Archiv für die Kategorie 'Allgemein/Politik'

Nov 12 2009

Depression so schwer wie Krebserkrankung

Autor: . Abgelegt unter Allgemein/Politik

2001 sorgte ein Buch für Furore: Mit “Saturns Schatten. Die dunklen Welten der Depression” (S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main) belegte Andrew Solomon Wesen und Untiefen von Depressionen. Nach eigenen Nervenzusammenbrüchen und Selbstmordversuchen sei er – so oft zu lesen in lobenden Rezensionen – ein „Reisender in Sachen Depressionen“ geworden, interviewte Betroffene (sogar in Grönland und Afrika), lieferte vielfältige kulturspezifische und sozialpsychologische Analysen und diskutierte die therapeutische Praxis. Bei ihm erfuhr ich erstmals, dass eine Depression in der Belastung und Konsequenz der Schwere einer Krebserkrankung in nichts nachstehe.

Zu dem Zeitpunkt hatte die Krankheit in Europa bereits einen prominenten Vertreter: Von Claus von Amsberg, Prinzgemahl von Königin Beatrix der Niederlande, war bekannt, dass er unter Depressionen litt. Und das, obwohl er zum beliebtesten Mitglied der Königsfamilie avanciert war.

Damals schöpfte ich Hoffnung, dass sich Vorurteile gegenüber depressiven Menschen (von „gaga“ bis „unberechenbar/gefährlich“ usw.) langsam aufzulösen begännen. Wie oft hatte ich Menschen von schlimmen Mobbing-Prozessen berichten hören, die nicht aufgegeben hatten, sondern alle Kräfte mobilisierten, um die Stirn zu bieten und ihren seelischen Qualen nicht die Oberhand zu lassen, die tiefen „Durchhänger“ in der hintersten Schublade verschließend.

Immer noch war tabu, sich von „Seelenklempnern“ Hilfe zu holen. Wer es dennoch tat, schlug den Kragen hoch, um beim Betreten des Hauses mit dem entsprechenden Praxisschild nicht erkannt zu werden. „Ich gehe zur Krankengymnastik und Rückenmassage“ ist salonfähig, aber nicht: „Heute muss ich pünktlich Feierabend machen, weil ich eine Sitzung bei meinem Psychotherapeuten/Psychiater habe.“ Wer nach längerem Klinik-Aufenthalt ohne physische Diagnose einen beruflichen Neustart anstrebt(e), musste und muss eine gute Legende erfinden, um „unverdächtig“ im Kreis der Bewerber aufgenommen zu werden.

Bücher über Depressionen sind genug geschrieben worden. Von Fachleuten wie von Betroffenen. Sogar Sportler haben sich schon geoutet – wie Fußballer Sebastian Deisler (Biografische Aufarbeitung „Zurück ins Leben“). Dennoch: Die Reaktionen nach dem tragischen Tod von Torwart Robert Enke verraten, dass offenbar alle zu täuschen gewesen sind.

Daraus ergeben sich mehrere Fragen: Ist so eine “Täuschung” etwa höchst willkommen, um nicht mit der eigenen Hilflosigkeit gegenüber einem an Depression erkrankten Menschen oder psychischer Verletzlichkeit schlechthin konfrontiert zu sein? Wie stumpf sind die Antennen für Labilität, Niedergeschlagenheit, Aufgesetztem? Wie unerbittlich muss man in unserem Land mithalten können, Normen (über-)erfüllen, dem Bild des Starken und Unerschütterlichen entsprechen?

Jetzt dürfen selbst die markantesten Typen weinen – sogar auf Pressekonferenzen vor laufenden Kameras.

Doppelte, ja sogar dreifache Sensibilität muss der Kranke aufbringen: einerseits muss er mit seiner Depression so balancieren, dass sie ihn nicht in eine Katastrophe führt, andererseits muss er umgehen lernen mit dem Diktat der Leistungsnorm („keine Schwäche zeigen, nicht auffallen“) und obendrein vermeiden, dass seine Traurigkeit die Abschottungen der Nahestehenden durchdringt, um ihre Ängste vorm Aus-dem-Tritt-kommen nicht zu wecken. Eine schwere und fatale Anstrengung! Warum wird das Schwere nicht den vermeintlich Gesunden aufgebürdet? Warum muss der Schwache mehr leisten als sie?

