{"id":336,"date":"2010-04-27T23:05:13","date_gmt":"2010-04-27T21:05:13","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/?p=336"},"modified":"2017-09-18T20:47:43","modified_gmt":"2017-09-18T18:47:43","slug":"die-spargelfrau-und-ihre-not","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/index.php\/archives\/336","title":{"rendered":"Die Spargelfrau und ihre Not"},"content":{"rendered":"<p>Allerorts schie\u00dfen die Spargelh\u00fctten aus dem Boden. Sie vermehren sich, denn frischer Spargel ist beliebt, der Markt f\u00fcr einheimische Anbieter hat sich im letzten Jahrzehnt dynamisch entwickelt. Gekauft wird gerne vom Direktvermarkter.<\/p>\n<p>Das Gesch\u00e4ft mit dem Spargel bl\u00fcht also, ist aber sehr personalintensiv. So meldet eujob24.de am 24. April: \u201eIn den ersten drei Monaten des Jahres 2010 bekam die Bundesagentur f\u00fcr Arbeit ca. 84 000 Anforderungen f\u00fcr Arbeiter aus dem Ausland in der Landwirtschaft.\u201c Das Saisongem\u00fcse ist somit auch verkn\u00fcpft mit internationalem Austausch, wie in vielen Reportagen \u00fcber gemeinsames Feiern und Gegenbesuche deutscher Landwirte in Polen oder Rum\u00e4nien usw. zu lesen ist.<\/p>\n<p>Der Spargel kommt immer n\u00e4her zum Endverbraucher. Bis zur n\u00e4chsten H\u00fctte waren es bislang neun Kilometer, jetzt wurde eine neue H\u00fctte auf halber Strecke zum n\u00e4chsten Dorf errichtet, wohin man bequem spazieren oder radeln kann. Der erste Einkauf dort warf aber auch ein Licht auf den Nachteil des Standorts.<\/p>\n<p>Eine Kundin fragte die Verk\u00e4uferin ganz direkt: \u201eWohin k\u00f6nnen Sie denn aufs Klo gehen?\u201c Die Antwort: \u201eJa, morgen kommen die Erdbeeren.\u201c Mit einem unguten Gef\u00fchl schaute ich mich um: kein Haus oder dichtes Geb\u00fcsch in der N\u00e4he. Pausenzeiten waren am Stand nicht angeschrieben. Die Verk\u00e4uferin sitzt wie auf einem Pr\u00e4sentierteller \u2013 und verstand die deutsche Sprache offenbar nur leidlich. Oder wollte sie in diesem Fall nur h\u00f6flich ausweichen?<\/p>\n<p>Die Kundin lie\u00df ich aber nicht beirren und insistierte weiter. Z\u00f6gerlich kam dann: \u201eDas ist ein Problem.\u201c Und sehr engagiert hinterher: \u201eAber das ist nur meine pers\u00f6nliche Meinung!\u201c Also blo\u00df nichts Schlechtes \u00fcber den Job sagen! Die Freundlichkeit gegen\u00fcber dem Arbeitgeber gestattete es dennoch, dass sie preisgab: Um jeden Tag um acht Uhr mit dem Spargelverkauf beginnen zu k\u00f6nnen, muss die junge Frau um vier Uhr morgens aufstehen. Der langen Wegezeit ist auch geschuldet, dass sie nachts nur knapp f\u00fcnf Stunden schl\u00e4ft, denn ihr Dienst endet erst um 19 Uhr.<\/p>\n<p>Der Spargel schmeckte gut, auch an den folgenden Tagen. Doch die Not der Einzelk\u00e4mpferin sitzt immer mit am Tisch. Gestern fragte ich sie: \u201eHaben Sie eine Abl\u00f6sung, wenn Sie mal Pause machen m\u00f6chten?\u201c \u201eNein, aber gleich bringt mir eine Kundin etwas zu trinken. Ich habe heute meine Wasser-Flasche daheim vergessen.\u201c<\/p>\n<p>Bei welchem Discounter durften die Kassiererinnen w\u00e4hrend der Arbeitszeit nicht zur Toilette? Die Diskussion darum wich jener \u00fcber die \u00dcberwachungsma\u00dfnahmen. Fazit damals: Zeichen setzen und anderswo einkaufen. Nun wirft sogar Saisongem\u00fcse im netten kleinen Stand auf der gr\u00fcnen Wiese Fragezeichen auf.<\/p>\n<p>Das Reflektieren von Arbeitsbedingungen und der eigenen Konsumhaltung kann das Leben ganz sch\u00f6n kompliziert machen! Mitnehmen, was die Welt zu bieten hat, und Schwamm dr\u00fcber \u2013 ist es das, was am besten mit dem Zeitgeist harmoniert?<\/p>\n<p>Einen eleganten Ausweg bietet das Brecht-Zitat, mit dem schon Marcel Reich-Ranicki einst das Literarische Quartett (1988 \u2013 2001 im ZDF) klug zu beenden wusste: <em>\u201eUnd so sehen wir betroffen \/ Den Vorhang zu und alle Fragen offen.\u201c<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Allerorts schie\u00dfen die Spargelh\u00fctten aus dem Boden. Sie vermehren sich, denn frischer Spargel ist beliebt, der Markt f\u00fcr einheimische Anbieter hat sich im letzten Jahrzehnt dynamisch entwickelt. Gekauft wird gerne vom Direktvermarkter. 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