{"id":1604,"date":"2019-01-29T19:23:10","date_gmt":"2019-01-29T17:23:10","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/?p=1604"},"modified":"2021-05-22T20:10:07","modified_gmt":"2021-05-22T18:10:07","slug":"verbrechen-aus-2-ansichten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/index.php\/archives\/1604","title":{"rendered":"Verbrechen aus zwei Ansichten"},"content":{"rendered":"\n<p>F\u00fcr mich ist immer interessant, welche B\u00fccher zu Anfang des Jahres meine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Diesmal waren es zwei, die einen guten Eindruck hinterlie\u00dfen. Eines ist aus 2018 und eins aus 1984. Beide haben mit Kriminalit\u00e4t zu tun, aber auf sehr unterschiedliche Art.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Cover-Knastfrauen-1-e1548701653631-576x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1594\" width=\"288\" height=\"512\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Wer sich daf\u00fcr interessiert, wie Menschen im Gef\u00e4ngnis leben, kann sich den \u201eTatsachenbericht\u201c von Tilmann Sch\u00e4fer vornehmen (incl. Glossar 228 Seiten). Er gewann seine Einblicke, als er zwei Jahre lang als Arbeitstherapeut Tag f\u00fcr Tag mit Gefangenen zu tun hatte. Der Verlag Schwarzkopf &amp; Schwarzkopf spendierte ihm zwar ein sensationsheischendes Cover, doch der Autor hat seine 32 Kapitel sehr solide verfasst und widerspricht damit auf angenehme Weise dem \u201elauten\u201c Outfit.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eKnastfrauen\u201c<\/strong> schildert nicht nur die Arbeitstherapie, sondern den ganz normalen Alltag, viele Hintergr\u00fcnde, Zusammenh\u00e4nge und Entwicklungen. Dabei betont Sch\u00e4fer immer wieder, dass Verbrechen verwerflich bleiben, auch wenn sie herleitbar sind aufgrund von Umst\u00e4nden, die die Menschen davor gepr\u00e4gt haben. In keinem Abschnitt wird das System \u201eKnast\u201c kritisiert. Vielmehr bringt der Autor auch die Aufgaben der Bediensteten n\u00e4her sowie die Regeln, nach denen alles funktionieren muss \u2013 Arbeit, Freizeit, Einkauf, Besuch usw. \u00dcber niemanden wird der Stab gebrochen. Es handelt sich schlicht und ergreifend um Lebensl\u00e4ufe, die anders sind als bei den meisten Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich gilt es, sperrige Gefangene, Quertreiberinnen, Intrigantinnen so zu lenken, dass ihr Einf\u00fcgen in die Gemeinschaft nach und nach immer besser gelingt. Es gibt aber auch sehr viel Sch\u00fcchternheit im Knast, mangelndes Selbstbewusstsein \u2013 und das nicht selten versteckt hinter einen gro\u00dfen Klappe oder betonter Kratzb\u00fcrstigkeit. Das Eingesperrtsein gibt den Rahmen vor, indem Sozialisation nachgeholt werden kann und sollte. Auflehnung ist da nur kontraproduktiv. Und die meisten Gefangenen begreifen, dass es hier um mehr geht als nur Strafe.<\/p>\n\n\n\n<p>Tilmann Sch\u00e4fer schildert das sehr eing\u00e4ngig, so dass man sich seri\u00f6s informiert f\u00fchlt. Man mag dar\u00fcber streiten, ob die eine oder andere Straffung dem Stoff gut getan h\u00e4tte. Manches Einf\u00fchlen bedarf aber das Umkreisen des zu Schildernden. So geht der Stil Hand in Hand mit einer fundierten Gewissenhaftigkeit, die diesem Report seine anerkennenswerte Qualit\u00e4t verleiht.<\/p>\n\n\n\n<p>Buch Nummer zwei ist ein Krimi, von dem ich schon im letzten Jahrhundert begeistert war. \u201e<strong>Nachtanschluss<\/strong>\u201c von John Lutz ist gute Unterhaltung und l\u00e4sst Gef\u00fchle aus dem Zeitalter von Telefonzellen und sonstigem Ger\u00e4t der 80er Jahre wieder ein wenig aufflackern. Nudger, der klamme Privatdetektiv, kaut st\u00e4ndig Magentabletten und hat diverse Morde aufzukl\u00e4ren, die m\u00f6glicherweise zusammenh\u00e4ngen. Er k\u00f6nnte es sich leicht machen, indem er einem Bestechungsversuch nachgibt, was aber f\u00fcr ihn nicht in Frage kommt. Statt dessen stolpert er sogar in eine Liebesgeschichte, bei der in der Schwebe bleibt, ob es sich um Augenwischerei mit Entt\u00e4uschungspotential handelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Tempo der Szenen ist nicht allzu rasant. Man hofft st\u00e4ndig, dass der Detektiv nicht allzu viel einstecken muss (denn er wird teilweise beschattet), nichts Wichtiges \u00fcbersieht, keiner falschen F\u00e4hrte erliegt. Selbstverst\u00e4ndlich geht es um zweifelhafte Zwischenwelten, unheimliche Konstellationen, Handgreiflichkeiten und Gemeinheiten. Doch Nudger hat einen guten Instinkt und einen Freund bei der Polizei, wo er fr\u00fcher selbst t\u00e4tig war. Die Aufl\u00f6sung ist mit Raffinesse gew\u00fcrzt.