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Nov 17 2009

Schwäche und Fehlbarkeit zulassen!

Autor: . Abgelegt unter Allgemein/Politik,Alltag

Bewegende Trauerfeier im Fußballstadion, viele Tränen zum Abschied von Nationaltorwart Robert Enke am Volkstrauertag. Dazu meinte eine Passantin in ein Radio-Mikrofon (SWR): “Da sind die Menschen so, wie sie sein sollten!” Das spricht Bände!

Endlich war es legitim, den Gefühlen freien Lauf zu lassen, Schulterschluss zu üben, das Maskenspiel in unserer Gesellschaft für einige Stunden auszusetzen. Viele weinten nicht zuletzt um ihre eigene Verletzlichkeit und dass diese im Alltag keinen angemessenen Platz beanspruchen darf. Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff erreichte die Herzen mit dem Gegenentwurf: „Wir brauchen keine fehlerfreien Roboter, wir brauchen Menschen mit Ecken und Kanten.“

Mobbing-Opfer wüssten darauf einiges zu erwidern. Aber wenn die Trauerreden eine Wende zu mehr Menschlichkeit einleiten – dann trage ihre Substanz bitte mindestens durch das nächste Jahr, das ein sehr schwieriges werden dürfte (Entlassungen, Kaufkraftschwund etc.). In Hannover konnte letzten Sonntag das Erlebnis der anderen Stimmungsqualität schon greifen: „… es ist auch warm geworden, weil die Stadt ganz eng zusammengerückt ist“ (Oberbürgermeister Stephan Weil).

Den Umgang mit Schwäche diskutieren wir schon lange – es ist überfällig, Ängste und Labilitäten bei jederfrau und jedermann zu akzeptieren und zu integrieren. Dann sind sie auch nicht länger ein Störfaktor. Der Traum von der Unverwundbarkeit sollte den Legenden vorbehalten bleiben. Blindes Erfolgsstreben ist keine Kunst! Mehrdimensionalität trägt zu entschieden größerer Reife und – trotz Zweifeln, Schwachpunkten, Rückschlägen usw. – zu mehr Lebensfreude bei. Weise Alte haben das in allen Gesellschaften immer wieder bestätigt.

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Nov 23 2009

Niggemeier erinnert an Werther-Effekt

Autor: . Abgelegt unter Allgemein/Politik,Alltag,Literatur

Das Ulmer Münster ist ein imposanter Bau. Leider verleitet der Turm Lebensmüde immer wieder zum tödlichen Sprung. Ob dies der Öffentlichkeit zu berichten sei, war in der Südwestpresse entschieden, bevor ich dort während meiner Ausbildung zur Redakteurin drei Ressorts der Mantelredaktion durchlief: NEIN, man wolle keine Nachahmer auf den Plan rufen.

Das Abwägen zwischen Informationspflicht und Verantwortung des Risikos, mit dem Verbreiten von bestimmten Nachrichten verbunden ist, war ein wichtiger Diskurs in meiner Ausbildung und auch bei vielen Gelegenheiten danach. An die daran geknüpften ethischen Fragen erinnert Kollege Stefan Niggemeier am 16.11.2009 in seinem Blog: http://www.stefan-niggemeier.de/blog/ueber-enke-und-werther/ Die Beschäftigung der Medien mit dem Selbstmord des Nationaltorwarts Enke gab Anlass zu diesen Ausführungen, die ich jeder und jedem empfehle.

Das Thema ist freilich nicht journalismusspezifisch, denn schon in der Schule nahmen wir Goethes Werther durch und erstaunt zur Kenntnis, dass sich damals nach der Lektüre viele junge Menschen umbrachten. Seither hat sich das Stichwort „Werther-Effekt“ eingebürgert.

Andererseits gibt es aber – dem Himmel sei Dank! – auch Phänomene, von denen man sagen kann, dass da jemand „mit gutem Beispiel vorangegangen“ ist: 1) Niggemeier selbst zählt zu den positiven Erscheinungen im Medienjournalismus, der sich zuverlässig-kritisch zu Wort meldet. Und obwohl er nicht unumstritten ist, verlieh ihm 2) der Südwestrundfunk (SWR) in Stuttgart am 18.11.2009 den Hans-Bausch-Media-Preis.

