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Dez 10 2017

facebook: Der Überblick über das Gespeicherte gelingt nie vollständig!

Autor: . Abgelegt unter Allgemein/Politik,Alltag

Interview 😊 Mein Ausstieg vom Ausstieg auf Facebook 😊

Hans-Dirk Reinartz ist Palliativarzt und unterstützt als „Lebenslotse“ Menschen mit Krebserkrankungen „ihrer Zukunft mehr Leben zu geben“. Viele seiner Beiträge auf Facebook (fb) vermitteln Eindrücke von dem Schönen und den Nöten in der Ukraine, wo er seit 2012 lebt. Vor dem Jahreswechsel 2016/17 kündigte er seinen Ausstieg aus fb an, wollte dort seine Spuren löschen und nicht mehr über diese Plattform erreichbar sind. Dieser Ausstieg war nicht von Dauer. Über diese doppelte Wende unterhielt ich mich via Skype mit ihm.

Warum wolltest Du den Ausstieg aus fb?

Ich nutzte und nutze kein Pseudonym, war also erkennbar und habe toleriert, dass fb, google & Co. eine riesige Datenkrake sind. Ich dachte, ich nutze die Vorteile und muss deshalb auch die Nachteile in Kauf nehmen, fühlte mich fast wie zu Hause auf fb. Doch dann merkte ich, die wissen viel mehr über mich, als ich jemals geglaubt habe. Es kommt dazu, dass ich in einem politisch instabilen Land lebe und mich sehr eindeutig auf Seiten der Ukraine positioniere für eine demokratische Entwicklung in eine europäische Richtung. Fanatiker quittierten dies mit Hasstiraden.

Das spitzte sich zu?

Ja. Deshalb wollte ich nicht länger ungeschützt auf dem Präsentierteller sein. Erstens, weil nicht absehbar ist, wer diesen Kampf hier gewinnt und mir womöglich irgendwann am Zeug flicken will. Zweitens möchte ich in meinem Beruf arbeiten und auf meine online Beratungen konzentrieren, anstatt als politische Person wahrgenommen zu werden. Deshalb wollte ich zum 31.12.2016 einen Schnitt machen. Mein Ausstieg war sauber geplant, ich hatte mich aus allen Gruppen verabschiedet, meine eigenen Gruppen und Seite gelöscht und nichts mehr geliked usw.

Wie lange warst Du inaktiv?

Etwa den ganzen Dezember 2016. Zum 31.1.2017 wollte ich mich abmelden. Doch mir kam zu Bewusstsein, wen alles ich über fb kennengelernt und wiedergefunden hatte. Als Beispiel möchte ich eine Jugendfreundin nennen. Sie hatte ich aus den Augen verloren und konnte dank fb an unsere frühere Verbindung anknüpfen. Und kurz nach unserer virtuellen Wiederbegegnung stirbt ihr Mann innerhalb einer Woche. Ich konnte ihr mit meiner Erfahrung als Palliativarzt und darüber hinaus beistehen, denn die psychologische Seite kommt bei so einem Schicksalsschlag in der herkömmlichen medizinischen Versorgung eher zu kurz.

„… eher zu kurz“ ist zurückhaltend formuliert. Aber auf diese Seite Deines Wirkens kommen wir in einem gesonderten Interview zu sprechen. – Was hat sich seither für Dich auf fb geändert?

Ich blieb, weil ich das Verbindende von fb nicht missen möchte, zog jedoch angesichts der Nachteile, die auf der Hand liegen, Konsequenzen: Meine politischen Äußerungen habe ich zu 99,9 Prozent zurückgeschraubt. Zurückliegende Äußerungen tilge ich.

Wie geht das?

Ich bekomme jeden Tag eine Erinnerung, was ich vor einem oder vor zwei, drei usw. Jahren gepostet habe. Das ist eine Funktion von fb. So kann ich meine politischen Postings aus der Vergangenheit löschen. Ich like auch kaum noch, denn das kann man nicht mehr rekapitulieren.

Große Zurückhaltung?

Ich verkrieche mich nicht, agiere aber mit einer anderen Wachsamkeit. Wenn Du fb verlässt, weißt du nicht, was fb über dich gespeichert hat. Du kannst z. B. ein halbes Jahr nach einem Ausstieg dein Profil wieder reaktivieren und schwupps ist alles wieder da. Das heißt: die löschen es nicht. Es existiert noch irgendwo. Kein Mensch weiß, was die damit machen.

Betrifft das auch die Chat-Nachrichten?

Ja, die werden – soweit ich weiß – auch gespeichert. Eine Unterhaltung darüber, dass man verschlafen hat aufgrund nächtlichen Hundegebells wird wohl weltweit wenig Echo hervorrufen, aber wenn mir jemand schreibt, er habe an einem bestimmten Ort 1000 russische Soldaten stationiert gesehen, wird das unter Umständen auf beiden Seiten als brisant registriert.

Verstehe. Was ist geblieben?

Die Haltung, dass der Überblick über das Gespeicherte keine Vollständigkeit erlangen kann. Mehrere Seiten über private und politisch/kulturelle Projekte habe ich gelöscht. Ich habe für mich innerlich einen RESET gemacht und beschlossen, mit dem alten Profil bei fb zu bleiben – trotz weiter vorhandener Datenschutzrisiken. Ich habe meine alten Kontakte behalten, jedoch lösche ich jene, mit denen ich keine irgendwie geartete Übereinstimmung habe. Privat und beruflich wird mehr getrennt, der Fokus liegt auf medizinischen Themen, um als Arzt wahrgenommen zu werden. Private Infos aus dem politischen Leben teile ich so gut wie nicht mehr.

Und beruflich? Ist das nicht heikel über fb?

Über fb kann ich Menschen erreichen und sie können mich erreichen. Das war einer der Gründe auf fb zu bleiben. Beruflich bin ich sowieso „öffentlich“ unterwegs und das ist gut so! Neue Seiten und neue Gruppen von mir werden kommen, allerdings nur noch im beruflichen Umfeld. Meine Gruppen mit privaten und politischen Themen bleiben gelöscht.

