so viel wie unfassbar einfallsreich, nicht wahr? Der Einfallsreichtum in Deutschland bleibt hinter dem amerikanischen zurück. Davon handelt der Artikel. Unsere Fernseh-Serien seien dröge, die der Amerikaner spritzig. Das ist nichts Neues. Aber warum ist das so?

Das soll uns hier nicht weiter kümmern. (Interessierte werden hier fündig > https://kurzelinks.de/2yld – 16.3.2019) Denn für mich schließt sich hier das Thema „Leidenschaft“ an, zu dem ich neulich ebenfalls einen sehr aufschlussreichen Artikel gelesen habe. Es ging um die Begeisterung für den Job, den man sich erträumt und evtl. sogar ergattert. Stimmen die Entfaltungsmöglichkeiten und lassen Erfolge die Spannkraft wachsen, dann bläht sich die Tätigkeit oft genug bis zur Selbstausbeutung auf. Ständige Verfügbarkeit steht hoch im Kurs, wird allseits goutiert. Dazu fiel mir dann spontan ein Zitat von Helmut Kohl ein: „Entscheidend ist, was hinten rauskommt.“ (1984) Die Frage ist: FÜR WEN? Der Ausgebeutete steht eines Tages blutleer da, während für seine Abnehmer bzw. Weiterverwerter ein erklecklicher Gewinn herausgesprungen sein mag (oder auch nicht).

So viel ist gewiss: das Haushalten mit den eigenen Kräften liegt in der Verantwortung des Einzelnen. Die Verführung durch Lob und Anerkennung hat schon manchen Journalisten dazu verführt, seine berufliche Leidenschaft querzufinanzieren: um die schlecht bezahlte Zeit für Reportagen auszugleichen, sitzt manche/r an der Supermarktkasse, fährt Taxi oder geht in einen Großkonzern Büros & Klos putzen. Auch in anderen Branchen gibt es das Ausweichen auf Parallel-Jobs, die die Balance zwischen Sinnstiftendem und Broterwerb sichern (helfen sollen).

Bisher kommen wir hierzulande so über die Runden – doch ist das ein guter Nährboden für Einfallsreichtum und zündende Zukunftsideen? Wir sind Gott sei Dank ein sicheres Land, aber müssen wir wirklich jede Kleinigkeit absichern und kontrollieren, statt längere Leine zu lassen und größere Freiheiten einzuräumen? Wie oft rauben uns Vorschriften den Nerv, deren Notwendigkeit schwer einzusehen ist. Ob nun im Baugewerbe, bei der Stromversorgung und Müllentsorgung oder in der Steuerbürokratie. Man hat vereinzelt sogar schon Bürokratieabbaugesetze erlassen, von denen jedoch keine flächendeckende Signalwirkung ausging. Auch kuriose EU-Vorschriften wurden schon oft und lauthals angeprangert – mit welchen Konsequenzen?

Ich muss diesem Blog-Beitrag einen offenen Ausgang lassen. Ich habe keine Idee zur Abhilfe dieser Schwerfälligkeit.

Aber es freut mich, dass Schülerinnen und Schüler anfangen zu streiken und dass die schwedische Umweltaktivistin Greta Thunberg so viel Medien-Echo erntet. Jugend stößt Zukunft an, rüttelt uns wach! Das kann nur ansteckend sein …

PS.: Ich selbst habe unzählbar viele Nächte journalistisch durchgearbeitet, bin jobmäßig überwiegend mehrgleisig gefahren, deshalb fühlte ich mich von dem ZEIT-Artikel von Merle Schmalenbach (3.1.2019) inspieriert > https://kurzelinks.de/i3xb

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Jan 29 2019

Verbrechen aus zwei Ansichten

Autor: . Abgelegt unter Allgemein/Politik,Literatur

Für mich ist immer interessant, welche Bücher zu Anfang des Jahres meine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Diesmal waren es zwei, die einen guten Eindruck hinterließen. Eines ist aus 2018 und eins aus 1984. Beide haben mit Kriminalität zu tun, aber auf sehr unterschiedliche Art.

Wer sich dafür interessiert, wie Menschen im Gefängnis leben, kann sich den „Tatsachenbericht“ von Tilmann Schäfer vornehmen (incl. Glossar 228 Seiten). Er gewann seine Einblicke, als er zwei Jahre lang als Arbeitstherapeut Tag für Tag mit Gefangenen zu tun hatte. Der Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf spendierte ihm zwar ein sensationsheischendes Cover, doch der Autor hat seine 32 Kapitel sehr solide verfasst und widerspricht damit auf angenehme Weise dem „lauten“ Outfit.

„Knastfrauen“ schildert nicht nur die Arbeitstherapie, sondern den ganz normalen Alltag, viele Hintergründe, Zusammenhänge und Entwicklungen. Dabei betont Schäfer immer wieder, dass Verbrechen verwerflich bleiben, auch wenn sie herleitbar sind aufgrund von Umständen, die die Menschen davor geprägt haben. In keinem Abschnitt wird das System „Knast“ kritisiert. Vielmehr bringt der Autor auch die Aufgaben der Bediensteten näher sowie die Regeln, nach denen alles funktionieren muss – Arbeit, Freizeit, Einkauf, Besuch usw. Über niemanden wird der Stab gebrochen. Es handelt sich schlicht und ergreifend um Lebensläufe, die anders sind als bei den meisten Menschen.

Natürlich gilt es, sperrige Gefangene, Quertreiberinnen, Intrigantinnen so zu lenken, dass ihr Einfügen in die Gemeinschaft nach und nach immer besser gelingt. Es gibt aber auch sehr viel Schüchternheit im Knast, mangelndes Selbstbewusstsein – und das nicht selten versteckt hinter einen großen Klappe oder betonter Kratzbürstigkeit. Das Eingesperrtsein gibt den Rahmen vor, indem Sozialisation nachgeholt werden kann und sollte. Auflehnung ist da nur kontraproduktiv. Und die meisten Gefangenen begreifen, dass es hier um mehr geht als nur Strafe.

Tilmann Schäfer schildert das sehr eingängig, so dass man sich seriös informiert fühlt. Man mag darüber streiten, ob die eine oder andere Straffung dem Stoff gut getan hätte. Manches Einfühlen bedarf aber das Umkreisen des zu Schildernden. So geht der Stil Hand in Hand mit einer fundierten Gewissenhaftigkeit, die diesem Report seine anerkennenswerte Qualität verleiht.

