{"id":1229,"date":"2015-06-21T18:00:17","date_gmt":"2015-06-21T16:00:17","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/?p=1229"},"modified":"2017-09-18T20:47:36","modified_gmt":"2017-09-18T18:47:36","slug":"unbemerkt-bremst-das-korsett-denkmuster-der-selbstverstaendlichkeit-entreissen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/index.php\/archives\/1229","title":{"rendered":"Unbemerkt bremst das Korsett: Denkmuster  der Selbstverst\u00e4ndlichkeit entrei\u00dfen"},"content":{"rendered":"<blockquote><p><span style=\"color: #333399;\"><strong><em>&#8220;Frauen d\u00fcrfen heute alles \u2013 und kommen dennoch nicht voran. Was ist da blo\u00df los, haben wir uns gefragt und uns intensiv mit dem Ph\u00e4nomen befasst.&#8221; <\/em><\/strong><\/span>&gt;&gt; <strong>Dr. B\u00e4rbel Kerber<\/strong> ist als Journalistin auf vielen Themenfeldern unterwegs. Im Dezember 2006 gr\u00fcndete sie das Internet-Magazin <strong>misstilly.de<\/strong>, wo ihr die Politikwissenschaftlerin <strong>Gabriela H\u00e4fner<\/strong> redaktionell zur Seite steht. Nun haben die beiden Frauen jene unauff\u00e4lligen \u201eMiterzieherInnen\u201c untersucht, die auf das Verhalten von Jungen und M\u00e4dchen Einfluss nehmen. Herausgekommen ist das Buch \u201e<span style=\"color: #ff0000;\"><strong>Das innere Korsett: Wie Frauen dazu erzogen werden, sich ausbremsen zu lassen.<\/strong><\/span>\u201c Ein Auszug daraus ist hier <a href=\"http:\/\/url9.de\/WAv\">http:\/\/url9.de\/WAv<\/a> zu finden. <strong><span style=\"color: #008000;\"><em>Ich fragte B\u00e4rbel Kerber nach Hintergr\u00fcnden und Ausblicken:<\/em><\/span><\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"color: #333399;\"><strong><em>Was hat Sie bei Ihren Recherchen am meisten \u00fcberrascht?<\/em><\/strong><\/span><\/p>\n<p>Obwohl ich mit dem Thema schon relativ lange unterwegs bin, hat mich eine Langzeit-Studie alarmiert, die zutage brachte, dass M\u00e4dchen im Teenager-Alter pl\u00f6tzlich ihr Selbstbewusstsein verlieren. Es hat mich v\u00f6llig \u00fcberrascht, weil ja das Bild von den sogenannten Alpham\u00e4dchen stark in den Vordergrund getreten ist, gepaart mit den Berichten dar\u00fcber, dass die M\u00e4dchen in der Schule mit ihren guten Noten die Jungs abh\u00e4ngen. Da stieg ich mit Gabriela H\u00e4fner, meiner Co-Autorin, in die Recherche ein. Je mehr Material wir in die H\u00e4nde bekamen, desto erstaunter waren wir. Zuvor dachten wir, wir w\u00e4ren schon weiter.<\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\"><em><strong>Was steckt dahinter?<\/strong><\/em><\/span><\/p>\n<p>Das Rollenbild der Frau ist heute immer noch sehr traditionell: Du sollst sch\u00f6n und hilfsbereit sein, dich nicht so in den Vordergrund dr\u00e4ngen, deinen Platz der zweiten Reihe suchen.<\/p>\n<p><strong><em><span style=\"color: #333399;\">Das umfangreiche Quellenstudium ist beeindruckend.<\/span> <span style=\"color: #333399;\">Auf den Seiten 181 bis 217 ist in dem Buch aufgelistet, woraus Ihr Euch gespeist, was Euch inspiriert hat.<\/span><\/em><\/strong><\/p>\n<p>Wir h\u00e4tten sogar noch sehr viel mehr Quellen anzapfen k\u00f6nnen. Aber irgendwann mussten wir uns beschr\u00e4nken. Es war uns wichtig, untermauern zu k\u00f6nnen, was wir beobachtet und herausgefunden haben. Wir haben uns nichts ausgedacht.