{"id":1557,"date":"2018-07-22T19:01:37","date_gmt":"2018-07-22T17:01:37","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/?p=1557"},"modified":"2019-02-13T18:25:36","modified_gmt":"2019-02-13T16:25:36","slug":"der-leser-will-glauben-koennen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/index.php\/archives\/1557","title":{"rendered":"Der Leser will glauben k\u00f6nnen"},"content":{"rendered":"<p>\u201eGeht es nicht auch ohne Recherche\u201c, fragte neulich eine Kursteilnehmerin. \u201eWas ich ausdr\u00fccken m\u00f6chte, kann ich auch allgemein ausdr\u00fccken.\u201c Klar, freie Schriftstellerin \u2013 freie Wahl der Ausdrucksweise. Doch die Leserin\/der Leser will ja auch glauben k\u00f6nnen. Wo Ross und Reiter genannt werden, liegt die Nachpr\u00fcfbarkeit auf der Hand, bleibt nichts in der Luft h\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Machen wir einen Test: Jemand erz\u00e4hlt mir, er besuchte Kreta, fuhr kreuz und quer \u00fcber die Insel. Sie gefiel ihm so gut, dass er nicht mehr wegwollte. \u201eDieses Inselgef\u00fchl \u2026!\u201c Was lag mir wohl auf der Zunge? \u201eWo seid ihr gewesen, was hat dich dort beeindruckt?\u201c Schlie\u00dflich erfuhr ich, dass er in den ersten zehn Tagen morgens lange Strandspazierg\u00e4nge bei M\u00e1tala an der S\u00fcdk\u00fcste unternahm, wobei in ihm die Idee f\u00fcr den Umbau seines Hauses in Deutschland reifte. Anschlie\u00dfend lie\u00df er sich von den Ruinen in Knossos und an anderen St\u00e4tten inspirieren, \u201edenn die haben damals auch schon modern gelebt.\u201c Aha! Nun konnte ich mir von seinem Urlaub schon einiges konkreter vorstellen.<\/p>\n<p>Derzeit lese ich einen Roman, um mich zu zerstreuen. Es geht um eine Familie in Ostpreu\u00dfen, wortreich erz\u00e4hlt, ohne Ambition auf einen Preis f\u00fcr gehobene Literatur. Pl\u00f6tzlich taucht das Wort \u201eSchlagobers\u201c auf. Hoppla! Zuletzt hatte ich das Wort aus dem Munde einer \u00f6sterreichischen Kollegin geh\u00f6rt. Wie passt das nach Ostpreu\u00dfen? Ich recherchierte, fand aber keine Anhaltspunkte. Die ProtagonistInnen des Romans hatten nichts mit \u00d6sterreich oder der Schweiz zu tun, von der Autorin war \u00fcberliefert, dass sie oberhalb der Mainlinie geboren und zu Hause ist.<\/p>\n<p>Ist ihr der Schlagobers einfach in die Passage \u201ereingerutscht\u201c, nachdem sie gerade in \u00d6sterreich Ferien gemacht hatte? Wie war das Buch \u00fcberhaupt lektoriert worden, was alles war noch \u00fcbersehen bzw. nicht gerade ger\u00fcckt worden? Ich blieb auf der Hut, was man mir im Laufe der dahinpl\u00e4tschernden Handlung auftischen w\u00fcrde. Hie\u00df nicht der Hund zwanzig Seiten zuvor noch Helena und jetzt wurde er Adele gerufen? War der Vorname der Gutshof-Besitzerin um 1920, als die Erz\u00e4hlung einsetzt, \u00fcberhaupt gebr\u00e4uchlich oder erst sp\u00e4ter?<\/p>\n<p>Zwischendurch recherchierte ich immer wieder Namen, Orte und noch so einiges mehr. Entwickelte ich eine neue Berufskrankheit? M\u00f6glich, aber genau zu lesen geh\u00f6rte schon immer zu meinen Eigenschaften, sonst h\u00e4tte ich meinem Anspruch an mich als Journalistin nicht gen\u00fcgt. Die Genauigkeit lie\u00df sich nicht absch\u00fctteln, obwohl ich ja bewusst eine leichte Einschlaf-Lekt\u00fcre gew\u00e4hlt hatte. Um Entspannung bem\u00fcht, lenkte ich nun meine Aufmerksamkeit auf die Vielseitigkeit der Autorin: sie hatte noch zahlreiche andere B\u00fccher ver\u00f6ffentlicht, die nicht in Ostpreu\u00dfen spielten. Also las ich nur einen Ausschnitt dessen, was sie mit ihrem Wissen und ihrer Fantasie zur unserer Unterhaltung produziert hatte.<\/p>\n<p>Alle Achtung! Schon in diesem Ausschnitt kam die Besch\u00e4ftigung mit einer Vielfalt von Fakten zur Sprache, die Respekt abn\u00f6tigt. Die Autorin musste sich auskennen in der Behandlung von Pferden zur damaligen Zeit und wie die Adeligen in diesem Landstrich verstreut wohnten und ihre G\u00fcter f\u00fchrten. In dem Roman spielten Ernten und Vorratshaltung eine Rolle, die K\u00f6chin unterhielt einen Brutkasten, um neue Puten-K\u00fcken hochzuziehen \u2026<\/p>\n<p>Oft wirken mehrere Menschen bei der Entstehung solcher Romane zusammen \u2013 auch wenn auf dem Cover nur eine Person genannt wird. Es gibt au\u00dferdem B\u00fcros, die AutorInnen im Hintergrund helfen, indem sie gegen entsprechendes Honorar Fakten ermitteln und Arbeit abnehmen. Unabdingbar ist aber in jedem Fall, dass abgesichert ist, was der Leserschaft offeriert wird. Wer zweifelt, f\u00fchlt sich leicht ver\u00e4ppelt und legt das Buch weg, ist irritiert, verst\u00f6rt, entt\u00e4uscht.<\/p>\n<p>Ohne Glaubw\u00fcrdigkeit ist kein Blumentopf zu gewinnen! Ich habe diesbez\u00fcglich auch schon tv-ZuschauerInnen meutern h\u00f6ren \u2013 beispielsweise wenn ein Mordopfer am Tatort eine klaffende Wunde an der rechten Schl\u00e4fe hatte und auf dem Seziertisch war diese Wunde dann der linken Schl\u00e4fe angeschminkt.<\/p>\n<p>Schreiben ist meist mit Leidenschaft gepaart. Es dr\u00e4ngt etwas aufs Papier, in die Tastatur. Das darf sein und ist eine g\u00fcnstige Voraussetzung daf\u00fcr, LeserInnen zu begeistern. Die Recherche und Gewissenhaftigkeit kommen nach der Leidenschaft und vor der Begeisterung des Lesepublikums. Ohne \u2013 siehe oben \u2013 kann der Stoff nicht \u00fcberzeugen, fesselt weniger, Zweifel werden gen\u00e4hrt, statt Vergn\u00fcgen und Zerstreuung. Deshalb: Recherche? Ja, bitte!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eGeht es nicht auch ohne Recherche\u201c, fragte neulich eine Kursteilnehmerin. \u201eWas ich ausdr\u00fccken m\u00f6chte, kann ich auch allgemein ausdr\u00fccken.\u201c Klar, freie Schriftstellerin \u2013 freie Wahl der Ausdrucksweise. Doch die Leserin\/der Leser will ja auch glauben k\u00f6nnen. Wo Ross und Reiter genannt werden, liegt die Nachpr\u00fcfbarkeit auf der Hand, bleibt nichts in der Luft h\u00e4ngen. 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