Monatsarchiv für Februar 2014

Feb 03 2014

Sonntagsruhe > Schab nix gemacht!

Autor: . Abgelegt unter Alltag,Literatur

Leer werden ist sonntags das Ziel. Doch dann ist es ungewohnt, mit der Leere fertig zu werden. Was macht der Stift, wenn er nicht schreiben darf? Was macht das Internet, wenn es nicht besucht und ausgeforscht wird?

Auszeit. Zeit, sich Ungelöstes vorzunehmen? Ganz entspannt sich Denksportaufgaben hingeben … Etwa: Warum wird die Familie immer noch als höchstes Gut glorifiziert und andererseits missachtet, zu wenig unterstuetzt? Oder: Drogen legalisieren oder nicht?

Komisch – manche Fragestellungen beschäftigen mich schon seit meiner Jugend, als schon sehr lange. Das sind die, auf die es keine erschöpfenden Antworten gibt. Die eben genannten gehören dazu.

Aber auch neue Fragen tauchen auf und müssen offen bleiben. Zum Beispiel die nach den Kindern, die keinen Bock auf Konzentration haben, denen Schule und Lernen egal sind wie in dem Buch „Schab nix gemacht! Geschichten aus der Hauptschule“ beschrieben. Ein Buch, das nachklingt – auch sonntags, wenn nix machen angesagt ist. Ja besonders dann, wenn die eigene kleine Welt in Ordnung ist, weil ja schwer vorstellbar ist, wie es mit den Kindern weitergeht, wie deren Welt in Ordnung kommen soll, wenn sie sich nix vom Schulstoff merken können.

Ich beneide den Autor Kai Lange, um sein Gemüt. Er hat seinen Schulalltag aufgeschrieben, ohne seine Schützlinge an den Pranger zu stellen – stark! Sie sind eben so. Trotz aller Bemühungen ihrer LehrerInnen. Es würde  nichts nützen, ihrer Defizite zu dramatisieren. Wie könnte man ihnen (noch mehr) entgegenkommen, damit sie als Erwachsene bestehen können? Oder drückt man schon zu viele Augen zu? Oder sind wir allgemein zu gleichgültig ihnen gegenüber, focussieren wir lieber andere Probleme?

Ja – diese Kinder erschleichen sich einen Platz in meiner Sonntagsruhe bzw. -leere. Wahrscheinlich muss noch oft über sie geschrieben werden, damit sie die Präsenz erreichen, die konstruktive Veränderungen dringend macht. An Stammtischen gibt es sicher Geschimpfe dazu. Aber sich ärgern hält nur auf in diesem Fall. (Wo sowieso schon zu viel Zeit unnütz verstrichen ist!) Leider fühlen sich alle meine Überlegungen zu diesem vielschichtigen Komplex (über den sicher schon Zigtausend philosophiert haben!) stümperhaft an. Deshalb: lieber schweigen. Der Tontopf wird das Thema bewahren. Und ich waere jetzt fast aus der Leere gekippt.

Kai Lange. „Schab nix gemacht! Geschichten aus der Hauptschule“. Knaur TB, 256 Seiten, 8,99 Euro, ISBN-13: 978-3426786215

Verlagstext:

Kai Lange, Hauptschullehrer im Ruhrgebiet, erlebt seit über zehn Jahren in Englisch, Erdkunde oder Deutsch den Teeniewahnsinn in Klassen, in denen 95 Prozent der Schüler einen  Migrationshinter-grund haben und sich kaum auf Deutsch ausdrücken können. Geschweige denn auf Englisch. Und die eine ganz klare Vorstellung davon haben, wo denn eigentlich genau ihre Heimatstadt Bochum liegt: „In der Nähe von Deutschland.“

Als Lehrer an einer Hauptschule kann man nur überleben, wenn man zwei Voraussetzungen erfüllt:  1. Man muss seine Schüler wirklich gern haben, 2. Man darf dem, was die Schüler den ganzen Tag treiben, nur mit Humor begegnen.

 

Keine Kommentare