Wir unterhalten uns jetzt über Skype. Wie sicher ist das?

Ich bin Arzt, kein Fachmann für Aussagen in diesem Bereich. Wobei wir uns darüber im Klaren sein müssen: wenn ein Geheimdienst etwas abhören will, wird er es schaffen – egal wo. Für meine beruflichen Leistungen prüfe ich Webinar-Plattformen auf ihre Abhör-Sicherheit.

Wie waren die Reaktionen zum Wiedereinstieg?

Wesentlich positiver, als ich gedacht hatte. Ich bekam viele Likes und die Rückmeldung, dass viele meine Postings über die Ukraine vermissen würden.

Was ist die Quintessenz der Selbsterfahrung?

Datenschutztechnisch war das Löschen ein gutes Gefühl. Mutmaßlich war ich nicht mehr so angreifbar. Aber es stellte sich auch das Gefühl ein, es würde schwieriger, über e-mail, über Skype, über Telefonate Kontakte zu halten, zu pflegen oder erst aufzubauen. Sorge über mangelnden Datenschutz und gläserne Menschen auf der einen Seite und Wunsch nach privater / beruflicher Kontaktpflege auf der anderen Seite waren ein unhaltbarer Spagat. Die Entscheidung fiel zugunsten der Kommunikation mit Toleranz der Datenschutzprobleme. Im Endeffekt bin ich froh über den Prozess meiner Entscheidungen. Meine jetzigen persönlichen Vorteile wiegen eindeutig mehr als die Nachteile.

Gibt es jetzt eine ausgefeilte Selbstzensur?

Der Begriff ist für mich interessant. Ich würde es für mich aber als „Schreibdiät“ bezeichnen. Im Sinne von „Ich halte Maß“. Weiterhin will ich über die Situationen hier vor Ort schildern, aber im Vergleich zur früher, überlege ich mir heute bei jedem Posting, ob dies es wert ist, mich auf diese Weise zu zeigen.

Vieles bewegt Dich, Du bist auf vielen Themenfeldern zu Hause.

Ja. Ich äußere mich zukünftig bevorzugt zu medizinisch-psychologischen Themen und zu Fragen um Leben und Tod, Lebensplanung, Philosophie etc.  Beschäftigung mit Sterben gehört in die Mitte des Lebens! Das Berufliche wird sich auf meiner Webseite abspielen: https://hansdirkreinartz.com/

Danke für das Gespräch. Zu Deiner Tätigkeit als Lebenslotse planen wir ein separates Interview.

(Auf fb duzt man sich. Wir haben das darüber hinaus beibehalten.)

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Feb 03 2017

„Es reicht nicht, den Verstand zu füttern“

Autor: . Abgelegt unter Allgemein/Politik

Die Sehnsucht, sich als Teil des Universums zu begreifen, macht neugierig auf den Einfluss der Planeten-Konstellation. Die Astro-Lebensberaterin Tina Peel kann aus dem Zusammenspiel von  Planeten und sog. Aspekten Informationen zur Orientierung gewinnen. Was muss man für eine Analyse angeben? Genügt der Geburtstag?

Tina Peel: Zur Berechnung eines Horoskops braucht es Geburtsdatum, exakte Geburtszeit, den Geburtsort – zusätzlich den Wohnort fürs aktuelle Solarhoroskop.

Tierkreiszeichen, Häuser, Aspekte & Co. Das klingt irgendwie kompliziert. Wie lange hast Du gebraucht, um das alles zu studieren und Vorhersagen machen zu können?

Die Ausbildung beanspruchte bis zum Diplom zwei Jahre – jeweils einen Abend pro Woche und immer wieder ganze Wochenenden.  Nach drei Monaten begann ich jedoch begeistert am Subjekt zu üben – und merkte rasch, dass es nicht reicht, sich den Mund fusselig zu reden und den Verstand zu füttern. Also besuchte ich parallel dazu die Lebensberaterausbildung. Die komplette Aus- und Weiterbildung dauerte rund zehn Jahre. Doch am meisten lernte ich, als ich nach etwa sieben Jahren selbst begann, Menschen in Kursen und Ausbildungen über längere Entwicklungsphasen zu begleiten.

Auf Deiner homepage https://goo.gl/6EHymA sprichst Du von Lektionen, die in jedem Leben aufgetischt werden.

Es sind zwölf Hauptthemen, die jedem von uns im Alltag im Laufe des Lebens immer wieder begegnen, die uns herausfordern und schulen. Jeder, der sich mit dem Leben befasst, kommt auf diese Themen, auch wenn er mit Astrologie nichts am Hut hat. Es sind die Archetypen, die Carl Gustav Jung entdeckt, beziehungsweise wiederentdeckt hat, denn sie waren immer da, seit es Menschen gibt.

Etwa zehn Prozent gaben in einer repräsentativen Umfrage des Offenbacher Marplan-Instituts an, dass sie sich ein Horoskop von einem professionellen Astrologen erstellen ließen. Bearbeitest Du überwiegend Einzelanfragen?

Es ist eine Mischtätigkeit. Phasenweise sind es mehr Beiträge für Printmedien, dann wie jetzt wieder mehr Beratungen und Analysen.

Gelegentlich veröffentlichst Du auch Bücher – zuletzt einen spirituellen Fantasyroman.

Genau! Mein jüngster Titel „Ohne Beipackzettel fürs Leben“ befasst sich mit verschiedenen Metamorphosen, die ein Mensch im Laufe seiner seelischen Entwicklung durchmachen kann.

Die Wochen- oder Monatsprognosen, die ich in einer Zeitschrift finde, umfassen nur wenige Zeilen. Wahrscheinlich computergenerierte Texte. „Handarbeit“ ist sicher exklusiver?

Ich persönlich verwende diese kleinen Texte gern dazu, mit ein paar treffenden Worten den Leser zu motivieren, zum Nachdenken und Lachen zu bringen. Und das ist für mich definitiv ein gutes Gefühl.