Buch Nummer zwei ist ein Krimi, von dem ich schon im letzten Jahrhundert begeistert war. „Nachtanschluss“ von John Lutz ist gute Unterhaltung und lässt Gefühle aus dem Zeitalter von Telefonzellen und sonstigem Gerät der 80er Jahre wieder ein wenig aufflackern. Nudger, der klamme Privatdetektiv, kaut ständig Magentabletten und hat diverse Morde aufzuklären, die möglicherweise zusammenhängen. Er könnte es sich leicht machen, indem er einem Bestechungsversuch nachgibt, was aber für ihn nicht in Frage kommt. Statt dessen stolpert er sogar in eine Liebesgeschichte, bei der in der Schwebe bleibt, ob es sich um Augenwischerei mit Enttäuschungspotential handelt.

Das Tempo der Szenen ist nicht allzu rasant. Man hofft ständig, dass der Detektiv nicht allzu viel einstecken muss (denn er wird teilweise beschattet), nichts Wichtiges übersieht, keiner falschen Fährte erliegt. Selbstverständlich geht es um zweifelhafte Zwischenwelten, unheimliche Konstellationen, Handgreiflichkeiten und Gemeinheiten. Doch Nudger hat einen guten Instinkt und einen Freund bei der Polizei, wo er früher selbst tätig war. Die Auflösung ist mit Raffinesse gewürzt.

Vergessen hatte ich, dass früher gelegentlich auch in gedruckter Unterhaltung Werbung die Lektüre unterbrach. Als die Spannung auf höchstem Niveau ist, kommt eine halbleere Seite, überschrieben mit „zwischendurch“. Ein freundliche/r Verfasser*in meint sehr fürsorglich im unten angesetzten Text, dass es erholsam sein könnte, „eine Mahlzeit für den kleinen Appetit zwischendurch zuzubereiten“. Auf der Rückseite wird die 5-Minuten-Terrine angepriesen. Funny!

Tilmann Schäfer. Knastfrauen: Der Tatsachenbericht eines Insiders – ein Arbeitstherapeut erzählt, wie es im Gefängnis wirklich ist. TB, 228 Seiten, Schwarzkopf & Schwarzkopf, 2018, 9,99 €, ISBN 978-3862657025 // John Lutz. Nachtanschluss. Heyne, Blauer Krimis Nr. 02/2269 (Dtl. 1989), nur noch in Antiquariaten erhältlich.

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Dez 25 2018

Wissen, was in den Köpfen vorgeht

Autor: . Abgelegt unter Allgemein/Politik

Die Grundstimmung ist nicht einheitlich. JedeR von uns begegnet Menschen, die ganz unterschiedlichen Prägungen und Einflüssen unterliegen. Einer jener Vordenker, deren Impulse ich sehr schätze, möchte seine Gedanken verbreitet wissen, auf die er in seinem Weihnachts-Newsletter hinweist: Gerald Hüther fasst unter der Überschrift >> Die frohe Botschaft ist doch längst verkündet. Warum nur harret sie ihrer Wahrhaftigwerdung so furchtbar lang? << zusammen, was ihm am Herzen liegt. Nachzulesen hier: https://www.gerald-huether.de/free/Weihnachtsbotschaft_2018.pdf

Auf der anderen Seite gibt es BILD. Das Blatt füttert uns nach wie vor mit fragwürdigen „Wahrheiten“ und legt irrige Schlüsse nahe. Seine Verkaufszahlen gehen zwar zurück, und Rügen vom Deutschen Presserat gab es auch wieder. Doch sollte sich niemand täuschen: diese „Botschaften“ finden sehr leicht Einlass in Gehirne, die das gesamte Wirrwarr unserer Republik satt haben und nach Vereinfachung streben.

BILD-Denkschemata durchleuchtet der BILD-Blog, dessen Beobachtungen man abonnieren kann. Über das Jahr 2018 haben die BloggerInnen einiges herausgefunden, das man einfach wissen sollte für den Fall, dass man Leuten diskutiert, die BILD regelmäßig konsumieren: https://bildblog.de/105347/muslimische-woelfe-sofort-abschieben-das-jahr-in-bild/

Dass ich auch auf Facebook (fb) vertreten bin, habe ich an dieser Stelle schon einmal erwähnt. Am Jahresende finde ich es lohnend, nachzusehen, was ich des Postens für wert befunden habe. (fb kann man auch als eine Art „Archiv“ nutzen.) In meinem Tätigkeitsbereich wichtig ist das Projekt „Frauen zählen“, für das u. a. die Schriftstellerin Nina George in einer Vielzahl von Medien warb – beispielsweise in NDR > https://www.ndr.de/kultur/Nina-George-ueber-Projekt-Frauen-zaehlen,journal1556.html?fbclid=IwAR1SZZVAleVmSfw32iIo02ikU0THGH3nKdoVbVKBTU_ADL5HsBVpiuqytl8

Es geht um die Sichtbarkeit von Frauen im Literaturbetrieb, die mein Kurs „kreativ schreiben“ in Schorndorf bei seiner Lesung am 17.10.2018 „Mit Texten zum Olymp – Nobelpreise an Frauen“ ebenfalls zum Thema machte. Unterstützt wird das Projekt von der Universität Rostock, wo man sich leicht einen Überblick über die Leitfragen und Ergebnisse verschaffen kann > http://www.xn--frauenzhlen-r8a.de/ (Einen Auszug aus meiner Begrüßungsrede dokumentiere ich unten.)

Kurse 2019 sind hier online > http://journalismus-und-mehr.com/lesehimmel.php

Auf fb bin hier hier anzutreffen > https://www.facebook.com/renate.schauer.94

Bleiben Sie weiterhin in Auseinandersetzung

mit den widerstreitenden Elementen der Gesellschaft!

Das wünsche ich mir / Ihnen / Euch für 2019!

 

Auszug aus der Begrüßungsrede > Lesung am 17.10.2018

Mit Texten zum Olymp – Nobelpreise an Frauen   

Wie sichtbar sind schreibende Frauen in unserer Gesellschaft? Welche Rolle spielten und spielen Literaturnobelpreisträgerinnen?

Mir fiel Doris Lessing ein. Lag nicht in den 80ern ihr „Goldenes Notizbuch“ auf meinem Nachttisch? Hatte sie nicht den Nobelpreis erhalten? Ebenso Pearl S. Buck, deren Roman „Die gute Erde“ mich in meiner Jugend begeisterte?

