Archiv für das Tag 'de Beauvoir Simone'

Dez 25 2018

Wissen, was in den Köpfen vorgeht

Autor: . Abgelegt unter Allgemein/Politik

Die Grundstimmung ist nicht einheitlich. JedeR von uns begegnet Menschen, die ganz unterschiedlichen Prägungen und Einflüssen unterliegen. Einer jener Vordenker, deren Impulse ich sehr schätze, möchte seine Gedanken verbreitet wissen, auf die er in seinem Weihnachts-Newsletter hinweist: Gerald Hüther fasst unter der Überschrift >> Die frohe Botschaft ist doch längst verkündet. Warum nur harret sie ihrer Wahrhaftigwerdung so furchtbar lang? << zusammen, was ihm am Herzen liegt. Nachzulesen hier: https://www.gerald-huether.de/free/Weihnachtsbotschaft_2018.pdf

Auf der anderen Seite gibt es BILD. Das Blatt füttert uns nach wie vor mit fragwürdigen „Wahrheiten“ und legt irrige Schlüsse nahe. Seine Verkaufszahlen gehen zwar zurück, und Rügen vom Deutschen Presserat gab es auch wieder. Doch sollte sich niemand täuschen: diese „Botschaften“ finden sehr leicht Einlass in Gehirne, die das gesamte Wirrwarr unserer Republik satt haben und nach Vereinfachung streben.

BILD-Denkschemata durchleuchtet der BILD-Blog, dessen Beobachtungen man abonnieren kann. Über das Jahr 2018 haben die BloggerInnen einiges herausgefunden, das man einfach wissen sollte für den Fall, dass man Leuten diskutiert, die BILD regelmäßig konsumieren: https://bildblog.de/105347/muslimische-woelfe-sofort-abschieben-das-jahr-in-bild/

Dass ich auch auf Facebook (fb) vertreten bin, habe ich an dieser Stelle schon einmal erwähnt. Am Jahresende finde ich es lohnend, nachzusehen, was ich des Postens für wert befunden habe. (fb kann man auch als eine Art „Archiv“ nutzen.) In meinem Tätigkeitsbereich wichtig ist das Projekt „Frauen zählen“, für das u. a. die Schriftstellerin Nina George in einer Vielzahl von Medien warb – beispielsweise in NDR > https://www.ndr.de/kultur/Nina-George-ueber-Projekt-Frauen-zaehlen,journal1556.html?fbclid=IwAR1SZZVAleVmSfw32iIo02ikU0THGH3nKdoVbVKBTU_ADL5HsBVpiuqytl8

Es geht um die Sichtbarkeit von Frauen im Literaturbetrieb, die mein Kurs „kreativ schreiben“ in Schorndorf bei seiner Lesung am 17.10.2018 „Mit Texten zum Olymp – Nobelpreise an Frauen“ ebenfalls zum Thema machte. Unterstützt wird das Projekt von der Universität Rostock, wo man sich leicht einen Überblick über die Leitfragen und Ergebnisse verschaffen kann > http://www.xn--frauenzhlen-r8a.de/ (Einen Auszug aus meiner Begrüßungsrede dokumentiere ich unten.)

Kurse 2019 sind hier online > http://journalismus-und-mehr.com/lesehimmel.php

Auf fb bin hier hier anzutreffen > https://www.facebook.com/renate.schauer.94

Bleiben Sie weiterhin in Auseinandersetzung

mit den widerstreitenden Elementen der Gesellschaft!

Das wünsche ich mir / Ihnen / Euch für 2019!

 

Auszug aus der Begrüßungsrede > Lesung am 17.10.2018

Mit Texten zum Olymp – Nobelpreise an Frauen   

Wie sichtbar sind schreibende Frauen in unserer Gesellschaft? Welche Rolle spielten und spielen Literaturnobelpreisträgerinnen?

Mir fiel Doris Lessing ein. Lag nicht in den 80ern ihr „Goldenes Notizbuch“ auf meinem Nachttisch? Hatte sie nicht den Nobelpreis erhalten? Ebenso Pearl S. Buck, deren Roman „Die gute Erde“ mich in meiner Jugend begeisterte?

Ich holte mir das „Goldene Notizbuch“ aus der Bücherei und konnte nichts mehr damit anfangen. Die Euphorie von damals wollte sich nicht wieder einstellen. 37 Jahre waren vergangen. Und in der Summe ganze 56 Jahre, seit das Original auf den Markt kam.

Die Zeiten ändern sich und wir uns mit ihnen. Das ist Merksatz Nr. 1!

Doch vor ca. drei Jahren packte mich Lessings Roman „Das fünfte Kind“, der gleichwohl 30 Jahre auf dem Buckel hat. Ein auswegloses Familiendrama, das mich nicht aus den Klauen ließ. Obwohl hier ein unglaubliches Monster die Nerven strapaziert, fand ich diesen Stoff weniger düster als „Die Atemschaukel“ von Herta Müller. Ich quälte mich durch dieses Buch und hatte hinterher das Gefühl, etwas Wichtiges gelesen zu haben – mehr nicht.