Bleibt nur noch, dem Qualitätsjournalismus unermüdlichen Aufwind zu wünschen und darüber hinaus zu appellieren, dass Querdenkern in dieser Medienlandschaft immer angemessen Platz an prominenter Stelle eingeräumt wird! “Mit gutem Beispiel vorangegangen” erfährt in diesem Blog in loser Folge Fortsetzungen und ist als Rubrik in den gedruckten und gesendeten Magazinen dieser Rupublik sicherlich ein so aufmerksamkeitsziehendes Element wie Leserbriefe oder Karikaturen!

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Dez 08 2009

Vom grünen Eisbär und der Holschuld

Autor: . Abgelegt unter Allgemein/Politik,Alltag

Stellen Sie sich vor, Ihr Nachbar hat vor zwei Stunden einen grünen Eisbären mit Geweih gesehen. Keine 30 Meter von seinem Grundstück entfernt. Ihnen ist der Anblick entgangen, denn Sie waren zu diesem Zeitpunkt beim Einkaufen. Nun kommen Sie nach Hause, haben ihrem Nachbarn ein Kilo Äpfel mitgebracht und klingeln bei ihm.

Was geschieht? Es gibt mehrere Möglichkeiten. Entweder der Nachbar erzählt, was er gesehen hat oder er schweigt. Wenn er schweigt, würden Sie dann fragen: „Hast Du heute einen grünen Eisbären gesehen?“ Nein! Wie kämen Sie darauf, dass so etwas Außergewöhnliches vorgefallen sein könnte? Sollte der Gesichtsausdruck des Nachbarn vermuten lassen, dass etwas Ungewöhnliches geschehen ist, würden Sie allenfalls fragen: „Wie war Dein Tag? Ist was passiert?“

Die Nachrichtensprecherin im Fernsehen weiß immer mehr, als sie sagt, Zeitungsmacher müssen ebenfalls eine Nachrichtenauswahl treffen. Was in der Sendung oder in der Zeitung nicht unterkommt, danach fragt schließlich auch kaum ein/e Mediennutzer/in. Redaktionen sind Gatekeeper. Nur sie können im Auge behalten, was nicht an die Öffentlichkeit gelangt und ggf. nachhaken, was daraus geworden ist.

In diesem Sinne haben Medien eine Bringschuld. Die Holschuld des Bürgers besteht darin, sich die Informationen zugänglich zu machen, die auf dem Markt kursieren. Also die Zeitung zu kaufen oder das Radio bzw. den Fernseher einzuschalten.

Neuerdings wächst die Holschuld. Es gibt kaum mehr einen Beitrag im Radio oder im Fernsehen, der nicht aufs Internet verweist, wo weiter führende Informationen abrufbar sind. Printmedien machen es ebenso. Entlastet das die Redaktionen von dem Druck, eine Auswahl treffen zu müssen? Für ihre Bringschuld gibt es sozusagen ein „Schlupfloch“: Wer mehr erfahren möchte, kann sich ja des Internets bedienen …

Wer ist in diesem System der “grüne Eisbär”. sprich die Außergewöhnlichkeit schlechthin? Richtig: der Mensch ohne Internetzugang. Ja, es gibt ihn! Hoffentlich behalten die Medienschaffenden diese Spezies im Auge! Beispielsweise jene, die sich im vorgerückten Alter an keinen PC mehr gewöhnen möchten. Oder jene, die schlicht die Kosten für die Nutzungsgebühren nicht aufbringen können. Sie alle werden ausgespart, wenn es um die schnell dahin gesagte Verfügbarkeit des großen Informationenpakets im WWW geht, das die Massenmedien als Fundgrube anpreisen.

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Dez 16 2009

Diagnose “altersbedingt” ist unwürdig!

Autor: . Abgelegt unter Allgemein/Politik,Alltag

Was mache ich mit 85, wenn mir mein Arzt auf gewisse Beschwerden antwortet: „Für so ein langes Leben ist der Mensch nicht ausgelegt“? Blicke ich schuldbewusst, weil ich den Termin für rechtzeitigen Selbstmord verpasst habe? Versetze ich ihm einen Kinnhaken, damit er merkt, wie viel Saft noch in mir steckt?

