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Feb 11 2025

Seine Feigheit verstört den Herrn Staatsanwalt

Autor: . Abgelegt unter Allgemein/Politik,Literatur

“Weiheraum” gehört zu den spannendsten und eindringlichsten Büchern, die ich rezensiert habe. Geschrieben hat den Roman Klaus Marxen (geb. 1945), Jurist und Hochschullehrer, der u. a. als Richter tätig war. Angesichts der aktuellen Gefahr des Hineinschlingerns in immer mehr rechtslastige Politik erinnerte ich mich an den Protagonisten Friedrich Liedke, ein empfindsamer Staatanwalt, dessen Verstrickungen unter die Haut gehen … Ich will an dieser Stelle nichts vorwegnehmen – hier die Rezension:

Klaus Marxen lässt in seinem Roman „Weiheraum“ Zeitgeschichte in schicksalhaften Verstrickungen lebendig werden

Mit „Weiheraum“ legt Klaus Marxen einen Roman vor, der episodisch im Präsens zwei Personen in unterschiedlichen Sphären in die Katastrophe führt. Verdeutlicht werden Charaktere und deren Schicksale im zeitgeschichtlichen Kontext von 1901 bis 1950. Man ahnt, welche Wirren die Protagonisten vor heikle Fragen stellen, zumal ein Strang der Handlung in Berlin und der andere in Südmähren angesiedelt ist. Die Wege des tschechischen Mädchens Leuka und des Berliner Staatsanwalts Friedrich Liedke kreuzen sich im Wiener Landgericht. Das wird im Vorwort verraten, in dem es außerdem heißt, die Wirklichkeit tauge lediglich dazu, Spuren zu legen – dagegen müsse die Wahrheit erzeugt werden.


Der Weiheraum im Wiener Landgericht umfängt den Erzähler. Dort findet er die Namen jener, denen in diesem „Gebäude […] in nationalsozialistischer Zeit das Leben geraubt wurde“. So spornen Titel und Vorwort des Buches die Neugier an – der Weg zum tragischen Ende will nachvollzogen werden. Wo hätte es Möglichkeiten gegeben, die Geschichte in eine andere Richtung zu lenken? Was kann man davon für die Zivilcourage in heutiger Zeit ableiten? Autor Klaus Marxen, selbst Jurist – Geschichte und Philosophie hat er ebenfalls studiert –, erzeugt Wahrheit mittels ausführlicher Schilderungen, hat jedoch alle Personen, Begebenheiten und Orte frei erfunden.

Friedrich Liedke, an Kaiser Wilhelms II. Geburtstag 1901 geboren, ist eigentlich ein empfindsamer Mensch. Doch auch er will vorankommen, kein unnötiges Aufsehen erregen, das geregelte Leben nicht gefährden. Eigene Kinder sind ihm und seiner Frau Edith nicht vergönnt und der gewichtige Schritt zu einer Adoption fällt nicht gerade leicht, allerdings sind die Begleiterscheinungen für Friedrich umso qualvoller, weil er plötzlich nicht ausschließen kann, die Mutter des Kindes auf dem Gewissen zu haben. Schon lange bevor Liedkes die kleine Ingrid im Lebensborn-Heim abholen, ist dem Protagonisten Friedrich viel Zaudern auf den Leib geschrieben. Sein Vater, Konrektor an einem Realgymnasium, verkörpert ihm gegenüber eher den harten Preußen. Doch Adolf Hitler findet er anmaßend und verübelt seinem Sohn dessen Parteimitgliedschaft. Trotz stetig wiederkehrender Zweifel kann es sich der Jurist Friedrich jedoch nicht leisten, aus der Partei auszutreten und später beim Volksgerichtshof Anklagen jenseits der Konformität zu formulieren. „Was Friedrich Liedke verstört, das ist seine Feigheit.“ Dass die „Gefährdung des Staates im Krieg zu harten Abwehrmaßnahmen zwingt“, will er sich angesichts der Hinrichtungen in seiner unmittelbaren Nähe in Wien zwar beschwichtigend einreden, kann aber mit dem scharfen Wind, der in der Justiz weht, innerlich keine Übereinkunft finden. So besiegelt er 1943 schließlich das Schicksal der zum Tode verurteilten, hochschwangeren Helena Cermak, geboren 1918 in Südmähren, die ihrem schwer verletzen Bruder, einem „Staatsfeind“, geholfen hatte.

