KREATIV-Telegramm

Allgemein/Politik, Alltag, Kultur

Harmlose Schlager auf dem Index

Suchen – wer kennt das nicht – kann ganz schön nerven. Es war mir jedenfalls nicht vergönnt, eine Liste all dessen zu finden, was schon mal auf dem Index des Bayerischen Rundfunks gestanden hat. Vom „Scheibenwischer“ (Einzelsendungen) ist es mir aus meiner Jugendzeit bekannt. Aber dass auch der Bossa Nova …

Was ist eigentlich ein Bossa Nova? Ein dunkelhaariger gut aussehender Mann, besungen von Manuela (1948 – 2001), die damit 1963 quasi übernacht als Schlagerstar bekannt wurde? Nein, es ist ein Tanz, der jungen Mädchen einst gefährlich werden konnte. Diese Gefahr wurde diskret in der Liedzeile ausgedrückt: „Doch am nächsten Tag fragte die Mama: ‚Kind, warum warst du erst heut’ morgen da?‘“

Tja, wie leicht hätte das in Bayern auf dem Tanzboden zur Nachahmung animieren können! Deshalb durfte das Lied im BR nicht mehr auf den Plattenteller. Wie gut, dass man dank der Wiederholung eines Manuela-Porträts im NDR heute daran erinnert wird, wie fürsorglich man damals Gefährdendes in der Schublade verschwinden ließ.

Drafi Deutscher (1946 – 2006) erging es 1965 mit seinem Hit „Marmor, Stein und Eisen bricht“ nicht besser als Manuela. Doch der Grund war hier ein anderer: Sprachsensible wollten keine falsche Grammatik verbreiten. Denn es waren mehrere Gegenstände, die als bruchsicher besungen wurden. Und da hätte es „Marmor, Stein und Eisen brechen“ heißen müssen.

Solchermaßen Standpunkt zeigen, sensibel reagieren – heute ist das längst aus der Mode, wird belächelt.

Um so herziger wirkt ein Ausrutscher wie dieser Satz: Wer hat sich so was ausdenkt? Das fragte sich am Samstag Katja Bauer in der Stuttgarter Zeitung angesichts der Kanzler-U-Bahn. Der Satz stand da ganz ohne Anführungszeichen und wirkte wie ein Seufzer aus tiefster Seele. Der Autorin war diese (mutmaßlich schwäbische) Redewendung entwischt, was sicher Kritiker auf dem Plan ruft. In ihr pulsierte aber noch das Herzblut, das die tragische Geldverschwendung für den U-Bahnstummel hervorquellen ließ. In korrekter Sprache hätte man dies nie und nimmer so brühwarm transportieren können!

Allgemein/Politik, Alltag

Sensibel – bist du es oder wirst du es?

„Du bist Deutschland“ – diese Kampagne fiel mir gestern spontan in einem großen Warenhaus ein. Ich musste mit meinem Einkaufswagen stehen bleiben, denn ein Pärchen beriet sich vor den Drucker-Patronen, welche denn daheim passen würde. Die Frau war nicht das Problem, der Mann war in die Hocke gegangen und blockierte damit mein Durchkommen mit dem Einkaufswagen.

Ich überlegte, ob ich zurück rangieren und die nächste freie Bahn nehmen sollte. Aber mich begann zu interessieren, wie lange es wohl dauern würde, bis der Mann merkte, dass er ein Hindernis darstellte. Er hätte nur einen Schritt vorwärts zu hoppeln brauchen. Aber mit Abstand betrachtet sich die Patronen-Auswahl natürlich besser.

Er merkte seine Rolle nicht. Er erhob sich erst, als er fertig war mit der Betrachtung des Warenangebots. Sein Blick fiel auch dann keine Sekunde auf mich. Mein höfliches stilles Warten drang zu seinem Bewusstsein gar nicht vor.

Darum die Erinnerung an die Kampagne. Man könnte eine neue starten: „Du bist sensibel“. Mit entsprechendem Aufwand könnte man verdeutlichen, was damit gemeint ist. Sensibel nicht nur, wenn es um die eigenen Pfründe geht. Sondern sensibel für das Miteinander, das Gemeinwohl.

Denn der kauernde Mann ist nur symptomatisch dafür, wie sehr sich viele abgeschottet haben und nicht mehr wahrnehmen, was um sie herum vor sich geht. Folglich haben sie auch keine Bringschuld dem Miteinander gegenüber. Das mit „Reizüberflutung“ zu entschuldigen, ist ungeheuer praktisch. Aber man müsste dies ja nicht auf sich beruhen lassen, wenn es einen Sponsor für die Sensibel-Kampagne geben würde.

