{"id":882,"date":"2012-08-13T13:29:03","date_gmt":"2012-08-13T11:29:03","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/?p=882"},"modified":"2017-09-18T20:47:38","modified_gmt":"2017-09-18T18:47:38","slug":"als-das-schallarchiv-noch-gegrust-wurde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/index.php\/archives\/882","title":{"rendered":"Als das Schallarchiv noch gegr\u00fc\u00dft wurde"},"content":{"rendered":"<p>Heute will ich eine Geschichte erz\u00e4hlen, die mir zu Ohren kam und zeigt, wie Erinnerungen nur so purzeln, wenn sich eine kleine \u201eInitialz\u00fcndung\u201c ereignet. Das k\u00f6nnte Sie beispielhaft inspirieren, wenn Sie Ihre Memoiren planen oder Ihre (Gro\u00df-) Eltern \u201e\u00fcber fr\u00fcher\u201c interviewen m\u00f6chten.<\/p>\n<p><span style=\"color: #0000ff;\"><strong>Wie Erinnerungen purzeln<\/strong><\/span><\/p>\n<p>Eine Frau, kaum jenseits der 50, kam durch ihr Opernabonnement in den Genuss der \u201eFledermaus\u201c. Aus der Operette von Johann Strau\u00df, uraufgef\u00fchrt 1874 in Wien, kamen ihr einige Melodien sehr bekannt vor. Die hatte sie schon als Kind geh\u00f6rt \u2013 w\u00e4hrend Mutter kochte und im Radio das 11-Uhr-Wunschkonzert lief.<\/p>\n<p>\u201eVom Telefon zum Mikrofon\u201c hie\u00df die Sendung. H\u00f6rerInnen riefen an, die Moderatorin plauderte gut gelaunt mit jenen, die ihr durchgestellt wurden und erf\u00fcllte ihren Musikwunsch. \u201eGl\u00fccklich ist, wer vergisst, waaaas doch nicht zu \u00e4ndern ist \u2026\u201c war ein Refrain, den die Menschen immer wieder h\u00f6ren wollten. Wie ging ihr das als Kind auf den Wecker! Immer diese ollen Kamellen, nie was Neues, Fetziges!<\/p>\n<p><span style=\"color: #0000ff;\"><strong>Musik weckt Stimmungen<\/strong><\/span><\/p>\n<p>Kontrast zu \u201eTrinke, Liebchen, trinke schnell, trinken macht die Augen hell \u2026\u201c \u2013 so der Titel der Arie um das launige Vergessen \u2013 war das ebenfalls viel zu oft verlangte Wolgalied \u201eEs steht ein Soldat am Wolgastrand \u2026\u201c aus der aus der Operette \u201eZarewitsch\u201c von Franz Leh\u00e1r. Das ging ihr auf dem Heimweg vom Opernhaus durch den Kopf. Sie musste dringend nach dem traurigen Zarewitsch \u201egoogeln\u201c! Dem Kind zog sich damals stets das Herz zusammen, wenn er flehentlich anstimmte: \u201eHabt ihr da droben vergessen auf mich \u2026\u201c<\/p>\n<p>Der Text wird \u2013 wie \u00fcberraschend \u2013 komplett auf wikipedia zitiert &gt; http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_Zarewitsch Auf das Vorschulkind hatte er sehr wehm\u00fctig gewirkt und an den Krieg erinnert, von dem die Erwachsenen h\u00e4ufig grausame Dinge erz\u00e4hlten. Nun gewahrte sie, dass es nicht um Schlachten ging, sondern um eine unstandesgem\u00e4\u00dfe Liebe \u2013 uraufgef\u00fchrt 1927, also lange vor Beginn des 2. Weltkriegs.<\/p>\n<p>Diese falsche Interpretation h\u00e4tte wom\u00f6glich in Axel Hackes Sammlung \u201eDer wei\u00dfe Neger Wumbaba\u201c gepasst. Damit hatte der Journalist \u201eVerh\u00f6rer\u201c in einem B\u00fcchlein ver\u00f6ffentlicht, als er augenzwinkernd feststellte, dass \u201ekaum ein Mensch je einen Liedtext richtig\u201c verstehe. Der Titel bezieht sich auf die \u201eder wei\u00dfe Nebel wunderbar\u201c aus \u201eDer Mond ist aufgegangen\u201c, ein Abendlied von Matthias Claudius. Die Fantasie wird angeregt \u2013 egal, ob die Richtung mit dem \u00fcbereinstimmt, was der Urheber aussagte oder nicht.