{"id":1156,"date":"2014-09-21T23:10:54","date_gmt":"2014-09-21T21:10:54","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/?p=1156"},"modified":"2017-09-18T20:47:36","modified_gmt":"2017-09-18T18:47:36","slug":"schon-vor-1993-kann-guenter-gaus-nicht-mehr-ungeniert-journalistisch-taetig-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/index.php\/archives\/1156","title":{"rendered":"Schon vor 1993 kann G\u00fcnter Gaus \u201enicht mehr ungeniert journalistisch t\u00e4tig sein\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Geh\u00f6rigen Abstand haben wir Nachgeborenen inzwischen zu G\u00fcnter Gaus, der als politischer Journalist Ma\u00dfst\u00e4be setzte und 1974 \u2013 1981 Erster Leiter der St\u00e4ndigen Vertretung der Bundesrepublik bei der DDR war. Er galt als vortrefflicher Interviewer, seine tv-Portr\u00e4ts sind im Haus der Geschichte zu finden und somit \u201egeadelt\u201c als Zeitzeugnisse, die \u00fcber Generationen hinweg der Orientierung dienen k\u00f6nnen. Einer Orientierung \u00fcber gesellschaftliche\/politische Verh\u00e4ltnisse im wieder erstarkenden Deutschland (West), die er mit k\u00fchler Distanziertheit transparent zu machen suchte. Wie sich diesem herausragenden Medienmann n\u00e4hern, ohne zu lobhudeln oder zu polarisieren? Hans-Dieter Sch\u00fctt schaffte dies auf differenzierte, gehaltvolle Weise in \u201e<strong><span style=\"color: #ff0000;\">G\u00fcnter Gaus. Von den Hoffnungen eines Skeptikers\u201c<\/span><\/strong>.<\/p>\n<p>Sch\u00fctt, selbst Journalist, Jahrgang 1948, hat seinen neunzehn Jahre \u00e4lteren Kollegen vier Jahre nach dem Mauerfall interviewt. In einer der Antworten sagt Gaus, er nehme mehr und mehr \u201eGraut\u00f6ne wahr, und diese sind sehr viel umst\u00e4ndlicher zu beschreiben. Ich kann schon lange nicht mehr ungeniert journalistisch t\u00e4tig sein, ich stelle mir selber zu viele Fragen, bevor ich anderen eine Frage stelle, und ich erschrecke \u00fcber die fraglose Selbstgewissheit vornehmlich j\u00fcngerer Journalisten heutzutage.\u201c Wenn ein ehemaliger Spiegelredakteur so etwas mit 64 zu Protokoll gibt, haben ihn seine Antennen vor Selbstgef\u00e4lligkeit bewahrt? Konnte er seinen Horizont so entwickeln, dass er \u2013 Altersweisheit hin oder her \u2013 2004 wirklich mit mehr Fragen als Antworten starb?<\/p>\n<p>Sch\u00fctt ist Herausgeber von \u201e<em>G\u00fcnter Gaus: Was bleibt, sind Fragen. Die klassischen Interviews<\/em>\u201c. Sein \u201eNachdenken \u00fcber den b\u00fcrgerlichen Menschen\u201c \u2013 ausdr\u00fccklich will er das 2014 vorgelegte Buch nicht als Biografie verstanden wissen \u2013 legt nahe, dass der viel Gelobte zwar Ma\u00dfst\u00e4be sowie Marksteine gesetzt und der Transparenz h\u00f6chst diszipliniert gedient hat und dennoch einiges Scheitern wegstecken musste. Aber der Reihe nach: G\u00fcnter Gaus war seit 1953 durch und durch politischer Redakteur. Dank Helmut Kohl, damals noch in Rheinland-Pfalz, wurde er mit 35 Jahren Programmdirektor bei S\u00fcdwestfunk Baden-Baden (der j\u00fcngste in der ARD bis heute), anschlie\u00dfend vier Jahre lang Chefredakteur beim \u201eSpiegel\u201c, bevor er die Seite wechselte und in die Politik ging, Ostberlin wurde bereits erw\u00e4hnt, seit Anfang der 90er Jahre war er Mitherausgeber der Wochenzeitung \u201eFreitag\u201c.<\/p>\n<p>34 Jahre war Gaus jung, als seine Sendung \u201eZur Person\u201c 1963 im ZDF startete (Noch-nicht-Bundeskanzler Ludwig Erhard war sein erster Gast), \u201eZu Protokoll\u201c gab es bis 1973 in der ARD, \u201eDeutsche\u201c strahlte der WDR von 1984 bis 1989 aus. Gerhard Schr\u00f6der durfte zwei Mal kommen, Christa Wolf auch. Das waren die Ausnahmen von der Regel, dass man nur einmal die Chance bekam, Farbe zu bekennen. Es handelte sich um die Momentaufnahme einer Person, die der \u201eraffinierten Unantastbarkeit des h\u00f6flich Fragenden\u201c standzuhalten hatte. Die Kunst bestand darin, dass Schonung genauso tabu war wie das Vorgef\u00fchrtwerden in der heute sattsam bekannten Effekthascherei.