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/zwischendurch-...-Nudger-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1596\" width=\"512\" height=\"288\" srcset=\"https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/zwischendurch-...-Nudger-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/zwischendurch-...-Nudger-300x169.jpg 300w, https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/zwischendurch-...-Nudger-768x432.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 512px) 100vw, 512px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Vergessen hatte ich, dass fr\u00fcher gelegentlich auch in gedruckter Unterhaltung Werbung die Lekt\u00fcre unterbrach. Als die Spannung auf h\u00f6chstem Niveau ist, kommt eine halbleere Seite, \u00fcberschrieben mit \u201ezwischendurch\u201c. Ein freundliche\/r Verfasser*in meint sehr f\u00fcrsorglich im unten angesetzten Text, dass es erholsam sein k\u00f6nnte, \u201eeine Mahlzeit f\u00fcr den kleinen Appetit zwischendurch zuzubereiten\u201c. Auf der R\u00fcckseite wird die 5-Minuten-Terrine angepriesen. Funny!<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Unterbrechung-im-Fahndungsfieber-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1595\" width=\"512\" height=\"288\" srcset=\"https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Unterbrechung-im-Fahndungsfieber-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Unterbrechung-im-Fahndungsfieber-300x169.jpg 300w, https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Unterbrechung-im-Fahndungsfieber-768x432.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 512px) 100vw, 512px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Tilmann Sch\u00e4fer. Knastfrauen: Der Tatsachenbericht eines Insiders \u2013 ein Arbeitstherapeut erz\u00e4hlt, wie es im Gef\u00e4ngnis wirklich ist. TB, 228 Seiten, Schwarzkopf &amp; Schwarzkopf, 2018, 9,99 \u20ac, ISBN 978-3862657025 <em>\/\/ John Lutz. Nachtanschluss. Heyne, Blauer Krimis Nr. 02\/2269 (Dtl. 1989), nur noch in Antiquariaten erh\u00e4ltlich. <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr mich ist immer interessant, welche B\u00fccher zu Anfang des Jahres meine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Diesmal waren es zwei, die einen guten Eindruck hinterlie\u00dfen. Eines ist aus 2018 und eins aus 1984. Beide haben mit Kriminalit\u00e4t zu tun, aber auf sehr unterschiedliche Art. Wer sich daf\u00fcr interessiert, wie Menschen im Gef\u00e4ngnis leben, kann sich [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_s2mail":"yes","footnotes":""},"categories":[1,8],"tags":[1076,1075,1073,1074,362,1071,1072,1079,1077,1080,581,274],"class_list":["post-1604","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-literatur","tag-arbeitstherapeut","tag-gefaengnis","tag-heyne","tag-knast","tag-krimi","tag-lutz-john","tag-nachtanschluss","tag-sachbuch","tag-schaefer-tilmann","tag-telefonzellen","tag-verbrechen","tag-werbung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1604","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1604"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1604\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1825,"href":"https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1604\/revisions\/1825"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1604"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1604"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1604"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}