{"id":1673,"date":"2019-11-01T13:31:49","date_gmt":"2019-11-01T11:31:49","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/?p=1673"},"modified":"2021-05-22T17:51:22","modified_gmt":"2021-05-22T15:51:22","slug":"trauer-erinnerung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/index.php\/archives\/1673","title":{"rendered":"Trauer &#038; Erinnerung"},"content":{"rendered":"\n<p>Schwarzgekleidete entfernen sich vom Friedhof. V\u00f6llig\nklar, wer zum \u201eengsten Kreis\u201c geh\u00f6rt und zu einem Kaffee eingeladen ist. Auch\njene, die Geburtstage wegen \u201eTerminschwierigkeiten\u201c vers\u00e4umten, haben jetzt\nZeit. Die Angeh\u00f6rigen haben vorl\u00e4ufig genug geweint. Die Trauer kommt sowieso\nsp\u00e4ter. <\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/park-sand-muschel-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-530\" width=\"512\" height=\"384\" srcset=\"https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/park-sand-muschel-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/wp-content\/uploads\/2010\/11\/park-sand-muschel-300x224.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 512px) 100vw, 512px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Doch was bleibt von der\/dem Verstorbenen? Welche Bilder setzen sich endg\u00fcltig fest, welche Episoden \u00fcberleben? War die Trauerrede aufschlussreich? Hat sie Erinnerungen der G\u00e4ste aufgefrischt, diese vielleicht sogar erg\u00e4nzt oder enthielt sie wom\u00f6glich eine Korrektur alter Spekulationen? Was w\u00fcrde der oder die Verstorbene dazu sagen?<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wechseln wir sie Szene. <\/em>Eine Freundin k\u00fcndigt an, sie schickt mir den Text, der an ihrem Grab vorgelesen werden soll. Auch ihr Bestatter wei\u00df davon. In einem \u201eVorsorge-Gespr\u00e4ch\u201c hatte sie mit ihm alles geregelt, da aufgrund ihrer unheilbaren Krankheit m\u00f6glicherweise nicht mehr viel Zeit bliebe. Ihrem Sohn sollten im Sterbefall leidvolle Entscheidungen erspart bleiben. Wenig sp\u00e4ter staune ich, dass dieses Leben nicht mehr als ein DIN-A-Blatt beansprucht. \u201eMehr muss man von mir nicht wissen\u201c, so meine Freundin, zu der diese Art von Minimalismus passt. Keinerlei Ehrgeiz, anderer Leute Erinnerungen beeinflussen zu wollen. <\/p>\n\n\n\n<p><em>Abermaliger Szenenwechsel.<\/em> Das Geburtstagskind bittet die fr\u00f6hliche Tischrunde um Aufmerksamkeit: \u201eFr\u00fch habe ich Vater und Mutter verloren, ohne sie gen\u00fcgend \u00fcber ihr Leben ausgefragt zu haben. Ich will, dass Ihr \u00fcberliefert bekommt, was mir wichtig war und ist, was mich geformt hat, wovon ich mich freigeschwommen habe, welchen Werten und Visionen ich folgte. Dank der Rente habe ich jetzt Zeit und Mu\u00dfe, alles aufzuschreiben. Und wenn ich 100 Jahre alt werde, entsteht keine Ratlosigkeit \u00fcber meinen Nachruf, weil m\u00f6glicherweise keiner von meinen Weggef\u00e4hrten mehr Auskunft geben kann.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Sein Neffe will das forsch abtun, weil ja \u201eimmer jemand da ist, der Daten rekonstruieren kann.\u201c \u201eUm Daten geht es nicht\u201c, f\u00e4llt ihm eine Cousine ins Wort. \u201eAnekdoten geben Auskunft \u00fcber Haltung, Br\u00fcche und Richtung eines Lebens. Und die m\u00fcssen notiert sein, denn Erinnerungen sind vage, manchmal auch l\u00fcckenhaft.\u201c &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zugegeben \u2013 diese Montage von Szenen steuert absichtsvoll auf den Punkt zu, dass Gedanken um die Endlichkeit des Lebens unbeliebt sind und somit Vorausschauendes unterbleibt. <strong>Gemeint ist, sich beizeiten die Hoheit dar\u00fcber zu sichern, was von einem in der Welt bleibt, wenn man diese verlassen hat.<\/strong> Ob das nun Memoiren sind oder einfach Stichpunkte bzw. Skizzen von einzelnen Lebensstationen \u2013 die Nachgeborenen werden zu sch\u00e4tzen wissen, <strong>im O-Ton das zu erfahren, was sie nicht erfragt oder vergessen haben.<\/strong> <\/p>\n\n\n\n<p>Freilich k\u00f6nnen jene, die die Beisetzung ausrichten, Auskunft\n\u00fcber den Verstorbenen geben, wenn eine Trauerrede erstellt werden soll. Doch\nwas macht die Trauerrednerin, wenn die Perspektive eines langj\u00e4hrigen\nEhepartners fehlt, weil dieser zuvor gestorben oder aufgrund einer Trennung\nnicht mehr greifbar ist? Kinder haben Vater oder Mutter erst kennengelernt, als\ndiese bereits erwachsen waren, und noch sp\u00e4ter erst begreifen gelernt. Somit\nist ihr Blickwinkel ein anderer als der der Generation davor. Zudem ist es\nnicht selten, dass sich Kinder widersprechen \u2013 der eine hat die Mutter zaudernd\nerlebt, der andere als dominant. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wobei die Trauerrede nur eine <em>Augenblickssache<\/em> ist. Sie ist das Nadel\u00f6hr, durch das man sich beim Abschied auf dem Friedhof zu schl\u00e4ngeln hat. Sie dient der Balance zwischen Aufgew\u00fchltsein und der Vernunft, die die sterblichen \u00dcberreste dem Friedhof \u00fcbereignet. Sie soll zur Ruhe f\u00fchren, dem inneren Frieden mit dem Schicksal den Weg bereiten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Weitreichender ist die Spur, die ein Mensch hinterl\u00e4sst.<\/strong> Er war zweifelsohne mehr als die Summe aller Worte, die man \u00fcber ihn verliert. Er wird unweigerlich in Mosaiksteinchen erinnert. Die Schwester erinnert andere Momente als die Angetraute oder der Sohn, der Blickwinkel der einstigen Schulkameradin unterscheidet sich von dem der Nachbarin oder dem des Hausarztes. <em>Das alles zusammenzubinden, w\u00e4re eine gro\u00dfe Aufgabe, bei der dennoch niemand gew\u00e4hrleisten k\u00f6nnte, dass das Ergebnis dem Erinnerten gerecht w\u00fcrde. <\/em>Dieser selbst verleiht sich <strong>Authentizit\u00e4t<\/strong>, indem er allen Hinterbliebenen an die Hand gibt, was aus seiner Sicht im Ged\u00e4chtnis behalten werden soll.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Stilleben-Bandk-Florida-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1574\" width=\"512\" height=\"384\" srcset=\"https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Stilleben-Bandk-Florida-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Stilleben-Bandk-Florida-300x225.jpg 300w, https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Stilleben-Bandk-Florida-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 512px) 100vw, 512px\" \/><\/figure><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schwarzgekleidete entfernen sich vom Friedhof. 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