Wenn Ärzte keinen Rat wissen, sollten sie doch lieber schweigen, als beleidigend zu schwafeln! Gemein ist es alten Menschen gegenüber, wenn Mediziner viele Worte machen, dabei undeutlich, schnell und leise sprechen. Das beunruhigt das Gegenüber, falls es schlecht hört oder sich nicht so schnell auf den Redeschwall/Jargon einzustellen vermag!

Drei Fragen sollten sich Senioren zurecht legen, falls ihr Behandler ihnen hilflos, verworren oder sonst wie unerreichbar für ihr Anliegen vorkommt:

1)      Herr/Frau Doktor, würden Sie Ihrer eigenen Mutter den selben Rat geben?

2)      Herr/Frau Doktor, würden Sie das Medikament selbst einnehmen oder eine Alternative wählen?

3)       Sie sagen, es handle sich um einen Routine-Eingriff – für wen bitte schön?

> Ärzte, glaubt mir: die alten Menschen haben genug von der Diagnose „altersbedingt“! Es gibt intelligentere!

> Ärzte, glaubt mir: ein alter Mensch merkt, wenn er veräppelt wird, wenn Rat- oder Interesselosigkeit verschleiert werden soll!

>> Keine Frage, liebe Ärzte: Auch Ihr werdet mal alt. Und dann ärgert Ihr Euch schwarz, wenn Ihr den Frust ausbaden sollt, den das Gesundheitssystem verursacht – nur weil Ihr alt seid!

- – - > Man kann so schlecht intervenieren, wenn es den eigenen Vater betrifft, weil das Folgen haben könnte bei weiteren Arztkonsultationen, die er allein unternehmen muss. Wir Jüngeren sollten aber in unser aller Interesse nach Einflussmöglichkeiten auf die Medizinerausbildung suchen. Denn in der „Kommunikation“ werden die Studenten/Studentinnen immer noch nicht genug geschult!

Zum Weiterlesen (über die Kälte des Medizinbetriebs in Kliniken): “Der Tod ist nicht vorgesehen” von Pauline W. Chen. Herder Verlag – Eine junge Ärztin beschreibt ihren Weg, hinterfragt technologiegläubige Entscheidungen, Routinen und die Haltung den Patientinnen und Patienten gegenüber. (Beim Verlag vergriffen, im Internet aber noch zu haben.)

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Apr 11 2010

Das Spiel der Unverfrorenen

Autor: . Abgelegt unter Allgemein/Politik

Tue Böses und verdiene daran! Das funktioniert und ist momentan angesagt. Sich darüber zu empören ist uncool. „Alles klar“ ist der Schlachtruf und: „Immer schön locker bleiben!“

Man kann sich beispielsweise anmaßen, mit gefälschten Papieren als angeblicher Arzt Patienten zu behandeln und wird anschließend in Talkshows eingeladen. Wo niemand zu Schaden kam, liegt der Schluss nahe, um das Medizinstudium wird viel zu viel Trara gemacht. Arzt-Sein ist gar nicht so schwer. Wissenslücken lassen sich kaschieren, weil die Kollegen in der Klinik eh immer mit im Boot sind. Und wer weiß, wer alles eine Zulassung als Landarzt bekommt, wenn die dünne medizinische Versorgung in ländlichen Gegenden noch besorgniserregender wird?

Man kann aber auch nach einer aktiven Gewaltphase abwarten, bis alle Straftaten verjährt sind, und dann ein Buch über sein Doppelleben schreiben, was ebenfalls die Türen von Talkshows öffnet. Gut verkauft sich die Kombination „Polizist/Hooligan“. Ich kann mir aber auch Priester/Porno-Fotograf vorstellen.

Man kann auch als Führungskraft ungeniert Gier und Unzulänglichkeiten ausleben – die Konsequenzen tragen andere. Die Welt ist vergesslich, der Bonus bleibt gewiss, arbeitslos werden immer nur die schwächsten Glieder in der Kette.

Speziell als Frau muss ich natürlich eine Nische in diesem Spiel der Unverfrorenen finden. Während ich noch emsig nach ihr suche, erfahre ich von einer Nachbarin, dass sie unverhohlen klaut.  Sie brüstet sich damit, eine gekaufte CD zu kopieren und anschließend bei Ebay wieder zu verhökern.

