Archiv für das Tag 'DDR'

Sep 21 2014

Schon vor 1993 kann Günter Gaus „nicht mehr ungeniert journalistisch tätig sein“

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Gehörigen Abstand haben wir Nachgeborenen inzwischen zu Günter Gaus, der als politischer Journalist Maßstäbe setzte und 1974 – 1981 Erster Leiter der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik bei der DDR war. Er galt als vortrefflicher Interviewer, seine tv-Porträts sind im Haus der Geschichte zu finden und somit „geadelt“ als Zeitzeugnisse, die über Generationen hinweg der Orientierung dienen können. Einer Orientierung über gesellschaftliche/politische Verhältnisse im wieder erstarkenden Deutschland (West), die er mit kühler Distanziertheit transparent zu machen suchte. Wie sich diesem herausragenden Medienmann nähern, ohne zu lobhudeln oder zu polarisieren? Hans-Dieter Schütt schaffte dies auf differenzierte, gehaltvolle Weise in „Günter Gaus. Von den Hoffnungen eines Skeptikers“.

Schütt, selbst Journalist, Jahrgang 1948, hat seinen neunzehn Jahre älteren Kollegen vier Jahre nach dem Mauerfall interviewt. In einer der Antworten sagt Gaus, er nehme mehr und mehr „Grautöne wahr, und diese sind sehr viel umständlicher zu beschreiben. Ich kann schon lange nicht mehr ungeniert journalistisch tätig sein, ich stelle mir selber zu viele Fragen, bevor ich anderen eine Frage stelle, und ich erschrecke über die fraglose Selbstgewissheit vornehmlich jüngerer Journalisten heutzutage.“ Wenn ein ehemaliger Spiegelredakteur so etwas mit 64 zu Protokoll gibt, haben ihn seine Antennen vor Selbstgefälligkeit bewahrt? Konnte er seinen Horizont so entwickeln, dass er – Altersweisheit hin oder her – 2004 wirklich mit mehr Fragen als Antworten starb?

Schütt ist Herausgeber von „Günter Gaus: Was bleibt, sind Fragen. Die klassischen Interviews“. Sein „Nachdenken über den bürgerlichen Menschen“ – ausdrücklich will er das 2014 vorgelegte Buch nicht als Biografie verstanden wissen – legt nahe, dass der viel Gelobte zwar Maßstäbe sowie Marksteine gesetzt und der Transparenz höchst diszipliniert gedient hat und dennoch einiges Scheitern wegstecken musste. Aber der Reihe nach: Günter Gaus war seit 1953 durch und durch politischer Redakteur. Dank Helmut Kohl, damals noch in Rheinland-Pfalz, wurde er mit 35 Jahren Programmdirektor bei Südwestfunk Baden-Baden (der jüngste in der ARD bis heute), anschließend vier Jahre lang Chefredakteur beim „Spiegel“, bevor er die Seite wechselte und in die Politik ging, Ostberlin wurde bereits erwähnt, seit Anfang der 90er Jahre war er Mitherausgeber der Wochenzeitung „Freitag“.

34 Jahre war Gaus jung, als seine Sendung „Zur Person“ 1963 im ZDF startete (Noch-nicht-Bundeskanzler Ludwig Erhard war sein erster Gast), „Zu Protokoll“ gab es bis 1973 in der ARD, „Deutsche“ strahlte der WDR von 1984 bis 1989 aus. Gerhard Schröder durfte zwei Mal kommen, Christa Wolf auch. Das waren die Ausnahmen von der Regel, dass man nur einmal die Chance bekam, Farbe zu bekennen. Es handelte sich um die Momentaufnahme einer Person, die der „raffinierten Unantastbarkeit des höflich Fragenden“ standzuhalten hatte. Die Kunst bestand darin, dass Schonung genauso tabu war wie das Vorgeführtwerden in der heute sattsam bekannten Effekthascherei.