Ich holte mir das „Goldene Notizbuch“ aus der Bücherei und konnte nichts mehr damit anfangen. Die Euphorie von damals wollte sich nicht wieder einstellen. 37 Jahre waren vergangen. Und in der Summe ganze 56 Jahre, seit das Original auf den Markt kam.

Die Zeiten ändern sich und wir uns mit ihnen. Das ist Merksatz Nr. 1!

Doch vor ca. drei Jahren packte mich Lessings Roman „Das fünfte Kind“, der gleichwohl 30 Jahre auf dem Buckel hat. Ein auswegloses Familiendrama, das mich nicht aus den Klauen ließ. Obwohl hier ein unglaubliches Monster die Nerven strapaziert, fand ich diesen Stoff weniger düster als „Die Atemschaukel“ von Herta Müller. Ich quälte mich durch dieses Buch und hatte hinterher das Gefühl, etwas Wichtiges gelesen zu haben – mehr nicht.

Um beim Tragischen zu bleiben: Die dokumentarische Prosa von Swetlana Alexijewitsch überzeugt durch eine hohe Präsenz, die mich sofort für diese literarische Form einnahm. Erreicht wird das mit einer Vielfalt von Perspektiven und Facetten, was zum Beispiel in „Gespräche mit Lebenden und Toten“ zum Ausdruck kommt. Dieses Hörspiel handelt von dem Reaktorunglück 1986 in Tschernobyl. Die weißrussische Preisträgerin ist auch Journalistin.

Vielleicht erklärt das meine Nähe zu ihr. Sie transferiert Katastrophen und gesellschaftliche Umwälzungen auf eindringliche Art und Weise. Keine leichte Kost!

Als Merksatz Nr. 2 formiert sich: Wertvolle Literatur muss nicht immer gefallen.

Merksatz Nr. 3 lautet: Es gibt wenig Literatur, die ihre Faszinationskraft über viele Epochen hinweg behält. Und diese Literatur muss nicht immer preisgekrönt sein.

Denn viele andere Schriftsteller*innen hätten den Literaturnobelpreis ebenfalls verdient gehabt. Man denke nur Leo Tolstoi – „Krieg und Frieden“ – oder an Simone de Beauvoir usw.

Es gibt Preise, zu denen wird man vorschlagen. Und Preise, um die man sich bewerben muss. Weitreichende Recherchen ergaben, dass Frauen bei all diesen Preisen bisher zu kurz kamen. Auch beim Literaturnobelpreis, für den die Jury Vorschläge aus aller Welt einholt. Eine schwierige und langwierige Prozedur, die man im Internet nachlesen kann.

1901 wurde der Preis erstmals vergeben. Seither erhielten ihn 99 Männer und nur 14 Frauen. Trotzdem: Wie sich die Zeiten ändern, lässt sich an den Jahreszahlen ablesen: seit 1991 – also in den letzten 27 Jahren – haben acht Frauen diese noble Auszeichnung erhalten, im Zeitraum zuvor, der mehr als dreimal so lang war (nämlich 89 Jahre), erhielten ihn nur sechs.

Die 14 Literaturnobelpreisträgerinnen nun ein wenig ins Rampenlicht zu holen, ist unser Plan für diesen Abend. (…) Der Nobelpreis an sich soll ja „denen zugeteilt werden, die im verflossenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen geleistet haben“. So wollte es Alfred Nobel. Der Literaturnobelpreis ist mit etwa 775.000 € dotiert.

Vom verflossenen Jahr ist hier die Rede. Doch jeder Preis wirkt länger.

Er ermöglicht das Weiterschreiben unter besseren Bedingungen.

Viele Bücher hätten ohne Stipendien oder sonstige finanzielle Zuwendungen nicht entstehen können. Doch um eine Auszeichnung zu erhalten, muss man nicht nur gut, sondern auch präsent bzw. bekannt sein.

Es ist also entscheidend, wie viele Bücher von Autorinnen veröffentlicht und entsprechend beworben und rezensiert werden. Sind die Entscheidungsebenen in Verlagen und Feuilletons noch immer männerdominiert? Ein Kritiker soll mal öffentlich geäußert haben: „Ein Frauenbuch ist ein Buch, das ich als Mann nicht verstehe.“ Wird Literatur von Frauen als „Gedöns“ von vorn herein in die zweite Reihe gestellt? Verlagsvertreter schwärmen aus, um Buchhändler zu überzeugen, welche Werke sie sich auf Lager legen sollen. Es gibt eine große Anzahl an Beteiligten, die an den Schrauben im Literaturbetrieb drehen!

„Frauen zählen“ heißt die Pilotstudie, die die “Sichtbarkeit von Frauen im Literaturbetrieb“ untersucht. Erste Ergebnisse wurden letzte Woche auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt.

2036 Buchbesprechungen in 69 deutschen Medien wurden im März 2018 ausgewertet.

Von Männern verfasste Bücher werden häufiger rezensiert als jene von Frauen. Das Verhältnis ist 2 zu 1. Fest steht: Männer schreiben am liebsten über Männer!

Nun zurück zum Literaturnobelpreis. Selbstverständlich gibt es immer wieder Kritik an den Entscheidungen. Manche Vergaben heben besonders anspruchsvolle Texte bzw. Werke oder Lebenswerke hervor, andere scheinen politisch konnotiert zu sein.

Wir meinen, es kommt auf den Zeitgeist an und darauf, wie die Jury zusammengesetzt ist. Wenn wir die 580 Literaturpreise in Deutschland nehmen, sind die Jurys nur zu 23 Prozent mit Frauen besetzt, sagt PEN-Zentrums-Mitglied Nina George.

Es beginnt also schon weit unter dem Level des Nobelpreises, dass die Präsenz von Frauen und damit die Aufmerksamkeit für Frauen zu wünschen übrig lässt.