Würdest Du Deine Hauptaufgabe im Motivieren sehen?

Hauptaufgabe ist es, die Leute nach innen zu führen, zu ihren Lösungen und Erkenntnissen. Ich bin eine Art Reiseleiterin ins unsichtbare Innere.

Du hilfst darüber hinaus Leuten, die aus ihren Träumen Erkenntnisse ziehen wollen – ein ganz anderer Zweig Deiner Lebensberatung.

Ja, die Traumdeutung verwende ich ebenfalls seit Jahrzehnten als spannendes und nützliches Werkzeug zur Selbsterkenntnis. Seit kurzem biete ich online ein Selbstcoaching zur Traumdeutung als Direktdownload an > http://astro-lebensberatung.ch/lebenshilfe/1018-traumdeutung-to-go.html

Ergänzung: Unsere Unterhaltung fand großenteils auf facebook statt. Dort duzt man sich – ohne Ausnahme. Tina Peel und ich haben verabredet, dies beizubehalten. Persönlich kennen wir uns (noch) nicht. Tina Peel ist 56 Jahre alt und lebt im Kanton Bern  in der Schweiz.

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Jan 19 2017

Vom Eiferertum und der Informationsauswahl, für die laut Thomas Kliche jede/r selbst verantwortlich ist

Autor: . Abgelegt unter Allgemein/Politik

Deutschland arbeitet sich ab am gewählten US-Präsidenten. Politische Beobachtung und Einschätzung sind wichtig. Aber hier ist nicht nur Eifer im Spiel, sondern es schwingt Eiferertum zwischen den Zeilen mit. Wovon zeugt das?

Wenige Tage vor Amtsantritt dieses US-Präsidenten sagt der scheidende deutsche Präsident Gauck in seiner Abschiedsrede „Demokratie ist kein politisches Versandhaus“. https://goo.gl/GqZhZI (1) Was mich natürlich sofort daran erinnert, dass bei fast jeder Debatte um journalistische Sorgfaltspflicht und Qualitätssicherung danach gefragt wird, wie Hol- und die Bringschuld verteilt sind. Ist es an der Zeit, diese Frage auch in der Politik zu diskutieren?

Um in dem Bild zu bleiben: im Versandhaus bestellt der Endverbraucher, was man haben will. Das Management kann durch Werbung Bedarf wachkitzeln, neue Produkte einführen und so mit der Zeit Schritt halten. Es wird aber immer nur das im Sortiment haben, das sich rentiert. Anders als die Medien. Sie müssen mehr tun, als das Erwartete zu liefern. Sie halten möglichst umfangreich vor, was passiert, fassen zusammen, gewichten, erklären und kommentieren. Das Sortiment an Vorkommnissen ist unkalkulierbar. Im Journalismus sind die Speicher immer übervoll.

Die Fülle in der Politik ist ebenfalls kaum übersehbar. Lobbyisten bedrängen sowohl Politiker als auch Journalisten. Ihr Fachwissen ist willkommen, ihr Drängen auf Einfluss muss uns „Politikkunden“ in dauerhaftes Misstrauen bugsieren. (siehe dazu > A) Aufgabe der Politik ist, nicht nur die Musik zu spielen, die bestellt wird. Antennen, die über den Tellerrand hinaus ragen, sind oft schwierig zu vermitteln, ungeliebt, aber unverzichtbar. Unabhängigkeit zu beweisen ist mag schwierig, darf aber nicht unmöglich sein. Das gilt auch für die Verpflichtung, laufend Transparenz herzustellen.

Politik- und Medienkunden stehen diesen Prozessen gegenüber und haben die Qual der Wahl. Denn Dunstkreise trennen sich ab. Die Macht tritt nicht einheitlich auf, auch wenn alles Gesagte oft wie ein Einheitsbrei wirken mag. Wie sich informieren? Einige markige Worte dazu möchte ich empfehlen. Sie sind dem Interview zu entnehmen, das Neon (Stern) mit dem Politikpsychologen Thomas Kliche führte: „Jeder hat eine Verantwortung für den Scheiß, den er liest!“ Er ging auf die Entwicklung ein, dass ein Medienmix die Basis ist, aus der sich die Rezipienten ihre Informationen herauspicken. goo.gl/mIehw9 (2) Hierzu würde ich gerne noch mehr Theorien/Ansichten lesen!

Obwohl ich in der Regel für „nah ran“ plädiere, kann ich vor diesem Hintergrund nicht empfehlen, die Rede des AfD-Funktionärs Björn Höcke am 17.1.17 in Dresden nachzuhören, auch wenn Sascha Lobo viele Links dazu in seiner Kolmne bei Spiegel-Online setzt. https://goo.gl/58fbLe (3) Man dreht auch hier zum x-ten Mal am altbekannten Rad – sowohl Lobo als auch Höcke. Und warum soll man sich die Zeit mit Sätzen totschlagen wie: „Wir müssen nichts weniger als Geschichte schreiben, wenn es für uns Deutsche und für uns Europäer noch eine Zukunft geben soll. Wir können Geschichte schreiben, tun wir es.“ (Höcke) Den Widerkäuern etwas Neues entgegensetzen hilft m. E. mehr, als das Widergekäute ständig zu betrachten und zu bekritteln. Ladenhüter mögen sich kurzfristig gut verkaufen, aber die Zukunft haben sie nicht gepachtet.

Und dass Politik kein Versandhaus mit herkömmlichen Kundenservice ist, sondern von unserem Input lebt sowie hinaus gehende Visionen zur Zukunftsgestaltung prüfen muss, kann man nicht oft genug in Erinnerung rufen. Es ist nicht damit getan, Politik zu delegieren und dann allenfalls ihre Defizite zu monieren. Vielleicht sollten dazu noch mehr Menschen das Buch „Das hohe Haus“ von Roger Willemsen lesen (S. Fischer Verlag – siehe dazu > B). Dabei befällt einen sehr leicht das Verlangen, den VolksvertreterInnen substanziell beizustehen. Wer dabei noch an „Geschichte schreiben“ denkt, ist nicht ausgelastet, hat sich nicht tief genug eingelassen auf die vielfältige Materie. Er bleibt wohl anfällig für das anfänglich erwähnte Eiferertum.