Natürlich fällt Friedrich Liedke dieser Fall immer wieder ein, denn er weiß nicht, wohin das Kind der Hingerichteten gebracht worden ist. Wie es sich gehört, wird das Geheimnis erst am Schluss gelüftet. Die locker skizzierte Auflösung wirkt nüchtern und knapp, was fast ein wenig schade ist, denn schließlich ist man an ausführlich erzählte Ereignisse und Schicksalswendungen mit fesselnden Untertönen gewöhnt. Doch mehr als der pragmatische Schluss hätte nicht in diesen Spannungsbogen gepasst, war doch der Roman nicht in erster Linie auf ein Familiendrama hin angelegt, sondern darauf, Zeitgeschichte lebendig werden zu lassen und dazu Fragen aufzuwerfen, die an Aktualität nicht verlieren.


Der Erzählstrang auf böhmischer Seite beginnt, als die Oma dieses im Gefängnis geborenen Kindes von Janek Cermak schwanger ist, der aber sein Junggesellendasein nicht aufgeben will. Mit etwas Nachhilfe kommt es dann doch zur Heirat, und letztlich hat Olga sechs Kinder von ihm großzuziehen. Als Familienvater taugt Janek Cermak jedoch nicht. Erst verdingt er sich als Heizer auf einer Lokomotive, später als Handelsvertreter für Textilien, zwischendurch leistet er sich – entsprechend seines Naturells – riskante Eskapaden. Trefflicher könnte man einen Kontrast zu der disziplinierten Familie Liedke nicht schaffen.

Olga Cermak betreibt eine Gastwirtschaft und kann sich außerdem auf ihre Eltern stützen, deren kleine Landwirtschaft ergänzend als Lebensgrundlage manche Engpässe abmildern hilft. Nach dem Ersten Weltkrieg wächst der Stolz der tschechischen Bevölkerung auf ihren Staat, dann werden Teile vom Deutschen Reich annektiert und vorbei ist es mit der friedlichen Atmosphäre. Wer dann – wie Tomas, einer der Söhne von Olga – während des Zweiten Weltkriegs gegen die herrschenden Deutschen intrigiert oder im Untergrund kämpft, wird gnadenlos verfolgt und bestraft. So wird Lenka (Helena) wegen ihrer familiären Fürsorge verraten und verurteilt.

Nach Kriegsende wird Friedrich Liedke verhaftet. Von nun an quält ihn nicht nur die Frage, ob er die Mutter seiner Adoptivtochter hat umbringen lassen, sondern wie sehr er in Verbrechen verstrickt war, die er als solche nicht erkannt oder im Anpassungsdruck verharmlost hat. Derweil umsorgt seine Schwester Elisabeth in Jüterborg das Kind und seine Frau, die 1948 stirbt. Ingrid liebt ihre Tante Lisa und hängt sehr an der Katze Jasmin. Auch Friedrich hatte als Kind ein Kätzchen bekommen, das er Jasmin nannte. Dieses Band zwischen einst und heute symbolisiert eine Verbindung zwischen Ingrid und ihrem Vater, an den sie keine Erinnerung mehr hat. Sie war zu klein, als Friedrich damals aus der Wohnung in Berlin abgeführt wurde. Ihre Mutter hatte ihr aufgetischt, der Vater sei im Krieg von den Russen verschleppt worden.

Liedke verbringt fünf Jahre im Lager Sachsenhausen, bevor er in Waldheim zum Tode verurteilt wird. Es nützt nichts, dass sein Verteidiger unterstreicht, Liedke habe lediglich in gutem Glauben gehandelt und sei als Mitläufer einzustufen. Marxen knüpft mit seinem Roman an tatsächliche Geschehnisse an und führt hier vor Augen, dass in der jungen DDR noch eine tödliche Justizmaschinerie wirksam war. „Unrecht im Gewand des Rechts“ – diese Worte gebraucht der Klappentext des Buches für die Praxis im Volksgerichtshof wie in den Waldheimer Prozessen. Natürlich handelt es sich nicht nur, wie eingangs komprimierend vorausgeschickt, um die Schicksalslinien zweier Personen, sondern immer ist mindestens das „System Familie“ betroffen, wenn das „System Staat“ die Entscheidung zwischen Recht und Unrechtsempfinden zu einem unlösbaren Dilemma werden lässt. Ja, ganze Generationen sind von dem Phänomen gezeichnet, sich mit etwas arrangiert zu haben, für das man nur auf Verständnis bei den unter anderen Verhältnissen Nachgeborenen hoffen kann. Gerade weil in beiden Handlungssträngen die Charaktere glaubwürdig und die Ereignisse im Grundansatz unspektakulär sind, zeigt der Roman besonders schmerzlich die Unbezwingbarkeit von Zwickmühlen in totalitären Systemen, in denen die Rechtspflege bekanntlich die herrschende Ideologie legitimieren soll.

