Monatsarchiv für September 2011

Sep 25 2011

Zeittafel ebnet Zugang zu Erinnerungen

Autor: . Abgelegt unter Alltag

Erinnerungen sind ein kostbarer Schatz! Man kann es nicht oft genug betonen und Menschen, die sich anschicken, ihre Memoiren zu schreiben, motivieren und versuchen zu inspirieren!

Wenn Kinder (meist sind sie jenseits der 40 Jahre alt) fragen: „Wie kann ich meine Eltern dazu bewegen, ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben?“, lautet die Standardantwort, sie sollen bei zwanglosen Unterhaltungen über „früher“ einfach ein Mikrophon auf den Tisch stellen und mit dem Tonband die alten Geschichten aufzeichnen. (Diktiergeräte sind weniger auffällig und tun den gleichen Dienst.)

Manchmal ist das aber nicht möglich, weil ein Mikro die Situation verfälschen und die Unterhaltung verzerren würde. Dann ist es eine gute Möglichkeit, eine „Zeittafel“ anzulegen. Das ist eine Tabelle mit drei Spalten. In der ersten stehen die Jahreszahlen, in der mittleren die Ereignisse und die dritte bleibt frei. Diese kann später für zeitgeschichtliche Ereignisse genutzt werden oder stellt Zitate besonders heraus oder nimmt Kommentare von Zeugen (Verwandte, Freunde, Nachbarn oder andere Zeitzeugen) auf.

Sind ganz links erst mal die Jahreszahlen eingetragen, kann man zunächst bruchstückhaft Ereignisse in der Mitte zuordnen. Geburtsjahr / strenger Winter, geboren während eines Schneesturms … Oder anderes Beispiel: 1950 / Heirat in Bochum, Hochzeitsreise zu Fuß mit Rucksack …

Diese Stichworte helfen, Interesse bei der zu interviewenden Person zu wecken. So dass vielleicht von selbst kommt: „1951 bin ich vier Wochen ohne Arbeit gewesen und habe auf einem Bauernhof ausgeholfen. Damals haben wir die Ähren noch mit der Hand zusammen gebunden …“ Oder man kann nachfragen, ob der Schneesturm Einfluss auf die Geburt hatte, beispielsweise auf das Kommen der Hebamme oder den herbei eilenden Vater, der vielleicht auf dem glatten Pflaster im Hof ausgerutscht ist.

Viele Geschichten kennen die Jüngeren ja schon, so dass das Augenmerk vor allem auf Zusammenhängen (dem Kontext) und Details liegt. Die Interviewer werden zum Stichwortgeber und können die Tabelle mit den Auskünften bestücken. Der oder die Befragte können noch mal eine Nacht darüber schlafen (oder mehrere Nächte) und die Tabelle wieder und wieder zu Hand nehmen. Wenn die Erinnerungen einmal in Gang gekommen sind, purzeln oft überraschend viele Einzelheiten in die Gegenwart.

Manche Senioren sind bald selbst Feuer und Flamme und notieren, was „von damals“ plötzlich wieder lebhaft vor ihren Augen steht. Und seien es nur Stichworte, die bei der nächsten „Erinnerungskonferenz“ mit Leben gefüllt und in die Tasten des Laptops geklopft werden.

Wichtig ist, die Sequenzen überschaubar zu halten, keine zu großen Zeitabschnitte in einer „Sitzung“ abhandeln zu wollen. Das Projekt braucht Zeit, Geduld und zwischendurch immer wieder „Luft zum Atmen“. Nur dann macht es allen Beteiligten Spaß!

Demnächst: Wie man mit Ausschmückungen, Widersprüchen oder Plausibilitätsproblemen umgeht.

Keine Kommentare

Sep 22 2011

Hört: Erinnern Frauen sich anders?

Autor: . Abgelegt unter Kultur,Literatur

Bevor man womöglich nicht mehr nachhören kann, was der Hessische Rundfunk zu den bzw. rund um die Schwarzer-Memoiren sendete, hier der Link: http://www.hr-online.de/website/radio/hr2/index.jsp?rubrik=14224&key=standar
d_podcasting_derTag&mediakey=podcast/derTag/derTag_20110915&type=a
Sehr interessant finde ich dabei die Erörterung, ob sich Frauen anders erinnern oder ihre Memoiren anders gestalten als Männer. Das Spektrum der Beiträge ist erhellend. Die Diskussion darüber darf gerne fortgesetzt werden.

Heute erscheint in der aktuellen EMMA-Ausgabe übrigens ein Auszug aus dem Memoiren von Alice Schwarzer. Sie hat ihre Erinnerungen, die von den Medien mit einiger Aufregung erwartet wurden, in zwei Teile gegliedert.  Der erste blendet auf ihre Jahre bis zum Erscheinen der erstern EMMA zurück.

Sehr gut erinnere ich mich, an welchem Kiosk in Stuttgart ich die erste EMMA  entdeckte (Charlottenplatz). Ohne lange nachzudenken zückte ich den Geldbeutel und sie war mein! Ich verschlang jeden Artikel. Auf jede Ausgabe wartete ich gespannt. Ich redete viel über das, was ich in den Heften so treffend auf den Punkt gebracht fand, wollte die Bewegung verbreitern helfen. Auch bei meinem Mann und bei meinem Vater fand ich offene Ohren dafür.

Damals erschien die Zeitschrift monatlich. Meine Idee, selbst einen Artikel in EMMA zu veröffentlichen, konnte ich bereits ein Jahr später (1978) verwirklichen. Es ging um Ungerechtigkeiten bei der Jobsuche – Überschrift „Eines Tages heiratest Du ja doch“. Es war noch eine frische Errungenschaft, dass Frauen frei über ihre Berufstätigkeit bestimmen konnten. In allen Köpfen war das noch nicht verankert, bei fast allen Vorstellungsgesprächen wurde ich gefragt: „Und was macht Ihr Mann?“ oder „Was sagt Ihr Mann dazu?“ Das verlieh mir als Bewerberin eine unbestimmbare Form von Unmündigkeit, die mich sehr wütend machte!

Damals war ich noch keine „gelernte Journalistin“, verdiente mein Geld auf andere Weise und hatte zuvor lediglich einen Artikel für die Lokalpresse geschrieben. Der Honorar-Scheck mit der Unterschrift von Alice Schwarzer musste natürlich auf einem Foto „für die Nachwelt“ festgehalten werden! Erst gut zwei Jahre später stürzte ich mich voller Begeisterung in mein Volontariat bei der Gmünder Tagespost. – Ja, es ist wirklich eine spannende Frage, ob sich Frauen an andere Dinge erinnern oder sich in den Zusammenhängen, die ihr Leben prägten, anders darstellen als Männer! Kommentare dazu sind herzlich willkommen!

Keine Kommentare