Alltag

Dschungel braucht Lotsen oder: wenn die Telekom plötzlich den Vertrag kündigt …

„Ärzte und Krankenschwestern sind immer häufiger Mangelware“, darauf hat die Geschäftsführerin der … hingewiesen. > Die Vielzahl der Mangelware ließ mich schmunzeln. Das Zusammentreffen der Worte “häufig” und “Mangelware” wirkt komisch, auch wenn sprachlich die Aussage logisch ist. Bei Pressemitteilungen passiert das in der Eile schon mal …

Newsletter, Pressemitteilungen, Werbebriefe – sie alle berühren nicht nur unser Sprachempfinden, sondern lösen auch darüber hinaus noch etwas bei uns aus. Dieser Tage lernte ich beispielsweise ein neues Wort: Präsentismus. Es „bezeichnet ein Verhalten, bei dem Beschäftigte krank zur Arbeit gehen“. Danke! Wieder um ein Wort reicher. Hoffentlich kann ich es mir merken! Es gibt schon so viele Fremdwörter, die ich mir schwer merken kann. Trotzdem sind sie da. Niemand kann sie ungeschehen machen.

Jedenfalls muss man auf der Hut sein, wenn Post kommt. Von meiner Zahnzusatzversicherung schneien ständig Briefe scheinbar alarmierenden Charakters herein. Die Überschrift will mir immer glauben machen, die seitherigen Vereinbarungen seien dem Verfallsdatum zum Opfer gefallen und ich müsse dringend auf Neuerungen reagieren. Bei näherem Betrachten handelt es sich um Werbung – ich könnte meinen Vertrag erweitern. Also brauche nichts zu unternehmen, denn alles ist so, wie ich es für mich einst als passend gewählt habe und entspricht immer noch meinem Bedarf. Ärgern tut mich, dass ich dies ständig neu überprüfen muss, bevor ich den Brief erleichtert dem Papierkorb anvertrauen kann.

Zu überprüfen hatte ich allerdings nichts, als mir die Telekom unlängst die Kündigung für meinen Tarif schickte. Dieses Auslaufmodell wollte sie nicht länger bedienen. Den Widerspruch per Einschreiben mit Rückschein hätte ich mir sparen können, denn er wurde schlichtweg ignoriert. Es kam noch mal eine Erinnerung, dass mit 31.7.09 mein Vertrag ende und man ohne mein Zutun keine neue Vertragsbasis aktivieren könne. Um nicht ohne telefonische Verbindung zur Außenwelt zu sein, bequemte ich mich schließlich zum Telekom-Laden in der Innenstadt, um einen neuen Tarif auszusuchen. Ich konnte nur darauf achten, dass er jederzeit kündbar wäre, denn ich fühlte mich meiner Sache keineswegs sicher. Wurde ich hier über den Tisch gezogen? Was würde in einem halben Jahr an Möglichkeiten offen stehen, die zu nutzen ich mir nicht verbauen wollte?

Der Dschungel an Informationen & Möglichkeiten – wohl dem, der gute Lotsen hat!

Allgemein/Politik, Alltag, Kultur

Treffend skizziert

Kennt den noch jemand
Kennt den noch jemand?

Die East-Side Galery in Berlin wird restauriert. Hier sind Kunstwerke verblasst, die einst die Annäherunge zwischen Ost und West feierten. Es gibt Jüngere, die keinen blassen Schimmer mehr haben, dass es eine DDR gab bzw. die drei Buchstaben für ein Kürzel halten, hinter dem sich eine angesagte Band oder eine “In”-Curry-Wurst verbirgt. Aber der Mann war echt! Wie das System, dessen Schlusslicht er verkörperte. Er machte nicht das Licht aus, denn er war nicht der Letzte. Aber das Abdanken seiner Majestät ist hier gut auf die Schippe genommen! Wer den antikapitalistischen Schutzwall vor 1989 nachts am gespenstigen Potsdamer Platz einen Besuch abstattete, wird den dramatischen Blick über den Todesstreifen nie vergessen …

Allgemein/Politik, Literatur

Hohles entlarven

Bölls Originalstimme. Die CD mit seinen Satiren ist etwas Besonders. Erinnerungen an eine Zeit steigen hoch, in der viel um den heißen Brei herum geredet wurde. Deshalb Satire. Sie nimmt das aufs Korn. Das beredte Schweigen. Die Abfälschungsmanöver.

“Eine gute Zeitung erkennt man daran, was sie weg lässt”, hörte ich in meiner Ausbildung. Das prägt meine Medienrezeption bis heute. Ich bin nicht mehr so streng wie früher. Aber wenn ich mir “Dr. Murkes gesammeltes Schweigen” vergegenwärtige, wünsche ich mir die Strenge von früher zurück. Hohles gehört als “Hohles” entlarvt.

Heinrich Böll saß in Mutlangen vorm Raketendepot. Die Fotos von der Promi-Blockade gingen um die Welt. Es war eindeutig: Hier steh ich, ich kann nicht anders. Solche Unbeirrbarkeit ist selten geworden. Das macht nachdenklich.