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Dez 12 2018

Es ist viel geschehen

Autor: . Abgelegt unter Kultur,Literatur

Die Kurse 2019 sind vereinbart.  Hier ein kleiner Rückblick & Ausblick:

 

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Sep 04 2018

Kleine Ärgernisse & (nahezu) Perfektes

Autor: . Abgelegt unter Alltag,Literatur

Ich habe sie gemessen. Genau fünf Millimeter (5 mm!!) ist der Durchmesser der Tablette. Und die soll ich teilen. Dazu hat sie eine Einkerbung. Meist funktioniert das nur mit Verlusten. Das Ergebnis sind dann zwei ungleiche Teile, wovon ich den „zukurzgekommenen“ wegwerfe, denn ich will ja nicht unterversorgt sein. Kostendämpfung? Hahaha! Und wie ist das in 20 Jahren, wenn die Seh- und Greiffähigkeit nachgelassen hat und Mini-Formate solcher Güte auch ungeteilt den Fingern nicht mehr gehorchen? Vergessen die Hersteller, dass nicht nur  die Inhalte stimmen, sondern auch die Handhabung kundenfreundlich sein muss?

Kennen Sie solche Ärgernisse? Machtlos steht man ihnen gegenüber, weil das System nicht mit sich reden lässt. Doch es gibt auch individuelle Unzulänglichkeiten, die sich hartnäckig halten. Bei mir ist es der Abroller für den Klebstreifen. Seine Zacken sind einfach nicht scharf genug. Stets muss ich eine Schere zur Hilfe nehmen. Umständlich! Wie wäre es mit einem neuen Abroller? Das frage ich mich schon lange, fasste schon oft den Vorsatz zum Kauf – und vergesse es dann leider wieder.

 

So ist es: nichts und niemand ist perfekt. Das Bemühen um Perfektion treibt manchmal seltsame Blüten. So lernte ich bei der „Sendungsverfolgung“ (DHL) ein neues Wort. Ich erwartete ein Paket und klickte mich durch bis zu diesem Satz: „Wir erwarten Ihre Sendungsdaten in Kürze. Bitte beachten Sie jedoch, dass wir Sendungen erst beauskunften können, wenn der Versender die Sendung oder die Sendungsdaten an uns übermittelt hat.“

„Beauskunften“ ist also neu in meinem Wortschatz! Welch eine Errungenschaft! Doch zugegeben: Die Auskunft ist perfekt!

 

Nahzu „perfekt“ fand ich in letzter Zeit zwei Bücher, die ich zur Entspannung an dieser Stelle gerne empfehle:

Eine Liebe, in Gedanken > Rez. hier > http://url9.de/ZeB und 14 Kurzgeschichten, die sich zunächst dem „glatten Lesen“ zu widersetzen scheinen, dann aber doch durch ihre Spiegelungen bestechen: Mehr Zuhause als ich > Rez. hier > http://url9.de/ZeC

Wer selbst schreiben will und dazu die Gemeinschaft eines Kurses „kreativ schreiben“ sucht: Ich unterrichte in Schorndorf, Aichwald und Nördingen. Näheres hier > http://journalismus-und-mehr.com/lesehimmel.php

Die nächste Lesung:

Mit Texten zum Olymp
Nobelpreise an Frauen

17.10.2018 in der VHS Schorndorf, 19 bis ca. 21.30 Uhr

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Jul 22 2018

Der Leser will glauben können

Autor: . Abgelegt unter Literatur

„Geht es nicht auch ohne Recherche“, fragte neulich eine Kursteilnehmerin. „Was ich ausdrücken möchte, kann ich auch allgemein ausdrücken.“ Klar, freie Schriftstellerin – freie Wahl der Ausdrucksweise. Doch die Leserin/der Leser will ja auch glauben können. Wo Ross und Reiter genannt werden, liegt die Nachprüfbarkeit auf der Hand, bleibt nichts in der Luft hängen.

Machen wir einen Test: Jemand erzählt mir, er besuchte Kreta, fuhr kreuz und quer über die Insel. Sie gefiel ihm so gut, dass er nicht mehr wegwollte. „Dieses Inselgefühl …!“ Was lag mir wohl auf der Zunge? „Wo seid ihr gewesen, was hat dich dort beeindruckt?“ Schließlich erfuhr ich, dass er in den ersten zehn Tagen morgens lange Strandspaziergänge bei Mátala an der Südküste unternahm, wobei in ihm die Idee für den Umbau seines Hauses in Deutschland reifte. Anschließend ließ er sich von den Ruinen in Knossos und an anderen Stätten inspirieren, „denn die haben damals auch schon modern gelebt.“ Aha! Nun konnte ich mir von seinem Urlaub schon einiges konkreter vorstellen.

Derzeit lese ich einen Roman, um mich zu zerstreuen. Es geht um eine Familie in Ostpreußen, wortreich erzählt, ohne Ambition auf einen Preis für gehobene Literatur. Plötzlich taucht das Wort „Schlagobers“ auf. Hoppla! Zuletzt hatte ich das Wort aus dem Munde einer österreichischen Kollegin gehört. Wie passt das nach Ostpreußen? Ich recherchierte, fand aber keine Anhaltspunkte. Die ProtagonistInnen des Romans hatten nichts mit Österreich oder der Schweiz zu tun, von der Autorin war überliefert, dass sie oberhalb der Mainlinie geboren und zu Hause ist.

Ist ihr der Schlagobers einfach in die Passage „reingerutscht“, nachdem sie gerade in Österreich Ferien gemacht hatte? Wie war das Buch überhaupt lektoriert worden, was alles war noch übersehen bzw. nicht gerade gerückt worden? Ich blieb auf der Hut, was man mir im Laufe der dahinplätschernden Handlung auftischen würde. Hieß nicht der Hund zwanzig Seiten zuvor noch Helena und jetzt wurde er Adele gerufen? War der Vorname der Gutshof-Besitzerin um 1920, als die Erzählung einsetzt, überhaupt gebräuchlich oder erst später?

Zwischendurch recherchierte ich immer wieder Namen, Orte und noch so einiges mehr. Entwickelte ich eine neue Berufskrankheit? Möglich, aber genau zu lesen gehörte schon immer zu meinen Eigenschaften, sonst hätte ich meinem Anspruch an mich als Journalistin nicht genügt. Die Genauigkeit ließ sich nicht abschütteln, obwohl ich ja bewusst eine leichte Einschlaf-Lektüre gewählt hatte. Um Entspannung bemüht, lenkte ich nun meine Aufmerksamkeit auf die Vielseitigkeit der Autorin: sie hatte noch zahlreiche andere Bücher veröffentlicht, die nicht in Ostpreußen spielten. Also las ich nur einen Ausschnitt dessen, was sie mit ihrem Wissen und ihrer Fantasie zur unserer Unterhaltung produziert hatte.