A > Die Lobbyarbeit zu kontrollieren hat sich www.lobbycontrol.de vorgenommen, eine Initiative für Transparenz und Demokratie e.V. – Interessenten können deren aufschlussreichen Newsletter beziehen!

B > »Man denkt, alle Welt schaut auf dieses Haus. Und dann findet man so viel Unbeobachtetes.« Roger Willemsen (1955 – 2016) Das Hohe Haus. Ein Jahr im Parlament. ISBN: 978-3-10-092109-3, € 19,99 – Aus dem Klappentext: Ein Jahr lang sitzt Roger Willemsen im Deutschen Bundestag – nicht als Abgeordneter, sondern als ganz normaler Zuhörer auf der Besuchertribüne im Berliner Reichstag. Es ist ein Versuch, wie er noch nicht unternommen wurde: Das gesamte Jahr 2013 verfolgt er in jeder einzelnen Sitzungswoche, kein Thema ist ihm zu abgelegen, keine Stunde zu spät.

1 > http://www.tagesspiegel.de/themen/reportage/gaucks-letzte-rede-als-bundespraesident-der-mutmacher-nimmt-abschied/19271376.html /1.17

2 > http://www.stern.de/neon/wie-dem-postfaktischen-begegnen–thomas-kliche-im-interview-7279744.html / 17.1.17

3 > http://www.spiegel.de/netzwelt/web/bjoern-hoecke-rede-offenbart-gesinnung-kolumne-von-sascha-lobo-a- html#spRedirectedFrom=www&referrrer=http://m.facebook.com /18.1.17

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Dez 11 2016

Postfaktisch / MEZIS / Kurse 2017

Autor: . Abgelegt unter Allgemein/Politik,Alltag,Literatur

Für dieses Jahr ist der letzte Kurs gehalten – neue Termine 2017 siehe unten. Damit ist zwar rein faktisch die Luft etwas raus, wenn auch postfaktisch die Ideen sprießen (ja sogar „wuchern“), weil viele Impulse mich erreicht und bereichert haben. Allein: die Zeit drängt, das Jahr zu Ende zu bringen. Mit manchem Kopfschütteln zwar, worüber ich mich hier eigentlich ausschütten möchte, was aber wiederum aus Zeitnot unterbleibt. Nur mit LINKs kann ich „wuchern“, immer in der Hoffnung, dass meinen LeserInnen die Zeit reicht, diese aufzurufen.

Zum Auftakt einer zum Wort des Jahres > postfaktisch. Hier kann man sich über diverse Ansichten und Erklärungen dazu informieren: https://www.perlentaucher.de/9punkt/2016-12-10.html?nle_id=6916 Und weil es im letzten Posting um Bettelbriefe und Unterstützungswürdiges ging: Ja, den „Perlentaucher“ kann man unterstützen, er leistet nützliche Arbeit, ich lasse mich darüber via Newsletter informieren.

Sehr nützlich ist auch die Arbeit von MEZIS. Das ist die Abkürzung für „Mein Essen zahl‘ ich selbst“, ein Zusammenschluss unbestechlicher Ärztinnen und Ärzte, von deren Aktivität ich in diesem Blog schon berichtete. Nun hat MEZIS zum Thema „Leben – Eine Kostenfrage?!“ getagt und ein Manifest für bezahlbare Medikamente und eine bedarfsgerechte Arzneimittelforschung beschlossen, hier nachzulesen: https://www.mezis.de/

EIN Kopfschütteln möchte ich aber doch ausbreiten: als ich Mitte November bei einem Facharzt anrief und um einen Termin fürs Frühjahr bat, erhielt ich zunächst die Antwort: „Wir sind 2017 aber schon ausgebucht.“ Wenn ich schlapp gewesen und schockiert geschwiegen hätte, wäre ich also leer ausgegangen. Das scheint so zu sein wie bei Betrieben, die die festen Wartungstermine ihrer Stamm-Kundschaft im Kalender stehen haben und darüber hinaus eigentlich Kundenabwehr betreiben. Womöglich, um auf Notfälle reagieren zu können? Nein, sagte mir ein anderer Facharzt: Wenn Sie akut was haben, müssen sie ins Krankenhaus. Dazu passt dann die Debatte um das Verhalten in den Notfallpraxen der Krankenhäuser – sowohl das der PatientInnen als auch das des diensthabenden Personals. Es ist überall schwer, die Spreu vom Weizen zu trennen, und genau hinsehen (differenzieren!) macht Mühe!

Kreativ Schreiben > KURSE 2017:

Aichwald: 11.3. (Sa); Kurs: 22.3. / 17.5. / 5.7.2017 (Mi)

Nördlingen: 25.3. / 6.5.2017 (Sa)

Ostfildern: 16.3. / 27.4. (Do)

Schorndorf: 8.3. / 29.3. / 10.5. / 31.5. / 28.6. (Mi)

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Nov 25 2016

Geldbeutel, geh auf für Wissenspflege

Autor: . Abgelegt unter Allgemein/Politik,Kultur

Wie zahlreiche Absender von sog. Bettelbriefen, die ab Mitte November in unsere Haushalte schneien, appelliert Wikipedia derzeit an die Wohltätigkeit. Die Wissenspflege müsste den Usern doch etwas wert sein?! Man verbindet mit ihr „Ehrenamt“, eine aufrichtige Freiwilligen-Community, die sich dem Allgemeinwohl verschrieben hat. Jedem einzelnen kostenfrei zugänglich und meistenteils nützlich. Da geht einem doch das Herz auf, oder? Und der Geldbeutel dazu …

Dass es sich nicht ganz so verhält mit der Selbstlosigkeit des Wikipedia-Konstrukts hat nun die FAZ recherchiert und veröffentlicht > http://url9.de/XSf Zwar werden wir lediglich um Unterstützung in der Größenordnung von einer Tasse Kaffee gebeten, aber es nimmt sich schon merkwürdig aus, wenn diesem Ansinnen gegenüber ein Vermögen von 92 Millionen Dollar steht, mit dem die Wikimedia Stiftung in Amerika, Wikipedias Muttergesellschaft, wirtschaften kann.

