{"id":1140,"date":"2014-07-15T17:19:24","date_gmt":"2014-07-15T15:19:24","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/?p=1140"},"modified":"2017-09-18T20:47:37","modified_gmt":"2017-09-18T18:47:37","slug":"ruestzeug-fuer-haarige-zeiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.journalismus-und-mehr.com\/index.php\/archives\/1140","title":{"rendered":"R\u00fcstzeug f\u00fcr &#8220;haarige Zeiten&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>Zwar rezensiere ich Neuerscheinungen (u.a. f\u00fcr www.literaturkritik.de, Universit\u00e4t Marburg), doch ab und zu greife ich sehr gerne zu alten B\u00fcchern. Sehr neugierig war ich auf <span style=\"color: #ff0000;\"><strong>\u201eDie Stunde der Frauen\u201c<\/strong><\/span> (DVA, 1988). Darin beschreibt <strong>Christian Graf von Krockow<\/strong>, <span style=\"text-decoration: underline;\">was seine Schwester 1944 bis 1947 in Pommern erlebte<\/span> und wie ihr schlie\u00dflich die Flucht in den Westen gelang. Es ist nicht nur ein fesselnder Bericht, sondern einige <em>Details<\/em> pr\u00e4gten sich mir besonders ein. Unter anderem dass sich die Menschen <em>an Abenden, an denen kein Licht eingeschaltet werden konnte, mit auswendig gelernten Gedichten die Zeit ertr\u00e4glich machten<\/em>. Sie waren dann in der Literatur zu Hause und \u201everga\u00dfen\u201c das angsteinfl\u00f6\u00dfendes Chaos um sie herum.<\/p>\n<p>Und genau das f\u00fchrte dazu, dass ich die folgende Geschichte nicht mit \u201eZucht und Ordnung\u201c verbinde, sondern in jenen Strukturen wie hier beschrieben durchaus ein <strong><em>R\u00fcstzeug f\u00fcr \u201ehaarige Zeiten\u201c<\/em> <\/strong>erkenne. Lassen Sie sich in eine einklassige Dorfschule in der jungen BRD entf\u00fchren, ohne dass die Sitten von damals verkl\u00e4rt werden:<\/p>\n<p><span style=\"color: #0000ff;\"><strong><span style=\"text-decoration: underline;\">Der Schulalltag<\/span><\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #0000ff;\">\u201eGuten Mooorgen, Herr Lehrer!\u201c, t\u00f6nte es mir jedes Mal entgegen, wenn ich morgens Punkt acht Uhr den Schulsaal betrat. Die Kinder standen auf und ich begr\u00fc\u00dfte sie ebenfalls. Doch sie setzten sich danach nicht wieder hin.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\"> Am ersten Tag schaute ich etwas \u00fcberrascht in die Runde. \u201eBeten!\u201c, t\u00f6nte es mir von den Kleinen entgegen. Gehorsam faltete ich die H\u00e4nde und die Kinder machten es mir nach. Dann sprachen sie ihr \u00fcbliches Morgengebet und da ich es zum Gl\u00fcck auch kannte, konnte ich laut mitbeten. Danach blieben sie immer noch stehen. Was denn jetzt noch?, dachte ich im Stillen, doch da t\u00f6nte es mir schon wieder entgegen: \u201eSingen!\u201c Ich nickte zum Zeichen meines Einverst\u00e4ndnisses und diesmal stimmten die gro\u00dfen M\u00e4dchen ein Morgenlied an und alle sangen mit. Da mir die Gabe des Gesangs leider nicht gegeben ist, sang ich nur ganz leise mit. Mehr wurde offensichtlich auch nicht erwartet. (\u2026)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #0000ff;\">Als die drei Strophen verklungen waren, blieben die Kinder immer noch stehen. Diesmal sagte ein Viertkl\u00e4ssler jedoch sofort: \u201eGedicht!\u201c Er z\u00f6gerte auch keinen Moment, aus der Bank zu treten und vor der Klasse ein Gedicht aufzusagen, das auch im Lesebuch stand und das die Mittelstufe vor Kurzem erst auswendig gelernt hatte, wie ich aus dem Lehrnachweis ersehen konnte. Dann war eine Sch\u00fclerin der Oberstufe an der Reihe. Auch sie stand sehr unbefangen vor der Klasse und trug ein Sommergedicht vor, ohne Fehler, ohne h\u00e4ngen zu bleiben und mit sinnvoller Betonung. Mir wurde bald klar: Ich \u00fcbernahm hier eine Schule, in der feste Strukturen und sinnvolle Gewohnheiten eingef\u00fchrt waren und ich beschloss,<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\"> daran auch gar nicht zu r\u00fctteln (\u2026).