Obwohl er selbst einer Elite angehörte und sich dessen bewusst war, verstand er sich als solidarisch mit weniger Privilegierten. Schon in seinem Abituraufsatz erkannte er: „Der Mensch ist die einzige Münze, mit der auf dieser Welt gehandelt wird.“ Das begründete seine Haltung durchgängig und schwang auch in dem Stil mit, dass er in seinen Interviews nicht diskutierte, argumentierte oder gar stritt. Respekt, Anstand – damals Werte, die goutiert wurden und mit denen mehr zu entlarven und zu enthüllen war als mit dem heutigen Wortwechseln in Talkshows. So der Eindruck von mir als Nachgeborenen, die gelegentlich gerne Aufzeichnungen mit Gaus im Internet studiert.

Auch Schütt arbeitet das heraus, zollt dafür Anerkennung. Und attestiert, dass Gaus zuletzt auch als Erzähler veranschaulichen will, „was Menschen so widersprüchlich, letztlich so unfassbar macht“. Tief durchdringt das „Nachdenken“ des Hans-Dieter Schütt den Skeptiker Gaus. Er verschmilzt aber nicht mit ihm, sondern thematisiert ihn als – zuletzt – eine „Stimme am Rand“, beleuchtet seine Isolation in den späten Lebensjahren, verschränkt dies mit der Einstufung „gescheitert“ – worüber man auch anderer Meinung sein kann.

Dass er Gaus für etliche Jahre als „so ziemlich zwischen allen Fronten der deutsch-deutschen Geschichtsdeutung“ definiert, kann man auch so deuten, dass gerade hier eine Stärke dieses politisch Aufgeweckten liegt, der sich nicht scheute, Eitelkeit und Unsicherheit einzugestehen! Zu den Widersprüchen von Gaus gehörte wohl auch, dass er sich am Ende seines Lebens nicht mehr als Demokrat bezeichnen mochte.

Insgesamt hält sich Schütt mit subjektiven Bewertungen zurück. Das Bemühen, die Materie auch in ihren Tiefen aufzudröseln, transportiert natürlich trotzdem den Blickwinkel, aus dem der Autor die Welt sieht. Kostprobe: „Er (Gaus, A. d. V.) hielt die unantastbare Sicherheit der weniger Begüterten vor sozialen Übergriffen und vor einem fahrlässigen, gemeinen Desinteresse der Elite für den ‚inneren Kern‘ der bürgerlichen Gesellschaft. Fragen nach diesem Kern bildeten im Grunde genommen das Zentrum all seiner biographischen Befragungen, und er sah diesen Kern am Ende seines Lebens gesprengt.“

Schade, ich hätte Gaus eine günstige Bilanz gegönnt. Das zu erwähnen ist subjektiv, im journalistischen Sinne alles andere als politisch korrekt. Doch Gaus hat sich ebenfalls positioniert – wer eine Haltung hat, positioniert sich. Es ist nur wichtig, diese Haltung nicht zu verhehlen bzw. zu vertuschen. Sonst wird es unredlich. Und dies hat Gaus auch nicht gemacht. Jedenfalls ist mir nichts anderes zu Ohren oder zu Augen gekommen. Weder von Hans-Dieter Schütt, noch von anderen Eingeweihten. Nachdenkenswert noch ein letztes Zitat aus dem lesenswerten Buch: „Aber das Beharrungsvermögen, das aus einem Gestern kommt, arbeitet doch wesentlich mit an der Balance einer Welt, die sich ihre Fähigkeit für Gedächtnis bewahren möchte. Sieger machen nur Meldung, Verlierer aber Erfahrungen. Zweiteres ist womöglich wertvoller. Gaus’s Vermächtnis.“

Hans-Dieter Schütt. Günter Gaus. Von den Hoffnungen eines Skeptikers. 2014, 175 Seiten, Klappenbroschur, Dietz Berlin, 16,90 Euro, ISBN 978-3-320-02305-8

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Jun 17 2012

Geht ein Indianer zum Friseur …

Autor: . Abgelegt unter Allgemein/Politik,Kultur,Literatur

Unverhofft kommt oft – oder wie entspannend sind Witze? Seit ich einen Artikel über Lachgruppen geschrieben habe (ja, es gibt eine Lachbewegung in Deutschland!), ist mir gegenwärtig, wie vielfältig gesundheitsfördernd Humor ist. Lachen entspannt nicht nur zig Muskeln und die Seele, sondern senkt auch den Blutdruck und stärkt das Immunsystem; kurz: es hilft „heilen“. Deshalb gehen Clowns in Krankenhäuser und Altenheime, wünschen sich Männlein wie Weiblein in Heiratsanzeigen PartnerInnen „mit Humor“.