Kurzum – wie bei jedem Spenden-Begehren ist es gut, wenn man sich mit einem Blick hinter die Kulissen vergewissern kann, ob das, was man wirklich unterstützen möchte, auch wirklich dringend ein Geschenk braucht. Und vor allem: wofür. Denn bekanntlich fördert eine sorgsame Umverteilung die wünschenswerte Gerechtigkeit, den Ausgleich zwischen Habenden und Nichthabenden. Das Zauberwort heißt auch hier „Transparenz“. Dafür steht ein vielfältig qualitätsgesicherter Journalismus. Für dessen Erforschung und Entwicklung man übrigens an anderer Stelle Spenden einbringen kann.

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Feb 14 2016

Statt Kuchenwerbung vorm Café

Autor: . Abgelegt unter Allgemein/Politik,Alltag

Kleiner Gedankenanstoß …

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Jan 05 2016

Jenseits der Willkommenskultur ist es wichtig, Fremdes korrekt benennen

Autor: . Abgelegt unter Allgemein/Politik,Alltag,Sonstiges

Fremdes löst Vorbehalte aus. Wie ich damals als Tochter eines Dresdners und einer Sudetendeutschen, die ich in Mittelfranken aufwuchs. Ich gehörte zu den wenigen, die in dem 400-Seelen-Dorf hochdeutsch sprachen. Meine Mutter war Hausfrau, Nur-Hausfrau – auch ein seltenes Phänomen im Ort, wo jede helfende Hand auf dem Feld oder im Stall gebraucht wurde. Also war ich „verdächtig“, weil meine Sozialisation von dem Ortsüblichen abwich und ich mich in Einigem von den Kindern in meiner Umgebung unterschied.

Die „Tradition“, zwischen allen Stühlen zu rangieren, setzte sich fort, als ich mehrfach den Wohnort wechselte in einer Zeit, wo Bodenständigkeit noch an der Tagesordnung war. Überall andere Dialekte und Sitten! Ich immer erkennbar als Zugezogene. Als „Spätberufene“ kam ich zum Journalismus und ergatterte ein Volontariat – ganz ohne „Vitamin B“, was schon damals als Rarität galt. Endgültig wurde ich zur Exotin, als ich in den 80ern BTX (Bildschirmtext) für einen Verlag installierte und ausprobierte. Wer was auf sich hielt in der Zunft, schimpfte leise bis leidenschaftlich auf die „Neuen Medien“, für die Geld locker gemacht wurde, das man eigentlich für personelle Verstärkung in den Print-Redaktionen hätte gut gebrauchen können.

Anschließend wurde ich argwöhnisch beäugt, weil ich Lust auf Öffentlichkeitsarbeit hatte und dazu im Gesundheitswesen eine geeignete Anstellung fand. Die Seiten des Schreibtisches wechseln – wer tut denn sowas! Als Freiberuflerin und Ghostwriterin passte ich dann schließlich in gar keine Schublade mehr. KollegInnen zeigten mir häufig die kalte Schulter, weil sie in ihrer Spur geblieben waren und mit meinem beruflichen Diskussionsbeiträgen nichts anzufangen wussten.

Heute sticht ein derart bewegtes Berufsleben nicht mehr ins Auge, immer mehr Menschen können von wesentlich grelleren Berufsabenteuern berichten.  Unsere Gesellschaft ist bunt und wechselfreudig geworden, keiner klebt mehr an der Scholle, Auslandaufenthalte sind schon in der Jugend „normal“, und es sind genügend Zuwanderer gekommen, die von wesentlich schicksalhafteren Wendungen geprägt sind und kulturell eine weite Strecke der Annäherung vor sich haben.

Zuwanderer, Flüchtlinge oder Asylsuchende?

Doch halt – sagt man „Zuwanderer“? Angesichts unterschiedlicher Zuwanderungssequenzen macht mich die Vielfalt möglicher Bezeichnungen unsicher bei der Wortwahl. So bin ich dankbar, dass es ein Glossar gibt, das die „Neuen deutschen Medienmacher“ im Dezember 2015 entwickelten und online stellten. Die „Formulierungshilfen für die Berichterstattung im Einwanderungsland“ müssen meines Erachtens aber nicht JournalistInnen vorbehalten bleiben. Denn sich korrekt auszudrücken verleiht jedem Menschen das Gefühl, „auf der Höhe der Zeit zu sein“. Und es ist gut, wenn JournalistInnen auch hier Orientierungshilfe geben!

Zum Glossar > http://www.neuemedienmacher.de/download/NdM_Glossar_www.pdf

Bilder im Kopf auslösen – Fremdes ist geradezu prädestiniert dazu, sofern die Abwehrhaltung dagegen die Fantasie nicht völlig lähmt. Wenn man die falschen Begriffe hat, können sich auch leicht falsche Bilder einschleichen. Es ist nicht falsch, wenn angesichts der „Karriere zwischen allen Stühlen“ Assoziationen aufblitzen wie: „Abstand halten!“, Mißgunst, Bestandssicherung … Genau deshalb ist mir angesichts des Ringens um die richtige Integrationspolitik die Rückschau mit den Anpassungsschwierigkeiten aller Beteiligten eingefallen. Es gibt keine „Moral von der Geschicht'“ – doch bin ich davon überzeugt, dass gegenseitiges Zuhören und die richtige Wortwahl es leichter machen, einander zu respektieren oder gar zu verstehen. Ein langer Atem gehört in jedem Fall dazu.

