Monatsarchiv für April 2013

Apr 25 2013

Wie beginne ich (m)eine Biografie? (Teil II)

Autor: . Abgelegt unter Alltag,Literatur

Regeln, die sich auf jede Biografie gleichermaßen anwenden lassen, gibt es nicht. Mit dieser kühnen Behauptung Wissensdurstige zu enttäuschen, fällt nicht leicht, hebt aber die Unverwechselbarkeit eines jeden Lebens hervor (und jeder „Materiallage“). Jeder Lebenslauf ist so einzigartig wie die Art und Weise, ihn zu betrachten. Und es kommt entscheidend auf den Blickwinkel an, zu dem sich die Autorin/der Autor durchringt. Davon hängt ab, wie die Niederschrift ausfällt. Einige Anhaltspunkte mögen den Auftakt der Arbeit erleichtern:

Alle Lebensläufe eint, dass sie sehr komplex sind. Folglich muss sich der Autor/die Autorin fragen: was stelle ich zentral, was ist nachgeordnet und was „schmückendes Beiwerk“. Das bringt schon eine erste Ordnung, wenn auch die Entscheidungen nicht leicht fallen mögen. Ähnlich knifflig ist die Aufgabe, den großen Berg an Berichtenswertem in kleine Hügel abzutragen. Sozusagen eine „Gliederung“ anfertigen.

Diese ist segensreich, aber wie im Schulaufsatz – Einleitung, Hauptteil, Schluss – darf man sie sich nicht vorstellen. Selbst dann nicht, wenn man chronologisch vorgeht. Denn die verschlungenen Pfade eines Lebens gehen nicht zielgerade auf ein Finale zu. Außerdem gibt es viel mehr Höhepunkte als in Schulaufsätzen, so dass wir raffinierter vorgehen müssen.

> Vor der eigentlichen Schreibarbeit empfehle ich mehrere Sammlungen. Beginnen wir mit einer Tabelle, die links die Jahreszahlen auflistet und rechts Ereignisse zuordnet. (Menschen, die keinen PC dazu benutzen möchten, sollten ihre „Schätze“ in auf Karteilkarten notieren.) Sie kann ständig weiter „angefüttert“ werden, bei jeder Idee einfach ergänzen.

> Die zweite Sammlung heißt „Personal“. Wir können unmöglich alle Personen gleichzeitig vor Augen haben, die eine Rolle spielen. Sie haben für den Lebenslauf unterschiedliche Bedeutung. Es gibt Busenfreundinnen fürs ganze Leben, Kollegen für einen bestimmten Berufsabschnitt oder die Tante, die in der Jugend Vorbild war, in den mittleren Jahren selten angerufen wurde und erst später wieder in den Focus rückte.

> Die dritte Sammlung betrifft „Orte“. Fragen Sie sich, welche Orte eindrucksvoll oder prägend für sie waren, welche waren traumhaft, welche unerreichbar? Wo kam eine einzigartige Stimmung auf, wo war es abstoßend oder unheimlich? Das darf auch eine unfertige Ferienanlage auf La Gomera oder sonst wo sein, über die man sich geärgert hat, weil zu viel Lärm die Nerven strapazierte oder der Strom gerade immer dann ausfiel, als man den frischen Fangfisch zubereiten wollte. 

> Die vorläufig letzte Sammlung ist eine „Episoden-Kiste“. Einfach drauf losschreiben, wenn eine Episode erinnert wird! Der innere Zensor bleibt ausgeschaltet, denn Überprüfungen finden später statt. Also nicht fragen: ist das jetzt mehr Fantasie oder habe ich es wirklich so erlebt? Dichtung und Wahrheit lassen sich im nächsten Durchgang auseinander dividieren. Wichtig sind hier die Eindrücke wie sie von der Seele purzeln. Flair einfangen! Dialekt, Witz und Ironie versuchen, Spontanität wagen!

Diese Sammlungen entstehen nicht von heute auf morgen. Im besten Fall befruchten sie sich gegenseitig und lassen die Vorfreude auf den eigentlichen Schreibprozess wachsen. Es entspannt, wenn die große Geschichte in kleinen Hügeln überschaubar(er) wird. Als Ansporn sollte man im Auge behalten, dass nach dem Ausdehnen (Verästelungen können Spaß machen!) die Konzentration aufs Wesentliche folgt, die die Spreu vom Weizen trennt. Erst die Vielfalt, die es innerlich zu würdigen gilt, dann das genussvolle Verdichten!

Neben Alltagsspitzen, Medienpolitik/-kritik, & Frauenblickwinkel gibt es hier Tipps für das Schreiben – nicht nur von Biografien. Möchten Sie Erfahrungen posten? Zuschriften bitte unter „Kommentare“.

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Apr 08 2013

Schreiben über Verbrechen wider Vorurteile

Autor: . Abgelegt unter Kultur,Literatur

Verbrechen – das Geschehen vollzieht sich meist in einem kleinen Zeitschlitz, das Leben darum herum ist vielfältig wie bei anderen Zeitgenossen. Trotzdem hält sich das Vorurteil, Angeklagte müssten sich von den übrigen Menschen doch irgendwie unterscheiden.

Dass dem Staatsanwälte nicht nur in Ausnahmefällen widersprechen, könnte zur Verunsicherung unserer Trennlinien zwischen „Gut und Böse“ beitragen. In der Literatur hat es aktuell wieder ein Autor geschafft, den „Abgrund als Zwilling des Alltäglichen“ unverschnörkelt auf den Punkt zu bringen. Er heißt Ferdinand von Schirach und erzählt in seinen Stories „Carl Tohrbergs Weihnachten“ von logischen Entgleisungen.

Als Strafverteidiger ist er darin geübt, die mutmaßlichen Verfehlungen seiner Mandanten so nachvollziehbar zu machen, dass das Urteil darüber möglichst milde ausfällt. Erfreulich, wie er diese Erfahrung schriftstellerisch in gekonnten Minimalismus ummünzt, zu dem folgende Rezension verfasste:

>> Schicksalhafte Ungeheuerlichkeiten nehmen den Leser des Bändchens „Carl Tohrbergs Weihnachten“ gefangen. Jede Zeile verdichtet die Atmosphäre und strebt einem Resultat zu, das schlicht das Prädikat „passt“ verdient. Zwar erhofft man sich, dass Lebenswege sich an solchen Abgründen vorbeischlängeln, wie sie Ferdinand von Schirach in den drei Kurzgeschichten erzählt, doch man weiß von Anfang an, dass hier unausweichlich etwas aus den Fugen gerät. So ist man erschüttert und gleichzeitig auch eine Spur erleichtert, wenn …<<

Weiterlesen können Sie hier > www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=17731 – Ich wünsche viel Vergnügen samt Nachdenklichkeit bei der Lektüre!

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