Monatsarchiv für August 2016

Aug 11 2016

Flurfunk & Impulse von der Spülmaschine

Autor: . Abgelegt unter Literatur,Sonstiges

„Wenn ich nochmal jung wär …“ Das ist das Titelthema der ZEIT diese Woche. Ich kenne nur die Vorschau, in der es heißt: „Ich sehe was, was du nicht siehst – 25 Prominente erzählen von ihren späten Einsichten, die für Jüngere heute hilfreich sein können.“ Herrje, wieder so ein zeitloses Thema, das man zu jeder Jahreszeit platzieren kann …

Aber ja! Nur her damit! Ich sammle solch zeitlose Themen für meine Kurse! Mit einigen kreativen Gernschreiberinnen traf ich mich gestern zu einer außerordentlichen Sitzung. Wir wollten der Idee, eine öffentliche Lesung zu veranstalten, auf den Grund gehen. Herausgekommen ist jede Menge lockere Plauderei, bei der wir viel gelacht haben. Ja, Gernschreiberinnen lachen meiner Erfahrung nach oft und aus vollem Herzen, sind weder „gestrige“ Blaustrümpfe, noch abgehobene TheoretikerInnen! Eines unserer zeitlosen (Plauder-) Themen war „Spülmaschine aus- und einräumen in Partnerschaften“. Das gibt jede Menge her, wie wir feststellten. Und keine Erfahrung ist wie die andere!

Einsichten vermitteln, die überraschen und auch noch unterhaltsam sind, verdient eine gute Note in der professionellen Schriftstellerei. Doch haben natürlich jene Bücher oder Kurzgeschichten die Nase vorn, die ihren LeserInnen großen Freiraum für eigene Phantasien (Projektionen und Schlüsse) lassen.  Nichts ist nervtötender, als felsenfeste Weisheiten haarklein und als unverrückbar serviert zu bekommen. Ähnlich nervtötend ist die abschätzige, aber wenig originelle Schmähung „Wer schreibt, der bleibt“ – nach dem Motto: Ihr habt ja eh nix Lohnendes zu sagen und damit ab in die Mottenkiste der blasierten FaslerInnen und überflüssigen MöchtegerndichterInnen.

Die Jagd nach Geschichten ist groß und alt und kommt nicht aus der Mode. Wer kennt ihn nicht – den „Flurfunk“? Auch da kann man sich bestens unterhalten, manchmal auch gruseln. Sehr lebendig wird es, wenn es um Beziehungen geht. „Hast du schon gehört …“ hat meist kein Haltbarkeitsdatum und ist oft durch keinerlei Gegenrecherche „dingfest“ gemacht. Trotzdem hören wir gerne zu. Wir spinnen Gehörtes auch gerne weiter. Manches regt uns gelegentlich zu neuen Geschichten an, die zu guter Letzt evtl. ganz anders geartet sind – vielleicht mit einer Pointe enden, die so unverwechselbar ist, dass sie sich einprägt.

Der „Flurfunk“ hat es leichter als eine Lesung, sofern er Brisantes verbreitet und Tag für Tag für neue, aufregende Nahrung sorgt. KünstlerInnen der Malerei- und Skulptur-Szene haben es leichter mit ihren „EndverbraucherInnenn“ als GeschichtenschreiberInnen, die das Stillsitzen ihres Publikums erfordern. Skulpturen kann man fotografieren, ein Gemälde mit nach Hause tragen und an die Wand hängen – was tut man mit gehörter Prosa? Richtig! Wem sie gefällt, der fragt, ob er sie gedruckt (oder neuerdings auf CD) erwerben kann. Und weil der Schritt zum Büchlein (ob auf Papier oder auf Scheibe) etliches an Aufwand bedeutet, sammeln wir lieber noch mehr Geschichten, bevor wir uns in das Abenteuer Lesung stürzen. Themen haben wir ja genug. Siehe Spülmaschinen-Twist.