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #0000ff;\">In den n\u00e4chsten Wochen lernte ich meine Schule noch besser kennen und die eingef\u00fchrten Regelungen ebenso: Zwei Kinder hatten den Tafeldienst, wischten die Tafeln sauber, wenn es n\u00f6tig war, sorgten daf\u00fcr, dass der Schwamm immer nass war und dass Kreide bereitlag. Dieser Dienst wechselte w\u00f6chentlich. Zwei gr\u00f6\u00dfere Buben waren f\u00fcr den Kartendienst eingeteilt und standen bereit, wenn irgendetwas aus dem Lehrmittelraum zu holen war bzw. zur\u00fcckgebracht werden musste. Wenn sie etwas aus diesem Raum holen sollten und sie sagten \u201eDas haben wir nicht!\u201c, dann konnte ich sicher sein, dass das auch stimmte. Ich habe da gelegentlich am Nachmittag die Probe aufs Exempel gemacht.<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #0000ff;\"> Ging es zum Sportplatz im Nachbardorf Desloch, mussten allerhand Kleinger\u00e4te mitgenommen werden. B\u00e4lle, Seile, Meterma\u00df etc. wurden in Netze gepackt und zwei Buben nahmen die Netze auf den R\u00fccken und sorgten auch daf\u00fcr, dass alles wieder mit nach Hause genommen wurde und nichts auf dem Sportplatz liegen blieb.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #0000ff;\"><em>Erste Erfahrungen<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #0000ff;\">Die Erstkl\u00e4ssler kamen normalerweise erst um zehn Uhr zum Unterricht und verlangten dann auch meine volle Aufmerksamkeit. Ihnen waren noch keine langen Stillarbeiten zuzumuten. Wenn sich allerdings \u00e4ltere Sch\u00fcler oder Sch\u00fclerinnen zu ihnen setzten, um mit ihnen zu \u00fcben, arbeiteten sie flei\u00dfig mit und akzeptierten die Hilfe auch.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #0000ff;\">Am meisten \u00fcberraschte mich allerdings ihre Unbefangenheit mir gegen\u00fcber. \u201eHerr Lehrer, kannst du mir einmal die Schuhe binden?\u201c, fragte zum Beispiel so ein kleines M\u00e4dchen und hielt mir seinen Fu\u00df hin. Ich wollte schon der Aufforderung Folge leisten, besann mich aber dann doch noch eines Besseren und zeigte ihm, wie man so etwas macht. Ich muss zugeben, es hatte es schnell begriffen. \u201eGib mir doch einmal ein Glas, ich will Wasser trinken\u201c, sagte einer von den Knirpsen in der Pause, als er dabei war, den Wasserhahn im Hof aufzudrehen. Ich zeigte ihm, wie man auch ohne Glas aus der hohlen Hand Wasser trinken konnte und er machte es eifrig nach. Dabei wurde zwar der \u00c4rmel etwas feucht, aber das hat ihn nicht weiter gest\u00f6rt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #0000ff;\">Die \u00e4lteren Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler begegneten mir mit Respekt und Freundlichkeit. F\u00fcr sie wie auch f\u00fcr ihre Eltern war ich der \u201eHerr Lehrer\u201c \u2013 und nicht nur in der Anrede. Ich nahm mir vor, ihnen genauso respektvoll zu begegnen, sie niemals \u201efertig zu machen\u201c und \u201eherunterzuputzen\u201c, wie es manche Lehrer an meinem fr\u00fcheren Gymnasium mit uns gerne gemacht <\/span><span style=\"color: #0000ff;\">hatten. Au\u00dferdem wollte ich niemals die Pr\u00fcgelstrafe anwenden, wie ich sie w\u00e4hrend meiner Volksschulzeit \u00f6fter erlebt hatte. Sie war damals noch erlaubt und wurde durchaus auch praktiziert. (&#8230;)<\/span><em> (Leicht gek\u00fcrzt.)<\/em><\/p>\n<p>Autor: <strong>Egon Busch<\/strong><br \/>\n[Jeckenbach, Amt Meisenheim Kreis Kreuznach, Rheinland-Pfalz;1960 &#8211; 2002]<\/p>\n<p>Mit Dank an den Zeitgut Verlag, Berlin, entnommen aus Kirchner, Wenderoth, Busch. <strong><span style=\"color: #0000ff;\">Guten Morgen, Herr Lehrer. Drei Dorfschullehrer erz\u00e4hlen. 1959 &#8211; 2002.<\/span> <\/strong><span style=\"color: #0000ff;\">Unterhaltsame und heitere Erinnerungen an die einklassige Dorfschule.<\/span> 256 Seiten mit vielen Abbildungen, Ortsregister, ISBN 978-3-86614-225-1, Euro 10,90<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwar rezensiere ich Neuerscheinungen (u.a. f\u00fcr www.literaturkritik.de, Universit\u00e4t Marburg), doch ab und zu greife ich sehr gerne zu alten B\u00fcchern. Sehr neugierig war ich auf \u201eDie Stunde der Frauen\u201c (DVA, 1988). 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