Archiv für das Tag 'Fischer Verlag'

Jan 19 2017

Vom Eiferertum und der Informationsauswahl, für die laut Thomas Kliche jede/r selbst verantwortlich ist

Autor: . Abgelegt unter Allgemein/Politik

Deutschland arbeitet sich ab am gewählten US-Präsidenten. Politische Beobachtung und Einschätzung sind wichtig. Aber hier ist nicht nur Eifer im Spiel, sondern es schwingt Eiferertum zwischen den Zeilen mit. Wovon zeugt das?

Wenige Tage vor Amtsantritt dieses US-Präsidenten sagt der scheidende deutsche Präsident Gauck in seiner Abschiedsrede „Demokratie ist kein politisches Versandhaus“. https://goo.gl/GqZhZI (1) Was mich natürlich sofort daran erinnert, dass bei fast jeder Debatte um journalistische Sorgfaltspflicht und Qualitätssicherung danach gefragt wird, wie Hol- und die Bringschuld verteilt sind. Ist es an der Zeit, diese Frage auch in der Politik zu diskutieren?

Um in dem Bild zu bleiben: im Versandhaus bestellt der Endverbraucher, was man haben will. Das Management kann durch Werbung Bedarf wachkitzeln, neue Produkte einführen und so mit der Zeit Schritt halten. Es wird aber immer nur das im Sortiment haben, das sich rentiert. Anders als die Medien. Sie müssen mehr tun, als das Erwartete zu liefern. Sie halten möglichst umfangreich vor, was passiert, fassen zusammen, gewichten, erklären und kommentieren. Das Sortiment an Vorkommnissen ist unkalkulierbar. Im Journalismus sind die Speicher immer übervoll.

Die Fülle in der Politik ist ebenfalls kaum übersehbar. Lobbyisten bedrängen sowohl Politiker als auch Journalisten. Ihr Fachwissen ist willkommen, ihr Drängen auf Einfluss muss uns „Politikkunden“ in dauerhaftes Misstrauen bugsieren. (siehe dazu > A) Aufgabe der Politik ist, nicht nur die Musik zu spielen, die bestellt wird. Antennen, die über den Tellerrand hinaus ragen, sind oft schwierig zu vermitteln, ungeliebt, aber unverzichtbar. Unabhängigkeit zu beweisen ist mag schwierig, darf aber nicht unmöglich sein. Das gilt auch für die Verpflichtung, laufend Transparenz herzustellen.

Politik- und Medienkunden stehen diesen Prozessen gegenüber und haben die Qual der Wahl. Denn Dunstkreise trennen sich ab. Die Macht tritt nicht einheitlich auf, auch wenn alles Gesagte oft wie ein Einheitsbrei wirken mag. Wie sich informieren? Einige markige Worte dazu möchte ich empfehlen. Sie sind dem Interview zu entnehmen, das Neon (Stern) mit dem Politikpsychologen Thomas Kliche führte: „Jeder hat eine Verantwortung für den Scheiß, den er liest!“ Er ging auf die Entwicklung ein, dass ein Medienmix die Basis ist, aus der sich die Rezipienten ihre Informationen herauspicken. goo.gl/mIehw9 (2) Hierzu würde ich gerne noch mehr Theorien/Ansichten lesen!

Obwohl ich in der Regel für „nah ran“ plädiere, kann ich vor diesem Hintergrund nicht empfehlen, die Rede des AfD-Funktionärs Björn Höcke am 17.1.17 in Dresden nachzuhören, auch wenn Sascha Lobo viele Links dazu in seiner Kolmne bei Spiegel-Online setzt. https://goo.gl/58fbLe (3) Man dreht auch hier zum x-ten Mal am altbekannten Rad – sowohl Lobo als auch Höcke. Und warum soll man sich die Zeit mit Sätzen totschlagen wie: „Wir müssen nichts weniger als Geschichte schreiben, wenn es für uns Deutsche und für uns Europäer noch eine Zukunft geben soll. Wir können Geschichte schreiben, tun wir es.“ (Höcke) Den Widerkäuern etwas Neues entgegensetzen hilft m. E. mehr, als das Widergekäute ständig zu betrachten und zu bekritteln. Ladenhüter mögen sich kurzfristig gut verkaufen, aber die Zukunft haben sie nicht gepachtet.