Von überall her kommen also Anregungen, wie man sich illegal Vorteile verschafft und damit hoffähig wird. Medien sollen das eigentlich anprangern, darüber zur Abschreckung berichten. Schön ist auch, wenn es den Tätern leid tut, was sie verbrochen haben. Da schöpft man Hoffnung, denn es ist eine Entwicklung ablesbar.

Aber nein, Reue ist auch nicht mehr garantiert! Der Polizist/Hooligan empfindet jedenfalls keine, denn er ist ja in sein Doppelleben „hineingeschlittert“, was er in einem Buch der breiten Öffentlichkeit offeriert. Er macht von sich nicht zuletzt deshalb reden, weil er einen guten Dreh fand, sich aus seiner Vergangenheit herauszuwinden. Nahezu schmerzfrei herauszuwinden – wie wir glauben sollen.

So hasten wir von Erschrecken zu Erstaunen, alles wird niedlich und bedarf kaum einer Sühne. Soll hier die gerne zitierte Sensationslust bedient werden? Man kann zusehen, wie sie sich abnutzt. Der andere Effekt: Diese Kavaliersdelikte, die in Wirklichkeit keine sind, verwischen das Unrechtsbewusstsein schlechthin. Nur deshalb muss man sie beachten, diese laue Berichterstattung von Machenschaften, die entschieden bestraft gehören! Und über Gegenstrategien nachdenken.

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Apr 18 2010

Trauer, Stolz und Nachdenklichkeit

Autor: . Abgelegt unter Allgemein/Politik

Tote Soldaten. Irgendwie muss man/frau sich dazu stellen. Ob frau/man nun pazifistisch den Krieg oder kriegsähnliche Zustände lieber abwählen würde oder nicht. Da taucht die Vokabel „stolz“ auf. Sind wir stolz auf die Gefallenen? Müssen wir das sein? Sind wir es ihnen schuldig? Und warum?

„Stolz“ ist in diesem Zusammenhang ein Wort zum Stolpern, Stirnrunzeln, Nachhaken. Besonders, wenn es so gebraucht wird wie in der Sendung „Anne Will“ am 18.4.2010. Die Getöteten haben ihren Kopf hingehalten für eine Sache, an die sie glaubten. Damit verdienen sie Respekt. Brisant wird es, wenn es zur Ausnahme von der Regel wird, dass jemand sich für das engagiert, woran der glaubt und man deshalb stolz auf diese (vorbildliche) Ausnahmehaltung ist.

Wie wir sprachlich damit umgehen, dass Angehörigen und Freunde um in Afghanistan Getötete trauern müssen, berührt mich. „Gefallene“ ist ein gebräuchliches Wort, aber ist es nicht auch ein wenig von gestern? Es klingt m. E. zu „weich“ für das Töten und Getötetwerden im Krieg. Für „Opferbereitschaft“ gilt das auch.

Ich gestehe, dass ich mich derzeit nicht abschließend zu dieser Frage der Begrifflichkeiten äußern kann. (Die Politik bzw. Lösungsmöglichkeiten für diesen Konflikt stehen auf einem anderen Blatt!) Doch ich möchte einen Kommentar empfehlen, der mir beim Nachdenken hilft:

www.dradio.de/dlf/sendungen/kommentar/1160281/

Ich freue mich über weitere hilfreiche Kommentare.

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Apr 26 2010

Obdachlose und “Scammer” unterstuetzen?