Alle Achtung! Schon in diesem Ausschnitt kam die Beschäftigung mit einer Vielfalt von Fakten zur Sprache, die Respekt abnötigt. Die Autorin musste sich auskennen in der Behandlung von Pferden zur damaligen Zeit und wie die Adeligen in diesem Landstrich verstreut wohnten und ihre Güter führten. In dem Roman spielten Ernten und Vorratshaltung eine Rolle, die Köchin unterhielt einen Brutkasten, um neue Puten-Küken hochzuziehen …

Oft wirken mehrere Menschen bei der Entstehung solcher Romane zusammen – auch wenn auf dem Cover nur eine Person genannt wird. Es gibt außerdem Büros, die AutorInnen im Hintergrund helfen, indem sie gegen entsprechendes Honorar Fakten ermitteln und Arbeit abnehmen. Unabdingbar ist aber in jedem Fall, dass abgesichert ist, was der Leserschaft offeriert wird. Wer zweifelt, fühlt sich leicht veräppelt und legt das Buch weg, ist irritiert, verstört, enttäuscht.

Ohne Glaubwürdigkeit ist kein Blumentopf zu gewinnen! Ich habe diesbezüglich auch schon tv-ZuschauerInnen meutern hören – beispielsweise wenn ein Mordopfer am Tatort eine klaffende Wunde an der rechten Schläfe hatte und auf dem Seziertisch war diese Wunde dann der linken Schläfe angeschminkt.

Schreiben ist meist mit Leidenschaft gepaart. Es drängt etwas aufs Papier, in die Tastatur. Das darf sein und ist eine günstige Voraussetzung dafür, LeserInnen zu begeistern. Die Recherche und Gewissenhaftigkeit kommen nach der Leidenschaft und vor der Begeisterung des Lesepublikums. Ohne – siehe oben – kann der Stoff nicht überzeugen, fesselt weniger, Zweifel werden genährt, statt Vergnügen und Zerstreuung. Deshalb: Recherche? Ja, bitte!

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Mai 03 2018

Einen Pudding an die Wand nageln und Wahlfreiheit zwischen Qualitätssegmenten

Autor: . Abgelegt unter Allgemein/Politik

Von einem Extrem ins andere – kennen Sie das? Kaum hatte ich über die missliebigen grünen Socken geschrieben, konnte ich sie entsorgen. Und eine ganze Reihe weiterer dazu. Festhalten und loslassen – dies charakterisiert viele Prozesse im Leben. So auch das Schreiben. Juli Zeh definiert das auch in „Treideln“. Diesen wirklich mitreißenden Briefroman erwähnte ich bereits im Posting am 15. März. Unter dem Titel TREIDELN sprach die Schriftstellerin im Sommersemester 2013 an der Frankfurter Goethe-Universität als Gastdozentin über Bedingungen und Grundlagen ihrer literarischen Arbeit – und versuchte dabei, eine »Anti-Poetologie« zu entwerfen.

Gekonnt lotet sie sowohl Alltägliches als auch Extreme aus – und liefert damit nicht zuletzt eine scharfe Satire auf den Literaturbetrieb. Das Thema „Qualität“ kocht auch dort häufig hoch – doch auf welche Definition mag man sich dafür einigen? Was passt in welches der gängigen Bezugssysteme,  welchen Wandlungen sollte dieses unterzogen werden, um sie dem Zeitgeist anzupassen? „Treideln“ lehrt, neu nachzudenken über die Welt der Schriftstellerei und Veröffentlichungen und allem, was damit zusammenhängt. Mich erinnert dieser Anstoß im positiven Sinne an die Metapher „einen Pudding an die Wand nageln“, die gerne für Qualitätssicherung im Journalismus gebraucht wird. Obwohl das Sujet schwer zu fassen ist, muss man sich immer wieder neu nähern, es beleuchten und neuen Horizonten eine Chance geben.

Apropos Horizonte. Ich habe meiner Sparsamkeit ein Schnippchen geschlagen und neue Socken in der Schweiz gekauft. Das schlagende Argument war: Qualität. Und sofort drängt sich die Frage auf, warum ich im benachbarten Alpenstaat grundsätzlich mehr Qualität voraussetze als in Deutschland. Die Erfahrung hat mich gelehrt, dass die Schweizer nicht nur einzigartig leckere Schokolade zu kreieren verstehen, sondern auch der abgepackte Salat dort wesentlich frischer ist und besser schmeckt als unsere Grün-Mischungen in der Tüte. Auf diese beiden Beispiele will ich mich beschränken, obwohl ich noch mehr anführen könnte.

Mit dem höheren Verdienst und den höheren Preisen kann das nichts zu tun haben. Denn auch in Deutschland gibt es Besserverdienende, die vor dem gleichen Salat- und Schokolade-Regal im Supermarkt stehen wie ich und keine Wahl haben, jene stolze Qualität wie in der Schweiz zu erwerben. (Vielleicht im Exquisit-Geschäft, aber das zeugt nur davon, dass die Allgemeinheit nicht so bedient wird wie die Basis-Kundschaft in der Schweiz.)

Die Wahl haben“ – das scheint mir ein sehr wichtiges Qualitätsmerkmal. Ich meine jetzt nicht zwischen 25 und 50 Müsli-Sorten (90 % mit ähnlich fragwürdig hohem Zuckeranteil), sondern zwischen echten Qualitätssegmenten. Ich brauche nicht zehn Zeitungen nach dem gleichen Muster, sondern bevorzuge es, mich zwischen fünf (sehr) unterschiedlichen entscheiden zu können. Oder nehmen wir das Gesundheitswesen. Aktuell ärgern sich viele Menschen darüber, dass sie nicht von dem 4-fach-Impfstoff gegen Grippe erfuhren, der bei uns  normalerweise Privatpatienten vorbehalten ist. Es ist nicht zu quantifizieren, wie viele Kassenpatienten gerne etwas zugezahlt hätten, um sich die schlimme Grippe zu ersparen. Aber wer nicht weiß, dass ihm etwas vorenthalten wird, kann danach auch nicht fragen.

Stellen Sie sich vor, Sie gehören zu den Bescheidwissern über die Unterschiede, die Sie gegenüber der Kundschaft verschweigen, schönreden oder gar abstreiten (müssen) – wie kämen Sie mit ihrem Gewissen zurecht? Was sagt Ihr Qualitätsbewusstsein und Ihre Menschenfreundlichkeit dazu? Sie müssen doch vorausschauend wissen, dass Sie eines Tages auffliegen – wie zum Beispiel die Verantwortlichen von VW, die jetzt wegen des Abgasschwindels angeklagt werden – und gefragt werden, warum Sie ihr Herrschaftswissen nicht für die Verbraucher, sondern lediglich zugunsten einer schmalen Elite eingesetzt haben.