Und das sind die Neuen Medienmacher: http://www.neuemedienmacher.de/

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Okt 21 2015

Dieter Pfaff – und das spannende Bemühen um die Rechte der Schwächeren

Autor: . Abgelegt unter Allgemein/Politik

Erinnern Sie sich an Dieter Paff? Ja der, der sich in seinen Rollen – ob als unkonventioneller Psychotherapeut „Bloch“, als Kommissar Sperling oder als Anwalt („Der Dicke“) – immer für die „kleinen Leute“ einsetzte. Er starb im März 2013, doch jeden Dienstag lebt derzeit seine Idee fort, sozial schwachen kriminalisierten Bürgern anwaltlich zu ihrem Recht zu verhelfen. „Die Kanzlei“ heißt die Staffel; die am 8. September startete. Seit gestern beweinen Ehrenbergs Erben „serien-offiziell“ seinen Tod, an dem laut Drehbuch ein Unfall schuld ist.
Dr. Gregor Ehrenberg – so der Name des Anwalts – , der mehr schlecht als recht über die Runden kam, ist also mehr als zwei Jahre nach Pfaffs Tod nicht vergessen. Die Idee zur Sendung war Dieter Pfaffs „künstlerisches Baby“, das von den DarstellerInnen Sabine Postel, Herbert Knaup, Katrin Pollitt und Sophie Dal weiterhin gepflegt und gehegt wird. Über ihre Rollen und deren Entwicklung sprechen sie hier > http://www.ardmediathek.de/tv/Die-Kanzlei/Die-Hauptdarsteller-im-Interview/Das-Erste/Video?documentId=30439558&bcastId=30292384 > Das Interview ist bis zum 8.9.2016 verfügbar, während die homepage von „Der Dicke“ nicht mehr erreichbar ist. (Warum eigentlich? Muss die ARD im Netz Platz sparen?)
Für Schwächere/Hilfsbedürftige sich einzusetzen wird zunehmend schwierig, weil ein heftiger Gegenwind weht. (Vermutlich weil Massenbewegungen ab einer bestimmten Größenordnung so ratlos wie hilflos machen.) Keine Angst, ich öffne hier kein neues Fass zum Thema „Flüchtlinge“. Mich interessiert in erster Linie die Sprache, die in den ungezählten „Fässern“ um mich herum verwendet wird. Wenn ich diese aber kritisiere, wird schon das leicht missverstanden. Es kommt die Entgegnung, dass sich sowieso nur noch wenige Menschen trauen, sich laut zu äußern, weil sie ggf. in die „Nazi-Ecke“ abgefeindet werden.
Wenn ich jetzt milchmädchenmäßig eine Soap zu entwickeln hätte über die ungerecht Behandelten, dann müsste die vermutlich so gehen: Leute mahnen, dass man die Übersicht behalten und sich nicht vor lauter guten Willkommens-Absichten überschlagen sollte. Sie sehen Probleme und zu wenig Thematisierung derselben. Sie werden sofort als „anti“ gestempelt und kommen dadurch nur in einer vorgestanzten Rolle zur Geltung. Wehrlosigkeit lässt sie zu radikaleren Redewendungen greifen, was sie erst recht unter einem Licht erscheinen lässt, das sie nicht anstrebten. Der Strudel kreiselt immer weiter – am extremen Rand skandieren die Aufgebrachten „Lügenpresse“ – und damit ist die Lage verfärbt, weil diese Bezeichnung … Na ja, lassen wir das.
Die Soap würde aufgrund meiner Ungeduld jetzt kippen und in einer Puppenstube fortgesetzt, in der Dieter Pfaff – in welcher Rolle auch immer – mit Winnetou, Otto von Bismarck und Doris Lessing sowie Rosa Parks miteinander diskutieren. Als Assistentin würde ich ihnen Bella Block bzw. Hannelore Hoger an die Seite stellen, die je nach Bedarf die Rollen wechseln dürfte. Auf der Reservebank säßen Prof. Dr. Luise F. Pusch (seriöse Wissenschaftlerin und mit Sprache auf perfektem Fuß) und die junge Sophie Dal, die als Sekretärin in „Die Kanzlei“ in mehrerlei Hinsicht einfach unschlagbar ist und bestimmt auch hier eine positive Ausstrahlung hat. Geliebäugelt hatte ich noch mit Michail Gorbatschov, dessen Entwicklung mir aber die letzten Jahre schleierhaft geblieben ist. Ob eine Existentialistin wie Simone de Beauvoir sich unter dem Brennglas in der Puppenstube gut machen würde, will ich mir in den nächsten Tagen überlegen. Jede/r kann an Besetzung und Thema weiterspinnen.
Zum Thema „Weiterspinnen“
eignet sich übrigens noch eine Meldung aus der Huffington Post Deutschland (aus dem Hause Burda):

Was dieser Bürgermeister mit Flüchtlingen macht, überrascht alle

http://www.huffingtonpost.de/2015/10/20/was-dieser-burgermeister-mit-fluchtlingen-macht-uberrascht-alle_n_8339070.html?ncid=fcbklnkdehpmg00000002 – Die Geschichte wird sich bestimmt in mehreren Medien fortpflanzen und (hoffentlich!) noch auf ihren harten Kern hin geprüft, aber als Impulsgeber ist sie es schon jetzt wert, gepostet zu werden.

Wir alle – ja, auch ich bin „das Volk“, hihihihihi – lechzen nach AusnahmepolitikerInnen. Dass nun ausgerechnet der Oberbürgermeister jener Stadt dazu zählt, in der ich meine journalistische Laufbahn begann, könnte Anlass für eine weitere Geschichte in diesem Blog sein. Denn Geschichten hinter den offiziellen Geschichten gibt es genug. Nur „Lügenpresse“ – darauf sollten sich bitte alle verständigen – sollte weder als Thema ernsthaft erwogen noch als Schimpfwort gebraucht werden!

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Aug 09 2015

Wider den akademischen Dünkel!