Autor: . Abgelegt unter Allgemein/Politik,Alltag

Gesten kam mir an einer Tankstelle eine grosse dicke farbige Frau entgegen und rief, sie werde mein Benzin fuer mich pumpen. Ich sagte „no“, aber sie insistierte und meinte sie habe Hunger und brauche ein Sandwich! Also verspach ich, ihr eins zu kaufen.
Sie wollte zu Subway, ich konnte sie gerade noch aufhalten. Schliesslich hatte ich es eilig. So verwies ich sie auf das Angebot der Tankstelle. Waehrend ich meinen Tank fuellte, suchte sich meine hungrige Moechte-gern-Helferin drinnen etwas aus, ohne auf meine Begleitung dabei Wert zu legen. Als ich in den Laden kam, praesentierte sie an der Kasse eine Schale mit Chicken Wings und eine Limonade. Dreist legte sie noch einen Schokoriegel dazu. Ich hatte nicht den Willen, diesem Nachtisch Einhalt zu gebieten und zahlte fuer sie.
Der Tankwart und ich tauschten Blicke. Er meinte, es sei nett, dass ich ihr Essen statt Bier gekauft haette oder Geld zu geben. Gott wuerde mir’s vergelten. Ich war etwas ratlos, besonders ob der Dreistigkeit der Frau. Sie sei ihm bekannt, mache dies wohl oft, und somit ist sie u. U. besser dran als jemand, der wirklich Hilfe brauche. Sie weiss sehr gut, wie sie jemanden um den Finger wickeln kann und holt sich was sie braucht.
Solche Menschen machen mir Angst. Sie sind gross und stark, wenn man selbst nicht im schuetzenden Auto ist, ist man ihnen auch physisch ausgeliefert. Und sie schrecken vor nichts zurueck. Was kann man machen? War dies Helfen oder das eigene Gewissen beruhigen? Was ist mit den Anderen, die mit dem Pappschild an jeder Ecke stehen, gut organisiert, zu Banden fast. Vier an jeder grossen Kreuzung, ein fuenfter ruht sich auf der Bank aus! Sie muessen jetzt an der Strasse eine orange farbene Weste tragen, das Gesetz, damit sie nicht ueberfahren werden. Das verleiht fast so was wie „offiziellen Charakter“. Man ist Uniformen gegenueber immer aufgeschlossener, pflichtbewusster.
Seit ein Gesetz , das das Betteln an oeffentlichen Strassen verbot, vor kurzem nicht erneuert wurde und damit verfiel, werden die bettler immer aufdringlicher und natuerlich haeufiger. Kein Polizist kann sie mehr verjagen.
Zwischen 80 und 600 Dollar kann man pro Tag in Florida erbetteln, dann gehen die Leute in preislich total ueberhoehte Wochenhotels, die auf darauf angewiesene Obdachlose zugeschnitten sind, und deren Miete fuer zwei Wochen eingespart (man koennte im Obdachlosenheim diese Zeit ueberbruecken) die Kaution einer Monatsmiete (die solch ein Hotel in einer bis zwei Wochen Miete verschlingt) als Anzahlung fuer ein Apartment ansparen koennte.

Meist wird kurzsichtig gehandelt und Essen und Wohnen nicht auf lange Sicht geplant. Diese Hotels verdienen viel Geld, das wiederum erbettelt wird, damit die naechste Woche mit Dach ueber dem Kopf garantiert ist. Soll man diese Leute bedauern? Fuettern? Gar Arbeit oder Obdach gewaehren? Wer weiterhin Sozialhilfe bekommen will, muss in der Woche eine bestimmte Anzahl von Arbeitsabsagen bekommen. Die letzte Frage meiner hungrigen Anmacherin, ob da, wo ich arbeite, eingestellt wird, lief meines Erachtens ebenfalls auf einen weiteren Ansatz zur Ausnutzung hinaus, auf die Hoffnung naemlich, dass man dort ueberhaupt nicht an neuen Angestellten interessiert ist, und sie sich folglich dort gut bewerben kann, um dem Sozialamt zu beweisen, sie bemuehe sich ja und bekomme einfach keine Arbeit. Auch hier liegt die Frage nach dem Ausnutzen des Systems auf der Hand.

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Jun 02 2010

“Dieser Text ist mir was wert”

Autor: . Abgelegt unter Allgemein/Politik,Alltag

Es ist so viel von Werten die Rede und man soll sie hoch halten. Wie geht das eigentlich? Im zwischenmenschlichen Bereich kann man sich freundlich bedanken, sich für einen Gefallen revanchieren, eine kleine Aufmerksamkeit schenken. Für eine nette Geste, für großzügiges Entgegenkommen, für einen nützlichen Tipp.

Es gibt Tipps und Orientierungshilfen, die von vorn herein etwas kosten. Individuelle Beratung bei der Verbraucherzentrale, beim Anwalt oder bei einer Psychologin/Ärztin zum Beispiel. Darüber hinaus gibt es eine Fülle von Informationen gratis. Sie alle müssen irgendwie querfinanziert werden. Das heißt, aufgrund einer anderen Geldquelle muss es sich der Informant leisten können, sein Wissen, seine Reportage usw. kostenlos zur Verfügung zu stellen.