Tja, das ist dann ebenfalls wie einen Pudding an die Wand nageln, wenn man hier auf Antworten besteht. Denn im Ausweichen müssen diese Menschen mit dem verheimlichten Wissensvorsprung ja geeicht sein, immer bemüht, ihre Haut zu retten. Es widerspricht der Achtung vor der Menschenwürde, ihnen gegenüber Nachsicht walten zu lassen. Was sie uns zugemutet, ja angetan haben, hat Spuren gezeitigt. Loslassen sollten wir in diesem Fall die Bescheidenheit und die Trägheit, mit der wir schon eh viel zu lange vieles hinnehmen, das einer Änderung bedarf. Nur darüber klagen, dass niemand mehr protestierend auf die Straße geht, hilft nicht. GEHEN!

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Mrz 15 2018

2 Bücher, 1 Ausstellung und Neugier auf Jennifer

Autor: . Abgelegt unter Allgemein/Politik,Kultur,Literatur

Spannend fand ich die Frage, welches Buch ich mir 2018 als erstes bestellen würde. Nun ist es entschieden: Treideln von Juli Zeh – also Theorie. Ich kam durch eine Empfehlung der Kollegin Isa Schikorsky via Twitter drauf: https://stilistico.wordpress.com/2018/03/14/juli-zeh-treideln/ und bin jetzt sehr gespannt, was mich erwartet. Laut Isa Schikorsky soll es das „witzigste Buch über das Schreiben und das Leben“ sein und handelt von Eitelkeiten und Dogmen im Literaturbetrieb.

Ja, Bücher sind eine Empfehlungssache! Als erstes möchte ich ein Nachschlagewerk empfehlen, das ich sehr gerne zur Hand nehme und dessen „Mehrwert“ eigentlich unbezahlbar ist: DAS WÖRTERBUCH DES KREATIVEN SCHREIBENS ist wirklich sehr gut gelungen! Es besteht aus zwei  Bänden und ist 2017 im Schibri Verlag, Strasburg/Uckermark, erschienen. Es erklärt Begriffe & Textsorten, tischt Schreibtheorien in verständlicher Form auf, vermittelt durch Schreibspiele vielfältige Anregungen und widmet sich auch Schreibtherapien und der Schreibpädagogik. 25 Autorinnen von Rang und Namen haben daran mitgewirkt. Ein themenorientiertes Stichwortverzeichnis macht es „arbeitsfreundlich“. Wir verdanken es Lutz von Werder & Friends.

Nun der Schwenk zur Praxis >> 2018 wird es unter anderem darum gehen, den Roman „Jennifer“ in der Gruppe „kreativ schreiben“ an der Schorndorfer VHS fertigzustellen. Es ist ein Übungsroman, bei dem es allen Beteiligten sehr viel Spaß macht, das Schicksal unserer Jennifer immer wieder mit neuen Facetten zu versehen bzw. es zu würzen und zu wenden: Eine junge Frau, die eigentlich im Luxus lebt, aber mit ihren Lebensumständen kreuzunglücklich ist. Dabei geht es turbulent zu. Einige technische Recherchen müssen wir noch anstellen – zum Beispiel wie man auf hoher See mit den Angehörigen zu Hause in Verbindung tritt. Damit will ich andeuten, dass auch „Herz & Schmerz“ nicht so ohne weiteres zu arrangieren ist, dass auch Unterhaltungsstoff häufig die Aneignung von einigem Fachwissen erfordert, um glaubwürdig zu sein.

„Jennifer“ passt nicht zuletzt im Hinblick auf das Herbstsemester gut ins Bild, in dem „Frauen“ von selbiger VHS zum Schwerpunktthema erhoben werden. Bei dieser Gelegenheit geht mein Blick zurück ins Jahr 1988. Damals wohnte ich in Schwäbisch Gmünd und gehörte dem Frauenforum an. Wir wollten die Kommunalverwaltung davon überzeugen, wie notwendig eine Frauenbeauftragte für uns ist. Dazu veranstalteten wir – alle Frauengruppen der Stadt – Frauen-Projektwochen. Natürlich ehrenamtlich. Als Dokumentation konnten wir zwei Broschüren vorlegen.

In anderen Städten hatten sich Frauenbeauftragte längst etabliert. Doch Baden-Württemberg war diesbezüglich alles andere als federführend. Und es gab auch Kritik ob der Funktion der Amtsinhaberinnen.  Waren sie mehr Feigenblatt als politische Akteurin? Hatten sie vornehmlich die Gleichberechtigung der städtischen Bediensteten ins Visier zu nehmen? In wie weit sollten und durften sie die Frauengruppen vor Ort unterstützen, Interessen bündeln und Initiativen mit vorantreiben?

Gehen wir nochmal 20 Jahre zurück. Dann landen wir bei den sogenannten 68ern. Dieses Schlagwort hat inzwischen viele Klänge. Man kann 1968, dieses Schicksalsjahr, in dem Rudi Dutschke niedergeschossen wurde, nicht isolieren. Die 60er Jahre bedeuteten insgesamt „Aufbruch“. Beleuchtet wird das derzeit speziell in Bezug auf Baden-Württemberg im Haus der Geschichte in Stuttgart. „… DENN DIE ZEITEN ÄNDERN SICH“ heißt die Ausstellung, die noch bis zum 24.6.2018 ihre Pforten geöffnet hat. Auf die BesucherInnen warten wirklich markante Erinnerungsstücke, die  gleichermaßen witzig sind wie nachdenklich stimmen. „Geschlechterverhältnisse“ und „Die Rolle der Frau“ waren der Ausstellungsleiterin Paula Lutum-Lenger jeweils ein eigenes Kapitel im Katalog wert. Prädikat: Sehr empfehlenswert!

Aus dem Rückblick, aus der Geschichte kann man sich immer Anregungen für das eigene Schreiben holen. Wodurch bin ich geprägt, was wäre anders gekommen, wenn …? Das Jahr 2018 ist noch jung, es kann noch vieles hochkochen – zumal die Jubiläen noch zu feiern anstehen!