<\/p>\n<p>Gott sei Dank suchen Assoziationen unbestechlich ihre Bahn! Das hilft oft unverhofft, Geschehnisse oder Gef\u00fchle wieder zu entdecken, die nicht so ohne weiteres zug\u00e4nglich sind wie \u2013 sagen wir mal \u2013 eine Hochzeit, von der es viele Fotos gibt. Gerade Musik hat sich als gute T\u00fcr\u00f6ffnerin f\u00fcr Atmosph\u00e4risches erwiesen, das unterschwellig einen bestimmten Zeitabschnitt pr\u00e4gte.<\/p>\n<p><span style=\"color: #0000ff;\"><strong>Rosemarie Eick und die &#8220;Gr\u00fc\u00dfe ans Schallarchiv&#8221;<\/strong><\/span><\/p>\n<p>Zur\u00fcck an den K\u00fcchentisch! Das blasse Wachstuch sieht die Frau heute noch vor sich. Was hatte sie als Kind damals eigentlich damals gemacht, w\u00e4hrend die Mutter Gem\u00fcse schnitt und mit den T\u00f6pfen hantierte? Gemalt? Gebastelt? Dazu f\u00f6rderte die Erinnerung nichts zutage. Wohl aber zur Mutter, deren flotte Fingerfertigkeit und Erwartung, man m\u00f6ge ihr aufmerksam bei Kleinigkeiten zur Hand gehen. Die Kulisse war nicht nur von dem Feuer im Herd und einem dickbauchigen Schrank bestimmt (Einbauk\u00fcchen waren damals erst im Kommen), sondern auch von dem kleinen Rundfunk-Empf\u00e4nger auf dem Arzneischr\u00e4nkchen, das an der Wand neben der T\u00fcr aufgeh\u00e4ngt war. Daraus kam \u2013 unvergessen &#8211; jene Stimme, die eine Art Wohlgef\u00fchl erzeugte, f\u00fcr die die in erster Linie angesprochenen Hausfrauen offenbar dankbar waren. Es rief jedenfalls nur alles heiligen Zeit mal ein Mann an, um einen Musikwunsch die \u00e4u\u00dfern. Wen die Moderatorin nach kurzem Hin und Her wieder aus der Leitung verabschiedete, dachte meist an die Heinzelm\u00e4nnchen im Hintergrund, die Platten oder B\u00e4nder heraussuchten und zum Abspielen in die Technik brachten: \u201eSch\u00f6ne Gr\u00fc\u00dfe ans Schallarchiv!\u201c<\/p>\n<p>Doch wem geh\u00f6rte die Stimme, die auch zur Kaffeestunde und in anderen Sendungen so angenehm klang? Es dauerte ein paar Klicks \u2013 und dann war auch dieses R\u00e4tsel gel\u00f6st. Die Besucherin der Fledermaus nahm sich vor, weiter \u00fcber Rundfunkgeschichte zu recherchieren, denn pl\u00f6tzlich hatte sie viele \u201ealte\u201c Stimmen im Ohr. Jene des Wunschkonzertes ist Rosemarie Eick zuzuordnen. Sie ist starb ein halbes Jahr vor dem Mauerfall. Eine ihrer Sendungen hie\u00df \u00fcbrigens \u201eDamals und Heute\u201c, und sie selbst hat<strong><span style=\"color: #ff00ff;\"> \u201eMit Gro\u00dfmama auf dem Kanapee \u2013 Geschichten aus meiner Kindheit\u201c<\/span><\/strong> aufgeschrieben, erschienen 1990 im Quell Verlag. Ein reizendes B\u00fcchlein, dessen Lekt\u00fcre dazu geeignet ist, weitere pers\u00f6nliche Erinnerungen anzusto\u00dfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute will ich eine Geschichte erz\u00e4hlen, die mir zu Ohren kam und zeigt, wie Erinnerungen nur so purzeln, wenn sich eine kleine \u201eInitialz\u00fcndung\u201c ereignet. Das k\u00f6nnte Sie beispielhaft inspirieren, wenn Sie Ihre Memoiren planen oder Ihre (Gro\u00df-) Eltern \u201e\u00fcber fr\u00fcher\u201c interviewen m\u00f6chten. 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