{"id":1544,"date":"2018-05-03T23:54:52","date_gmt":"2018-05-03T21:54:52","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/?p=1544"},"modified":"2018-05-04T10:04:57","modified_gmt":"2018-05-04T08:04:57","slug":"einen-pudding-an-die-wand-nageln-und-wahlfreiheit-zwischen-qualitaetssegmenten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/index.php\/archives\/1544","title":{"rendered":"Einen Pudding an die Wand nageln und Wahlfreiheit zwischen Qualit\u00e4tssegmenten"},"content":{"rendered":"<p>Von einem Extrem ins andere \u2013 kennen Sie das? Kaum hatte ich \u00fcber die missliebigen gr\u00fcnen Socken geschrieben, konnte ich sie entsorgen. Und eine ganze Reihe weiterer dazu. <strong><em>Festhalten und loslassen<\/em><\/strong> \u2013 dies charakterisiert viele Prozesse im Leben. So auch das Schreiben. Juli Zeh definiert das auch in \u201eTreideln\u201c. Diesen wirklich mitrei\u00dfenden Briefroman erw\u00e4hnte ich bereits im Posting am 15. M\u00e4rz. Unter dem Titel TREIDELN sprach die Schriftstellerin im Sommersemester 2013 an der Frankfurter Goethe-Universit\u00e4t als Gastdozentin \u00fcber Bedingungen und Grundlagen ihrer literarischen Arbeit \u2013 und versuchte dabei, eine \u00bbAnti-Poetologie\u00ab zu entwerfen.<\/p>\n<p>Gekonnt lotet sie sowohl Allt\u00e4gliches als auch Extreme aus \u2013 und liefert damit nicht zuletzt eine scharfe Satire auf den Literaturbetrieb. Das Thema \u201eQualit\u00e4t\u201c kocht auch dort h\u00e4ufig hoch \u2013 doch auf welche Definition mag man sich daf\u00fcr einigen? Was passt in welches der g\u00e4ngigen Bezugssysteme, \u00a0welchen Wandlungen sollte dieses unterzogen werden, um sie dem Zeitgeist anzupassen? \u201eTreideln\u201c lehrt, <em>neu nachzudenken \u00fcber die Welt der Schriftstellerei und Ver\u00f6ffentlichungen und allem, was damit zusammenh\u00e4ngt.<\/em> Mich erinnert dieser Ansto\u00df im positiven Sinne an die Metapher \u201eeinen Pudding an die Wand nageln\u201c, die gerne f\u00fcr Qualit\u00e4tssicherung im Journalismus gebraucht wird. Obwohl das Sujet schwer zu fassen ist, muss man sich immer wieder neu n\u00e4hern, es beleuchten und neuen Horizonten eine Chance geben.<\/p>\n<p>Apropos Horizonte. Ich habe meiner Sparsamkeit ein Schnippchen geschlagen und neue Socken in der Schweiz gekauft. Das schlagende Argument war: Qualit\u00e4t. Und sofort dr\u00e4ngt sich die Frage auf, warum ich im benachbarten Alpenstaat grunds\u00e4tzlich mehr Qualit\u00e4t voraussetze als in Deutschland. Die Erfahrung hat mich gelehrt, dass die Schweizer nicht nur einzigartig leckere Schokolade zu kreieren verstehen, sondern auch der abgepackte Salat dort wesentlich frischer ist und besser schmeckt als unsere Gr\u00fcn-Mischungen in der T\u00fcte. Auf diese beiden Beispiele will ich mich beschr\u00e4nken, obwohl ich noch mehr anf\u00fchren k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Mit dem h\u00f6heren Verdienst und den h\u00f6heren Preisen kann das nichts zu tun haben. Denn auch in Deutschland gibt es Besserverdienende, die vor dem gleichen Salat- und Schokolade-Regal im Supermarkt stehen wie ich und keine Wahl haben, jene stolze Qualit\u00e4t wie in der Schweiz zu erwerben. (Vielleicht im Exquisit-Gesch\u00e4ft, aber das zeugt nur davon, dass die Allgemeinheit nicht so bedient wird wie die Basis-Kundschaft in der Schweiz.)<\/p>\n<p>\u201e<span style=\"color: #0000ff;\">Die Wahl haben<\/span>\u201c \u2013 das scheint mir ein sehr wichtiges Qualit\u00e4tsmerkmal. Ich meine jetzt nicht zwischen 25 und 50 M\u00fcsli-Sorten (90 % mit \u00e4hnlich fragw\u00fcrdig hohem Zuckeranteil), sondern zwischen echten Qualit\u00e4tssegmenten. Ich brauche nicht zehn Zeitungen nach dem gleichen Muster, sondern bevorzuge es, mich zwischen f\u00fcnf (sehr) unterschiedlichen entscheiden zu k\u00f6nnen. Oder nehmen wir das Gesundheitswesen. Aktuell \u00e4rgern sich viele Menschen dar\u00fcber, dass sie nicht von dem 4-fach-Impfstoff gegen Grippe erfuhren, der bei uns \u00a0normalerweise Privatpatienten vorbehalten ist. Es ist nicht zu quantifizieren, wie viele Kassenpatienten gerne etwas zugezahlt h\u00e4tten, um sich die schlimme Grippe zu ersparen. Aber wer nicht wei\u00df, dass ihm etwas<strong> vorenthalten<\/strong> wird, kann danach auch nicht fragen.<\/p>\n<p>Stellen Sie sich vor, Sie geh\u00f6ren zu den Bescheidwissern \u00fcber die Unterschiede, die Sie gegen\u00fcber der Kundschaft verschweigen, sch\u00f6nreden oder gar abstreiten (m\u00fcssen) \u2013 wie k\u00e4men Sie mit ihrem Gewissen zurecht? Was sagt Ihr Qualit\u00e4tsbewusstsein und Ihre Menschenfreundlichkeit dazu? Sie m\u00fcssen doch vorausschauend wissen, dass Sie eines Tages auffliegen \u2013 wie zum Beispiel die Verantwortlichen von VW, die jetzt wegen des Abgasschwindels angeklagt werden \u2013 und gefragt werden, warum Sie ihr Herrschaftswissen nicht <strong><u>f\u00fcr<\/u><\/strong> die Verbraucher, sondern lediglich zugunsten einer schmalen Elite eingesetzt haben.<\/p>\n<p>Tja, das ist dann ebenfalls wie einen Pudding an die Wand nageln, wenn man hier auf Antworten besteht. Denn im Ausweichen m\u00fcssen diese Menschen mit dem verheimlichten Wissensvorsprung ja geeicht sein, immer bem\u00fcht, ihre Haut zu retten. Es widerspricht der Achtung vor der Menschenw\u00fcrde, ihnen gegen\u00fcber Nachsicht walten zu lassen. Was sie uns zugemutet, ja angetan haben, hat Spuren gezeitigt. Loslassen sollten wir in diesem Fall die Bescheidenheit und die Tr\u00e4gheit, mit der wir schon eh viel zu lange vieles hinnehmen, das einer \u00c4nderung bedarf. Nur dar\u00fcber klagen, dass niemand mehr protestierend auf die Stra\u00dfe geht, hilft nicht. <span style=\"color: #ff0000;\"><strong>GEHEN!<\/strong><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von einem Extrem ins andere \u2013 kennen Sie das? Kaum hatte ich \u00fcber die missliebigen gr\u00fcnen Socken geschrieben, konnte ich sie entsorgen. Und eine ganze Reihe weiterer dazu. Festhalten und loslassen \u2013 dies charakterisiert viele Prozesse im Leben. So auch das Schreiben. 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