Und dass Politik kein Versandhaus mit herkömmlichen Kundenservice ist, sondern von unserem Input lebt sowie hinaus gehende Visionen zur Zukunftsgestaltung prüfen muss, kann man nicht oft genug in Erinnerung rufen. Es ist nicht damit getan, Politik zu delegieren und dann allenfalls ihre Defizite zu monieren. Vielleicht sollten dazu noch mehr Menschen das Buch „Das hohe Haus“ von Roger Willemsen lesen (S. Fischer Verlag – siehe dazu > B). Dabei befällt einen sehr leicht das Verlangen, den VolksvertreterInnen substanziell beizustehen. Wer dabei noch an „Geschichte schreiben“ denkt, ist nicht ausgelastet, hat sich nicht tief genug eingelassen auf die vielfältige Materie. Er bleibt wohl anfällig für das anfänglich erwähnte Eiferertum.

A > Die Lobbyarbeit zu kontrollieren hat sich www.lobbycontrol.de vorgenommen, eine Initiative für Transparenz und Demokratie e.V. – Interessenten können deren aufschlussreichen Newsletter beziehen!

B > »Man denkt, alle Welt schaut auf dieses Haus. Und dann findet man so viel Unbeobachtetes.« Roger Willemsen (1955 – 2016) Das Hohe Haus. Ein Jahr im Parlament. ISBN: 978-3-10-092109-3, € 19,99 – Aus dem Klappentext: Ein Jahr lang sitzt Roger Willemsen im Deutschen Bundestag – nicht als Abgeordneter, sondern als ganz normaler Zuhörer auf der Besuchertribüne im Berliner Reichstag. Es ist ein Versuch, wie er noch nicht unternommen wurde: Das gesamte Jahr 2013 verfolgt er in jeder einzelnen Sitzungswoche, kein Thema ist ihm zu abgelegen, keine Stunde zu spät.

1 > http://www.tagesspiegel.de/themen/reportage/gaucks-letzte-rede-als-bundespraesident-der-mutmacher-nimmt-abschied/19271376.html /1.17

2 > http://www.stern.de/neon/wie-dem-postfaktischen-begegnen–thomas-kliche-im-interview-7279744.html / 17.1.17

3 > http://www.spiegel.de/netzwelt/web/bjoern-hoecke-rede-offenbart-gesinnung-kolumne-von-sascha-lobo-a- html#spRedirectedFrom=www&referrrer=http://m.facebook.com /18.1.17

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Nov 09 2014

Wunderlich fährt nach Norden

Autor: . Abgelegt unter Kultur,Literatur

Wie charmant es sein kann, wenn nicht alles enträtselt wird, zeigt uns Marion Brasch mit ihrem zweiten Roman „Wunderlich fährt nach Norden“. Die besonderen Momente im Unbestimmten ergeben ein kurzweiliges Buch, obwohl nichts wirklich Spektakuläres passiert.

