{"id":252,"date":"2009-11-12T01:42:36","date_gmt":"2009-11-11T23:42:36","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/?p=252"},"modified":"2017-09-18T20:47:44","modified_gmt":"2017-09-18T18:47:44","slug":"depression-so-schwer-wie-krebserkrankung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/index.php\/archives\/252","title":{"rendered":"Depression so schwer wie Krebserkrankung"},"content":{"rendered":"<p>2001 sorgte ein Buch f\u00fcr Furore: Mit <strong>&#8220;Saturns Schatten. Die dunklen Welten der Depression&#8221;<\/strong> (S. Fischer Verlag, Frankfurt\/Main) belegte Andrew Solomon Wesen und Untiefen von Depressionen. Nach eigenen Nervenzusammenbr\u00fcchen und Selbstmordversuchen sei er \u2013 so oft zu lesen in lobenden Rezensionen \u2013 ein \u201eReisender in Sachen Depressionen\u201c geworden, interviewte Betroffene (sogar in Gr\u00f6nland und Afrika), lieferte vielf\u00e4ltige kulturspezifische und sozialpsychologische Analysen und diskutierte die therapeutische Praxis. Bei ihm erfuhr ich erstmals, dass <strong>eine Depression in der Belastung und Konsequenz der Schwere einer Krebserkrankung in nichts nachstehe<\/strong>.<\/p>\n<p>Zu dem Zeitpunkt hatte die Krankheit in Europa bereits einen prominenten Vertreter: Von Claus von Amsberg, Prinzgemahl von K\u00f6nigin Beatrix der Niederlande, war bekannt, dass er unter Depressionen litt. Und das, obwohl er zum beliebtesten Mitglied der K\u00f6nigsfamilie avanciert war.<\/p>\n<p>Damals sch\u00f6pfte ich Hoffnung, dass sich Vorurteile gegen\u00fcber depressiven Menschen (von \u201egaga\u201c bis \u201eunberechenbar\/gef\u00e4hrlich\u201c usw.) langsam aufzul\u00f6sen beg\u00e4nnen. Wie oft hatte ich Menschen von schlimmen Mobbing-Prozessen berichten h\u00f6ren, die nicht aufgegeben hatten, sondern alle Kr\u00e4fte mobilisierten, um die Stirn zu bieten und ihren seelischen Qualen nicht die Oberhand zu lassen, die tiefen \u201eDurchh\u00e4nger\u201c in der hintersten Schublade verschlie\u00dfend.<\/p>\n<p>Immer noch war tabu, sich von \u201eSeelenklempnern\u201c Hilfe zu holen. Wer es dennoch tat, schlug den Kragen hoch, um beim Betreten des Hauses mit dem entsprechenden Praxisschild nicht erkannt zu werden. \u201eIch gehe zur Krankengymnastik und R\u00fcckenmassage\u201c ist salonf\u00e4hig, aber nicht: \u201eHeute muss ich p\u00fcnktlich Feierabend machen, weil ich eine Sitzung bei meinem Psychotherapeuten\/Psychiater habe.\u201c Wer nach l\u00e4ngerem Klinik-Aufenthalt ohne physische Diagnose einen beruflichen Neustart anstrebt(e), musste und muss eine gute Legende erfinden, um \u201eunverd\u00e4chtig\u201c im Kreis der Bewerber aufgenommen zu werden.<\/p>\n<p>B\u00fccher \u00fcber Depressionen sind genug geschrieben worden. Von Fachleuten wie von Betroffenen. Sogar Sportler haben sich schon geoutet \u2013 wie Fu\u00dfballer Sebastian Deisler (Biografische Aufarbeitung \u201eZur\u00fcck ins Leben\u201c). Dennoch: Die Reaktionen nach dem tragischen Tod von Torwart Robert Enke verraten, dass offenbar alle zu t\u00e4uschen gewesen sind.<\/p>\n<p>Daraus ergeben sich mehrere Fragen: Ist so eine &#8220;T\u00e4uschung&#8221; etwa h\u00f6chst willkommen, um nicht mit der eigenen Hilflosigkeit gegen\u00fcber einem an Depression erkrankten Menschen oder psychischer Verletzlichkeit schlechthin konfrontiert zu sein? Wie stumpf sind die Antennen f\u00fcr Labilit\u00e4t, Niedergeschlagenheit, Aufgesetztem? Wie unerbittlich muss man in unserem Land mithalten k\u00f6nnen, Normen (\u00fcber-)erf\u00fcllen, dem Bild des Starken und Unersch\u00fctterlichen entsprechen?<\/p>\n<p>Jetzt d\u00fcrfen selbst die markantesten Typen weinen \u2013 sogar auf Pressekonferenzen vor laufenden Kameras.<\/p>\n<p>Doppelte, ja sogar dreifache Sensibilit\u00e4t muss der Kranke aufbringen: einerseits muss er mit seiner Depression so balancieren, dass sie ihn nicht in eine Katastrophe f\u00fchrt, andererseits muss er umgehen lernen mit dem Diktat der Leistungsnorm (\u201ekeine Schw\u00e4che zeigen, nicht auffallen\u201c) und obendrein vermeiden, dass seine Traurigkeit die Abschottungen der Nahestehenden durchdringt, um ihre \u00c4ngste vorm Aus-dem-Tritt-kommen nicht zu wecken. Eine schwere und fatale Anstrengung! Warum wird das Schwere nicht den vermeintlich Gesunden aufgeb\u00fcrdet? Warum muss der Schwache mehr leisten als sie?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2001 sorgte ein Buch f\u00fcr Furore: Mit &#8220;Saturns Schatten. Die dunklen Welten der Depression&#8221; (S. Fischer Verlag, Frankfurt\/Main) belegte Andrew Solomon Wesen und Untiefen von Depressionen. 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