Archiv für das Tag 'Haus der Geschichte'

Mrz 15 2018

2 Bücher, 1 Ausstellung und Neugier auf Jennifer

Autor: . Abgelegt unter Allgemein/Politik,Kultur,Literatur

Spannend fand ich die Frage, welches Buch ich mir 2018 als erstes bestellen würde. Nun ist es entschieden: Treideln von Juli Zeh – also Theorie. Ich kam durch eine Empfehlung der Kollegin Isa Schikorsky via Twitter drauf: https://stilistico.wordpress.com/2018/03/14/juli-zeh-treideln/ und bin jetzt sehr gespannt, was mich erwartet. Laut Isa Schikorsky soll es das „witzigste Buch über das Schreiben und das Leben“ sein und handelt von Eitelkeiten und Dogmen im Literaturbetrieb.

Ja, Bücher sind eine Empfehlungssache! Als erstes möchte ich ein Nachschlagewerk empfehlen, das ich sehr gerne zur Hand nehme und dessen „Mehrwert“ eigentlich unbezahlbar ist: DAS WÖRTERBUCH DES KREATIVEN SCHREIBENS ist wirklich sehr gut gelungen! Es besteht aus zwei  Bänden und ist 2017 im Schibri Verlag, Strasburg/Uckermark, erschienen. Es erklärt Begriffe & Textsorten, tischt Schreibtheorien in verständlicher Form auf, vermittelt durch Schreibspiele vielfältige Anregungen und widmet sich auch Schreibtherapien und der Schreibpädagogik. 25 Autorinnen von Rang und Namen haben daran mitgewirkt. Ein themenorientiertes Stichwortverzeichnis macht es „arbeitsfreundlich“. Wir verdanken es Lutz von Werder & Friends.

Nun der Schwenk zur Praxis >> 2018 wird es unter anderem darum gehen, den Roman „Jennifer“ in der Gruppe „kreativ schreiben“ an der Schorndorfer VHS fertigzustellen. Es ist ein Übungsroman, bei dem es allen Beteiligten sehr viel Spaß macht, das Schicksal unserer Jennifer immer wieder mit neuen Facetten zu versehen bzw. es zu würzen und zu wenden: Eine junge Frau, die eigentlich im Luxus lebt, aber mit ihren Lebensumständen kreuzunglücklich ist. Dabei geht es turbulent zu. Einige technische Recherchen müssen wir noch anstellen – zum Beispiel wie man auf hoher See mit den Angehörigen zu Hause in Verbindung tritt. Damit will ich andeuten, dass auch „Herz & Schmerz“ nicht so ohne weiteres zu arrangieren ist, dass auch Unterhaltungsstoff häufig die Aneignung von einigem Fachwissen erfordert, um glaubwürdig zu sein.

„Jennifer“ passt nicht zuletzt im Hinblick auf das Herbstsemester gut ins Bild, in dem „Frauen“ von selbiger VHS zum Schwerpunktthema erhoben werden. Bei dieser Gelegenheit geht mein Blick zurück ins Jahr 1988. Damals wohnte ich in Schwäbisch Gmünd und gehörte dem Frauenforum an. Wir wollten die Kommunalverwaltung davon überzeugen, wie notwendig eine Frauenbeauftragte für uns ist. Dazu veranstalteten wir – alle Frauengruppen der Stadt – Frauen-Projektwochen. Natürlich ehrenamtlich. Als Dokumentation konnten wir zwei Broschüren vorlegen.

In anderen Städten hatten sich Frauenbeauftragte längst etabliert. Doch Baden-Württemberg war diesbezüglich alles andere als federführend. Und es gab auch Kritik ob der Funktion der Amtsinhaberinnen.  Waren sie mehr Feigenblatt als politische Akteurin? Hatten sie vornehmlich die Gleichberechtigung der städtischen Bediensteten ins Visier zu nehmen? In wie weit sollten und durften sie die Frauengruppen vor Ort unterstützen, Interessen bündeln und Initiativen mit vorantreiben?