<\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\"><em><strong>Es liest sich sehr interessant \u2026<\/strong><\/em><\/span><\/p>\n<p>Das freut uns! Wir wollten keine wissenschaftliche Abhandlung schreiben, sondern aufrufen: Leute, guckt genau hin. Es ist noch so viel zu tun. Man muss immer wieder darauf hinweisen, wo es mit dem Rollenverst\u00e4ndnis im Argen liegt.<\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\"><em><strong>Das ist aber schon l\u00e4nger bekannt. Warum also noch mal ein Buch?<\/strong><\/em><\/span><\/p>\n<p>Die Gefahr besteht, dass Debatten \u00fcber Frauenquote oder Kita-Pl\u00e4tze blenden. Nat\u00fcrlich sind solche Forderungen bzw. Errungenschaften wichtig. Doch die Annahme, dass man Strukturen \u00e4ndert und damit die Gleichberechtigung durchbricht, hat sich nicht bewahrheitet.<\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\"><em><strong>Also zur\u00fcck zur individuellen Ebene?<\/strong><\/em><\/span><\/p>\n<p>Nicht anstelle der Struktur-Verbesserungen! Aber solange Frauen sich selbst nicht als intelligent wahrnehmen, sozusagen ihr Licht unter den Scheffel stellen, wird es keine Erfolgsgeschichte. Beredtes Beispiel sind die T-Shirts, mit denen Sch\u00fclerinnen bekunden: \u201eIn Mathe bin ich Deko\u201c.<\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\"><em><strong>Wir ber\u00fchren Klischees!<\/strong><\/em><\/span><\/p>\n<p>Leider. Das ist nicht zu vermeiden. Weil es eben nicht abwegig ist, dass selbst eine emanzipierte toughe Frau dennoch auf einer unterschwelligen Ebene voller althergebrachter Denkweisen ist, die ja von au\u00dfen immer wieder best\u00e4tigt oder gar verst\u00e4rkt werden \u2013 etwa durch die Erwartungen des Umfelds, durch die Medien oder die Werbung. Frauen, die undifferenziert als die lieben, netten Wesen gesehen, ja darauf reduziert werden. Wenn sie mal laut werden, spricht man von \u201eZicken\u201c; werden M\u00e4nner laut, gelten sie als durchsetzungsf\u00e4hig.<\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\"><strong><em>Aber es gibt doch Gegenwehr!<\/em><\/strong><\/span><\/p>\n<p>Ja, ich finde es ganz toll, dass j\u00fcngst auch immer wieder Schauspielerinnen in Hollywood Rechte reklamieren. Sie wollen nicht l\u00e4nger hinnehmen, dass Frauen weniger verdienen als die M\u00e4nner, dass viel weniger Spielfilme von Frauen gedreht werden, unter anderem weil die F\u00f6rdermittel nicht in gleichem Ma\u00dfe an Filmemacherinnen verteilt werden usw.<\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\"><em><strong>Okay, die Prominenz wird zur Kenntnis genommen \u2026<\/strong><\/em><\/span><\/p>\n<p>Unser Part in dem Buch ist es, auf die Denkmuster hinzuweisen, sie der Selbstverst\u00e4ndlichkeit zu entkleiden. Denn die Zuweisung von Rollenmustern ist schlimmer geworden. Man denke nur an Spielwarengesch\u00e4fte. Die Angebote f\u00fcr M\u00e4dchen und Jungs sind strikt getrennt und meist auch farblich sehr deutlich gekennzeichnet. F\u00fcr Jungen ist es tabu, sich in der Rosa-Abteilung umzusehen! In unserer Kinderzeit gab es viel mehr Spiele, die f\u00fcr beide Geschlechter geeignet waren.<\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\"><strong><em>Um die Zeichen kommt man nicht herum?<\/em><\/strong><\/span><\/p>\n<p>Nein, es trifft ja ein Alter, in dem man unbedingt dazu geh\u00f6ren will. F\u00fcr Kinder ist es wichtig, sich daran zu orientieren, wie machen es denn die anderen. Es w\u00e4re besch\u00e4mend, in der \u201efalschen\u201c Gruppe zu landen. Der Rahmen, was m\u00f6glich und was falsch ist, ist viel enger gezogen als fr\u00fcher. Die Stereotypen werden deutlicher pr\u00e4sentiert und damit fast diktiert.