Monatsarchiv für März 2014

Mrz 10 2014

Vielworterei und andere Unhöflichkeit

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Rabatt für Freundlichkeit – darüber berichtete heute die Landesschau Baden-Württemberg vom Stuttgarter Karlsplatz. Ein Kaffee-Verkäufer hatte die pfiffige Idee, seine Preise hochzusetzen, um dann aber auf das Zauberwort „bitte“ zwei Euro Nachlass zu gewähren. Dazu wurde mit einem Euro belohnt, wer das Gegenüber hinter der Theke mit einem „hallo“ begrüßte.

Das muffige Deutschland hat so was anscheinend nötig. Zufällig befragte Passanten sagten in Mikrofon und Kamera, sie fänden das gut. Man sollte insgesamt viel freundlicher miteinander umgehen.

Mich erinnerte das an die kurze Phase in meiner Kindheit, in der ich die Welt nach überflüssigen Worten durchforstete und diese von nun an weglassen wollte. Plötzlich sagte ich nicht mehr „guten Morgen“, denn was hätte das schon bewirken können. Meine Mutter guckte zwar indigniert, übersah meine Maulfaulheit aber großzügig. Als ich nach mehreren Tagen nicht gesprächiger wurde, lautete die These, ich sei eingeschnappt und würde auch wieder „ausschnappen“.

Das geschah auch bald, dennoch ist „small talk“ eine Kunst, für die ich ziemlich spät zu üben begann, denn in meinem Beruf als Journalistin entfielen alle Füllworte. Alles sollte kurz, knapp, eben „knackig“ sein. Sprache als Gleit- oder Schmiermittel – wie bei Moderationen geboten – lernte ich erst, als ich in Vorträgen darauf aus war, Aufmerksamkeit für ein Thema zu gewinnen. Sprache blieb für mich aber zuvorderst Transportmittel für Informationen, und noch heute unterschreibe ich die Maxime: Man hat eh genug damit zu tun, das Wesentliche zu erfassen und zu verarbeiten. Und Zeitungspapier ist teuer (und schwer, schönen Gruß an die AusträgerInnen!), man hat nicht unendlich viel Platz, um sich zu verbreiten.

Doch es gibt auch die umgekehrte Unhöflichkeit – zu viele Worte. Damit meine ich jetzt nicht jene, die man unfreiwillig in der S-Bahn zu hören bekommt, weil alle Welt in Mobiltelefone plappert, was das Zeug hält. Auch nicht jene ZeitgenossInnen, die im Wartezimmer von MedizinerInnen ungefragt ihre Lebens- oder Leidensgeschichte auftischen. Nein, ich meine die veröffentlichte Vielworterei, die die Sinn-Erfassung erschwert.

Lange genug haben sie mich geärgert – die Pressemitteilungen, deren Betreff mit dem Wort „Pressemitteilung“ beginnt. Die halbe Zeile ist damit verbraucht, und ich weiß immer noch nicht, worum es gehen soll in solchen e-Mails, die ja schnellstmöglich News unter die Leute bringen wollen. Seit letzter Woche lasse ich deren AbsenderInnen wissen, wie lästig das ist. Darauf erhielt ich sogar schon freundlich-positive Rückmeldungen!

Die Brisanz von News ausbremsen mit dem langweiligen Wort „Pressemitteilung“ – immer wieder wundert es mich, dass Profis das übers Herz bringen. Oder sind es gar keine Wort-Profis, die Pressemitteilungen verfassen, Öffentlichkeitsarbeit zu verantworten haben? Klar: immer noch gilt die irrige Meinung: schreiben kann jeder! Es stimmt ja auch – irgendwie. Aber wenn ich etwas in die Welt posaunen will, muss das doch nach allen Regeln des Metiers geschehen, sonst verschmutzt es doch nur die Kommunikationskanäle, ohne sein Ziel zu erreichen. Das möchte ich gerne zum Zwecke der Höflichkeit und Effizienz wieder ins Gedächtnis rufen. Denn alles andere ist Zeit- und Energieverschwendung!

Noch nicht entschieden habe ich mich, ob ich mein Sprachgefühl jenen Laien aufdrängen möchte, die in Internet-Foren den Platz für Nichtigkeiten in den Überschriften vergeuden, obwohl sie womöglich etwas Wichtiges kundzutun hätten. Sie posten unbedacht Headlines, bei denen sich mir die Fußnägel rollen. Weil alles Interesse schmerzhaft auf die Streckbank gezogen wird, als sei der/die LeserIn an einer Sado-Maso-Folter interessiert. Anstatt schnell das Thema erfassen zu können, wurstle ich mich durch unnötig viele Worte.

Was soll zum Beispiel das Wort „Einladung“ in der Rubrik „Aktuelle Veranstaltungen“? eine Veranstaltung, die ohne Gäste stattfinden soll, würde doch hier nicht gepostet – oder? Und wenn dann noch ein „Event“ angekündigt wird, wird es mir echt übel! Denn alles ist ein Event, nämlich ein Ereignis. Nur die Spezifizierung lockt wirklich: ist es eine Städtereise oder ein Yoga-Wochenende? Auch eine Trauerfeier ist ein Ereignis oder der Abschied vom allseits beliebten Hausmeister im Hallenbad.

Unspezifische Begriffe sind des Hasen Tod. Augen und Verstand suchen, finden aber leider viel zu oft kein Futter für Ihre Vorstellungskraft. Ein Kuss kann ein Ereignis sein, ein Konzert oder eine Kundgebung. Aber von einer Kundgebung würde mich auch nicht interessieren, dass sie stattfindet, sondern wer spricht! „Kundgebung zum Frauentag“ das ist für mich kein Magnet! Wenn aber zu lesen ist „Rita Süßmuth analysiert Wohlstandsentwicklung am … (Datum) in … (Ort), stachelt das meine Neugier an und ich lese weiter.

Was für ein „Event“, wenn eine Schlagzeile mit der Tür ins Haus fällt – und peng, alle fesselt. Und wie schön, dass der Wink mit dem Zaunpfahl – wenn das kleine Wörtchen „bitte“ zwei symbolische Euro Wert wird – Sympathie auslöst!

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