Gehen wir nochmal 20 Jahre zurück. Dann landen wir bei den sogenannten 68ern. Dieses Schlagwort hat inzwischen viele Klänge. Man kann 1968, dieses Schicksalsjahr, in dem Rudi Dutschke niedergeschossen wurde, nicht isolieren. Die 60er Jahre bedeuteten insgesamt „Aufbruch“. Beleuchtet wird das derzeit speziell in Bezug auf Baden-Württemberg im Haus der Geschichte in Stuttgart. „… DENN DIE ZEITEN ÄNDERN SICH“ heißt die Ausstellung, die noch bis zum 24.6.2018 ihre Pforten geöffnet hat. Auf die BesucherInnen warten wirklich markante Erinnerungsstücke, die  gleichermaßen witzig sind wie nachdenklich stimmen. „Geschlechterverhältnisse“ und „Die Rolle der Frau“ waren der Ausstellungsleiterin Paula Lutum-Lenger jeweils ein eigenes Kapitel im Katalog wert. Prädikat: Sehr empfehlenswert!

Aus dem Rückblick, aus der Geschichte kann man sich immer Anregungen für das eigene Schreiben holen. Wodurch bin ich geprägt, was wäre anders gekommen, wenn …? Das Jahr 2018 ist noch jung, es kann noch vieles hochkochen – zumal die Jubiläen noch zu feiern anstehen!

Hier zunächst der Link zu einer >> Diskussion „Mythos 1968 – Was bleibt?“ im Haus der Geschichte Baden-Württemberg https://www.youtube.com/watch?v=TFg2END7pE0

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Sep 21 2014

Schon vor 1993 kann Günter Gaus „nicht mehr ungeniert journalistisch tätig sein“

Autor: . Abgelegt unter Allgemein/Politik

Gehörigen Abstand haben wir Nachgeborenen inzwischen zu Günter Gaus, der als politischer Journalist Maßstäbe setzte und 1974 – 1981 Erster Leiter der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik bei der DDR war. Er galt als vortrefflicher Interviewer, seine tv-Porträts sind im Haus der Geschichte zu finden und somit „geadelt“ als Zeitzeugnisse, die über Generationen hinweg der Orientierung dienen können. Einer Orientierung über gesellschaftliche/politische Verhältnisse im wieder erstarkenden Deutschland (West), die er mit kühler Distanziertheit transparent zu machen suchte. Wie sich diesem herausragenden Medienmann nähern, ohne zu lobhudeln oder zu polarisieren? Hans-Dieter Schütt schaffte dies auf differenzierte, gehaltvolle Weise in „Günter Gaus. Von den Hoffnungen eines Skeptikers“.

Schütt, selbst Journalist, Jahrgang 1948, hat seinen neunzehn Jahre älteren Kollegen vier Jahre nach dem Mauerfall interviewt. In einer der Antworten sagt Gaus, er nehme mehr und mehr „Grautöne wahr, und diese sind sehr viel umständlicher zu beschreiben. Ich kann schon lange nicht mehr ungeniert journalistisch tätig sein, ich stelle mir selber zu viele Fragen, bevor ich anderen eine Frage stelle, und ich erschrecke über die fraglose Selbstgewissheit vornehmlich jüngerer Journalisten heutzutage.“ Wenn ein ehemaliger Spiegelredakteur so etwas mit 64 zu Protokoll gibt, haben ihn seine Antennen vor Selbstgefälligkeit bewahrt? Konnte er seinen Horizont so entwickeln, dass er – Altersweisheit hin oder her – 2004 wirklich mit mehr Fragen als Antworten starb?

Schütt ist Herausgeber von „Günter Gaus: Was bleibt, sind Fragen. Die klassischen Interviews“. Sein „Nachdenken über den bürgerlichen Menschen“ – ausdrücklich will er das 2014 vorgelegte Buch nicht als Biografie verstanden wissen – legt nahe, dass der viel Gelobte zwar Maßstäbe sowie Marksteine gesetzt und der Transparenz höchst diszipliniert gedient hat und dennoch einiges Scheitern wegstecken musste. Aber der Reihe nach: Günter Gaus war seit 1953 durch und durch politischer Redakteur. Dank Helmut Kohl, damals noch in Rheinland-Pfalz, wurde er mit 35 Jahren Programmdirektor bei Südwestfunk Baden-Baden (der jüngste in der ARD bis heute), anschließend vier Jahre lang Chefredakteur beim „Spiegel“, bevor er die Seite wechselte und in die Politik ging, Ostberlin wurde bereits erwähnt, seit Anfang der 90er Jahre war er Mitherausgeber der Wochenzeitung „Freitag“.

