{"id":1171,"date":"2014-11-09T12:10:50","date_gmt":"2014-11-09T10:10:50","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/?p=1171"},"modified":"2017-09-18T20:47:36","modified_gmt":"2017-09-18T18:47:36","slug":"wunderlich-faehrt-nach-norden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/index.php\/archives\/1171","title":{"rendered":"Wunderlich f\u00e4hrt nach Norden"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: #0000ff;\"><strong>Wie charmant es sein kann, wenn nicht alles entr\u00e4tselt wird, zeigt uns Marion Brasch mit ihrem zweiten Roman \u201eWunderlich f\u00e4hrt nach Norden\u201c. Die besonderen Momente im Unbestimmten ergeben ein kurzweiliges Buch, obwohl nichts wirklich Spektakul\u00e4res passiert.<\/strong> <\/span><\/p>\n<p>Acht Tage begleiten wir Wunderlich, 43, Gelegenheitsjobber nach gescheiterter Ausbildung zum Bildhauer, der Wundersames und Skurriles erlebt, das ihn nach und nach aus seiner Lethargie lockt. Bevor es auf Seite 255 hei\u00dft, der Protagonist sei \u201eaufgewacht\u201c, lie\u00df er sich (fast) nur treiben. Belohnt wurde er mit der Entwicklung vom ungl\u00fccklichsten zum verwirrtesten Menschen, den er kannte. Ein verschmitztes Grinsen ist hier wie an vielen anderen Stellen des Romans \u201eWunderlich f\u00e4hrt nach Norden\u201c von Marion Brasch kaum zu unterdr\u00fccken.<br \/>\nWunderlich wird uns von seinem Mobiltelefon vorgestellt. Denn das kann sprechen beziehungsweise \u00fcbermittelt \u201eWeisheiten\u201c, Warnungen und Wegweisendes. Mr. oder Mrs. Anonym wird den ganzen Roman \u00fcber seine\/ihre Identit\u00e4t nicht preisgeben, aber zwischendurch als \u201eOrakel\u201c verk\u00fcnden, was diesem oder jenem Zeitgenossen bevorsteht oder was er bereits hinter sich hat. Zun\u00e4chst fordert es den von Liebeskummer geplagten Wunderlich auf: \u201eGuck nach vorn.\u201c\u201eAnonym\u201c ist das erste Mysterium \u2013 witzig, unaufdringlich, spannungshaltend. Zudem gibt es im Roman eine Reihe von Begegnungen auf dem Weg nach Norden, die bis ins Detail eine gute Tragf\u00e4higkeit beweisen, aber jenseits des \u00dcblichen rangieren. Dennoch muss noch etwas Sagenhaftes eingef\u00fchrt werden: Blauharz \u2013 mit der wunderbaren Eigenschaft, schnell Wunden zu heilen. Die Kehrseite ist, dass man vergisst, dass und wodurch man verletzt gewesen ist. In philosophischer Hinsicht stellt sich die Frage, ob das in jedem Fall w\u00fcnschenswert ist.<br \/>\nMarion Brasch hat in \u201eAb jetzt ist Ruhe\u201c, dem Roman ihrer \u201efabelhaften Familie\u201c (2012), eine Erkenntnis formuliert, die Pate gestanden haben k\u00f6nnte bei Wunderlichs Reise \u2013 die Autorin hatte als junge Fahranf\u00e4ngerin begriffen, \u201e [\u2026] dass das schnellere \u00dcberwinden von Entfernungen nichts mit dem Erreichen von Zielen zu tun hat, die meinem Leben eine tiefere Bedeutung geben w\u00fcrden.\u201c Wunderlich, eher ein zielloser Langeweiler, bricht lediglich in eine Richtung auf (\u201enach Norden\u201c), das Zeitbudget scheint keine Rolle zu spielen (Gelegenheitsjobber) und ob etwas tiefere Bedeutung erlangt, wird er fr\u00fcher oder sp\u00e4ter merken. Das weckt Neugier, ob Unbestimmtheit gehaltvoll sein kann oder ob sich etwas herauskristallisiert, das \u00fcber das Hier und Jetzt hinaus kostbar wird.