{"id":228,"date":"2009-09-08T09:48:06","date_gmt":"2009-09-08T07:48:06","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/?p=228"},"modified":"2017-09-18T20:47:44","modified_gmt":"2017-09-18T18:47:44","slug":"schlemmer-schlammer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/index.php\/archives\/228","title":{"rendered":"Schlemmer &#038; Schl\u00e4mmer"},"content":{"rendered":"<p>Es gab schon mal einen Schl<strong>e<\/strong>mmer: in Billy Wilders rasanter Kom\u00f6die \u201eEins, zwei, drei\u201c. Sie erreichte kurz nach dem Mauerbau die Kinos. Ost und West \u2013 beide Systeme bekamen ihr Fett ab. Das Publikum erkor das Meisterst\u00fcck erst sp\u00e4ter zum Kultfilm, als die Trauer \u00fcber den antikapitalistischen Schutzwall incl. Schie\u00dfbefehl sich abk\u00fchlte und das Aufbegehren gegen die Teilung sich in eine unbestimmbare L\u00e4nge zog.<\/p>\n<p>Schl<strong>e<\/strong>mmer war damals ein Zeitgenosse der \u201ealten Schule\u201c, der die Hacken zusammen schlug, wenn sein Chef ihm etwas zubellte. Er bellte ihm auch zu, dass er diese Zuchtbezeugungen unterlassen solle \u2013 vergebens. Schlemmer blieb ein zackiger Untertan. Nicht ohne Selbstbewusstsein, zuverl\u00e4ssig unverbesserlich.  Eine Nebenfigur, die man sich leicht merken konnte. Es war klar, welche Epoche hier auf die Schippe genommen werden sollte.<\/p>\n<p>Nun zieht ein neuer Schl<strong>\u00e4<\/strong>mmer \u2013 diesmal mit \u201e\u00e4\u201c \u2013 das Publikum in seinen Bann. <strong>Horst Schl\u00e4mmer<\/strong> ist eine Kunstfigur von Hape Kerkeling, der u. a. als Moderator, Komiker und Schauspieler zu den \u201eAngesagten\u201c in der Medien-Szene geh\u00f6rt. Mit \u201eIsch kandidiere\u201c bugsiert Kerkeling seine Kunstfigur kurz vor der Bundestagswahl ins Rampenlicht. Es hei\u00dft, die Bundesb\u00fcrger k\u00f6nnen mit Schl<strong>\u00e4<\/strong>mmer aus Grevenbroich mehr anfangen als mit anderen \u2013 realen \u2013 Bewerbern, die in der Politik um Sympathien und Glaubw\u00fcrdigkeit ringen.<\/p>\n<p>Freilich ist der Film \u00fcber Horst Schl<strong>\u00e4<\/strong>mmer und seine Partei halb so hinrei\u00dfend wie einst Billy Wilders Kom\u00f6die. Es bleibt jedoch bemerkenswert, wodurch er \u201egl\u00e4nzt\u201c. Der Zeitgeist der Unsch\u00e4rfe wird hier gekonnt verk\u00f6rpert. Das allseits beliebte Durcheinander (Hauptsache \u201eaction\u201c) bedarf keiner Verbindlichkeit, Alleinstellungsmerkmale gehen bis auf einzelne \u00c4u\u00dferlichkeiten im Gesuppe unter. Es gibt wunderbare Szenen, die die Beliebigkeit bestens treffen. Die Vorliebe f\u00fcr Mittelma\u00df oder weniger h\u00e4tte nicht besser unterstrichen werden k\u00f6nnen. Das war wohl die Absicht und das ist gelungen. Dank eines sehr professionellen Hape Kerkeling, der in mehrere Rollen schl\u00fcpft und es auch verstand, viel Prominenz mit ins Boot zu ziehen \u2013 angefangen bei J\u00fcrgen R\u00fcttgers (derzeit Ministerpr\u00e4sident in Nordrhein-Westfalen) bis zu Formel-1-Rennfahrer Michael Schumacher. Auch die Frauen kommen in ihren Rollen gut weg &#8211; um einen weiteren Pluspunkt nennen.<\/p>\n<p>\u201eSchl<strong>\u00e4<\/strong>mmer h\u00e4tt\u2019s nicht kommen k\u00f6nnen\u201c \u2013 wie k\u00f6stlich doch die Einigkeit in diesem Empfinden, das eigentlich die Bundespolitik und ihr Wahlkampfgebaren meint und nicht die Handlung in \u201eIsch kandidiere\u201c! Dabei kommt r\u00fcber, dass die realen Politgr\u00f6\u00dfen die sinnentleerten Rituale weder sch\u00e4tzen, noch aufzul\u00f6sen verstehen. Alle sitzen im gleichen Boot, nur einer will es anders machen \u2013 Horst Schl<strong>\u00e4<\/strong>mmer eben. Aber auch ihm verschwimmen die neuen Ufer, bevor er sie erreicht.<\/p>\n<p>Schl<strong>e<\/strong>mmer und Schl<strong>\u00e4<\/strong>mmer \u2013 zwei Figuren, die unterschiedlicher nicht sein k\u00f6nnten. Jener schlaksige Kerl, der bei Billy Wilder Gehorsam bis in den letzten Blutsropfen symbolisiert, war ein Typ, an dem man sich h\u00e4tte abarbeiten k\u00f6nnen, wenn man in tats\u00e4chliche Gegnerschaft zu ihm getreten w\u00e4re. In der Folge solcher Typen erlebten die sogenannten \u201e68er\u201c ihre unvergessliche Bl\u00fcte. An Schl<strong>\u00e4<\/strong>mmer kann man sich nicht reiben. Er ist zwar kein Tollpatsch, bei dem man alles entschuldigen m\u00f6chte, aber er schafft es auch nicht in wirklich die \u201ePfui-Ecke\u201c, die unweigerlich Schaum vorm Mund oder Blitze in den Augen seiner Kritiker bzw. Widersacher hervorrufen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Hape Kerkeling stellt <em>ein System<\/em> in Frage \u2013 Billy Wilder <em>zwei Systeme<\/em> (noch dazu an einer ihrer empfindlichsten Nahtstellen). 1961 stand die Zeit auf Polarisierung. Im Gegensatz dazu sehen sich 2009 K\u00fcnstler eher einem \u00e4rgerlichen Wischiwaschi gegen\u00fcber, dass irgendwie ausgehebelt geh\u00f6rt. Die Angriffe darauf m\u00f6gen hoffentlich ins Bewusstsein tr\u00f6pfeln, scheinen f\u00fcr den Moment aber trotz hoher Perfektion erst mal seltsam harmlos, ja fast zahnlos und von liebensw\u00fcrdiger Toleranz durchzogen. \u201eLeben und leben lassen\u201c als Motto \u2013 auch wenn es sich selbst bis zu einem gewissen Punkt konterkariert \u2013 taugt als bei\u00dfende Grundlage f\u00fcr eine Kritik an den \u00c4rgernissen des politischen Jonglierens wenig. Die Langzeitwirkung bleibt abzuwarten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gab schon mal einen Schlemmer: in Billy Wilders rasanter Kom\u00f6die \u201eEins, zwei, drei\u201c. Sie erreichte kurz nach dem Mauerbau die Kinos. Ost und West \u2013 beide Systeme bekamen ihr Fett ab. Das Publikum erkor das Meisterst\u00fcck erst sp\u00e4ter zum Kultfilm, als die Trauer \u00fcber den antikapitalistischen Schutzwall incl. 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