Und was fiele mir zur Weitergabe in punkto „Wenn ich nochmal jung wäre …“ ein? Ich bereue, dass ich nicht Tagebuch geschrieben habe als junge Volontärin bei der Lokalzeitung, denn „die Geschichte hinter der Geschichte“ wäre heute in vielen Fällen ein lesenswertes Zeitzeugnis. Mit der Frische der Jugend festhalten, was einem zu denken gibt, wo Widersprüche klaffen, wo sinnvolle Wendungen zum Greifen nahe sind und wodurch sie letztlich verfehlt werden – es ist nicht mit der Sicht von damals rückholbar. Und inzwischen wirkt das damals Verstörende, Aufschreckende oder Bewunderte sehr viel selbstverständlicher dank jahrelanger Sozialisation in den Furchen des „Erwachsenwerdens“, in den Fängen der fortschreitenden Berufserfahrung oder „Karriere“.

Ansonsten reizt mich das Gedankenspiel, nochmal jung zu sein und andere Verhaltensweisen dafür zu überlegen oder gar zu empfehlen, gar nicht. Weniger unbedarft und dadurch weniger vorlaut zu sein? Gerade das hat es doch gebracht damals! Vielleicht hätte ich während der Schulzeit von meinen Eltern dazu genötigt werden sollen, ein Instrument zu lernen, weil das heute der Nutzung meiner Gehirnhälften dienlich wäre. Aber ob mich das nicht zum Bockigsein gebracht hätte, weiß ich beim besten Willen nicht zu beurteilen, weil ich mich in das Kind von damals nicht mehr hineinversetzen kann. Ich weiß nur, zusätzlicher Unterricht in Mengenlehre (die damals noch nicht üblich war) ging schief, weil ich seine Notwendigkeit nicht einsah und er mir deshalb lästig war. Die Lehrerin bei uns auf dem Dorf bot ihn übrigens gratis an für jene, von denen sie annahm, dass es sich für diese lohne …

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Aug 02 2016

Kopfkino: Namen sind nicht Schall und Rauch!

Autor: . Abgelegt unter Literatur

Neulich im Kurs „kreativ schreiben“ hieß eine Protagonistin „Renate“. Sie war etwa um die 28, so dass ich die Verfasserin der Geschichte fragte, ob ihr ein nicht in „jüngerer“ Vorname einfalle, denn alles hat seine Zeit – auch die Mode der Vornamen wechselt. Später sah ich im Internet nach: „Renate“ hatte Hochkonjunktur zwischen 1937 und 1954, in meinem Geburtsjahr war er bereits auf Rang 11 abgerutscht.

Namen sind nicht Schall und Rauch, sie beschwören gewisse Assoziationen herauf. Unter „Fatima Faulhaber“ stelle ich mir eine andere Figur vor als unter „Siegfried Samstag“ oder „Isabelle Freudichdrauf“. Es ist deshalb eine gute Übung, Namen um der Assoziationen willen zu erfinden, und daraus Mini-Geschichten entwickeln. Diverse Portale geben im Internet über beliebte Vornamen Auskunft, zum Beispiel > http://www.beliebte-vornamen.de/ Bestimmt klicken das werdende Eltern häufig an, aber es gibt auch für GernschreiberInnen jede Menge her. Zumal man auch Bedeutungsforschung treiben kann und auf Assoziationen zu Prominenten stößt. Es geht ja immer darum, das Kopfkino zu „füttern“:

Mit „Don Quichotte“ verbindet man den Kampf gegen Windmühlen, „Werther“ steht für die Epoche „Sturm und Drang“, Goethe und Selbstmord incl. etlicher Nachahmungstaten. Bei „Alice“ spazieren die Gedanken ins „Wunderland“ oder zu „Emma“ bzw „Feminismus“. Harte Prüfungen, Niederlagen und Durchhaltewillen kennzeichnen Scarlett O’Hara in dem Kultfilm „Vom Winde verweht“.

Apropos Niederlagen: „Vom Scheitern und Wiederaufstehen“ haben die 9. Nordwalder Biografietage als Überschrift gewählt und starten damit am 23.9.2016 ab 14 Uhr im Rathaus Nordwalde. Zum Thema „Shit Happens – aus Fehlern lernen“ hält Dr. Christoph Mandl, Uni Hohenheim, die Einführungsrede. Zusammen mit Prof. Dr. Andreas Kuckertz erstellte er die Studie „Gute Fehler. Schlechte Fehler“, die Ende 2015 erschien. Die Veranstaltung orientiert sich an dem Modell der sogenannten Fuck-up-Nights. Diese Bewegung nahm 2012 in Mexiko ihren Anfang, um das Scheitern von StartUps öffentlich zu teilen. Näheres zu den Nordwalder Biografietagen > http://www.biografische-kommunikation.de/

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