Acht Tage begleiten wir Wunderlich, 43, Gelegenheitsjobber nach gescheiterter Ausbildung zum Bildhauer, der Wundersames und Skurriles erlebt, das ihn nach und nach aus seiner Lethargie lockt. Bevor es auf Seite 255 heißt, der Protagonist sei „aufgewacht“, ließ er sich (fast) nur treiben. Belohnt wurde er mit der Entwicklung vom unglücklichsten zum verwirrtesten Menschen, den er kannte. Ein verschmitztes Grinsen ist hier wie an vielen anderen Stellen des Romans „Wunderlich fährt nach Norden“ von Marion Brasch kaum zu unterdrücken.
Wunderlich wird uns von seinem Mobiltelefon vorgestellt. Denn das kann sprechen beziehungsweise übermittelt „Weisheiten“, Warnungen und Wegweisendes. Mr. oder Mrs. Anonym wird den ganzen Roman über seine/ihre Identität nicht preisgeben, aber zwischendurch als „Orakel“ verkünden, was diesem oder jenem Zeitgenossen bevorsteht oder was er bereits hinter sich hat. Zunächst fordert es den von Liebeskummer geplagten Wunderlich auf: „Guck nach vorn.“„Anonym“ ist das erste Mysterium – witzig, unaufdringlich, spannungshaltend. Zudem gibt es im Roman eine Reihe von Begegnungen auf dem Weg nach Norden, die bis ins Detail eine gute Tragfähigkeit beweisen, aber jenseits des Üblichen rangieren. Dennoch muss noch etwas Sagenhaftes eingeführt werden: Blauharz – mit der wunderbaren Eigenschaft, schnell Wunden zu heilen. Die Kehrseite ist, dass man vergisst, dass und wodurch man verletzt gewesen ist. In philosophischer Hinsicht stellt sich die Frage, ob das in jedem Fall wünschenswert ist.
Marion Brasch hat in „Ab jetzt ist Ruhe“, dem Roman ihrer „fabelhaften Familie“ (2012), eine Erkenntnis formuliert, die Pate gestanden haben könnte bei Wunderlichs Reise – die Autorin hatte als junge Fahranfängerin begriffen, „ […] dass das schnellere Überwinden von Entfernungen nichts mit dem Erreichen von Zielen zu tun hat, die meinem Leben eine tiefere Bedeutung geben würden.“ Wunderlich, eher ein zielloser Langeweiler, bricht lediglich in eine Richtung auf („nach Norden“), das Zeitbudget scheint keine Rolle zu spielen (Gelegenheitsjobber) und ob etwas tiefere Bedeutung erlangt, wird er früher oder später merken. Das weckt Neugier, ob Unbestimmtheit gehaltvoll sein kann oder ob sich etwas herauskristallisiert, das über das Hier und Jetzt hinaus kostbar wird.

Es passt zu Wunderlich, dass sein Ausweis abgelaufen ist und ihn deshalb eine resolute Zugbegleiterin auf einer verlassenen Bahnstation aussetzt. Hier trifft er Finke, der ihn mit in seine Behausung nimmt. Wunderlich überlässt sich ohne Eile einer Reihe von Zufällen und entdeckt dabei manchen Kern, nach dem er gar nicht gesucht hatte. Auffällig: Es treten mehrere rothaarige Frauen auf – rothaarig war auch die Ex-Frau von Wunderlich, mit der er einen Sohn hat, den er vor elf Jahren das letzte Mal gesehen hat und es gibt mehrere Akteure, die wie Wunderlich 43 Jahre alt sind – unter anderem der Entdecker des Blauharzes, dem seine Entdeckung nicht gut bekommen ist. Auf welche Assoziationen und Rückblenden sich Wunderlich einlässt, ist ganz allein ihm überlassen. „Anonym“ spuckt kaum eindeutige Empfehlungen und schon gar keine Gewissheiten aus.

Auszuprobieren, wie es sich anfühlt, wenn einer weder zeitlich noch räumlich zu lokalisieren ist, kann Spaß machen, wie die Autorin – sie arbeitet als freie Rundfunkredakteurin – beweist. Jedenfalls spielt die Handlung während einer Phase in einem Landstrich, als dort zwei Kaffee und ein Schnaps noch „vierachtzig“ gekostet haben. Die Währung wird natürlich nicht verraten!

Ob es nun Wunderlich bis zum Meer schafft oder nicht, ist eigentlich fast unerheblich. Dass er manche Rätsel nicht lösen kann und ihn andere Erscheinungen irritieren, fügt sich glaubwürdig in diesen charmanten Roman, der sonderbare Momente sammelt, liebevoll ausstaffiert und dezent mit feinem Humor würzt. Hauptsache Wunderlich fühlt, dass diese Geschichte zu seinem Leben wird, er nicht länger Zuschauer bleibt. Dies ist schon viel, um das Vertrauen für alles Folgende zu kräftigen.

Marion Brasch: Wunderlich fährt nach Norden. Roman.
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2014.
288 Seiten, 19,99 EUR.
ISBN-13: 9783100013682

 

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