{"id":1191,"date":"2015-03-08T00:49:26","date_gmt":"2015-03-07T22:49:26","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/?p=1191"},"modified":"2017-09-18T20:47:36","modified_gmt":"2017-09-18T18:47:36","slug":"honig-im-kopf-mama-federt-das-ab","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/index.php\/archives\/1191","title":{"rendered":"Honig im Kopf &#8211; Mama federt das ab"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>\u201eHonig im Kopf\u201c<\/em> <\/strong>macht seit 25.12.2014 in deutschen Kinos darauf aufmerksam, dass Menschen mit Alzheimer-Erkrankung viel Aufmerksamkeit und Zuwendung brauchen, anstatt lieblos abgeschoben und ruhig gestellt zu werden. (F\u00fcr welchen Kranken trifft das nicht zu?) Wikipedia bezeichnet den Film als Tragikom\u00f6die, ich finde, er ist ein <span style=\"color: #0000ff;\">modernes M\u00e4rchen<\/span>.<\/p>\n<p>Ich solle Taschent\u00fccher ins Kino mitnehmen, wurde ich im Vorfeld instruiert. Doch so anr\u00fchrend vereinzelte Sequenzen auch sein m\u00f6gen: Abwechslungsreichtum ist das Plus des Films, der langsames Erz\u00e4hlen gut mit flott inszenierten Ereignissen kombiniert. Insgesamt lebt der Film von originellen \u00dcbertreibungen zum Am\u00fcsement des Publikums. Schlie\u00dflich hat ihn ja Till Schweiger produziert, der auch Regie f\u00fchrte, am Drehbuch mit schrieb und eine der Hauptrollen spielte. Die schauspielerischen Leistungen von Emma Schweiger (Tochter von Till; im Film spielt sie die Enkelin, die intuitiv und klug alles richtig macht) und Dieter Hallervorden (vollendet Anfang September 2015 sein 80. Lebensjahr) verdienen wirklich Applaus, denn sie \u00fcberzeugen auf eindringliche Art, ohne dabei auch nur im Mindesten angestrengt zu wirken. Das ist schon viel f\u00fcr einen Unterhaltungsfilm, der so viele Leute anzieht.<\/p>\n<p>Dennoch fiel bei der <span style=\"color: #0000ff;\">\u201eMoral von der Geschicht\u201c<\/span> viel Begeisterung von mir ab: Um die Herausforderung zu meistern, mit einem Alzheimer-Erkrankten unter einem Dach ohne gr\u00f6\u00dfere Katastrophen (einmal Kuchenbacken und fast w\u00e4re das Haus in Brand geraten) \u00fcber die Runden zu kommen, beschloss die Gattin, Mama und Schwiegertochter, ihren Job, an dem sie h\u00e4ngt, zu k\u00fcndigen und sich um die Lieben daheim zu k\u00fcmmern. Besonders schnuckelig ist der Umstand, dass sie sich angesichts dieser Weichenstellung mit ihrem Mann vers\u00f6hnt (incl. t\u00f6nend lustvoll vereinigt) und neun Monate sp\u00e4ter einem Sohn das Leben schenkt.<\/p>\n<p>Ich will mich jetzt nicht dar\u00fcber verbreiten, dass mit dem Wort \u201eLiebe\u201c manchmal einfach zu dick aufgetragen wird in diesen fast 140 Minuten oder dass Sex-Ankl\u00e4nge in witziger Form zwar einerseits nett sind und entkrampfen k\u00f6nnen, die N\u00e4he zum Klischee aber offenbar niemanden gek\u00fcmmert hat. All das Ausgesparte, das zwischen Job-Entsagung der einst erfolgreichen Werbe-Fachfrau und dem Tod des Gro\u00dfvaters liegt, unterstreicht ja, dass es sich gewollt und augenzwinkernd lediglich um ein weich zeichnendes M\u00e4rchen im weitl\u00e4ufigen Umfeld von neurodegenerativer Demenz handeln kann. <strong>Doch wenn es schon ein M\u00e4rchen ist, dann h\u00e4tte ich auch gerne den Sohn mit im Boot<\/strong>, der n\u00e4mlich selbst\u00e4ndig ist und souver\u00e4n \u00fcber sein Zeitbudget bestimmen kann \u2013 im Gegensatz zu seiner Frau, die per Arbeitsvertrag gebunden ist und k\u00fcndigen muss, wenn sie ihre Zeit flexibler einteilen will.<\/p>\n<p>Also wenn schon M\u00c4RCHEN, dann bitte doch so, dass Mann und Frau sich die Backstage-Arbeit teilen. Mit der Konsequenz, dass Arbeitgeber das mittragen \u2013 in welcher Form auch immer, aber keinesfalls ein Anstellungsverh\u00e4ltnis aufgel\u00f6st werden muss.<\/p>\n<p><strong><span style=\"color: #cc99ff;\"><em>Und wenn ich gelegentlich ein M\u00e4rchen \u00fcber die Alzheimer-Erkrankung erz\u00e4hle<\/em><\/span><\/strong>, f\u00fchre ich als Gegenpol zu diesem leidvollen Schicksal an, dass wir alle der zeitgen\u00f6ssischen Norm entsprechen m\u00fcssen und wollen, uns entsprechend verhalten und kontrollieren, um in jeder Sekunde perfekt zu sein. Und dass diese Erkrankung, benannt nach ihrem Entdecker Alois Alzheimer, dieser vorordneten und angestrebten \u201eUnfehlbarkeit\u201c ein Schnippchen schl\u00e4gt, gegen das Betroffene und deren Umfeld machtlos sind. <em>Als w\u00fcrde die Natur \u2013 wie immer \u2013 f\u00fcr einen Ausgleich sorgen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eHonig im Kopf\u201c macht seit 25.12.2014 in deutschen Kinos darauf aufmerksam, dass Menschen mit Alzheimer-Erkrankung viel Aufmerksamkeit und Zuwendung brauchen, anstatt lieblos abgeschoben und ruhig gestellt zu werden. (F\u00fcr welchen Kranken trifft das nicht zu?) Wikipedia bezeichnet den Film als Tragikom\u00f6die, ich finde, er ist ein modernes M\u00e4rchen. 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