„Geht ein Indianer zum Friseur …“ Kurze Denkpause, was kommt jetzt wohl? Es muss etwas Originelles sein, mit dem niemand rechnet, sonst wäre es kein Witz. Ein Witz funktioniert, indem er gegen den Strich bürstet, gewohnte Denkbahnen durcheinander wirbelt, vielleicht auch etwas auf den Kopf stellt. In jedem Fall muss uns die Pointe überraschen: „ … zum Friseur, kommt er raus – ist sein Pony weg.

Die Stiftung „Humor hilft heilen“, gegründet von Eckart von Hirschhausen, hat sich zum Ziel gesetzt, deutschlandweit Clowns in Kliniken zu etablieren und zu fördern. Weitere Ziele kann man nachlesen unter > www.humorhilftheilen.de

Dort wird auch auf die CD hingewiesen, die Eckart von Hirschhausen mit Hellmuth Karasek in der „bar jeder vernunft“ in Berlin aufgenommen hat – „Ist das ein Witz? Kommt ein Literaturkritiker zum Arzt …“ 66 Minuten Witze, ohne dass es wie eine Aufzählung wirkt. Gut gemacht! Im booklet wird auf > www.glueck-kommt-selten-allein.de hingewiesen, eine online-Plattform, „auf der man Glück trainieren kann“ (Hirschhausen-PR inbegriffen). Der Erlös der CD kommt der Stiftung zugute.

Noch ein Witz gefällig …

Warum ist das Toilettenpapier in der DDR stets so rau?

Damit auch das letzte Arschloch rot wird.“

Aha, leicht zu identifizieren – es ist ein politischer Witz! In unterdrückerischen Systemen verschaffen sich die „Untertanen“ damit Luft. Der Witz als Ventil, als Blitzableiter. Diese Witze durften und dürfen nur hinter vorgehaltener Hand erzählt werden. Deshalb heißen sie „Flüsterwitze“. Es war gefährlich, wenn Spitzel mitbekamen, wer auf diese Art „Nestbeschmutzung“ betrieb.

Den Axel-Springer-Preis für junge Journalisten 2012 bekamen jetzt Annika Bunse und Julius Tröger für ihr Portal > http://fluesterwitze.apps.morgenpost.de/fluesterwitze_start_mittel.html Man kann wirklich herrlich an der Vergangenheit „schuppern“ dort! Das erste Buch über den politischen Witz in der DDR habe ich einst gehütet wie einen kostbaren Schatz. Doch die Preisträger gehen weit über eine bloße Sammlung hinaus und erstellten sogar ein Witz-Wissensportal und eine Witz-Weltkarte: „Je unfreier das System, desto mehr politische Witze gibt es. In Deutschland ist der Flüsterwitz seit der Wiedervereinigung tot. Nicht aber in China, Russland, Iran, … “ Hier gibt es also viel zu entdecken. Zeit mitzubringen lohnt sich. Viel Vergnügen!

Quellen: o. g. Portale/CD/booklet; Medium Magazin, Best of Axel-Springer-Preis für junge Journalisten

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Jun 28 2009

Treffend skizziert

Autor: . Abgelegt unter Allgemein/Politik,Alltag,Kultur

Kennt den noch jemand

Kennt den noch jemand?

Die East-Side Galery in Berlin wird restauriert. Hier sind Kunstwerke verblasst, die einst die Annäherunge zwischen Ost und West feierten. Es gibt Jüngere, die keinen blassen Schimmer mehr haben, dass es eine DDR gab bzw. die drei Buchstaben für ein Kürzel halten, hinter dem sich eine angesagte Band oder eine „In“-Curry-Wurst verbirgt. Aber der Mann war echt! Wie das System, dessen Schlusslicht er verkörperte. Er machte nicht das Licht aus, denn er war nicht der Letzte. Aber das Abdanken seiner Majestät ist hier gut auf die Schippe genommen! Wer den antikapitalistischen Schutzwall vor 1989 nachts am gespenstigen Potsdamer Platz einen Besuch abstattete, wird den dramatischen Blick über den Todesstreifen nie vergessen …

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