{"id":587,"date":"2011-01-26T05:18:05","date_gmt":"2011-01-26T03:18:05","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/?p=587"},"modified":"2017-09-18T20:47:41","modified_gmt":"2017-09-18T18:47:41","slug":"literaturempfehlung-raume-aufschlusseln-und-das-tanzelnde-geniesen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/index.php\/archives\/587","title":{"rendered":"Literaturempfehlung: R\u00e4ume aufschl\u00fcsseln und das T\u00e4nzelnde genie\u00dfen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Thomas Ballhausens \u201eBewegungsmelder\u201c offenbaren pr\u00e4zise Beobachtungen und reflektierte Stimmungen<\/strong><\/p>\n<p>Mit \u201eBewegungsmelder\u201c hat Thomas Ballhausen ein Buch vorgelegt, das sich in zwei Teile gliedert. Im ersten Teil \u2013 \u201eFluchtversuche\u201c \u2013 geht es um Liebe und wie schwer es ist, sich bei Entfremdung zu entziehen; im zweiten Teil \u2013 \u201eInterventionen\u201c \u2013 folgt man einem Gedankenfluss, Schr\u00e4gstriche setzen hier scharfkantige Schnitte, damit diese Selbstreflexionen einen nicht mitziehen in ungeahnte Fernen und Tiefen.<\/p>\n<p>Der 35-j\u00e4hrige Kulturwissenschaftler Thomas Ballhausen ist in \u00d6sterreich in mehreren Sparten unterwegs. So lehrt er nicht nur an die Universit\u00e4t Wien, sondern engagiert sich auch am Filmarchiv Austria, am Musik-Journal \u201eskug\u201c und war Mitbegr\u00fcnder der Autorenvereinigung \u201edie Flut\u201c. Er selbst bezeichnet sich als \u201eernsthaft\u201c und \u201eflei\u00dfig\u201c. Dennoch kann er mit Schwung, Rhythmus und Spielerischem etwas anfangen. In einem Interview hat er j\u00fcngst bekundet: \u201e\u2026ich glaube, Autorinnen und Autoren sollen schon auch tanzen k\u00f6nnen.\u201c Genau diese zwei Seiten, das T\u00e4nzelnde und das assoziativ Tiefgr\u00fcndige finden in \u201eBewegungsmelder\u201c reibungslos zueinander, und beide bilden eine ber\u00fchrende Symbiose.<\/p>\n<p>Beim Wettlesen zum Bachmann-Preis in Klagenfurt hat er nicht viel Schmeichelhaftes geh\u00f6rt. Kaum zu glauben, dass er h\u00e4ufig mit dem Etikett \u201everkopft\u201c konfrontiert wird! Spielen da Ressentiments gegen seine Genauigkeit eine Rolle? Dieses Um- und Umwenden von Sprache findet so souver\u00e4n statt, dass sowohl die Erz\u00e4hlungen als auch die mittels Schr\u00e4gstrichen getaktete Prosa intensive Stimmungsbilder entstehen lassen. Formulierungsgenauigkeit macht hier als eine Art Abenteuer Spa\u00df, weil sie die T\u00fcr zu schl\u00fcssigen Assoziationen \u00f6ffnet. Die Freude \u00fcber er\u00f6ffnete Blickwinkel und Wendungen macht wett, sich eingelassen zu haben auf zun\u00e4chst Undurchsichtiges. Das Unerwartete kommt nahe und wird im Nu vertraut, als h\u00e4tte es seit ewigen Zeiten unerkannt in einem selbst geschlummert.<\/p>\n<p>Gerne zitiert wird die Passage \u201eimmer schon ein vollkommen OFFENES Buch schreiben wollen \/ das aus T\u00fcren besteht \/ aus Angeboten \/ aus Fenstern und Durchg\u00e4ngen \/ jede Passage f\u00fchrt zu einem anderen Raum \/ schl\u00fcsselt ihn auf \/ wir basteln alle am Kontinuum\u201c. Man k\u00f6nnte dies als Bekenntnis verstehen, weil in diesem B\u00e4ndchen wirklich viele Zug\u00e4nge erm\u00f6glicht werden.<\/p>\n<p>Wenn man sich auf etwas verlassen kann, dann darauf, dass Fluchtversuche aus der Feder von Thomas Ballhausen hier nicht ins Leere laufen, sondern mit der Selbstfindung verwoben bleiben. Einer teils heiteren sogar. Der Ernst des Lebens dr\u00fcckt sich zwar in klassischem Erz\u00e4hlstoff aus \u2013 etwa bei der Beendigung einer schal gewordenen Beziehung \u2013 , doch er beherrscht nicht unbedingt den Vordergrund der Geschichte. Immer wieder dominiert hier ein Offenlassen von Schritten, die vorangegangen sein m\u00f6gen oder folgen werden. Und damit ist der Leser auf der gleichen Stufe wie der Autor. Die beiden sind sich durch das Unbenannte sehr nahe, weil nur das Jetzt z\u00e4hlt, das einen Schatten haben mag, in dem aber niemand gefangen bleiben muss.<\/p>\n<p>Wo Ballhausen \u201eDas konkurrierende Nebeneinander von Ertr\u00e4umtem und Wirklichem\u201c als \u201efast (\u2026) ungeh\u00f6rig\u201c vor Augen f\u00fchrt, ist das eine klare Aussage. Genauso sp\u00e4ter die \u201eVergangenheit, die nicht vergehen will, weil sie mir innewohnt, mich mehr bestimmt und ausmacht, als ich bereit bin einzugestehen. Es ist mir unm\u00f6glich, mit meinem Leben, meinem Sein zu brechen.\u201c Es sind sehr pr\u00e4zise Beobachtungen und Sprachbilder, die die Oberfl\u00e4che transparent machen, so dass darunter Sehns\u00fcchte und Leidenschaften gegenw\u00e4rtig werden. Sie scheinen zu brodeln, doch der Autor will mit ihnen nicht hausieren gehen. Wie ein Arch\u00e4ologe will er sie freilegen, sie aber nicht in ihrer vollen Verletzlichkeit preisgeben.<\/p>\n<p>So wirkt er wie einer in seinen Br\u00fcchen heiler Erz\u00e4hler, der R\u00e4ume entstehen lassen will. \u201eS\u00e4tze wie Widerhaken\u201c \u2013 von dieser Absicht ist die Rede. Doch es sind Sequenzen, die gr\u00fcndlich gegen den Strich gek\u00e4mmt und dadurch (gelegentlich) stachlig werden. Die sp\u00fcrbare Ehrlichkeit nimmt die ihnen die \u00e4rgste Spitze. Ist man daf\u00fcr empf\u00e4nglich, h\u00e4ngt man wie ein Fisch an der Angel \u2013 mit und ohne Widerhaken.<\/p>\n<p>Thomas Ballhausen: Bewegungsmelder. Prosa. Haymon Verlag, Innsbruck 2010. 104 Seiten, 17,90 EUR. ISBN-13: 9783852186436<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Thomas Ballhausens \u201eBewegungsmelder\u201c offenbaren pr\u00e4zise Beobachtungen und reflektierte Stimmungen Mit \u201eBewegungsmelder\u201c hat Thomas Ballhausen ein Buch vorgelegt, das sich in zwei Teile gliedert. 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