<\/p>\n<p>Es passt zu Wunderlich, dass sein Ausweis abgelaufen ist und ihn deshalb eine resolute Zugbegleiterin auf einer verlassenen Bahnstation aussetzt. Hier trifft er Finke, der ihn mit in seine Behausung nimmt. Wunderlich \u00fcberl\u00e4sst sich ohne Eile einer Reihe von Zuf\u00e4llen und entdeckt dabei manchen Kern, nach dem er gar nicht gesucht hatte. Auff\u00e4llig: Es treten mehrere rothaarige Frauen auf \u2013 rothaarig war auch die Ex-Frau von Wunderlich, mit der er einen Sohn hat, den er vor elf Jahren das letzte Mal gesehen hat und es gibt mehrere Akteure, die wie Wunderlich 43 Jahre alt sind \u2013 unter anderem der Entdecker des Blauharzes, dem seine Entdeckung nicht gut bekommen ist. Auf welche Assoziationen und R\u00fcckblenden sich Wunderlich einl\u00e4sst, ist ganz allein ihm \u00fcberlassen. \u201eAnonym\u201c spuckt kaum eindeutige Empfehlungen und schon gar keine Gewissheiten aus.<\/p>\n<p>Auszuprobieren, wie es sich anf\u00fchlt, wenn einer weder zeitlich noch r\u00e4umlich zu lokalisieren ist, kann Spa\u00df machen, wie die Autorin \u2013 sie arbeitet als freie Rundfunkredakteurin \u2013 beweist. Jedenfalls spielt die Handlung w\u00e4hrend einer Phase in einem Landstrich, als dort zwei Kaffee und ein Schnaps noch \u201evierachtzig\u201c gekostet haben. Die W\u00e4hrung wird nat\u00fcrlich nicht verraten!<\/p>\n<p>Ob es nun Wunderlich bis zum Meer schafft oder nicht, ist eigentlich fast unerheblich. Dass er manche R\u00e4tsel nicht l\u00f6sen kann und ihn andere Erscheinungen irritieren, f\u00fcgt sich glaubw\u00fcrdig in diesen charmanten Roman, der sonderbare Momente sammelt, liebevoll ausstaffiert und dezent mit feinem Humor w\u00fcrzt. Hauptsache Wunderlich f\u00fchlt, dass diese Geschichte zu seinem Leben wird, er nicht l\u00e4nger Zuschauer bleibt. Dies ist schon viel, um das Vertrauen f\u00fcr alles Folgende zu kr\u00e4ftigen.<\/p>\n<p><em>Marion Brasch: Wunderlich f\u00e4hrt nach Norden. Roman. <\/em><br \/>\n<em> S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2014. <\/em><br \/>\n<em> 288 Seiten, 19,99 EUR. <\/em><br \/>\n<em> ISBN-13: 9783100013682<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie charmant es sein kann, wenn nicht alles entr\u00e4tselt wird, zeigt uns Marion Brasch mit ihrem zweiten Roman \u201eWunderlich f\u00e4hrt nach Norden\u201c. Die besonderen Momente im Unbestimmten ergeben ein kurzweiliges Buch, obwohl nichts wirklich Spektakul\u00e4res passiert. Acht Tage begleiten wir Wunderlich, 43, Gelegenheitsjobber nach gescheiterter Ausbildung zum Bildhauer, der Wundersames und Skurriles erlebt, das ihn [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_s2mail":"yes","footnotes":""},"categories":[7,8],"tags":[762,763,766,458,765,764],"class_list":["post-1171","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kultur","category-literatur","tag-brasch-marion","tag-fischer-verlag","tag-handy","tag-humor","tag-liebeskummer","tag-rezension"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1171","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1171"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1171\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1172,"href":"https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1171\/revisions\/1172"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1171"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1171"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1171"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}