Es ist eine Binsenweisheit, dass niemand etwas zu verschenken hat. Trotzdem hat im Journalismus die (Selbst-) Ausbeutung von je her einen Fuß in der Tür. Da die Einnahmen aus den Inseraten bei den gedruckten Medien schon längere Zeit sinken, gehen immer mehr Verlage dazu über, ihre Artikel im Internet gegen Bezahlung anzubieten.

Warum eigentlich nicht etwas honorieren, das einen „bereichert“? Okay – bei knappem Geldbeutel mag jeder eingesparte Cent wertvoll sein. Doch nicht alle Schnäppchenjäger beziehen niedrige Einkünfte. Andererseits: Wer sich einmal mit dem Bezahlsystem geplagt hat, weil er unbedingt einen bestimmten Artikel lesen wollte, dem mag die Lust auf gerechte Entlohnung des Angebots vergangen sein.

Doch an komfortableren Bezahlmöglichkeiten wird gebastelt und gefeilt. In absehbarer Zeit dürften wir zwischen unterschiedlichen Modellen wählen können. Einstweilen kann zu diesem Thema einen „Mehrwert“ erfahren, wer sich mit dem sozialen Mikro-Bezahlsystem Flattr auseinander setzt, das sich noch in der Versuchsphase befindet: http://www.taz.de/6/hilfe/flattr/ (“To flatter” bedeutet auf Deutsch “schmeicheln”.)

Während bei Flattr noch nicht jede und jeder mitmachen kann, gibt die Tageszeitung „taz“ ihren Leserinnen und Leserinnen Gelegenheit zur freiwilligen monetären Wertschätzung ihrer Artikel im Netz. Nach der Lektüre eines Artikels leitet das Bekenntnis >> Dieser Text ist mir was wert: [taz-Kto] << zur Konto-Angabe, die einem mit folgenden Worten entgegenlächelt:

Schön, dass Ihnen der Artikel gefällt. Um unsere Arbeit zu honorieren, können Sie diese Bankverbindung verwenden: … Bestechend einfach!

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Jun 03 2010

ff-Erfolg: Sägt sich „Print“ im Netz selbst ab?

Autor: . Abgelegt unter Allgemein/Politik,Alltag

Mitten hinein in die Furcht vorm Zeitungssterben platzt die Nachricht, dass das „ff“ läuft wie geschmiert. „ff“ ist ein politisches Nachrichtenmagazin in Südtirol, dass dort von 30 Prozent der Bevölkerung gelesen wird. Die Erfolgsgeschichte erzählt ff-Direktor Kurt W. Zimmermann am 2. Juni 2010 in der Weltwoche.

Sie sei auf Geldmangel zurückzuführen, hebt er hervor: „Als ab 2004 alle Medienhäuser voll ins Internet investierten, hatte der ff-Verlag kein Geld.“ Sonst hätte man sicher auch Gratisangebote ins Netz gestellt. Heute habe man wieder Geld, vermeide es aber trotzdem, sich „selber elektronisch konkurrenzieren“. Unter www.ff-online.com sind nur wenige Artikel frei und ohne Einschränkungen abrufbar, bei den übrigen lautet der Bescheid, man solle das Magazin abonnieren.

Zimmermann verweist auf der Economist und das Wall Street Journal, die sich im Netz ähnlich zugeknöpft geben und nicht wie andere Blätter Auflageneinbußen zu beklagen haben. Und er sieht seine Konzentration auf „Print“ nicht zuletzt durch das Defizit von Spiegel online bestätigt, das „der Marktführer im Internet-Journalismus (…) 2009 (…) – sechzehn Jahre nach seiner Gründung“ einstecken musste. Die Doppelstrategie – sowohl printmäßig als auch im WWW präsent zu sein – erfordere hohen Aufwand. Zimmermann sieht das Entweder-Oder-Prinzip an Boden gewinnen. (2.6.10 www.weltwoche.ch/index.php?id=538451).

Die Schweizer Wochenzeitschrift Weltwoche fährt auch die Linie: wenige Appetit-Happen sollen davon überzeugen, AbonnentIn zu werden und dann gratis Zugang zu den Beiträgen im Netz zu erhalten. Nicht mal gegen Bezahlung kann man in den Genuss einzelner elektronisch publizierter Weltwoche-Artikel kommen – wie bei „ff“.

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