Monatsarchiv für November 2009

Nov 23 2009

Niggemeier erinnert an Werther-Effekt

Autor: . Abgelegt unter Allgemein/Politik,Alltag,Literatur

Das Ulmer Münster ist ein imposanter Bau. Leider verleitet der Turm Lebensmüde immer wieder zum tödlichen Sprung. Ob dies der Öffentlichkeit zu berichten sei, war in der Südwestpresse entschieden, bevor ich dort während meiner Ausbildung zur Redakteurin drei Ressorts der Mantelredaktion durchlief: NEIN, man wolle keine Nachahmer auf den Plan rufen.

Das Abwägen zwischen Informationspflicht und Verantwortung des Risikos, mit dem Verbreiten von bestimmten Nachrichten verbunden ist, war ein wichtiger Diskurs in meiner Ausbildung und auch bei vielen Gelegenheiten danach. An die daran geknüpften ethischen Fragen erinnert Kollege Stefan Niggemeier am 16.11.2009 in seinem Blog: http://www.stefan-niggemeier.de/blog/ueber-enke-und-werther/ Die Beschäftigung der Medien mit dem Selbstmord des Nationaltorwarts Enke gab Anlass zu diesen Ausführungen, die ich jeder und jedem empfehle.

Das Thema ist freilich nicht journalismusspezifisch, denn schon in der Schule nahmen wir Goethes Werther durch und erstaunt zur Kenntnis, dass sich damals nach der Lektüre viele junge Menschen umbrachten. Seither hat sich das Stichwort „Werther-Effekt“ eingebürgert.

Andererseits gibt es aber – dem Himmel sei Dank! – auch Phänomene, von denen man sagen kann, dass da jemand „mit gutem Beispiel vorangegangen“ ist: 1) Niggemeier selbst zählt zu den positiven Erscheinungen im Medienjournalismus, der sich zuverlässig-kritisch zu Wort meldet. Und obwohl er nicht unumstritten ist, verlieh ihm 2) der Südwestrundfunk (SWR) in Stuttgart am 18.11.2009 den Hans-Bausch-Media-Preis.

Bleibt nur noch, dem Qualitätsjournalismus unermüdlichen Aufwind zu wünschen und darüber hinaus zu appellieren, dass Querdenkern in dieser Medienlandschaft immer angemessen Platz an prominenter Stelle eingeräumt wird! „Mit gutem Beispiel vorangegangen“ erfährt in diesem Blog in loser Folge Fortsetzungen und ist als Rubrik in den gedruckten und gesendeten Magazinen dieser Rupublik sicherlich ein so aufmerksamkeitsziehendes Element wie Leserbriefe oder Karikaturen!

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Nov 17 2009

Schwäche und Fehlbarkeit zulassen!

Autor: . Abgelegt unter Allgemein/Politik,Alltag

Bewegende Trauerfeier im Fußballstadion, viele Tränen zum Abschied von Nationaltorwart Robert Enke am Volkstrauertag. Dazu meinte eine Passantin in ein Radio-Mikrofon (SWR): „Da sind die Menschen so, wie sie sein sollten!“ Das spricht Bände!

Endlich war es legitim, den Gefühlen freien Lauf zu lassen, Schulterschluss zu üben, das Maskenspiel in unserer Gesellschaft für einige Stunden auszusetzen. Viele weinten nicht zuletzt um ihre eigene Verletzlichkeit und dass diese im Alltag keinen angemessenen Platz beanspruchen darf. Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff erreichte die Herzen mit dem Gegenentwurf: „Wir brauchen keine fehlerfreien Roboter, wir brauchen Menschen mit Ecken und Kanten.“

Mobbing-Opfer wüssten darauf einiges zu erwidern. Aber wenn die Trauerreden eine Wende zu mehr Menschlichkeit einleiten – dann trage ihre Substanz bitte mindestens durch das nächste Jahr, das ein sehr schwieriges werden dürfte (Entlassungen, Kaufkraftschwund etc.). In Hannover konnte letzten Sonntag das Erlebnis der anderen Stimmungsqualität schon greifen: „… es ist auch warm geworden, weil die Stadt ganz eng zusammengerückt ist“ (Oberbürgermeister Stephan Weil).

Den Umgang mit Schwäche diskutieren wir schon lange – es ist überfällig, Ängste und Labilitäten bei jederfrau und jedermann zu akzeptieren und zu integrieren. Dann sind sie auch nicht länger ein Störfaktor. Der Traum von der Unverwundbarkeit sollte den Legenden vorbehalten bleiben. Blindes Erfolgsstreben ist keine Kunst! Mehrdimensionalität trägt zu entschieden größerer Reife und – trotz Zweifeln, Schwachpunkten, Rückschlägen usw. – zu mehr Lebensfreude bei. Weise Alte haben das in allen Gesellschaften immer wieder bestätigt.