Literatur

Sehnsucht nach Dr. Murkes Schweigen

Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart gehören für mich zusammen. So befasse ich mich für meine nächsten Buchvorstellungen jetzt wieder mit Heinrich Böll (1917 – 1985). Das Wörtchen „Gedöns“ brachte mir die Sehnsucht nach ihm bzw. nach seiner Satire “Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“. Was mich als „Spätzünderin“ ausweist, denn der Kanzler, der das „Gedöns“ gerne im Munde führte, ist längst von der Bildfläche so gut wie verschwunden. Böll aber wird bleiben.

Was bleiben meine FavoritInnen aus 2008?

„Dazwischen Lili“ von Andrea Gerster. Der Stil ist einfach gut! Die Kunst besteht hier darin, ein ernstes Thema (Pflegebedürftigkeit, Demenz) so zu verpacken, dass feine Ironie zwar das Lesevergnügen anheizt, jedoch in keinem Moment die Würde der ProtagonistInnen des Romans angetastet wird. – Nahezu konkurrenzlos ist das Buch den Magdalena Köster „Den letzten Abschied selbst gestalten. Alternative Bestattungsformen“. Es informiert unter anderem über das Bestattungsrecht, verschiedene Rituale und Trauerredner, über Friedwald, Ruheforst und Trauerpark bis hin zu ungewöhnlichen Bestattungsformen im Ausland. Die Autorin hat solide recherchiert und nennt auch weiter führende Adressen wie beispielsweise die von Aeternitas e. V., einer Verbraucherinitiative Bestattungskultur, die es bereits seit 1984 gibt. Hier wird ein Thema auf eine sehr gute Weise enttabuisiert, was zu Gesprächen anstiftet, die weit unter der Oberfläche schürfen.

Literatur

Europäische Autorinnen

Bücher europäischer Autorinnen

“Das größte Glück ist, an sich selbst zu glauben.”

Das Zitat stammt von Selma Lagerlöf (1858 – 1940), die als erste Frau den Literatur-Nobelpreis bekam. Mein gleichnamiges Programm beschäftigt sich mit Schriftstellerinnen  aus verschiedenen europäischen Ländern bzw. deren Werken. Dabei ist es mir wichtig, unter anderem Vorkämpferinnen hervor zu heben (wie z. B. Adelheid Popp, trotz schlechter Ausgangsposition Mitbegründerin der ersten österreichischen Arbeiterinnen-Zeitung), “Gladiatorinnen” (wie z. B. die Journalistin Oriana Fallaci) und “Urgesteine” wie Doris Lessing zu würdigen. In dem Streifzug hat Unterhaltsames, Spannendes und Sperriges seinen Platz. Die bisher positive Resonanz ermutigt zur Weiterentwicklung des Programms auch über den Tag der Europawahl am 7. Juni hinaus!

Allgemein/Politik

Juttas Nudeln aus dem Rosinenbomber

Vor 60 Jahren endete die Luftbrücke. In Berlin wurde gefeiert und mir fiel Jutta wieder ein. Sie lebt in Florida und hat noch ein Glas Nudeln, das aus einem “Rosinenbomber” stammt. Sie trägt sich mit dem Gedanken, ihr Leben aufzuschreiben – deshalb kamen wir miteinander in Kontakt. Auch ist zu überlegen, wo sie die historischen Nudeln letztlich lassen soll, die sie über viele Umzüge gerettet hat. Die Nachkommen könnten deren Bedeutung nicht würdigen, würden den “Schatz” womöglich entsorgen.

Schon ein grober Überblick über ihr wechselreiches Leben hat ein Telefonat von fast zwei Stunden gedauert. Eindrücklich schilderte Jutta auch die Spätfolgen der Entbehrungen aus der “schlimmen Zeit”. Doris Lessing lässt grüßen: “Ein Krieg ist nicht mit dem Waffenstillstand zu Ende.” Die Literaturnobelpreisträgerin ist 1919 geboren und formuliert dies in ihrer Autobiografie “Unter der Haut”. Und sie findet: “… wir hatten aus diesem Krieg nichts gelernt.” Gemeint ist der 1. Weltkrieg, Jutta ist ein Kind des 2. Weltkriegs …

Kultur

Gestern war Muttertag


Foto aus der Ausstellung Mothers, Myths & Memories, Largo, Florida
“Sei das ganze Jahr über anständig, dann brauchen wir keinen Muttertag zu feiern”, so ähnlich sah es meine Mutter. Mir war deshalb immer etwas beklommen zumute, wenn ich ihr zum Muttertag gratulierte und ein kleines Präsent überreichte. Wahrscheinlich hat sie den Mythos um die Mutterschaft nicht gemocht.

Zur Ausstellung von Susanne Nielsen siehe auch Einträge vom 24. + 25. April!