34 Jahre war Gaus jung, als seine Sendung „Zur Person“ 1963 im ZDF startete (Noch-nicht-Bundeskanzler Ludwig Erhard war sein erster Gast), „Zu Protokoll“ gab es bis 1973 in der ARD, „Deutsche“ strahlte der WDR von 1984 bis 1989 aus. Gerhard Schröder durfte zwei Mal kommen, Christa Wolf auch. Das waren die Ausnahmen von der Regel, dass man nur einmal die Chance bekam, Farbe zu bekennen. Es handelte sich um die Momentaufnahme einer Person, die der „raffinierten Unantastbarkeit des höflich Fragenden“ standzuhalten hatte. Die Kunst bestand darin, dass Schonung genauso tabu war wie das Vorgeführtwerden in der heute sattsam bekannten Effekthascherei.

Obwohl er selbst einer Elite angehörte und sich dessen bewusst war, verstand er sich als solidarisch mit weniger Privilegierten. Schon in seinem Abituraufsatz erkannte er: „Der Mensch ist die einzige Münze, mit der auf dieser Welt gehandelt wird.“ Das begründete seine Haltung durchgängig und schwang auch in dem Stil mit, dass er in seinen Interviews nicht diskutierte, argumentierte oder gar stritt. Respekt, Anstand – damals Werte, die goutiert wurden und mit denen mehr zu entlarven und zu enthüllen war als mit dem heutigen Wortwechseln in Talkshows. So der Eindruck von mir als Nachgeborenen, die gelegentlich gerne Aufzeichnungen mit Gaus im Internet studiert.

Auch Schütt arbeitet das heraus, zollt dafür Anerkennung. Und attestiert, dass Gaus zuletzt auch als Erzähler veranschaulichen will, „was Menschen so widersprüchlich, letztlich so unfassbar macht“. Tief durchdringt das „Nachdenken“ des Hans-Dieter Schütt den Skeptiker Gaus. Er verschmilzt aber nicht mit ihm, sondern thematisiert ihn als – zuletzt – eine „Stimme am Rand“, beleuchtet seine Isolation in den späten Lebensjahren, verschränkt dies mit der Einstufung „gescheitert“ – worüber man auch anderer Meinung sein kann.

Dass er Gaus für etliche Jahre als „so ziemlich zwischen allen Fronten der deutsch-deutschen Geschichtsdeutung“ definiert, kann man auch so deuten, dass gerade hier eine Stärke dieses politisch Aufgeweckten liegt, der sich nicht scheute, Eitelkeit und Unsicherheit einzugestehen! Zu den Widersprüchen von Gaus gehörte wohl auch, dass er sich am Ende seines Lebens nicht mehr als Demokrat bezeichnen mochte.

Insgesamt hält sich Schütt mit subjektiven Bewertungen zurück. Das Bemühen, die Materie auch in ihren Tiefen aufzudröseln, transportiert natürlich trotzdem den Blickwinkel, aus dem der Autor die Welt sieht. Kostprobe: „Er (Gaus, A. d. V.) hielt die unantastbare Sicherheit der weniger Begüterten vor sozialen Übergriffen und vor einem fahrlässigen, gemeinen Desinteresse der Elite für den ‚inneren Kern‘ der bürgerlichen Gesellschaft. Fragen nach diesem Kern bildeten im Grunde genommen das Zentrum all seiner biographischen Befragungen, und er sah diesen Kern am Ende seines Lebens gesprengt.“

Schade, ich hätte Gaus eine günstige Bilanz gegönnt. Das zu erwähnen ist subjektiv, im journalistischen Sinne alles andere als politisch korrekt. Doch Gaus hat sich ebenfalls positioniert – wer eine Haltung hat, positioniert sich. Es ist nur wichtig, diese Haltung nicht zu verhehlen bzw. zu vertuschen. Sonst wird es unredlich. Und dies hat Gaus auch nicht gemacht. Jedenfalls ist mir nichts anderes zu Ohren oder zu Augen gekommen. Weder von Hans-Dieter Schütt, noch von anderen Eingeweihten. Nachdenkenswert noch ein letztes Zitat aus dem lesenswerten Buch: „Aber das Beharrungsvermögen, das aus einem Gestern kommt, arbeitet doch wesentlich mit an der Balance einer Welt, die sich ihre Fähigkeit für Gedächtnis bewahren möchte. Sieger machen nur Meldung, Verlierer aber Erfahrungen. Zweiteres ist womöglich wertvoller. Gaus’s Vermächtnis.“

Hans-Dieter Schütt. Günter Gaus. Von den Hoffnungen eines Skeptikers. 2014, 175 Seiten, Klappenbroschur, Dietz Berlin, 16,90 Euro, ISBN 978-3-320-02305-8

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