{"id":582,"date":"2011-01-25T05:37:23","date_gmt":"2011-01-25T03:37:23","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/?p=582"},"modified":"2017-09-18T20:47:41","modified_gmt":"2017-09-18T18:47:41","slug":"darf-ich-fantasiereich-fabulieren-oder-mussen-alle-episoden-wahr-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/index.php\/archives\/582","title":{"rendered":"Erinnerungen: Darf ich fantasievoll fabulieren oder m\u00fcssen alle Episoden wahr sein?"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #0000ff;\"><strong><em>Nicht nur bei Nachkommen prominenter Eltern oder bei Personen der Zeitgeschichte k\u00f6nnen Passagen von Familienepisoden Skrupel \u00a0ausl\u00f6sen. Subjektive Betrachtungen machen angreifbar. Selbst \u00a0wenn man nur das Gute und Vergn\u00fcgliche aufschreiben will, kommen in dem Text Personen vor, \u00a0\u00fcber die man vielleicht gel\u00e4stert oder gelacht hat und \u00fcber die man geteilter Meinung sein kann. Wie das formulieren, ohne dass sich jemand auf den Schlips getreten f\u00fchlt? Diese und \u00e4hnlich Klippen zu umschiffen, zeichnet sympathische Memoiren aus.<\/em><\/strong><\/span><\/p>\n<p>Etliches kann man sicher freiweg erz\u00e4hlen, ohne lange abw\u00e4gen zu m\u00fcssen. Aber einen Lebenslauf ohne heikle Punkte und Unklarheiten gibt es nicht. Was tun, wenn ich mich evtl. falsch erinnern sollte oder mich missverst\u00e4ndlich ausdr\u00fccke? Menschen, die ihre Lebensgeschichte aufschreiben wollen, haben oft knifflige Entscheidungen zu treffen.<\/p>\n<p>Immer wieder tauchen neue Zweifel und Unsicherheiten auf. Soll ich so genau wie m\u00f6glich meine Erinnerungen schildern? Wie mit Unsch\u00e4rfen umgehen, mit nicht gesicherten Informationen, mit Antipathien, ehemaligen Widersachern? Ab welchem Punkt sollte ich mich bei einem Rechtsanwalt r\u00fcckversichern, ob meine \u00c4u\u00dferungen \u00fcber diesen oder jenen Weggef\u00e4hrten unsch\u00e4dlich sind?<\/p>\n<p>All diese Fragen stehen vielleicht wie ein Berg vor dem Autor bzw. hindern ihn, einen Anfang zu finden. Angesichts solcher Fragen ist guter Rat nicht teuer. Es ist empfehlenswert, trotzdem mit dem erinnernden Schreiben zu beginnen und parallel dazu einen Fragenkatalog zu f\u00fchren. Es w\u00e4re eine Ausnahme, wenn die erste Fassung eines Textes auch die letzte w\u00e4re. Man darf davon ausgehen, dass bei so einem Werk viel \u201egefeilt\u201c wird, bis der eigene Geist damit zufrieden ist. Also ist genug Zeit, Zweifel, Unw\u00e4gbarkeiten und Fragen zu er\u00f6rtern und zu kl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Bevor man externe Experten einschaltet, kann man sich selbst fragen, ob denn alles wahr sein muss, was man \u00fcberliefern will. Kann da nicht auch stehen: Onkel Erwin zeugte mit Tante Erna drei Kinder. Die weiteren sieben Kinder, von denen immer wieder die Rede war, k\u00f6nnen im Bereich der Legende angesiedelt sein, denn Onkel Erwin entzog sich unserer Familie. 1951 ging er nach Australien und sorgte daf\u00fcr, dass hier einige Informationen \u00fcber sein angeblich gro\u00dfartiges Leben dort in Umlauf kamen. \u00dcberpr\u00fcfen konnten wir diese freilich nicht. Ich gebe also hier ungesicherte Ger\u00fcchte wieder, wenn ich von \u2026 erz\u00e4hle.<\/p>\n<p>Das w\u00e4re eine M\u00f6glichkeit, solide zu bleiben, ohne etwas Interessantes hinterm Berg halten zu m\u00fcssen. Man kann aber auch bewusst in den Bereich der Fiktion gehen und schreiben: Dass Onkel Erwin in Australien eine gl\u00e4nzende Karriere machte, sollten wir glauben, denn das stand auf jenen knappen Postkarten, die zu Weihnachten kamen. Mangels realistischer Informationen habe ich mir schon fr\u00fch eine Geschichte \u00fcber Onkel Erwin zurechtgelegt. Mit der Wahrheit hat diese freilich nichts zu tun. Aber ich finde sie trotzdem erz\u00e4hlenswert: Y \u2026 Y \u2026 Z \u2026-<\/p>\n<p>Nachdem man die eigene Fiktion zum Besten gegeben hat, kennzeichnet man das Ende dieser Passage mit einem Schr\u00e4gstrich &gt;&gt; \/ Ende meiner Lieblingsgeschichte \u00fcber Onkel Erwin, die zu 99 Prozent ein Produkt meiner Fantasie ist. Einer Fantasie, die sich seit mehr als 35 Jahren ausmalt, wie es in diesem Zweig unserer Familie in Australien wohl zugehen mag.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicht nur bei Nachkommen prominenter Eltern oder bei Personen der Zeitgeschichte k\u00f6nnen Passagen von Familienepisoden Skrupel \u00a0ausl\u00f6sen. Subjektive Betrachtungen machen angreifbar. Selbst \u00a0wenn man nur das Gute und Vergn\u00fcgliche aufschreiben will, kommen in dem Text Personen vor, \u00a0\u00fcber die man vielleicht gel\u00e4stert oder gelacht hat und \u00fcber die man geteilter Meinung sein kann. 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