Interessant ist der Aufbau des Romans, der sich in drei Teile gliedert, von Kapitel zu Kapitel jeweils die Perspektive wechselt (was der Wechsel zur Kursivschrift und zurück unterstreicht) und mit Rückblenden arbeitet, die nichts in die Ferne rücken lassen. Das Gefühl, immer unmittelbar dabei zu sein, reißt nicht ab. Und obwohl einerseits die Genauigkeit des ehemaligen Gerichtsberichterstatters Marxen manchmal an Geduldsproben erinnert, befördert die Kürze der Kapitel den Stoff flott und abwechslungsreich. Eine beeindruckende Lektüre.

Klaus Marxen: Weiheraum. Roman.
Bouvier Verlag, Bonn 2015.
260 Seiten, 19,99 EUR.
ISBN-13: 9783416033893

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Jul 22 2018

Der Leser will glauben können

Autor: . Abgelegt unter Literatur

„Geht es nicht auch ohne Recherche“, fragte neulich eine Kursteilnehmerin. „Was ich ausdrücken möchte, kann ich auch allgemein ausdrücken.“ Klar, freie Schriftstellerin – freie Wahl der Ausdrucksweise. Doch die Leserin/der Leser will ja auch glauben können. Wo Ross und Reiter genannt werden, liegt die Nachprüfbarkeit auf der Hand, bleibt nichts in der Luft hängen.

Machen wir einen Test: Jemand erzählt mir, er besuchte Kreta, fuhr kreuz und quer über die Insel. Sie gefiel ihm so gut, dass er nicht mehr wegwollte. „Dieses Inselgefühl …!“ Was lag mir wohl auf der Zunge? „Wo seid ihr gewesen, was hat dich dort beeindruckt?“ Schließlich erfuhr ich, dass er in den ersten zehn Tagen morgens lange Strandspaziergänge bei Mátala an der Südküste unternahm, wobei in ihm die Idee für den Umbau seines Hauses in Deutschland reifte. Anschließend ließ er sich von den Ruinen in Knossos und an anderen Stätten inspirieren, „denn die haben damals auch schon modern gelebt.“ Aha! Nun konnte ich mir von seinem Urlaub schon einiges konkreter vorstellen.

Derzeit lese ich einen Roman, um mich zu zerstreuen. Es geht um eine Familie in Ostpreußen, wortreich erzählt, ohne Ambition auf einen Preis für gehobene Literatur. Plötzlich taucht das Wort „Schlagobers“ auf. Hoppla! Zuletzt hatte ich das Wort aus dem Munde einer österreichischen Kollegin gehört. Wie passt das nach Ostpreußen? Ich recherchierte, fand aber keine Anhaltspunkte. Die ProtagonistInnen des Romans hatten nichts mit Österreich oder der Schweiz zu tun, von der Autorin war überliefert, dass sie oberhalb der Mainlinie geboren und zu Hause ist.

Ist ihr der Schlagobers einfach in die Passage „reingerutscht“, nachdem sie gerade in Österreich Ferien gemacht hatte? Wie war das Buch überhaupt lektoriert worden, was alles war noch übersehen bzw. nicht gerade gerückt worden? Ich blieb auf der Hut, was man mir im Laufe der dahinplätschernden Handlung auftischen würde. Hieß nicht der Hund zwanzig Seiten zuvor noch Helena und jetzt wurde er Adele gerufen? War der Vorname der Gutshof-Besitzerin um 1920, als die Erzählung einsetzt, überhaupt gebräuchlich oder erst später?

Zwischendurch recherchierte ich immer wieder Namen, Orte und noch so einiges mehr. Entwickelte ich eine neue Berufskrankheit? Möglich, aber genau zu lesen gehörte schon immer zu meinen Eigenschaften, sonst hätte ich meinem Anspruch an mich als Journalistin nicht genügt. Die Genauigkeit ließ sich nicht abschütteln, obwohl ich ja bewusst eine leichte Einschlaf-Lektüre gewählt hatte. Um Entspannung bemüht, lenkte ich nun meine Aufmerksamkeit auf die Vielseitigkeit der Autorin: sie hatte noch zahlreiche andere Bücher veröffentlicht, die nicht in Ostpreußen spielten. Also las ich nur einen Ausschnitt dessen, was sie mit ihrem Wissen und ihrer Fantasie zur unserer Unterhaltung produziert hatte.