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Nov 12 2009

Depression so schwer wie Krebserkrankung

Autor: . Abgelegt unter Allgemein/Politik

2001 sorgte ein Buch für Furore: Mit „Saturns Schatten. Die dunklen Welten der Depression“ (S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main) belegte Andrew Solomon Wesen und Untiefen von Depressionen. Nach eigenen Nervenzusammenbrüchen und Selbstmordversuchen sei er – so oft zu lesen in lobenden Rezensionen – ein „Reisender in Sachen Depressionen“ geworden, interviewte Betroffene (sogar in Grönland und Afrika), lieferte vielfältige kulturspezifische und sozialpsychologische Analysen und diskutierte die therapeutische Praxis. Bei ihm erfuhr ich erstmals, dass eine Depression in der Belastung und Konsequenz der Schwere einer Krebserkrankung in nichts nachstehe.

Zu dem Zeitpunkt hatte die Krankheit in Europa bereits einen prominenten Vertreter: Von Claus von Amsberg, Prinzgemahl von Königin Beatrix der Niederlande, war bekannt, dass er unter Depressionen litt. Und das, obwohl er zum beliebtesten Mitglied der Königsfamilie avanciert war.

Damals schöpfte ich Hoffnung, dass sich Vorurteile gegenüber depressiven Menschen (von „gaga“ bis „unberechenbar/gefährlich“ usw.) langsam aufzulösen begännen. Wie oft hatte ich Menschen von schlimmen Mobbing-Prozessen berichten hören, die nicht aufgegeben hatten, sondern alle Kräfte mobilisierten, um die Stirn zu bieten und ihren seelischen Qualen nicht die Oberhand zu lassen, die tiefen „Durchhänger“ in der hintersten Schublade verschließend.

Immer noch war tabu, sich von „Seelenklempnern“ Hilfe zu holen. Wer es dennoch tat, schlug den Kragen hoch, um beim Betreten des Hauses mit dem entsprechenden Praxisschild nicht erkannt zu werden. „Ich gehe zur Krankengymnastik und Rückenmassage“ ist salonfähig, aber nicht: „Heute muss ich pünktlich Feierabend machen, weil ich eine Sitzung bei meinem Psychotherapeuten/Psychiater habe.“ Wer nach längerem Klinik-Aufenthalt ohne physische Diagnose einen beruflichen Neustart anstrebt(e), musste und muss eine gute Legende erfinden, um „unverdächtig“ im Kreis der Bewerber aufgenommen zu werden.

Bücher über Depressionen sind genug geschrieben worden. Von Fachleuten wie von Betroffenen. Sogar Sportler haben sich schon geoutet – wie Fußballer Sebastian Deisler (Biografische Aufarbeitung „Zurück ins Leben“). Dennoch: Die Reaktionen nach dem tragischen Tod von Torwart Robert Enke verraten, dass offenbar alle zu täuschen gewesen sind.

Daraus ergeben sich mehrere Fragen: Ist so eine „Täuschung“ etwa höchst willkommen, um nicht mit der eigenen Hilflosigkeit gegenüber einem an Depression erkrankten Menschen oder psychischer Verletzlichkeit schlechthin konfrontiert zu sein? Wie stumpf sind die Antennen für Labilität, Niedergeschlagenheit, Aufgesetztem? Wie unerbittlich muss man in unserem Land mithalten können, Normen (über-)erfüllen, dem Bild des Starken und Unerschütterlichen entsprechen?

Jetzt dürfen selbst die markantesten Typen weinen – sogar auf Pressekonferenzen vor laufenden Kameras.

Doppelte, ja sogar dreifache Sensibilität muss der Kranke aufbringen: einerseits muss er mit seiner Depression so balancieren, dass sie ihn nicht in eine Katastrophe führt, andererseits muss er umgehen lernen mit dem Diktat der Leistungsnorm („keine Schwäche zeigen, nicht auffallen“) und obendrein vermeiden, dass seine Traurigkeit die Abschottungen der Nahestehenden durchdringt, um ihre Ängste vorm Aus-dem-Tritt-kommen nicht zu wecken. Eine schwere und fatale Anstrengung! Warum wird das Schwere nicht den vermeintlich Gesunden aufgebürdet? Warum muss der Schwache mehr leisten als sie?

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