Monatsarchiv für August 2012

Aug 24 2012

Nicht um Schreib-Zeit feilschen!

Autor: . Abgelegt unter Alltag,Kultur

Schreiben – gibt es einen richtigen Zeitpunkt dafür? In jedem Seminar geloben die Teilnehmenden, sich künftig zielgerichteter mit ihren geplanten Geschichten zu beschäftigen, zweifeln aber gleichzeitig daran, sich die nötige Zeit dafür freischaufeln zu können. Streng genommen riecht das nach Disziplin, zu der man sich überwinden muss. Wie bei jenen, die eigentlich jeden Tag einen Spaziergang oder Waldlauf machen sollten, aber die Kurve nicht kriegen, obwohl sie Naturliebhaber sind und früher bei Wind und Wetter …

Lassen wir das! Sonst könnte man auch spekulieren, ob diese verhinderten AutorInnen wohl zu jener Spezies Mensch gehören, die sich das Beste immer für zuletzt aufheben. Wie zum Beispiel Tim, der erst Nudeln und Gemüse aß, bevor er sich sein Bratenstück einverleiben wollte. Weil er es aber an den Tellerrand geschoben hatte, um mit den Nudeln die Soße besser aufnehmen zu können, stieß plötzlich die Gabel seiner Schwester nach dem Fleisch. Die Schwester kurz und spitz: „Du magst das wohl nicht. In meinem Magen ist noch Platz dafür.“

Drastischer ist das Gleichnis von dem Seidenschal, den der Mann seiner Frau anlegt. Nie hatte sie ihn getragen, immer war die Gelegenheit nicht gut genug. So, wie sich die Geschichte entblättert, liegt ein feierlicher Ton in der Luft, der nichts Gutes verheißt. Und wirklich: wir erfahren, die Frau ist gestorben, der Schal soll sie auf ihrer letzten Reise begleiten. Wer würde in diesem Fall von „Aufschieberitis“ sprechen? Dieser Begriff trifft zu, wenn sich schmutziges Geschirr türmt und türmt, das Abspielen jedoch stets „auf morgen“ verschoben wird. Etwas „aufzuheben“ kann also auch mit Ehrfurcht, mit Überhöhung und mit Verlängerung der Vorfreude zu tun haben.

Schreiben – gibt es einen richtigen Zeitpunkt dafür? Ja, immer! Diese kurze Antwort ist sicher genauso falsch wie die ewige Nischen-Suche „wann passt’s nun wirklich?“. Der richtige Umgang mit sich selbst steckt in dem Vertagen der Schreiblaune genau so wie das richtige Prioritäten-Setzen. Beides ist Thema unzähliger Management-Bücher. Meine Empfehlung: Nehmen Sie Ihre Neigung ernst! Wenn Sie Bierdeckel oder Gartenzwerge sammeln, tun Sie das auch! Haben Sie schon mal von einem Handarbeitsgenie gehört, das schon ewig einen Pullover stricken will, aber den Anfang nicht wagt, weil das Risiko, anderen Beschäftigungen zu erliegen, zu hoch ist? Oder der Angler, nach dem sich sogar der familiäre Speiseplan richtet:  er stellt sich den Wecker und geht an den Fluss, wenn er Lust auf einen Fang und das dazugehörige Gefühl hat.

Das Managen des Schreibens ist eines der Themen von Richard Norden, Schriftsteller, dem er sich unter www.WritersWorkshop.de widmet. Er nennt dies „Ein Platz für Ihre Kreativität“. Interessierte können monatlich den Newsletter E-Zine lesen. Jüngst erschien das E-Book „Zeit zum Schreiben“ (8,90 €). Wenn auch seine MEHRZEIT-Methode etwas bemüht wirkt, so kann man doch insgesamt von der Aufarbeitung des Themas profitieren.

Wie gesagt: Unabdingbare Voraussetzung ist, das eigene Schreib-Talent ernst zu nehmen und das Kreativ-Sein von Sockel der Unerreichbarkeit zu holen. Dann wird auch die Gewissenserforschung nicht lästig: Was darf in meinem Alltag nicht zu kurz kommen und was ist ein Zeitfresser.

Wie schnell Sie allerdings bereit sind zum Abschied von der vagen Idee „was wäre wenn“, müssen Sie selbst bestimmen. Zur Unterstützung kommen immer wieder Schreib-Ratgeber auf den Markt. Der aktuelle von R. Norden hilft, Schreibenwollen nicht länger als „verbotenes Vergnügen“ hintanzustellen, sondern als normale Aufgabe anzugehen als wäre es der Bau eines Hauses, der Beginn einer Karriere oder der Start einer Reise. Zur Buchseite http://zeit-zum-schreiben.writersworkshop.de Man erhält das Buch als PDF, ePub und Mobi (Kindle). Damit kann man es am PC oder auf jedem beliebigen eBook-Reader oder Tablet-PC lesen.

In eigener Sache: Bücher rund ums Schreiben stelle ich in diesem Blog immer wieder vor. Weiter helfen aber auch Workshops oder Einzelcoaching. Meine nächsten Kurse finden Sie hier > http://url9.de/oYU. Infos über Schreibcoaching gibt’s hier > http://www.ccyd.de/schauer/memo/link02.php

Ein Kommentar

Aug 13 2012

Als das Schallarchiv noch gegrüßt wurde

Autor: . Abgelegt unter Alltag

Heute will ich eine Geschichte erzählen, die mir zu Ohren kam und zeigt, wie Erinnerungen nur so purzeln, wenn sich eine kleine „Initialzündung“ ereignet. Das könnte Sie beispielhaft inspirieren, wenn Sie Ihre Memoiren planen oder Ihre (Groß-) Eltern „über früher“ interviewen möchten.