Hier zunächst der Link zu einer >> Diskussion „Mythos 1968 – Was bleibt?“ im Haus der Geschichte Baden-Württemberg https://www.youtube.com/watch?v=TFg2END7pE0

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Feb 06 2018

Von grünen Socken und der Lesung am 7. März

Autor: . Abgelegt unter Kultur,Literatur

Ich habe Socken in einem Grün, das ich nicht mag. Und anfangs war überdies der Gummi zu streng. Keine Frage: ein Fehlkauf! Also weg damit? Nein! Solange ich diese anziehe, schone ich andere. Das ist ein zugkräftiges Argument. Denn irgendwie muss ich ja meinen Ärger darüber besänftigen, dass ich von diesem Paar nicht loskomme. Hier geht es aber nicht um Sparsamkeit. Sachen, in die von vielen Leuten Energie gesteckt wurde, verdienen Respekt. Was können die Socken dafür, ein Fehlkauf zu sein?

Es ist ja nicht so, dass ich mich mit Neuem nicht anfreunden könnte. Im Gegenteil! Ich habe zuweilen sogar Lust darauf. Jüngster Beweis dafür ist „Postkarten Poesie“ – ein neuer Kurs, der am 15. April in Schorndorf startet. Eine Geschichte verdichten und 20 Karten davon drucken lassen. Nicht Schwelgen in Sprachvirtuosität gibt hier den Ton an, sondern die unschlagbare Kürze mit Pfiff.

 

Geschichten kann man nämlich so und so oder noch ganz anders erzählen. Die von den Socken zum Beispiel könnte in einem Krimi münden. Übersprungshandlung: Statt die Socken zu entsorgen, muss der autoritäre Chef dran glauben, nachdem er mich vor dem gesamten Team ungerecht getadelt hat und mich danach mit einer grünen Götterspeise wieder versöhnen will. Zwei oder drei raffinierte Winkelzüge, und schon ist neben der tropfenden Stichwunde in der Herzgegend auch noch ein wenig Umweltschutz und Lebensmittelchemie untergebracht. Und dann an Tante Frieda schicken, die Götterspeise genauso wenig mag wie ich. Da es eine Postkarte ist, hat die Zustellerin auch noch ihren Spaß damit.

Diese überraschende Vielfalt, die mehrere Texte zum gleichen Thema ans Tageslicht befördern können, ist immer wieder erstaunlich. Das wollen Teilnehmerinnen von „kreativ schreiben“ in einer Lesung am 7.3.18 in Schorndorf der Öffentlichkeit zeigen.

Der Abend beginnt mit einer Buchpremiere. Denn einige Teilnehmerinnen ergriffen die Chance, sich an der Anthologie „365 Tage Liebe“ zu beteiligen. Und das mit Erfolg! Die Autorinnen holen aber weiter aus, berichten über das Geschehen im Kurs und tragen Kostproben vor. Da geht es unter anderem ganz reell um „Mut & Tapferkeit“ oder die Übersetzung von Märchen ins Hier und Jetzt, um Ambivalenz, Berührendes und Überraschendes.

Näheres zu diesen Veranstaltungen ist zu finden unter > http://www.vhs-schorndorf.de/

„365 Tage Liebe“, Hrsg. Rüdiger Heins, erschienen im Wiesenburg Verlag, 2017. Mangels Inhaltsverzeichnis sei hier auf die Beiträge auf den Seiten 150, 158, 168, 242, 299 und 306 verwiesen. Die anderen Texte der Lesung werden in einem Reader zusammengefasst. Für die Veranstaltung ist eine Pause vorgesehen, um lebhaften Gesprächen gebührend Raum zu geben.

Die Spannung zwischen Gewohntem & Bewährtem einerseits und Unbekanntem & Risiko andererseits befeuert kreative Prozesse. Somit kann die Ambivalenz gegenüber missliebigen Socken vom Alltagsgeschehen in die Philosophie entführen. Nicht die Socken verdienen die Aufmerksamkeit, sondern das, was sie in Gang bringen, in Schwung setzen. Somit könnte man Socken, um die man sich keinerlei Gedanken macht, eigentlich eher wegwerfen als die grünen, hässlichen, deren Gummi übrigens inzwischen so ausgeleiert ist, dass sie zu ärgerlichen Falten neigen.

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Dez 10 2017

facebook: Der Überblick über das Gespeicherte gelingt nie vollständig!

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Interview ? Mein Ausstieg vom Ausstieg auf Facebook ?

Hans-Dirk Reinartz ist Palliativarzt und unterstützt als „Lebenslotse“ Menschen mit Krebserkrankungen „ihrer Zukunft mehr Leben zu geben“. Viele seiner Beiträge auf Facebook (fb) vermitteln Eindrücke von dem Schönen und den Nöten in der Ukraine, wo er seit 2012 lebt. Vor dem Jahreswechsel 2016/17 kündigte er seinen Ausstieg aus fb an, wollte dort seine Spuren löschen und nicht mehr über diese Plattform erreichbar sind. Dieser Ausstieg war nicht von Dauer. Über diese doppelte Wende unterhielt ich mich via Skype mit ihm.

Warum wolltest Du den Ausstieg aus fb?

Ich nutzte und nutze kein Pseudonym, war also erkennbar und habe toleriert, dass fb, google & Co. eine riesige Datenkrake sind. Ich dachte, ich nutze die Vorteile und muss deshalb auch die Nachteile in Kauf nehmen, fühlte mich fast wie zu Hause auf fb. Doch dann merkte ich, die wissen viel mehr über mich, als ich jemals geglaubt habe. Es kommt dazu, dass ich in einem politisch instabilen Land lebe und mich sehr eindeutig auf Seiten der Ukraine positioniere für eine demokratische Entwicklung in eine europäische Richtung. Fanatiker quittierten dies mit Hasstiraden.

Das spitzte sich zu?

Ja. Deshalb wollte ich nicht länger ungeschützt auf dem Präsentierteller sein. Erstens, weil nicht absehbar ist, wer diesen Kampf hier gewinnt und mir womöglich irgendwann am Zeug flicken will. Zweitens möchte ich in meinem Beruf arbeiten und auf meine online Beratungen konzentrieren, anstatt als politische Person wahrgenommen zu werden. Deshalb wollte ich zum 31.12.2016 einen Schnitt machen. Mein Ausstieg war sauber geplant, ich hatte mich aus allen Gruppen verabschiedet, meine eigenen Gruppen und Seite gelöscht und nichts mehr geliked usw.