Alle Achtung! Schon in diesem Ausschnitt kam die Beschäftigung mit einer Vielfalt von Fakten zur Sprache, die Respekt abnötigt. Die Autorin musste sich auskennen in der Behandlung von Pferden zur damaligen Zeit und wie die Adeligen in diesem Landstrich verstreut wohnten und ihre Güter führten. In dem Roman spielten Ernten und Vorratshaltung eine Rolle, die Köchin unterhielt einen Brutkasten, um neue Puten-Küken hochzuziehen …

Oft wirken mehrere Menschen bei der Entstehung solcher Romane zusammen – auch wenn auf dem Cover nur eine Person genannt wird. Es gibt außerdem Büros, die AutorInnen im Hintergrund helfen, indem sie gegen entsprechendes Honorar Fakten ermitteln und Arbeit abnehmen. Unabdingbar ist aber in jedem Fall, dass abgesichert ist, was der Leserschaft offeriert wird. Wer zweifelt, fühlt sich leicht veräppelt und legt das Buch weg, ist irritiert, verstört, enttäuscht.

Ohne Glaubwürdigkeit ist kein Blumentopf zu gewinnen! Ich habe diesbezüglich auch schon tv-ZuschauerInnen meutern hören – beispielsweise wenn ein Mordopfer am Tatort eine klaffende Wunde an der rechten Schläfe hatte und auf dem Seziertisch war diese Wunde dann der linken Schläfe angeschminkt.

Schreiben ist meist mit Leidenschaft gepaart. Es drängt etwas aufs Papier, in die Tastatur. Das darf sein und ist eine günstige Voraussetzung dafür, LeserInnen zu begeistern. Die Recherche und Gewissenhaftigkeit kommen nach der Leidenschaft und vor der Begeisterung des Lesepublikums. Ohne – siehe oben – kann der Stoff nicht überzeugen, fesselt weniger, Zweifel werden genährt, statt Vergnügen und Zerstreuung. Deshalb: Recherche? Ja, bitte!

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Dez 02 2011

„Tinkers“ – hochgejubelt und verworren

Autor: . Abgelegt unter Literatur

Erst schmorte der Roman lange in der Schublade, dann kam in Amerika der bejubelte Durchbruch. Doch mich überzeugte er nicht:

 

Dem Uhrmacher schlägt die Stunde

 

Wenn ein Roman schon „Kesselflicker“ (so die Übersetzung des Originaltitels „Tinkers“) heißt, lässt das raue Lebensbedingungen und entsprechend ungewöhnliche Verflechtungen erwarten, garniert mit Abenteuern, die weite Wege und die Unberechenbarkeit der Natur mit sich bringen. Zumal wenn der Pulitzerpreis, den dieser Romanerstling von Paul Harding erhielt, angeblich eine „Hymne auf das Leben“ auszeichnet, in der uns die Protagonisten – so die Jury – „zeigen, wie man die Welt und die Sterblichkeit neu wahrnehmen kann“. Doch der Roman irritiert mit seinen Sprüngen in Zeit und Perspektiven mehr, als dass er packend unterhält.

Vielleicht ist das Manuskript zunächst deshalb von so vielen Lektoren und Literaturagenturen abgelehnt worden, bevor es seinen Siegeszug auf dem amerikanischen Buchmarkt antreten konnte: Da will jemand kraftvoll und poetisch etwas erzählen, ein großes Generationenbild von Vater, Sohn und Großvater nahe bringen – und dennoch bleibt der Eindruck des Fragmentarischen, das seine Relevanz als Romanstoff an vielen Stellen nicht hinlänglich beweisen kann. Rezension zu Ende lesen: > www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=16158

Was lässt sich daraus lernen? Eigentlich das, was ich all jenen immer wieder sage, die mit Schreibambitionen Rat bei mir holen: dranbleiben, ans eigene Werk glauben und nicht aufgeben! Über „Tinkers“ kann man geteilter Meinung sein – in meinen Augen ist der Roman nur leidlich gelungen. Trotzdem ist er „preisgekrönt“. Na ja, hinter die Kulissen schaut man in diesem Fall nicht so leicht. (Aber eins gilt immer: „Geschmäcker sind verschieden“!)

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