Wie Erinnerungen purzeln

Eine Frau, kaum jenseits der 50, kam durch ihr Opernabonnement in den Genuss der „Fledermaus“. Aus der Operette von Johann Strauß, uraufgeführt 1874 in Wien, kamen ihr einige Melodien sehr bekannt vor. Die hatte sie schon als Kind gehört – während Mutter kochte und im Radio das 11-Uhr-Wunschkonzert lief.

„Vom Telefon zum Mikrofon“ hieß die Sendung. HörerInnen riefen an, die Moderatorin plauderte gut gelaunt mit jenen, die ihr durchgestellt wurden und erfüllte ihren Musikwunsch. „Glücklich ist, wer vergisst, waaaas doch nicht zu ändern ist …“ war ein Refrain, den die Menschen immer wieder hören wollten. Wie ging ihr das als Kind auf den Wecker! Immer diese ollen Kamellen, nie was Neues, Fetziges!

Musik weckt Stimmungen

Kontrast zu „Trinke, Liebchen, trinke schnell, trinken macht die Augen hell …“ – so der Titel der Arie um das launige Vergessen – war das ebenfalls viel zu oft verlangte Wolgalied „Es steht ein Soldat am Wolgastrand …“ aus der aus der Operette „Zarewitsch“ von Franz Lehár. Das ging ihr auf dem Heimweg vom Opernhaus durch den Kopf. Sie musste dringend nach dem traurigen Zarewitsch „googeln“! Dem Kind zog sich damals stets das Herz zusammen, wenn er flehentlich anstimmte: „Habt ihr da droben vergessen auf mich …“

Der Text wird – wie überraschend – komplett auf wikipedia zitiert > http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Zarewitsch Auf das Vorschulkind hatte er sehr wehmütig gewirkt und an den Krieg erinnert, von dem die Erwachsenen häufig grausame Dinge erzählten. Nun gewahrte sie, dass es nicht um Schlachten ging, sondern um eine unstandesgemäße Liebe – uraufgeführt 1927, also lange vor Beginn des 2. Weltkriegs.

Diese falsche Interpretation hätte womöglich in Axel Hackes Sammlung „Der weiße Neger Wumbaba“ gepasst. Damit hatte der Journalist „Verhörer“ in einem Büchlein veröffentlicht, als er augenzwinkernd feststellte, dass „kaum ein Mensch je einen Liedtext richtig“ verstehe. Der Titel bezieht sich auf die „der weiße Nebel wunderbar“ aus „Der Mond ist aufgegangen“, ein Abendlied von Matthias Claudius. Die Fantasie wird angeregt – egal, ob die Richtung mit dem übereinstimmt, was der Urheber aussagte oder nicht.

Gott sei Dank suchen Assoziationen unbestechlich ihre Bahn! Das hilft oft unverhofft, Geschehnisse oder Gefühle wieder zu entdecken, die nicht so ohne weiteres zugänglich sind wie – sagen wir mal – eine Hochzeit, von der es viele Fotos gibt. Gerade Musik hat sich als gute Türöffnerin für Atmosphärisches erwiesen, das unterschwellig einen bestimmten Zeitabschnitt prägte.

Rosemarie Eick und die „Grüße ans Schallarchiv“

Zurück an den Küchentisch! Das blasse Wachstuch sieht die Frau heute noch vor sich. Was hatte sie als Kind damals eigentlich damals gemacht, während die Mutter Gemüse schnitt und mit den Töpfen hantierte? Gemalt? Gebastelt? Dazu förderte die Erinnerung nichts zutage. Wohl aber zur Mutter, deren flotte Fingerfertigkeit und Erwartung, man möge ihr aufmerksam bei Kleinigkeiten zur Hand gehen. Die Kulisse war nicht nur von dem Feuer im Herd und einem dickbauchigen Schrank bestimmt (Einbauküchen waren damals erst im Kommen), sondern auch von dem kleinen Rundfunk-Empfänger auf dem Arzneischränkchen, das an der Wand neben der Tür aufgehängt war. Daraus kam – unvergessen – jene Stimme, die eine Art Wohlgefühl erzeugte, für die die in erster Linie angesprochenen Hausfrauen offenbar dankbar waren. Es rief jedenfalls nur alles heiligen Zeit mal ein Mann an, um einen Musikwunsch die äußern. Wen die Moderatorin nach kurzem Hin und Her wieder aus der Leitung verabschiedete, dachte meist an die Heinzelmännchen im Hintergrund, die Platten oder Bänder heraussuchten und zum Abspielen in die Technik brachten: „Schöne Grüße ans Schallarchiv!“

Doch wem gehörte die Stimme, die auch zur Kaffeestunde und in anderen Sendungen so angenehm klang? Es dauerte ein paar Klicks – und dann war auch dieses Rätsel gelöst. Die Besucherin der Fledermaus nahm sich vor, weiter über Rundfunkgeschichte zu recherchieren, denn plötzlich hatte sie viele „alte“ Stimmen im Ohr. Jene des Wunschkonzertes ist Rosemarie Eick zuzuordnen. Sie ist starb ein halbes Jahr vor dem Mauerfall. Eine ihrer Sendungen hieß übrigens „Damals und Heute“, und sie selbst hat „Mit Großmama auf dem Kanapee – Geschichten aus meiner Kindheit“ aufgeschrieben, erschienen 1990 im Quell Verlag. Ein reizendes Büchlein, dessen Lektüre dazu geeignet ist, weitere persönliche Erinnerungen anzustoßen.

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