{"id":778,"date":"2012-02-12T09:49:30","date_gmt":"2012-02-12T07:49:30","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/?p=778"},"modified":"2017-09-18T20:47:39","modified_gmt":"2017-09-18T18:47:39","slug":"memoiren-wahrheitsgetreu-oder-ausgeschmuckt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/index.php\/archives\/778","title":{"rendered":"Memoiren wahrheitsgetreu oder ausgeschm\u00fcckt?"},"content":{"rendered":"<p>\u201eWarum soll man die Wahrheit suchen, wenn jeder mit seiner gut leben kann?\u201c Ich wei\u00df nicht mehr, von wem der Satz stammt, doch er bezog sich auf den Roman <strong>Das Blaue vom Himmel \u00fcber dem Atlantik<\/strong> von Emma Braslavsky. Ein hervorragendes Buch, das ich so schnell nicht vergesse. Hier eine anschauliche Rezension dar\u00fcber &gt; http:\/\/bit.ly\/x9UCmH<\/p>\n<p>Das Buch erw\u00e4hne ich deshalb, weil ich immer wieder gefragt werde, ob Memoiren denn wahr sein m\u00fcssen. Ob man sich wirklich bis ins Kleinste erinnern k\u00f6nnen muss. Ob es unschicklich oder unlauter ist, etwas auszumalen oder wegzulassen, unwissentlich falsch darzustellen oder einfach zu \u00fcbertreiben. \u201eEs kommt darauf an\u201c, leite ich gerne die Gewissenserforschung ein.<\/p>\n<p>Dazu machte eine pers\u00f6nliche Erfahrung, die mich schmunzeln lie\u00df. Wie ich bereits am 25. September 2011 in diesem Blog ausf\u00fchrte, ebnet eine \u201eZeittafel\u201c den Zugang zu Erinnerungen. (Sie finden diesen Beitrag, wenn Sie in das Suchfeld \u201eZeittafel\u201c eingeben.) Eines Tages sandte ich einige Fragmente aus meiner Zeittafel meinem Vater. Vielleicht k\u00f6nne er etwas erg\u00e4nzen und finde etwas, das zu korrigieren w\u00e4re.<\/p>\n<p>Und so kam es, dass eine feste Redewendung meiner Mutter pl\u00f6tzlich auf den Pr\u00fcfstand kam. Sie hatte von mir als einj\u00e4hrigem Kind behauptet, dass ich bei Ruhest\u00f6rungen nachts immer \u201esenkrecht im Bett stand\u201c. Ich hatte das Bild vor Augen: hochgeschreckt und von den Eltern gehalten, w\u00e4hrend unter uns die anderen Hausbewohner eine lautstarke \u201eParty\u201c veranstalteten. Diese Szene darf als zentraler Punkt in unserer Familiengeschichte gesehen werden, denn ohne diese n\u00e4chtliche Pein, die uns h\u00e4ufig zusetzte, h\u00e4tten meine Eltern nie das Abenteuer \u201eHausbau\u201c auf sich genommen. Die L\u00e4rmenden konnten damals nicht beruhigt werden, denn es handelte sich um Lehrlinge des Braugewerbes, die aufgrund des Biers, das ihre Lebensgrundlage war, nachts zur H\u00f6chstform aufliefen und f\u00fcr Beschwichtigungen unerreichbar blieben.<\/p>\n<p>Mein Vater meinte nun mehr als 50 Jahre sp\u00e4ter: \u201eDas kann nicht stimmen, denn mit in dem fraglichen Alter konntest du noch nicht stehen.\u201c Verbl\u00fcfft musste ich ihm Recht geben. Futsch war das sch\u00f6ne Bild mit \u201esenkrechten Baby im Kinderbettchen\u201c! Entweder die Formulierung meiner Mutter war lediglich im \u00fcbertragenen Sinne zu verstehen oder ich erinnere mich nicht exakt an sie. Wie dem auch sei, es wird immer mehrere M\u00f6glichkeiten geben, eine Begebenheit, \u00d6rtlichkeit oder Handlung aufzufassen und zu formulieren.<\/p>\n<p>Der ungekl\u00e4rte Tod der Gro\u00dfmutter regt in dem o. g. Roman von Emma Braslavsky sechs Enkel zu Spekulationen an, die sehr unterhaltsam sind. Wir alle bekommen damit vorgef\u00fchrt, dass jede und jeder sich seine Version der Geschichte zurechtlegt \u2013 unabh\u00e4ngig davon, wie sehr er oder sie der Wahrheit nahekommen will oder ob dies \u00fcberhaupt zu bewerkstelligen ist.<\/p>\n<p>Es gibt Menschen, die schreiben ihre Vergangenheit oder die ihrer Familie nieder, um dabei in alle Ver\u00e4stelungen vorzusto\u00dfen und Einzelheiten sowie den alles zusammenhaltenden Bogen offen zu legen. Andere wiederum haben diesen Anspruch nicht. Sie m\u00f6chten erz\u00e4hlen. Dabei hangeln sie sich an ihren Erinnerungen entlang und r\u00e4umen ein, dass ihre Fantasie manches Detail aus der Luft griff (weil es so gewesen sein k\u00f6nnte) oder Naheliegendes erg\u00e4nzte (das nicht mehr exakt zu ermitteln ist) oder etwas ins Fiktive drehte (damit die Geschichte einen gew\u00fcnschten \u201eDreh\u201c) bekam.<\/p>\n<p>Die M\u00f6glichkeit, Ungenaues oder Fabuliertes kenntlich zu machen, mag man nutzen oder auch nicht. Wie man damit die Vorstellung der Enkel und anderer RezipientInnen beeinflusst, steht auf einem ganz anderen Blatt. Grunds\u00e4tzlich gilt (auch f\u00fcr jene, die ihre Zielgruppe fest umrissen haben): man schreibt f\u00fcr sich und muss mit dem Ergebnis zufrieden sein. (Und einige leisten sich dazu einen Coach oder Ghostwriter, um sich die Arbeit zu erleichtern.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eWarum soll man die Wahrheit suchen, wenn jeder mit seiner gut leben kann?\u201c Ich wei\u00df nicht mehr, von wem der Satz stammt, doch er bezog sich auf den Roman Das Blaue vom Himmel \u00fcber dem Atlantik von Emma Braslavsky. Ein hervorragendes Buch, das ich so schnell nicht vergesse. 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