Autor: . Abgelegt unter Allgemein/Politik

„Sie können stolz sein auf das, was Sie geschafft haben. Aber Sie können nicht mit allen darüber reden. Denn die, die das Gleiche auf geradem Weg erreicht haben, würden Ihre Leistung nie einschätzen, geschweige denn würdigen können …“ Es war Mitte der 80er Jahre, als mich eine Professorin in Berlin für das Thema sensibilisierte, das Holger Zschäpitz heute in der „Welt am Sonntag“ unter der Überschrift „Elite kann man kaum lernen“ im Interview mit Soziologieprofessor Michael Hartmann erörtert > http://url9.de/WHq
Das Thema hat Konjunktur, seit Marco Maurer 2013 in der ZEIT eine Titelgeschichte darüber schrieb. „Ich Arbeiterkind“ bekannte er – und dröselte inzwischen die Misere unserer Bildungsungerechtigkeit in seinem Buch „DU BLEIBST WAS DU BIST“ auf (Droemer 2015). Es schildert die Hindernisse von jenen, die über die Ebene ihrer Eltern hinauswachsen wollen. Früher sprach man vom „Stallgeruch“, der einem anhafte, egal, in welche Positionen und zu welchen Weihen man zu gelangen versuchte oder gar gelangt war.
Aber schon das Wort „Stallgeruch“ klingt nicht gerade nach Akademikerhaushalt. Wird man in so einen hineingeboren, ist es eher die Ausnahme, sich für einen Handwerksberuf zu entscheiden. Aber warum ist bei uns das Handwerk nicht so hoch angesehen wie Berufe, für die ein Studium unabdingbar ist? In der Schweiz ist es „völlig in Ordnung“, wenn Kinder von Professoren einer Lehre den Vorzug vorm Gymnasium geben. In Deutschland grassiert akademischer Dünkel.
Dieser hat auch in den Medien immer mehr Raum gegriffen. Die entsprechende Weltsicht ist dann eben wieder nur mit Ihresgleichen kompatibel und deckt andere Perspektiven nur mangelhaft (gelegentlich „von oben herab“) ab. Ein wichtiger Hinweis vielleicht für jene, die um die Zukunft des Journalismus fürchten, von dem Marco Maurer schreibt, dass man sich ihn leisten können muss. Damit trifft er den Nagel auf den Kopf, denn die Verdienstmöglichkeiten sind in diesem Beruf höchst unterschiedlich verteilt, und das Mithaltenkönnen hängt wiederum von der „Polsterung“ durch die Herkunftsfamilie ab.
Doch wir leisten uns nicht zuletzt auch in der Medizin Akademiker, die auf Leute eingehen müssen, von deren Hintergrund und Bezugssystemen sie null Ahnung haben. Wie soll da Verständigung oder Heilung gelingen? Stormlinienförmiges Karrieredenken schmälert die Wahrnehmungs- und Kommunikationspraxis! Wer sich aufs Vorwärtskommen konzentriert, kann mit seinen Antennen nicht in anderen Mileus unterwegs sein und so seinen Horizont verbreitern. Horizonterweiterung – nur zielgerichtet, alles andere wäre „Zeitverschwendung“.
Auf seiner Homepage stellt Marco Maurer Prominente vor, die es trotz „bildungsfernem Hintergrund“ an die Spitze geschafft haben > http://www.marcomaurer.de/an-die-spitze-gekampft/ Unter anderem Außenminister Frank-Walter Steinmeier, Bahn-Chef Rüdiger Grube, Psychologie-Professorin Elsbeth Stern. Übereinstimmend das Credo, dass es schwer war. Dies liegt nicht an individuellen Gegebenheiten, sondern gesellschaftlichen Strukturen, wie Maurer in seinem Buch anschaulich belegt. Es zeigt auch Ansätze auf, die Besseres ermöglichen. Gewünscht hätte ich mir noch ein Glossar, das diese Ansätze oder Quellen darüber konzentriert auflistet.

Marco Maurer. Du bleibst was du bist. Warum bei uns immer noch die soziale Herkunft entscheidet. 381 Seiten, Droemer, 2015,18 €. http://www.dubleibstwasdubist.de/ Hier gibt der Autor über das Buch in einem Video Auskunft.

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Jun 21 2015

Unbemerkt bremst das Korsett: Denkmuster der Selbstverständlichkeit entreißen

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„Frauen dürfen heute alles – und kommen dennoch nicht voran. Was ist da bloß los, haben wir uns gefragt und uns intensiv mit dem Phänomen befasst.“ >> Dr. Bärbel Kerber ist als Journalistin auf vielen Themenfeldern unterwegs. Im Dezember 2006 gründete sie das Internet-Magazin misstilly.de, wo ihr die Politikwissenschaftlerin Gabriela Häfner redaktionell zur Seite steht. Nun haben die beiden Frauen jene unauffälligen „MiterzieherInnen“ untersucht, die auf das Verhalten von Jungen und Mädchen Einfluss nehmen. Herausgekommen ist das Buch „Das innere Korsett: Wie Frauen dazu erzogen werden, sich ausbremsen zu lassen.“ Ein Auszug daraus ist hier http://url9.de/WAv zu finden. Ich fragte Bärbel Kerber nach Hintergründen und Ausblicken:

Was hat Sie bei Ihren Recherchen am meisten überrascht?

Obwohl ich mit dem Thema schon relativ lange unterwegs bin, hat mich eine Langzeit-Studie alarmiert, die zutage brachte, dass Mädchen im Teenager-Alter plötzlich ihr Selbstbewusstsein verlieren. Es hat mich völlig überrascht, weil ja das Bild von den sogenannten Alphamädchen stark in den Vordergrund getreten ist, gepaart mit den Berichten darüber, dass die Mädchen in der Schule mit ihren guten Noten die Jungs abhängen. Da stieg ich mit Gabriela Häfner, meiner Co-Autorin, in die Recherche ein. Je mehr Material wir in die Hände bekamen, desto erstaunter waren wir. Zuvor dachten wir, wir wären schon weiter.