Wie lange warst Du inaktiv?

Etwa den ganzen Dezember 2016. Zum 31.1.2017 wollte ich mich abmelden. Doch mir kam zu Bewusstsein, wen alles ich über fb kennengelernt und wiedergefunden hatte. Als Beispiel möchte ich eine Jugendfreundin nennen. Sie hatte ich aus den Augen verloren und konnte dank fb an unsere frühere Verbindung anknüpfen. Und kurz nach unserer virtuellen Wiederbegegnung stirbt ihr Mann innerhalb einer Woche. Ich konnte ihr mit meiner Erfahrung als Palliativarzt und darüber hinaus beistehen, denn die psychologische Seite kommt bei so einem Schicksalsschlag in der herkömmlichen medizinischen Versorgung eher zu kurz.

„… eher zu kurz“ ist zurückhaltend formuliert. Aber auf diese Seite Deines Wirkens kommen wir in einem gesonderten Interview zu sprechen. – Was hat sich seither für Dich auf fb geändert?

Ich blieb, weil ich das Verbindende von fb nicht missen möchte, zog jedoch angesichts der Nachteile, die auf der Hand liegen, Konsequenzen: Meine politischen Äußerungen habe ich zu 99,9 Prozent zurückgeschraubt. Zurückliegende Äußerungen tilge ich.

Wie geht das?

Ich bekomme jeden Tag eine Erinnerung, was ich vor einem oder vor zwei, drei usw. Jahren gepostet habe. Das ist eine Funktion von fb. So kann ich meine politischen Postings aus der Vergangenheit löschen. Ich like auch kaum noch, denn das kann man nicht mehr rekapitulieren.

Große Zurückhaltung?

Ich verkrieche mich nicht, agiere aber mit einer anderen Wachsamkeit. Wenn Du fb verlässt, weißt du nicht, was fb über dich gespeichert hat. Du kannst z. B. ein halbes Jahr nach einem Ausstieg dein Profil wieder reaktivieren und schwupps ist alles wieder da. Das heißt: die löschen es nicht. Es existiert noch irgendwo. Kein Mensch weiß, was die damit machen.

Betrifft das auch die Chat-Nachrichten?

Ja, die werden – soweit ich weiß – auch gespeichert. Eine Unterhaltung darüber, dass man verschlafen hat aufgrund nächtlichen Hundegebells wird wohl weltweit wenig Echo hervorrufen, aber wenn mir jemand schreibt, er habe an einem bestimmten Ort 1000 russische Soldaten stationiert gesehen, wird das unter Umständen auf beiden Seiten als brisant registriert.

Verstehe. Was ist geblieben?

Die Haltung, dass der Überblick über das Gespeicherte keine Vollständigkeit erlangen kann. Mehrere Seiten über private und politisch/kulturelle Projekte habe ich gelöscht. Ich habe für mich innerlich einen RESET gemacht und beschlossen, mit dem alten Profil bei fb zu bleiben – trotz weiter vorhandener Datenschutzrisiken. Ich habe meine alten Kontakte behalten, jedoch lösche ich jene, mit denen ich keine irgendwie geartete Übereinstimmung habe. Privat und beruflich wird mehr getrennt, der Fokus liegt auf medizinischen Themen, um als Arzt wahrgenommen zu werden. Private Infos aus dem politischen Leben teile ich so gut wie nicht mehr.

Und beruflich? Ist das nicht heikel über fb?

Über fb kann ich Menschen erreichen und sie können mich erreichen. Das war einer der Gründe auf fb zu bleiben. Beruflich bin ich sowieso „öffentlich“ unterwegs und das ist gut so! Neue Seiten und neue Gruppen von mir werden kommen, allerdings nur noch im beruflichen Umfeld. Meine Gruppen mit privaten und politischen Themen bleiben gelöscht.

Wir unterhalten uns jetzt über Skype. Wie sicher ist das?

Ich bin Arzt, kein Fachmann für Aussagen in diesem Bereich. Wobei wir uns darüber im Klaren sein müssen: wenn ein Geheimdienst etwas abhören will, wird er es schaffen – egal wo. Für meine beruflichen Leistungen prüfe ich Webinar-Plattformen auf ihre Abhör-Sicherheit.

Wie waren die Reaktionen zum Wiedereinstieg?

Wesentlich positiver, als ich gedacht hatte. Ich bekam viele Likes und die Rückmeldung, dass viele meine Postings über die Ukraine vermissen würden.

Was ist die Quintessenz der Selbsterfahrung?

Datenschutztechnisch war das Löschen ein gutes Gefühl. Mutmaßlich war ich nicht mehr so angreifbar. Aber es stellte sich auch das Gefühl ein, es würde schwieriger, über e-mail, über Skype, über Telefonate Kontakte zu halten, zu pflegen oder erst aufzubauen. Sorge über mangelnden Datenschutz und gläserne Menschen auf der einen Seite und Wunsch nach privater / beruflicher Kontaktpflege auf der anderen Seite waren ein unhaltbarer Spagat. Die Entscheidung fiel zugunsten der Kommunikation mit Toleranz der Datenschutzprobleme. Im Endeffekt bin ich froh über den Prozess meiner Entscheidungen. Meine jetzigen persönlichen Vorteile wiegen eindeutig mehr als die Nachteile.

Gibt es jetzt eine ausgefeilte Selbstzensur?

Der Begriff ist für mich interessant. Ich würde es für mich aber als „Schreibdiät“ bezeichnen. Im Sinne von „Ich halte Maß“. Weiterhin will ich über die Situationen hier vor Ort schildern, aber im Vergleich zur früher, überlege ich mir heute bei jedem Posting, ob dies es wert ist, mich auf diese Weise zu zeigen.

Vieles bewegt Dich, Du bist auf vielen Themenfeldern zu Hause.

Ja. Ich äußere mich zukünftig bevorzugt zu medizinisch-psychologischen Themen und zu Fragen um Leben und Tod, Lebensplanung, Philosophie etc.  Beschäftigung mit Sterben gehört in die Mitte des Lebens! Das Berufliche wird sich auf meiner Webseite abspielen: https://hansdirkreinartz.com/

Danke für das Gespräch. Zu Deiner Tätigkeit als Lebenslotse planen wir ein separates Interview.

(Auf fb duzt man sich. Wir haben das darüber hinaus beibehalten.)

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