<\/p>\n<p>Obwohl er selbst einer Elite angeh\u00f6rte und sich dessen bewusst war, verstand er sich als solidarisch mit weniger Privilegierten. Schon in seinem Abituraufsatz erkannte er: \u201e<strong><span style=\"color: #0000ff;\">Der Mensch ist die einzige M\u00fcnze, mit der auf dieser Welt gehandelt wird.<\/span><\/strong>\u201c Das begr\u00fcndete seine Haltung durchg\u00e4ngig und schwang auch in dem Stil mit, dass er in seinen Interviews nicht diskutierte, argumentierte oder gar stritt. Respekt, Anstand \u2013 damals Werte, die goutiert wurden und mit denen mehr zu entlarven und zu enth\u00fcllen war als mit dem heutigen Wortwechseln in Talkshows. So der Eindruck von mir als Nachgeborenen, die gelegentlich gerne Aufzeichnungen mit Gaus im Internet studiert.<\/p>\n<p>Auch Sch\u00fctt arbeitet das heraus, zollt daf\u00fcr Anerkennung. Und attestiert, dass Gaus zuletzt auch als Erz\u00e4hler veranschaulichen will, \u201ewas Menschen so widerspr\u00fcchlich, letztlich so unfassbar macht\u201c. Tief durchdringt das \u201eNachdenken\u201c des Hans-Dieter Sch\u00fctt den Skeptiker Gaus. Er verschmilzt aber nicht mit ihm, sondern thematisiert ihn als \u2013 zuletzt \u2013 eine \u201eStimme am Rand\u201c, beleuchtet seine Isolation in den sp\u00e4ten Lebensjahren, verschr\u00e4nkt dies mit der Einstufung \u201egescheitert\u201c \u2013 wor\u00fcber man auch anderer Meinung sein kann.<\/p>\n<p>Dass er Gaus f\u00fcr etliche Jahre als \u201eso ziemlich zwischen allen Fronten der deutsch-deutschen Geschichtsdeutung\u201c definiert, kann man auch so deuten, dass gerade hier eine St\u00e4rke dieses politisch Aufgeweckten liegt, der sich nicht scheute, Eitelkeit und Unsicherheit einzugestehen! Zu den Widerspr\u00fcchen von Gaus geh\u00f6rte wohl auch, dass er sich am Ende seines Lebens nicht mehr als Demokrat bezeichnen mochte.<\/p>\n<p>Insgesamt h\u00e4lt sich Sch\u00fctt mit subjektiven Bewertungen zur\u00fcck. Das Bem\u00fchen, die Materie auch in ihren Tiefen aufzudr\u00f6seln, transportiert nat\u00fcrlich trotzdem den Blickwinkel, aus dem der Autor die Welt sieht. Kostprobe: \u201eEr (Gaus, A. d. V.) hielt die unantastbare Sicherheit der weniger Beg\u00fcterten vor sozialen \u00dcbergriffen und vor einem fahrl\u00e4ssigen, gemeinen Desinteresse der Elite f\u00fcr den \u201ainneren Kern\u2018 der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft. Fragen nach diesem Kern bildeten im Grunde genommen das Zentrum all seiner biographischen Befragungen, und er sah diesen Kern am Ende seines Lebens gesprengt.\u201c<\/p>\n<p>Schade, ich h\u00e4tte Gaus eine g\u00fcnstige Bilanz geg\u00f6nnt. Das zu erw\u00e4hnen ist subjektiv, im journalistischen Sinne alles andere als politisch korrekt. Doch Gaus hat sich ebenfalls positioniert \u2013 wer eine Haltung hat, positioniert sich. Es ist nur wichtig, diese Haltung nicht zu verhehlen bzw. zu vertuschen. Sonst wird es unredlich. Und dies hat Gaus auch nicht gemacht. Jedenfalls ist mir nichts anderes zu Ohren oder zu Augen gekommen. Weder von Hans-Dieter Sch\u00fctt, noch von anderen Eingeweihten. Nachdenkenswert noch ein letztes Zitat aus dem lesenswerten Buch: \u201eAber das Beharrungsverm\u00f6gen, das aus einem Gestern kommt, arbeitet doch wesentlich mit an der Balance einer Welt, die sich ihre F\u00e4higkeit f\u00fcr Ged\u00e4chtnis bewahren m\u00f6chte. Sieger machen nur Meldung, Verlierer aber Erfahrungen. Zweiteres ist wom\u00f6glich wertvoller. Gaus\u2019s Verm\u00e4chtnis.\u201c<\/p>\n<address><span style=\"color: #993300;\"><strong>Hans-Dieter Sch\u00fctt. G\u00fcnter Gaus. Von den Hoffnungen eines Skeptikers.<\/strong> 2014, 175 Seiten, Klappenbroschur, Dietz Berlin, 16,90 Euro, ISBN 978-3-320-02305-8<\/span><\/address>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geh\u00f6rigen Abstand haben wir Nachgeborenen inzwischen zu G\u00fcnter Gaus, der als politischer Journalist Ma\u00dfst\u00e4be setzte und 1974 \u2013 1981 Erster Leiter der St\u00e4ndigen Vertretung der Bundesrepublik bei der DDR war. 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