Um beim Tragischen zu bleiben: Die dokumentarische Prosa von Swetlana Alexijewitsch überzeugt durch eine hohe Präsenz, die mich sofort für diese literarische Form einnahm. Erreicht wird das mit einer Vielfalt von Perspektiven und Facetten, was zum Beispiel in „Gespräche mit Lebenden und Toten“ zum Ausdruck kommt. Dieses Hörspiel handelt von dem Reaktorunglück 1986 in Tschernobyl. Die weißrussische Preisträgerin ist auch Journalistin.

Vielleicht erklärt das meine Nähe zu ihr. Sie transferiert Katastrophen und gesellschaftliche Umwälzungen auf eindringliche Art und Weise. Keine leichte Kost!

Als Merksatz Nr. 2 formiert sich: Wertvolle Literatur muss nicht immer gefallen.

Merksatz Nr. 3 lautet: Es gibt wenig Literatur, die ihre Faszinationskraft über viele Epochen hinweg behält. Und diese Literatur muss nicht immer preisgekrönt sein.

Denn viele andere Schriftsteller*innen hätten den Literaturnobelpreis ebenfalls verdient gehabt. Man denke nur Leo Tolstoi – „Krieg und Frieden“ – oder an Simone de Beauvoir usw.

Es gibt Preise, zu denen wird man vorschlagen. Und Preise, um die man sich bewerben muss. Weitreichende Recherchen ergaben, dass Frauen bei all diesen Preisen bisher zu kurz kamen. Auch beim Literaturnobelpreis, für den die Jury Vorschläge aus aller Welt einholt. Eine schwierige und langwierige Prozedur, die man im Internet nachlesen kann.

1901 wurde der Preis erstmals vergeben. Seither erhielten ihn 99 Männer und nur 14 Frauen. Trotzdem: Wie sich die Zeiten ändern, lässt sich an den Jahreszahlen ablesen: seit 1991 – also in den letzten 27 Jahren – haben acht Frauen diese noble Auszeichnung erhalten, im Zeitraum zuvor, der mehr als dreimal so lang war (nämlich 89 Jahre), erhielten ihn nur sechs.

Die 14 Literaturnobelpreisträgerinnen nun ein wenig ins Rampenlicht zu holen, ist unser Plan für diesen Abend. (…) Der Nobelpreis an sich soll ja „denen zugeteilt werden, die im verflossenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen geleistet haben“. So wollte es Alfred Nobel. Der Literaturnobelpreis ist mit etwa 775.000 € dotiert.

Vom verflossenen Jahr ist hier die Rede. Doch jeder Preis wirkt länger.

Er ermöglicht das Weiterschreiben unter besseren Bedingungen.

Viele Bücher hätten ohne Stipendien oder sonstige finanzielle Zuwendungen nicht entstehen können. Doch um eine Auszeichnung zu erhalten, muss man nicht nur gut, sondern auch präsent bzw. bekannt sein.

Es ist also entscheidend, wie viele Bücher von Autorinnen veröffentlicht und entsprechend beworben und rezensiert werden. Sind die Entscheidungsebenen in Verlagen und Feuilletons noch immer männerdominiert? Ein Kritiker soll mal öffentlich geäußert haben: „Ein Frauenbuch ist ein Buch, das ich als Mann nicht verstehe.“ Wird Literatur von Frauen als „Gedöns“ von vorn herein in die zweite Reihe gestellt? Verlagsvertreter schwärmen aus, um Buchhändler zu überzeugen, welche Werke sie sich auf Lager legen sollen. Es gibt eine große Anzahl an Beteiligten, die an den Schrauben im Literaturbetrieb drehen!

„Frauen zählen“ heißt die Pilotstudie, die die “Sichtbarkeit von Frauen im Literaturbetrieb“ untersucht. Erste Ergebnisse wurden letzte Woche auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt.

2036 Buchbesprechungen in 69 deutschen Medien wurden im März 2018 ausgewertet.

Von Männern verfasste Bücher werden häufiger rezensiert als jene von Frauen. Das Verhältnis ist 2 zu 1. Fest steht: Männer schreiben am liebsten über Männer!

Nun zurück zum Literaturnobelpreis. Selbstverständlich gibt es immer wieder Kritik an den Entscheidungen. Manche Vergaben heben besonders anspruchsvolle Texte bzw. Werke oder Lebenswerke hervor, andere scheinen politisch konnotiert zu sein.

Wir meinen, es kommt auf den Zeitgeist an und darauf, wie die Jury zusammengesetzt ist. Wenn wir die 580 Literaturpreise in Deutschland nehmen, sind die Jurys nur zu 23 Prozent mit Frauen besetzt, sagt PEN-Zentrums-Mitglied Nina George.

Es beginnt also schon weit unter dem Level des Nobelpreises, dass die Präsenz von Frauen und damit die Aufmerksamkeit für Frauen zu wünschen übrig lässt.

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