Was steckt dahinter?

Das Rollenbild der Frau ist heute immer noch sehr traditionell: Du sollst schön und hilfsbereit sein, dich nicht so in den Vordergrund drängen, deinen Platz der zweiten Reihe suchen.

Das umfangreiche Quellenstudium ist beeindruckend. Auf den Seiten 181 bis 217 ist in dem Buch aufgelistet, woraus Ihr Euch gespeist, was Euch inspiriert hat.

Wir hätten sogar noch sehr viel mehr Quellen anzapfen können. Aber irgendwann mussten wir uns beschränken. Es war uns wichtig, untermauern zu können, was wir beobachtet und herausgefunden haben. Wir haben uns nichts ausgedacht.

Es liest sich sehr interessant …

Das freut uns! Wir wollten keine wissenschaftliche Abhandlung schreiben, sondern aufrufen: Leute, guckt genau hin. Es ist noch so viel zu tun. Man muss immer wieder darauf hinweisen, wo es mit dem Rollenverständnis im Argen liegt.

Das ist aber schon länger bekannt. Warum also noch mal ein Buch?

Die Gefahr besteht, dass Debatten über Frauenquote oder Kita-Plätze blenden. Natürlich sind solche Forderungen bzw. Errungenschaften wichtig. Doch die Annahme, dass man Strukturen ändert und damit die Gleichberechtigung durchbricht, hat sich nicht bewahrheitet.

Also zurück zur individuellen Ebene?

Nicht anstelle der Struktur-Verbesserungen! Aber solange Frauen sich selbst nicht als intelligent wahrnehmen, sozusagen ihr Licht unter den Scheffel stellen, wird es keine Erfolgsgeschichte. Beredtes Beispiel sind die T-Shirts, mit denen Schülerinnen bekunden: „In Mathe bin ich Deko“.

Wir berühren Klischees!

Leider. Das ist nicht zu vermeiden. Weil es eben nicht abwegig ist, dass selbst eine emanzipierte toughe Frau dennoch auf einer unterschwelligen Ebene voller althergebrachter Denkweisen ist, die ja von außen immer wieder bestätigt oder gar verstärkt werden – etwa durch die Erwartungen des Umfelds, durch die Medien oder die Werbung. Frauen, die undifferenziert als die lieben, netten Wesen gesehen, ja darauf reduziert werden. Wenn sie mal laut werden, spricht man von „Zicken“; werden Männer laut, gelten sie als durchsetzungsfähig.

Aber es gibt doch Gegenwehr!

Ja, ich finde es ganz toll, dass jüngst auch immer wieder Schauspielerinnen in Hollywood Rechte reklamieren. Sie wollen nicht länger hinnehmen, dass Frauen weniger verdienen als die Männer, dass viel weniger Spielfilme von Frauen gedreht werden, unter anderem weil die Fördermittel nicht in gleichem Maße an Filmemacherinnen verteilt werden usw.

Okay, die Prominenz wird zur Kenntnis genommen …

Unser Part in dem Buch ist es, auf die Denkmuster hinzuweisen, sie der Selbstverständlichkeit zu entkleiden. Denn die Zuweisung von Rollenmustern ist schlimmer geworden. Man denke nur an Spielwarengeschäfte. Die Angebote für Mädchen und Jungs sind strikt getrennt und meist auch farblich sehr deutlich gekennzeichnet. Für Jungen ist es tabu, sich in der Rosa-Abteilung umzusehen! In unserer Kinderzeit gab es viel mehr Spiele, die für beide Geschlechter geeignet waren.

Um die Zeichen kommt man nicht herum?

Nein, es trifft ja ein Alter, in dem man unbedingt dazu gehören will. Für Kinder ist es wichtig, sich daran zu orientieren, wie machen es denn die anderen. Es wäre beschämend, in der „falschen“ Gruppe zu landen. Der Rahmen, was möglich und was falsch ist, ist viel enger gezogen als früher. Die Stereotypen werden deutlicher präsentiert und damit fast diktiert.

Gibt es nicht genügend alternative Angebote?

Man orientiert sich an dem, was da ist, was als Normalität auf einen einströmt. Facettenreiche Vorbilder weiten natürlich den Horizont. Doch geprägt werden wir ja zuerst als Heranwachsende. Der Einfluss der eigenen Eltern – sollten die von den Stereotypen abweichen oder gar ein Gegengewicht verkörpern – nimmt aber mit zunehmendem Alter ab. Es gibt eine Menge „heimliche Erzieher“, die wir bewusst machen wollen.

Wie wirke ich denen entgegen?

Ich kann meine eigenen Schubladen und mein Verhalten kontrollieren. Also nicht das Typische fördern bei meinen Kindern. Beispielweise Mädchen nicht automatisch ins Ballett schicken, sondern eine breitere Gestaltung des Lebens aktiv präsentieren. Nicht das unsichtbare Korsett unterstützen, indem man unreflektiert Äußerlichkeiten fördert, was man schon mit unbedachten Komplimenten tut. Wer immer hört „Du bist aber hübsch“, lernt das Hübschsein wichtig zu nehmen …

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Kerber!

Foto: Autorinnen

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Kurzvita: Bärbel Kerber ist promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin und arbeitet als freie Journalistin und Buchautorin. Gemeinsam mit Gabriela Häfner betreibt sie das Frauenonlinemagazin Miss Tilly.de, das überholte Geschlechterklischees infrage stellt. Gabriela Häfner ist studierte Kultur- und Politikwissenschaftlerin und arbeitet als freie Journalistin und Übersetzerin. www.baerbel-kerber.de / http://www.misstilly.de

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„Das innere Korsett – Wie Frauen dazu erzogen werden, sich ausbremsen zu lassen“, Bärbel Kerber und Gabriela Häfner, C.H.Beck-Verlag, 2015, 217 Seiten, ISBN 978-3-406-67529-4

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