<\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\"><strong><em>Gibt es nicht gen\u00fcgend alternative Angebote?<\/em><\/strong><\/span><\/p>\n<p>Man orientiert sich an dem, was da ist, was als Normalit\u00e4t auf einen einstr\u00f6mt. Facettenreiche Vorbilder weiten nat\u00fcrlich den Horizont. Doch gepr\u00e4gt werden wir ja zuerst als Heranwachsende. Der Einfluss der eigenen Eltern \u2013 sollten die von den Stereotypen abweichen oder gar ein Gegengewicht verk\u00f6rpern \u2013 nimmt aber mit zunehmendem Alter ab. Es gibt eine Menge \u201eheimliche Erzieher\u201c, die wir bewusst machen wollen.<\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\"><strong><em>Wie wirke ich denen entgegen?<\/em><\/strong><\/span><\/p>\n<p>Ich kann meine eigenen Schubladen und mein Verhalten kontrollieren. Also nicht das Typische f\u00f6rdern bei meinen Kindern. Beispielweise M\u00e4dchen nicht automatisch ins Ballett schicken, sondern eine breitere Gestaltung des Lebens aktiv pr\u00e4sentieren. Nicht das unsichtbare Korsett unterst\u00fctzen, indem man unreflektiert \u00c4u\u00dferlichkeiten f\u00f6rdert, was man schon mit unbedachten Komplimenten tut. Wer immer h\u00f6rt \u201eDu bist aber h\u00fcbsch\u201c, lernt das H\u00fcbschsein wichtig zu nehmen \u2026<\/p>\n<p><span style=\"color: #333399;\"><strong><em>Vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch, Frau Kerber!<\/em><\/strong><\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_1238\" style=\"width: 160px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/Foto-Autorinnen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1238\" class=\"size-thumbnail wp-image-1238\" src=\"http:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/Foto-Autorinnen-150x150.jpg\" alt=\"Foto: Autorinnen\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1238\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Autorinnen<\/p><\/div>\n<p><span style=\"text-decoration: underline; color: #008000;\"><strong>Kurzvita:<\/strong> <\/span>B\u00e4rbel Kerber ist promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin und arbeitet als freie Journalistin und Buchautorin. Gemeinsam mit Gabriela H\u00e4fner betreibt sie das Frauenonlinemagazin Miss Tilly.de, das \u00fcberholte Geschlechterklischees infrage stellt. Gabriela H\u00e4fner ist studierte Kultur- und Politikwissenschaftlerin und arbeitet als freie Journalistin und \u00dcbersetzerin. <a href=\"http:\/\/www.baerbel-kerber.de\">www.baerbel-kerber.de<\/a> \/ <a href=\"http:\/\/www.misstilly.de\">http:\/\/www.misstilly.de<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/b\u00e4rbel_cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-thumbnail wp-image-1232\" src=\"http:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/b\u00e4rbel_cover-150x150.jpg\" alt=\"b\u00e4rbel_cover\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&#8220;Das innere Korsett &#8211; Wie Frauen dazu erzogen werden, sich ausbremsen zu lassen&#8221;, B\u00e4rbel Kerber und Gabriela H\u00e4fner, C.H.Beck-Verlag, 2015, 217 Seiten, ISBN\u00a0978-3-406-67529-4<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8220;Frauen d\u00fcrfen heute alles \u2013 und kommen dennoch nicht voran. 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