Archiv für das Tag 'Maske'

Nov 04 2020

Nachvollziehbare Bahn

Autor: . Abgelegt unter Allgemein/Politik,Literatur

„Haben Sie eine Kundenkarte?“ Die Kassiererin ist nicht sauer, als ich den Kopf schüttle, und zieht die Artikel über den Scanner. Ich möchte nicht, dass ein Konzern registriert, was ich konsumiere. Im Versandhandel kann ich allerdings nicht ausweichen, wenn gewisse Umstände zu Bestellungen dort Anlass geben. Oder haben Sie schon mal in einem Geschäft eine Nasenbrücke gesehen, die man unter die Mund-Nasen-Maske schiebt, damit die Brille nicht beschlägt? Wenn ja, kostete die dort ebenfalls nur 2,17 €? *

Allerdings verdichten sich nun ausgerechnet bei Amazon, dem vielkritisierten Konzern, die Anzeichen, dass ich im Moment eifrig auf kriminellen Pfaden unterwegs bin. Begonnen hat das mit dem Roman „Das Ding – Der Tag, an dem ich Donald Trump bestahl“ von Jürgen Neffe, gefolgt von „Tod und Irrtum“ (historischer Roman von Elke Weigel) und „Begegnungen mit einem Mörder“ von Steffen Schröder sowie jüngst „Unheil: Warum jeder zum Mörder werden kann“ von Josef Wilfling. Ich könnte diese Kette leicht erklären und auch darauf verweisen, dass ich parallel dazu andere Bücher aus der Bücherei entlieh und weitere in meiner örtlichen Buchhandlung kaufte (also nicht einseitig lese). Aber wen interessiert das? Allein die Tatsache, dass ich vor dem Einschlafen liegend einen Krampf in der Hand kriege, wenn ich gedruckte Bücher lange vors Gesicht halte, beschert Amazon jenen Umsatz, denn ich eigentlich dem Einzelhandel gönne. (Wobei man wiederum philosophieren mag, ob es nicht grundsätzlich „gesünder“ ist, sich etwas liefern zu lassen, anstatt vermeidbare Fahrten zu Einkäufen vor Ort zu unternehmen.)

Doch dieser Tage geht es sowieso um das Nachvollziehbare, weil Infektionsketten unterbrochen werden müssen. Man merke sich also (Achtung satirisch!), an wem man in der Fußgängerzone vorbei läuft und wer im Supermarkt zu nahe an das Regal herantritt, an dem wir gerade Preise vergleichen, Inhaltsangaben auf Verpackungen lesen etc. Wir sind also auf der Hut, falls wir nicht von den Zweifeln der Corona-Leugner infiziert sind.

Dieses ständige Aufderhutsein ist jedoch anstrengend und begünstigt Misstrauen: Warum hustet der Mensch in der Nachbarwohnung heute schon zum zweiten Mal laut und vernehmlich? Woher kommt Herr Müller von gegenüber, der gerade mit einem Rollkoffer einem Taxi entsteigt? Leben die zwei Händchenhaltenden an der Fußgängerampel wirklich im gleichen Haushalt? Grrr – die Anspannung ebbt an keinem Schauplatz ab! Vielleicht mag man sich bald selbst nicht mehr leiden mit all der Skepsis und dem Abgekapseltsein.

„Bleib negativ“ ist inzwischen ein vielgehörter Abschiedsgruß. Natürlich bezogen auf das Virus. Ein Wunsch mit Widerhaken, wenn man ihn erstmals hört. Möge er zum Gegenteil anstacheln, nämlich auf der Suche nach Positivem nicht nachzulassen, um dadurch das Bedrückende in den Hintergrund treten zu lassen. Dafür eignet sich besonders das Eintauchen in Literatur! In diesem Sinne darf auch die Lust auf Mord und Totschlag grassieren; der Krimi-Markt ist reichhaltig bestückt – unter anderem präsentiert  Schorlau eine neue Herausforderung für seinen Privatermittler Georg Dengler während „Ein abgezockter Sauhund“ (Cover siehe oben) von Roland Krause uns eintauchen lässt in die Szene von Münchner Kleinkriminellen bei der Jagd nach Diebesbeute & last but not least (Schwenk in ein anderes Genre und und in die Vergangenheit) lesen sich die „Spiegeljahre“ von Felix Huby fast wie ein Krimi.

* Preisfrage: Darf man überhaupt so billig einkaufen? Wer in der Produktionskette wird hierbei am meisten ausgebeutet? Unbeschwert konsumieren fühlt sich anders an.

PS.: Ungewöhnlich, aber lohnend-aufschlussreich fand ich Patrizias Schlossers „Der Arsch von Franz Josef Strauß, die RAF, mein Vater und ich“ (Cover siehe oben): Wer sind die letzten drei aktiven Mitglieder der RAF, die immer wieder bewaffnet Supermärkte und Geldtransporter überfallen? Wie überleben sie “im Untergrund”? Und gehören sie überhaupt wirklich zur RAF? Gemeinsam mit ihrem Vater, einem grantelnden bayerischen Polizisten in Rente, macht sich Patrizia Schlosser auf die Suche nach ihnen. Sie trifft Anwälte und Ermittler, ehemalige Weggefährten und RAF-Mitglieder und erhält so Einblick in eine verschwiegene Szene. 

>> Wer übrigens selbst einen Krimi schreiben und dazu Fachliteratur zu Rate ziehen will, ist gut bedient mit “An Arsen bis Zielfahndung – Das aktuelle Handbuch für Krimiautorinnen und Neugierige” von Manfred Büttner und Christine Lehmann. Auf vergnügliche und spannende Weise entschlüsseln sie die Krimiwelt, entlarven Märchen und Vorurteile. Sogar die trockensten Aspekte der Polizeiarbeit fand ich einprägsam erklärt, zumal die Fakten mit süffigen Beispielen aus Literatur und Film aufgelockert sind.

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